Zurück in die 80er

Studium Eine Vereinbarung zwischen der VG Wort und der Kultusministerkonferenz könnte das Ende der digitalen Lehrmaterialien an Universitäten bedeuten
Zurück in die 80er
Die Zukunft an deutschen Universitäten? Voller Einsatz am Kopierer
Foto: Koichi Kamoshida/AFP/Getty Images

Pech gehabt! Sie müssen diesen Artikel – sofern Sie ihn nicht ausdrucken – in digitaler Form lesen. Sie werden ihn also mitunter schon morgen vergessen haben. Denn: Studien belegen mittlerweile, dass digitale Inhalte schlechter erinnert werden als gedruckte.

Der "Kulturkampf" zwischen Analogem und Digitalem tobt schon länger. Die Fronten werden gezogen zwischen Seriosität und Aktualität, Tradition und Zukunft, Alt und Jung. Das Trennende scheint zu überwiegen. Dass Form und Inhalt zusammenhängen, ist eine Binsenweisheit. Dennoch überrascht die Härte, mit der die Auseinandersetzung teilweise ausgetragen wird. Bei der Süddeutschen wurde vor zwei Jahren gegen die Beförderung des „Onliners“ Stefan Plöchinger in die Chefredaktion rebelliert, beim Spiegel materialisierte sich der Streit zwischen Print- und Onlineangebot in den Personen Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron. Beide mussten schließlich gehen.

Eine eher unspektakuläre Meldung könnte diesem Kampf nun neue Nahrung geben. Die Verwertungsgesellschaft Wort (VG Wort), so etwas wie die GEMA für Autorinnen, fordert seit Langem, dass digitalisierte Lehrinhalte an Universitäten einzeln, statt wie bisher pauschal abgerechnet werden. Sie erhofft sich dadurch eine Stärkung der Urheberrechte. Das Verfahren wurde im Wintersemester 2014/15 an der Universität Osnabrück getestet. Ergebnis: Viele Dozenten scheuten den bürokratischen Aufwand und kehrten entweder zu analogen Semesterapparaten zurück oder aber überließen die Literaturrecherche gleich ganz den Studierenden.

Die für die Bildungspolitik verantwortlichen Länder versuchten, sich juristisch gegen die neue Abrechnungsprozedur zu wehren – erfolglos. Der Bundesgerichtshof erklärte bereits 2013 die Forderung der VG Wort für gerechtfertigt und zumutbar. Nach einer Schonfrist hat die VG Wort mit der zuständigen Kultusministerkonferenz nun Anfang Oktober einen Rahmenvertrag geschlossen. Die Einzelabrechung soll demnach ab dem 1. Januar 2017 für alle Universitäten verbindlich sein.

„Studieren wie in den 80er-Jahren“ echote daraufhin der Deutschlandfunk. Andere Medien stimmen mit ein: Ewiges Warten am Kopierer, kein Geld auf der Kopierkarte, Texte für das Seminar vergessen und keine Chance, ihn noch schnell auf dem Tablet aufzurufen. Es drohe, so der Subtext, der Untergang des didaktischen Abendlandes.

Aber sehen wir das Positive. Sie erinnern sich vielleicht nicht mehr (immerhin lesen Sie am Bildschirm): Gedrucktes verfängt. Anstatt also das Ende des digitalen Lernens – allein der Begriff sollte zum Nachdenken anregen – zu bejammern, sollte man darauf setzen, dass der Rahmenvertrag zwischen der VG-Wort und der Kultusministerkonferenz vor allem eines zeitigt: klügere Studierende. Dass dies zum Teil mit höherem Zeitaufwand verbunden ist, kann in kauf genommen werden. Schließlich leben wir in einer auf Ergebnisse getrimmten Gesellschaft.

Und selbst dem Zeitaufwand lässt sich letztendlich noch etwas abgewinnen: So würde der Zwang zur Literaturrecherche vielen Studierenden die Möglichkeit eröffnen, ihre Universitätsbibliothek auch von innen kennen zu lernen. Ganz zu schweigen von den möglichen Bekanntschaften in der Schlange vor dem Kopierer.

Ob die Fehde um die Lehrtexte am Ende auch den Kulturkampf zwischen Analogem und Digitalem entscheidend beeinflusst, steht – Sie ahnen es – auf einem anderen Blatt Papier.

12:49 25.11.2016

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