Empörung in der Truppe

Bundeswehr Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen erntet Kritik für einen offenen Brief zu den Skandalen in der Bundeswehr. Die Truppe ist düpiert
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Empörung in der Truppe
Die Bundeswehr muss vom Konzept "Kameradschaft" weg und auf "professionell" umschalten. Denn das bedeutet auch, Missstände anzusprechen
Foto: Johannes Simon/Getty Images

Immer wieder fallen Soldat_innen durch seltsame Rituale und Gruppendynamiken auf, bei denen die Menschenwürde verletzt wird. Menschen aus dem direkten Umfeld schweigen und verstehen es als "Korpsgeist", wenn andere erniedrigt werden. Rechtsextremismus in der Truppe ist ein weiteres Phänomen, das es regelmäßig in die Medien schafft.

Nun zeigen sich Soldat_innen pikiert darüber, dass die Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen in einem offenen Brief zur Ordnung ruft und Konsequenzen ankündigt.

Mangelnde Kritikfähigkeit

Ich erkenne persönlich nicht den Punkt, an dem die Ministerin irgendjemandem zu nahe getreten sein soll. Sie benennt Mängel, die längst nicht mehr zu leugnen sind. Fakt ist, das all diese Skandale in der Öffentlichkeit waren und dort müssen sie dann eben auch diskutiert werden. Das hinter verschlossenen Türen zu tun wäre fatal.

Einmal mehr gehört in diesen Kommentar auch eine Einordnung meiner Person. Ich war selbst zehn Jahre im aktiven Dienst der Bundeswehr, zuletzt als Oberleutnant. Aktiver Dienst heißt sowohl Ausbildertätigkeit in Grundausbildungseinheiten, wie auch Auslandseinsätze im Kosovo und in Afghanistan.

Wie es um die Kritikfähigkeit der Bundeswehr bestellt ist, erlebe ich, seitdem ich öffentlich mit der einsatzbedingten Schädigung umgehe. Zwischen 2013 und 2015 habe ich Mobbing von unterschiedlichen Ebenen erfahren dürfen. So sehen es die Täter jedoch nicht. Sie haben ein konkretes Bild im Kopf, wie die Kommunikation rund um die Bundeswehr zu sein hat – und wie eben nicht. Mängel zu benennen – egal, ob auf der politischen oder der militärischen Ebene – ist nicht erwünscht.

"Er bekommt Geld von der Bundeswehr – wie kann er sie kritisieren?"

Ja: in den mittlerweile achteinhalb Jahren nach Ende meiner Dienstzeit erhielt ich acht Jahre weiterhin Geld von der Bundeswehr. Das war über fünf Jahre Teil einer Vereinbarung, die besagte: zehn Jahre Dienst – fünf Jahre Ausbildungsvergütung. Durch die einsatzbedingte Schädigung stehe ich weiterhin auf der Gehaltsliste und darf als Rehamaßnahme ein Masterstudium machen, das wegen der Auswirkungen der Erkrankung nicht in den regulären fünf Jahren möglich gewesen ist.

Ich habe einen Bachelorabschluss in Onlinejournalismus erlangt und arbeite derzeit am Masterabschluss Kulturjournalismus. Für beide Studiengänge bin ich vom militärischen Dienst freigestellt. In Bezug auf meine journalistsche Arbeit bin ich frei in der Themenwahl und Behandlung. Als Journalist – so jedoch die Forderung mancher Soldaten – soll ich jetzt zu Bundeswehrthemen schweigen.

Es gibt Kräfte in der Bundeswehr, die Äußerungen von Ex-Soldaten zu Bundeswehrthemen immer dann nicht aushalten, wenn diese nicht in das Bild passen, das sie gerne von sich und ihrem Dienst hätten. Gut ablesbar wird das in Diskussionen im Blog des Militärexperten Thomas Wiegold. Die Kommentarspalten unter den Artikeln scheinen, polemisch ausgedrückt, ein Auffangbecken für (im Bundeswehrtagesdienst) gelangweilte (Ex-)Uniformträger zu sein.

Lösungen, die keine sind

Immer wieder kommt auch diese unsinnige Implikation hoch, bestimmte Probleme gäbe es nicht, wenn Vorgesetzte nach Dienst in der Kaserne wären, um die jungen Soldaten zu kontrollieren. Menschen, denen Waffen in die Hand gegeben werden sollen nach Dienst behandelt werden, wie eine Gruppe schwer erziehbarer Jugendlicher? Wer diese Art der Aufsicht braucht ist nicht in der Lage für sich selbst Verantwortung zu übernehmen.

Aus meiner Dienstzeit kann ich nur sagen: die Charaktere an Ausbildern, die kein Leben außerhalb der Kaserne hatten, waren oft auch diejenigen, auf die am meisten geachtet werden musste, wenn es um übertriebene Härte, ausufernden Alkoholkonsum und fragwürdiges Gedankengut ging.

Vielleicht heißt die Lösung ja auch: keine Wohnungen mehr in den Kasernen, nur noch Heimschläfer-Stuben, wo die Spinde stehen und für Übungen mit längerer Präsenz in der Kaserne es dann eben nur noch Zelte und Feldbetten auf dem rustikalen Niveau "erstes Einsatzkontingent" gibt.

Dringend beendet gehört meiner Meinung nach auch die Wehrmachsverliebtheit mancher Kampftruppeneinheiten. Spätestens seit "Treue um Treue" hätte mehr durchgegriffen werden müssen. An einem Wrack eines gepanzerten Fahrzeugs brachten Soldaten ein Banner mit der Aufschrift "Treue um Treue" an, legten Helme und Waffen dort ab (Bericht bei Thomas Wiegold, augengeradeaus.net). Das Wrack konnte nach einem Angriff mit mehreren Toten in Afghanistan nicht geborgen werden und verrottet nun, wie auch die geknackten Panzer der sowjetischen Armee aus den 1980er Jahren.

Die Traditionsregelungen der Bundeswehr sind diesbezüglich eindeutig. Neben den preußischen Heeresreformern zählen die Widerständler des 20. Juli 1944 bzw. der militärische Widerstand gegen Hitler, sowie die Geschichte der Bundeswehr seit ihrer Gründung zu den erlaubten Traditionslinien. "Treue um Treue" entstammt jedoch der Fallschirmjägertruppe der Wehrmacht.

Wo ist das Selbstbewusstsein der Soldaten des 21. Jahrhunderts, die sich an die Taten und den Gestus ihrer (Ur-)Großväter anlehnen müssen? Es ist nichts heroisches daran, mit der Waffe in der Hand im Dienst zu sterben. Trotzdem etablieren Veteranengruppen selbst nach der Dienstzeit einen Kult um die Verstorbenen, statt mahnend vor das Parlament zu ziehen und die Regierung zu fragen: wozu das alles? Was tut ihr politisch, außer Soldaten und Geld in Länder zu schicken, die nicht auf westliche Maßstäbe umgeformt werden wollen.

Seltsam wird es auch bei den Kommentatoren, die nun darauf hinweisen, jedweder Extremismus in der Bundeswehr müsse bekämpft werden – auch der von links. Welcher linksextremistische Vorfall wurde denn in den letzten 20 Jahren öffentlich und wie soll dieser ausgesehen haben?

Frischzellenkur

Die Bundeswehr muss vom Konzept "Kameradschaft" weg und auf "professionell" umschalten. Das fängt schon in den Vorschriften an, in denen der Begriff "Kameradschaft" wertneutral verwendet wird, während dieser in der Gesellschaft nicht mehr allgemein gebräuchlich ist oder bevorzugt in politisch rechten Zusammenhängen auftaucht.

Professionelles Verhalten geht ohne Wehrmachtstümelei. Professionelles Verhalten heißt aber auch Missstände deutlich anzusprechen. Etwas, das die Bundeswehrführung leider in den letzten Jahre nicht hinbekommen hat. Es waren Medien, die aufdecken, wo Ausrüstung und Ausbildung versagt. Ohne diese Medienberichte würde sich – so zumindest das Gefühl – nichts bewegen.

Vielleicht liegt die Lösung auch darin, dass sich Führungskräfte direkt mit den Parlamentariern treffen, statt alles durch den Filter des regierungsgeleiteten Ministeriums laufen zu lassen. Dann gäbe es vielleicht auch wieder eine sicherheitspolitische Debatte im Parlament, statt dem seit Jahren praktizierten regierungskonformen Durchwinken von Einsätzen.

17:14 02.05.2017
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Geschrieben von

Daniel Lücking

Journalist - verfolgt den 1. Untersuchungsauschuss des Bundestags zum Attentat am Breitscheidplatz vom 19.12.2016
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Daniel Lücking

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