Von männlicher und weiblicher Magie

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Ein Beitrag zum Verstehen zwielichtiger Menschen

Als Blinder kann ich mir kein "Bild" von meinem Gegenüber machen. Es ist seine Stimme, an der sich mein Urteil festmacht. Ich habe die aktuelle Stunde um und mit den Freiherrn Karl-Theodor zu Guttenberg verfolgt. Als er sich kurz zu Wort meldete, klang seine Stimme "düster". Jeder von uns kennt düstere Lebenssituationen. Man fühlt sich angegriffen, schwach und hilflos. Wehmütig erinnert man sich an sonnigere Zeiten.

Am Tag zuvor hatte ich im Radio Joschka Fischer zugehört. Selbst ein Sponti, hatte ich seine Karriere mit viel Sympathie verfolgt. Jetzt sprach ein in die Jahre gekommener Mann, der ohne jede Selbstkritik auf sein Politikerleben zurückblickte. Joschka Fischer genoss einmal denselben Nimbus wie der jetzige Verteidigungsminister zu Guttenberg.

Gregor Gysi sprach immer von "Josef Fischer". Den Kosenamen "Joschka" vermied er. Gysi wusste nur zu gut, dass "Josef" keinen religiösen Glanz mehr besitzt und in unseren Ohren bieder klingt. Auch über Gysis Doktorarbeit wird inzwischen diskutiert. Ein Kritiker entdeckt in ihr nur marxistische Bekenntnislyrik. Mit Gysi lernen wir den Magier in seiner geistreichen Variante kennen. Ohne seine Ausstrahlung hätte sich die SED-Nachfolgeorganisation PDS nicht so schnell im bundesrepublikanischen Parteienspektrum etablieren können. Eine Mitarbeit bei der Staatssicherheit konnte ihm bisher nicht nachgewiesen werden. Aber man fragt sich mit Recht, warum die Stasi so genau über jeden seiner Mandanten Bescheid wusste.

Aussagekräftig sind auch die Freundschaften unserer Magier. Guttenberg wie Fischer und Ex-Bundeskanzler Schröder brillieren mit ihren gutaussehenden, bedeutend jüngeren Frauen. Dank der PDS konnte auch der Lebemann Oskar Lafontaine auf die politische Bühne zurückkehren. Durch seinen "Verrat" an Gerhard Schröder war er für die SPD untragbar geworden. Mit Gysi und Lafontaine (der selbst vor rechtsradikalen Vokabeln wie "Fremdarbeiter" nicht zurückschreckte) bekam die neue Arbeiterpartei zwei gewiefte, großbürgerliche Agitatoren. Sie verstehen es, Stimmung zu machen und Stimmungen für sich zu nutzen.

Ein Talent, das auch der Medien-Kanzler Gerhard Schröder beherrschte. Er und sein Außenminister nutzten ihre Popularität, um die eigene Partei unter Druck zu setzen. zähneknirschend stimmten die beiden Fraktionen so mancher Reform zu, für die sich die SPD inzwischen schämt und von der die Grünen nichts mehr wissen wollen. Schröder gewann auch schnell Putins Zuneigung. Jeder in dieser Männerfreundschaft schätzte den Machtinstinkt des anderen und unterstützte ihn in seiner Karriere.

Wahr-nehmen im Alltag

Um den Aufstieg und Erfolg dieser Magier besser begreifen zu können, müssen wir grundsätzlicher nachdenken. Ohr und Bauch spielen bei unserer Wahrnehmung anderer eine wichtige Rolle. Erst wenn wir kein gutes Gefühl im Bauch haben, hören wir genauer hin. Erscheint uns der andere unstimmig, dann sucht unser Auge nach weiteren Verdachtsmomenten.

Diese Reihenfolge hat sich als effizient erwiesen. Seine äußere Erscheinung kann ein Mensch manipulieren. Mit der Stimme etwas vorzutäuschen, ist erheblich schwieriger. Unter Druck verrät unsere Stimme leider nur allzu schnell unseren wirklichen Zustand.

Aber auch das Ohr lässt sich leider täuschen. Das gelingt Menschen, die auf uns einen gewaltigen Eindruck machen. Sie besitzen die Macht, unseren Verstand zu bannen. Wir sind ganz Ohr und schnell bereit, zu ge-horchen und hörig zu werden. Deshalb fällt es den Massen der Guttenberg-Anhängerinnen schwer, trotz offensichtlicher Mängel ihres Idols den eingegangenen Bann zu lösen.

Dieses Dilemma durchleben wir auch in jeder Liebesbeziehung. Erst bezaubert uns der Liebreiz des anderen und nimmt uns gefangen. Außenstehende können unsere eingegangene Bindung oft nicht verstehen. Für sie sind die Schwächen unseres geliebten Menschen zu offensichtlich. Der Volksmund weiß, dass Liebe blind macht. Erst eine Serie von End-Täuschungen sorgt für Katerstimmung und endet in Ernüchterung. Aber aufgrund unserer Sehnsucht nach Rausch und Verschmelzung bleiben wir weiter verführbar.

Das Heilmittel: der Selbstzweifel

Wir Menschen sind frag-würdige Wesen. Was sich wie ein Mangel anhört, ermöglicht (seelische) Freiheit. Pflanzen und Tiere können sich nicht selbst wahrnehmen oder infrage stellen. Deshalb weiß weder die Rose noch die Katze etwas von ihrer Schönheit. Wie der Rose gelingt es dem Magier, uns durch seine Aura zu gewinnen. Auf diese Macht verzichtet er nur ungern. Deshalb will er von seiner Fragwürdigkeit nichts wissen. Wird er entlarvt, reagiert er nicht selten aggressiv. Muss er schließlich doch Fehler eingestehen, klingen seine Entschuldigungen düster. Wir spüren, dass sie nicht Ergebnis schmerzhafter Selbsterkenntnis sind.

Was verdankt der Magier Frauen?

Wie die große Zahl ihrer Anhängerinnen beweist, faszinieren Magier Frauen. Sie bieten sich als Projektionsfläche für nicht gewagte oder enttäuschte Liebessehnsucht an. Jeder Magier beginnt seine Karriere als Sohn einer über beide Ohren verliebten Mutter. An ihrer grenzenlosen Liebe wird ihm seine sinnliche Ausstrahlung bewusst. Ihre Willfährigkeit ermutigt ihn, Grenzen zu missachten. Er macht nur, wozu er Lust hat. Auf diese Weise stärkt er sein Machtbewusstsein. Selbst Tabus ignoriert er großzügig. Er genießt es, die Sau raus zulassen. Aufgrund seiner Erfolge neigt der Tabubrecher immer mehr zu Größenwahn.

An Andreas Bader lässt sich eine solche Karriere konkretisieren. Gleich drei Frauen wetteiferten, den Wonneproppen zu verwöhnen. Kein Mann war da, um dem aufgeweckten Jungen Grenzen zu setzen. zahlreiche gutherzige Menschen bemühten sich, die Verwahrlosung des Heranwachsenden aufzuhalten. Er nutzte seine Potenz und ließ sie alle gegen die Wand laufen. An Politik wenig interessiert vermochte er in der verfallenden Protestbewegung dank seiner kriminellen Energie aggressionsgehemmte Frauen und Softies anzuziehen.

Wie Frauen auf andere Weise Machtinstinkt entwickeln.

Jungen üben Selbstbewusstsein durch Widerstand und Verweigerung. Trotz Drohung der Mutter werden die Spielsachen nicht aufgeräumt. Oft gibt die Mutter erschöpft nach. Mädchen grenzen sich durch ein aufgeräumtes Zimmer vom ihrem chaotischen Bruder ab. Das sichert ihnen Zuwendung und macht sie offen für die Erwartungen ihrer Umwelt.

Angela Merkel ist ein gutes Beispiel für den unterschiedlichen Erwerb von Machtbewusstsein. Bereits in der Schule ist die Pfarrerstochter mit immer neuen Demütigungen konfrontiert. Aus ideologischen Gründen verweigern ihr die Lehrer Respekt und eine gerechte Beurteilung ihrer Leistungen. Das Mädchen antwortet nicht mit Aggressionen, sondern versucht, keine Angriffsflächen mehr zu bieten. Auf diese Weise entwickelt sie ein waches Gespür für Machtverhältnisse. Mit diesem Talent betritt das unscheinbare Mädchen aus dem Osten die von eitlen Männern beherrschte politische Bühne Westdeutschlands. Nach einigen Jahren setzt sie ihren Ziehvater schachmatt. Selbst politische Schwergewichte wie Friedrich Merz oder Roland Koch resignieren und flüchten. Rebellen wie Volker Kauder oder Christian Wulf werden durch Beförderung nach oben zu Dank verpflichtet. Nur noch Wolfgang Schäuble wirkt wie ein noch nicht entsorgtes Relikt aus vergangenen Zeiten.

Frauen sprechen lieber von Mission als von Karriere. Angela Merkel versteht sich als überzeugende Pragmatikerin, die mit Vernunft und kleinen Schritten große Ziele ansteuert. Inzwischen schwindet auch ihr Nimbus. Auf Kritik reagiert sie zunehmend gereizt. Legenden sollen ihren sich abzeichnenden Autoritätsverfall aufhalten. Der Ausstieg aus dem Atomausstieg wird zur Energie-Revolution verklärt und mit der Erhöhung des Hartz-4-Satzes um fünf Euro wurde angeblich sozialpolitisch Geschichte geschrieben. Märchen, die selbst die eigenen Anhänger nicht mehr überzeugen.

Frauen wie Ulrike Meinhof und Gudrun Enslin wollten als gefallene Engel wahrgenommen werden. Die Pfarrerstochter Enslin beschrieb ihren Weg in die Gewalt salbungsvoll als "Selbstheiligung". Sehr zum Ärger Andreas Bader bestand Ulrike Meinhof darauf, die wachsende Verrohung der Roten Armee Fraktion in immer neuen Bekenntnisschriften zu legitimieren. Noch immer üben diese auf die schiefe Bahn geratenen Bürgerkinder eine Faszination aus, wie der neue Film "Wer, wenn nicht wir?" verrät.

Daniel Schneider

www.leiden-schaft.org

10:28 01.03.2011
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Daniel Schneider

Dr. Daniel Schneider ( Jahrgang 1944 ), konservativer Anarchist, Studium der Pädagogik, Soziologie und Psychologie.
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