Der Countdown läuft

Finanzkrise II Harald Schumann und Alexander Kluge über den Countdown der Globalisierung
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2009 war das große Jahr der europäischen Staatsschuldenkrise, die bis heute andauert. Erwachsen ist diese Krise aus der Weltwirtschaftskrise oder Weltfinanzkrise, welche sich im Sommer 2007 aus der US-Immobilienkrise entwickelte. Im April 2009 wurden die weltweiten Wertpapierverluste durch den IWF auf vier Billionen Dollar geschätzt. Die europäische Staatsschuldenkrise wurde erst im Oktober desselben Jahres wirklich deutlich, nachdem die drohende Staatsinsolvenz Griechenlands öffentlich wurde.

Weil dieses Jahr so brisant war, hat Alexander Kluge gleich zwei 10 vor 11 - Beiträge mit Harald Schumann produziert. Einer, der im Januar ausgestrahlt wurde, war "Die Welt als Kartenhaus / Harald Schumann über den globalen Countdown", der zweite, der im Oktober lief, "Wie lange haben wir noch Zeit? / Harald Schumann über den globalen Countdown". Es scheint ihnen ernst gewesen zu sein, mit dem globalen Countdown, 2009. Nun sind beinahe sechs Jahre vergangen, und der Countdown läuft.

"Wie lange haben wir noch Zeit?"

Harald Schumann, Autor und investigativer Journalist beim Tagesspiegel, hat 2008 zusammen mit Christiane Grefe, ebenfalls Autorin und Journalistin, das Buch "Der globale Countdown" über die Auswirkungen und Perspektiven der Globalisierung veröffentlicht. Aspekte und Schwerpunkte des Buches werden von Kluge und Schumann in den beiden Interviews beleuchtet.

Da ist beispielsweise der historische Kontext, in den die Globalisierung der Jetztzeit eingeordnet werden muss.

"Nie zuvor waren die Völker und Nationen der Menschheit einander so nah. Unablässig überqueren Informationen und Kapital die Ozeane zwischen Europa, Amerika und Asien. Neue Technologien ermöglichen die Verständigung im Sekundentakt und den schnellen Transport über alle Grenzen hinweg. Der internationale Handel erstreckt sich bis in die letzten Winkel aller Kontinente. Tausende von Unternehmen bauen weltweite Produktions - und Vertriebsketten auf. An den Knotenpunkten des Informationsnetzes in London und New York schmieden Investmentbanker immer neue Finanzgesellschaften, die mit dem Kapital der Reichen neue Städte. Transportwege und Fabriken in den schnell wachsenden Schwellenländern finanzieren. Die Aufholjagd der Aufsteigerstaaten und der technologische Wandel ändern das Alltagsleben radikal. Ganze Berufsgruppen verschwinden, weil neue Maschinen auf einen Schlag einige hundert Arbeitskräfte ersetzen können. Gleichzeitig verdrängen Billigimporte viele alte Produzenten. Millionen Menschen werden arbeitslos und suchen ihr Glück in Auswanderung nach Übersee"

Diese Beschreibung stammt jedoch nicht aus dem 21. Jhd., sie ist vielmehr aus dem Jahr 1903. Wir müssen erkennen, dass heutige Entwicklungen vor 100 Jahren schon einmal abliefen.

"Multinationale Konzerne, internationaler Wettbewerb und weltumspannende Kapitalströme sind keine Erfindung unserer Zeit. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts waren die gleichen wirtschaftlichen Kräfte, die auch heute wieder die Menschheit in ihrem Bann halten, schon einmal am Werk. Der Prozess der Globalisierung, die weltweite Verschmelzung von Märkten und Unternehmen, von Wissen und Kulturen auf dem Wege des Handels mit Waren und Kapital, veränderte auch schon das Leben unserer Groß - und Urgroßeltern mit aller Macht."

Der größte Antrieb für das damalige Wachstum waren Transport - und Kommunikationstechnologien, die Eisenbahn, die Handelsschifffahrt, sowie die weltweite Telegrafie. Finanziert wurde der Boom zur damaligen Zeit vor allem von europäischen Investoren. Der Hegemon hieß Großbritannien, und bestimmte ähnlich wie heute die USA die geschäftlichen und monetären Regeln. Konstanten ziehen sich dennoch durch die Geschichte: Auch 1914 war die Deutsche Bank, die zu jener Zeit zum größten Geldhaus der Welt aufstieg, mit dabei.

"Die Finanzmanager steckten das Geld ihrer Anleger in Tausende von geschlossenen Fonds für MInen, Eisenbahnen oder auch öffentliche Kanalsysteme in den aufstrebenden regionen. Daneben verdanken auch andere klingende Namen der beutigen Konzernwelt wie Royal Dutch Shell oder British Petroleum ihre Geburt dem damaligen Boom der Anlegerfonds, die auf den steigenden Ölverbrauch spekulieren. Vergleichbar den heutigen Risikokapitalfonds, produzierten sie dabei ebenso überragende Gewinnerfolge wie spektakuläre Pleiten. Barings etwas, ausgerechnet jene Bank, die 1995 an den Fehlspekulationen ihres Repräsentanten in Singapur bankrott ging, wurde gut 100 Jahre zuvor schon einmal an den Rand der Pleite gedealt. Der damalige Crash seiner Argentinien-Anleihen zwang das Institut nur deshalb nicht zum Konkurs, weil die Bank of England großzügig Kredit gab, um den Ruf des Finanzplatzes London zu retten."

"60 Jahre Rückschritt"

Es hat jedoch einen Bruch in der Geschichte gegeben, beginnend mit dem ersten Weltkrieg. Das bis dahin stabile, nahezu globale Währungs - und Handelssystem, basierend auf dem britischen Goldstandard, verschwand.

"Eine vergleichbare internationale Wirtschafts - und Währungsordnung entstand erst wieder nach 1945, und das auch nur auf der westlichen Seite des Eisernen Vorhangs. Erst 1973, 60 Jahre später, erreichte der Welthandel, gemessen als Anteil an der weltweiten Wertschöpfung, wieder das Niveau, das er 1913 schon einmal erreicht hatte."

Doch nicht nur die boomende Weltwirtschaft war vor 100 Jahren der heutigen sehr ähnlich. Der Historiker Joachim Radkau betitelte sein Buch über den Zeitgeist der Epoche mit "Das Zeitalter der Nervosität". Fortwährende Beschleunigung war auch damals ein Problem, Tempo war das universelle Modewort, und die Neurasthenie, die übermäßige Erregbarkeit, stieg nicht nur in Deutschland zur Volkskrankheit auf. Ersetzen wir die Begriffe Tempo und Nervosität durch Flexibilität und Stress, erleben wir ein Déjà-vu.

Warum es Europas Generäle und ihre Völker 1914 in den bis dahin grausamsten Krieg der Geschichte trieb, kann dies jedoch nicht erklären. Historische Studien legen nahe, dass die ökonomische Entwicklung dieser Zeit an den auf Eroberung und Nationalismus setzenden "vorkapitalistischen Elementen" scheiterte, Staaten und Regierungen noch zu stark waren.

Das erneute Scheitern der Globalisierung

Ironie der Geschichte: Staaten und Regierungen sind heute zu schwach, um den rasenden Triumph von Markt und Kapital so zu regulieren, dass die Erfolge der globalen Arbeitsteilung allen zugutekommt - nicht nur einer kleinen Minderheit, die der Soziologe Hans-Jürgen Krysmanski "Das Imperium der Milliardäre" nennt.

"Der Lebensstil der zurzeit rund 1,7 Milliarden Menschen umfassenden weltweiten Verbraucherklasse ist das Modell für den Rest der Menschheit. Die Sehnsucht danach ist treibende Kraft der derzeitigen Form der Globalisierung, aber ebendieser Lebensstil ist nicht globalisierbar. Die alte Verheißung >>wie im Westen, so auf Erden<<, an die Völker in aller Welt glauben, wird sich unter den heutigen Bedingungen niemals erfüllen. Die ökologische Tragfähigkeit des Planeten wird schon längst überbeansprucht.. Solange ein Viertel der Menschheit drei Viertel der verfügbaren Ressourcen verbraucht, zwingt dies den übrigen viereinhalb Milliarden Menschen eine Form von globaler Apartheid auf. Das erzeugt zwangsläufig nicht nur immer größere Wanderungsbewegungen (wie derzeit von West - und Nordafrika nach Spanien und Italien), sonder heizt zugleich den Wettkampf um den Zugang zu Öl, Süßwasser und fruchtbaren Böden ständig an. Diese Ressourcen sind endlich, die Ölförderung wird sogar binnen Kurzem nur noch abnehmen. Unvermeidlich müssen die Wphlstandsländer einen neuen, nachhaltigen Lebensstil entwickeln, wenn sie ihren Frieden erhalten wollen. Der bereits in Gang gesetzte Klimawandel ist das Zeichen an der Wand. Er bündelt alle Folgen des ausgreifenden Lebensstils, die mit dem noch immer steigenden Verbrauch fossiler Brennstoffe einhergehen. Jedes Jahr beraubt die Erwärmung der Erdatmosphäre mehr Menschen ihrer Lebensgrundlagen, dem Zugang zu Ackerboden und Wasser. Bis zur Mitte des Jahrhunderts drohen einer halben Milliarde Menschen Hunger und Durst, Überflutung und Dürre und damit Vertreibung aus ihrer Heimat. Darum müssen die Emissionen von Treibhausgasen binnen zehn Jahren weltweit stabilisiert und anschließend jährlich um mindestens fünf Prozent gesenkt werden, wenn Völkerwanderungen und globale Destabilisierung verhindert werden sollen. Eine gigantische Aufgabe. Nicht zuletzt wegen des brisanten Gerechtigkeitsproblems, das zu bewältigen ist: Von den Folgen des Klimawandels sind gerade jene armen Länder am stärksten betroffen, die ihn nicht verursacht haben; umso dringlicher sind die Verursacher in den Industrieländern gefordert."

Die Globalisierung als Phänomen der globalen Vernetzung des Welthandels und des Bankenwesens stellt vielmehr eine Entwicklung des menschlichen Zivilisationsprozesses denn eine globale Wirtschaftsform, über die nach Belieben entschieden werden kann, dar. Sie ist eine Zwangsläufigkeit technischer Entwicklung der menschlichen Rasse. Hier schafft globales Wirtschaften im Grunde etwas, dass sonst nur in Utopien seinen Platz hat, die Idee der einen Erde und des geeinten Weltvolkes.

Mehr als ein Viertel aller weltweit produzierten Waren werden international gehandelt, damit ist der Austausch doppelt so intensiv, wie zu Beginn des 20. Jhd. Dieses Handelsvolumen organisieren rund 77000 transnationale Unternehmen mit mehr als einer Dreiviertelmillion ausländischer Tochtergesellschaften. Doch noch viel enger binden die Kapitalmärke die Menschen aneinander.

"Im Jahr 2005 wurden bereits Aktien, Anleihen, Kredite und Unternehmen aller Art im Wert von sechs Billionen Dollar grenzüberschreitend gehandelt, das entsprach mehr als dem doppelten Wert aller in Deutschland pro Jahr produzierten Waren und bereitgestellten Dienstleistungen."

Und doch scheinen die sich aus der Globalisierung ergebenen negativen Effekte überhand zu nehmen, sei es die globale Spaltung in Gewinner und Verlierer, sei es die Zerstörung der Umwelt oder der enorme, über die Kapazitäten der Erde hinausgehende Ressourcenbedarf. Der Globalisierungsprozess lässt wenig von einem sich selbst regelnden System erkennen, vielmehr bedarf es einer gezielten Steuerung des Prozesses.

Überkomplexität

Die Globalisierung des 21. Jhd. neue Dimensionen erreicht, die als Nebeneffekt vor allem die gegenseitige Abhängigkeit aller Staaten und Ökonomien fortwährend wachsen lässt. Die Wechselwirkungen werden immer komplexer und die sich daraus ergebenden Konsequenzen sind hohe, schwer kalkulierbare Risiken und nichtlinear dynamische, zum chaotischen tendierende Wirkketten. Dies erzwingt - rational betrachtet - nahezu eine Veränderung der internationalen Politik.

"Globales Regieren durch Zusammenarbeit über alle Grenzen hinweg wird unverzichtbar. Die vordem nur von Theoretikern diskutierte "global governance", die Lösung globaler Probleme durch transnationale Kooperation der Regierungen, verlässt das Reich der Utopie und wird zum ebenso faszinierenden wie beschwerlichen Tagesgeschäft in Regierungskabinetten und Vorstandsetagen"

Schumann betont hierbei insbesondere die Folgen eines durch Rückkopplungseffekte sich selbst beschleunigenden, unumkehrbaren Klimawandels mit allen seinen ökologischen und geopolitischen Folgen. Komplexität besteht hierbei also nicht nur auf ökonomischer, politischer oder sozialer Ebene, sondern vor allem auch in den sich gegenseitig bedingenden Wechselwirkungen mit natürlichen Prozessen.

Wirft man einmal einen Blick in die Global Risks Reports der Jahre 2013 und 2014 des World Economic Forum, ist festzustellen, dass diesem Aspekt auch hier besonderes Augenmerk gewidmet wird. Im 2013er Report ist in Section 5 "X Factors" der Punkt "Runaway Climate Change" zu finden, wo gefragt wird:

"The threat of climate change is well known. But have we passed the point of no return? What if we have already triggered a runaway chain reaction that is in the process of rapidly tipping Earth´s atmosphere into an inhospitable state?"

Der 2014er Report widmet den "Environmental Risks" einen eigenen Abschnitt, mit den Schwerpunkten "Greater incidence of extreme weather events", "Greater incidence of natural catastrophes", "Greater incidence of man-made environmental catastrophes", "Major biodiversity loss and ecosystem collapse", "Water crises" und "Failure of climate change mitigation and adaption".

http://www3.weforum.org/docs/WEF_GlobalRisks_Report_2013.pdf

http://www3.weforum.org/docs/WEF_GlobalRisks_Report_2014.pdf

Schumann selbst setzt in seinem Buch 2008 ein Zeitfenster von 10-15 Jahren an, in dem noch Änderungen zum Positiven möglich seien. Ab einem bestimmten Punkt in der Zukunft nimmt die Verkettung der globalen Problemfelder derart zu, dass eine Form der Überkomplexität entsteht, die es der Politik, unabhängig von den realen Wahrscheinlichkeiten, unmöglich macht, noch rational begründete Entscheidungen treffen zu können.

An dieser Stelle sei angemerkt: Wir schreiben jüngst das Jahr 2015. Bilanz zu ziehen sei jedem selbst überlassen, könnte jedoch mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu Unwohlsein führen.

"Wir müssen ... , man muss ..."

Felix Werdermann findet immerhin in Anbetracht der 2014er Klimakonferenz in Peru etwas Hoffnung.

https://www.freitag.de/autoren/felix-werdermann/versuchen-wir-das-unmoegliche

Eine neue Strategie für die Findung von Klimazielen im Sinne von CO2-Einsparungen einzelner Staaten soll realistischere und damit leichter einzuhaltende Zahlen liefern und mehr Staaten zum Mitmachen anregen. Zudem soll 2015 der internationale Klimavertrag in Paris beschlossen werden - der aber auch erst ab 2020 in Kraft treten soll.

Angesichts der alljährlichen Rituale dieser Konferenzen, der schwammigen Erklärungen, der überaus weichen Ziele und der immer wiederkehrenden, aber im Grunde uralten Diskussionen könnte einem die Hoffnung schnell vergehen. Es hat den Eindruck, als ließen sich die Entwicklungen einfach per Beschluss in die ferne Zukunft verschieben.

Es bleibt aber keine Zeit mehr, bis 2020 zu warten.

Die notwendigen Diskussionen und Überlegungen werden nicht geführt und getätigt, gar gesamtgesellschaftlich ausgeblendet. Die wirklich ernsthaften politischen und technischen Probleme finden sich in der öffentlichen Debatte nicht wieder.

Bundeskanzlerin Merkel machte noch 2013 deutlich, wessen Interessen eigentlich wirklich zählen und verhinderte erfolgreich eine EU-Norm welche den CO2-Ausstoß von Automobilen innerhalb der EU beschränken sollte.

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/irritationen-wegen-merkel-und-autolobby-politik-mit-pferdestaerken-1.1707976

"Die Einigung sah vor, dass die CO2-Höchstgrenze für den Durchschnitt der Flotte jedes Autobauers in der Zeit von 2015 bis 2020 von 120 auf 95 Gramm sinkt. Bis 2025 sollen die Grenzen noch strenger werden. Das trifft größere Autos mit hohem Spritverbrauch mehr als kleinere. Auf ihre Hersteller kommen für mehr Umweltschutz höhere Kosten zu. Das ging den deutschen Herstellern schwerer Limousinen und Geländewagen zu weit. Hintergrund ist ein Kampf zwischen den deutschen Premium-Autobauern und den Herstellern kleiner Wagen - und die kommen vor allem aus Frankreich und Italien. Diese Staaten empören sich nun am meisten über die deutsche Machtgeste. (...) Merkel verteidigt sich gegen die Empörung: 'Es geht hier um die Gemeinsamkeit von umweltpolitischen Zielen und industriepolitischen Zielen, und da geht es auch um Beschäftigung', sagte sie nach dem EU-Gipfel in Brüssel. Um die Vorgaben noch prüfen zu können, habe die Abstimmung der EU-Botschafter am Donnerstag auf Bitte Deutschlands nicht stattgefunden: 'Wir haben die Ergebnisse der Verhandlungen sehr kurzfristig bekommen.' Ein Sprecher hatte zuvor erklärt, es sei wichtig, dass 'den Besonderheiten der deutschen Automobilindustrie Rechnung getragen' werde."

Der Kabarettist Volker Pispers witzelte in seinem Programm einmal, in Deutschland wäre die Rettung des Planeten und das deutsche Automobil ein Dilemma, da müssten sich die Arbeitsplätze in der deutschen Automobilindustrie und der Planet halt mal zusammensetzen und einig werden. Wo der eigentliche Kausalzusammenhang zwischen dem CO2-Ausstoß der Fahrzeuge und den Arbeitsplätzen in der Automobilindustrie liegt, darf ebenfalls angezweifelt werden. Frau Merkel wird 2025 nicht mehr Bundeskanzlerin sein, die Probleme jedoch bleiben.

Ist man jedoch ehrlich, ist die Automobilindustrie und der CO2-Ausstoß von Fahrzeugen nur die absolute Spitze des Eisbergs. Worüber eigentlich nicht gesprochen wird, das ist z.B. die Luftfahrt. Angeblich hat die zivilie Luftfahrt nur einen Anteil von 3 % an den globalen CO2-Emissionen jährlich. Das kann sich jedoch in der Zukunft schnell verdreifachen, wenn die Branche weiter wie bisher wächst. Und während man in der Automobilbranche mittlerweile so langsam Richtung Elektromobilität driftet, weiß die Luftfahrtbranche keine Lösung - die Flugzeuge fliegen eben mit Kerosin. Da nützen auch keine jährlichen Treibstoffeinsparungen von 3-4 % - wenn diese zum Einen durch einen erhöhten Anteil an erdölbasierten Kunststoffen in den Fliegern erkauft werden und zum Anderen die Branche jährliche Wachstumsziele von 5 % hat - und diese auch erreicht. Schon 2009 hat man beschlossen, ab 2020 nur noch CO2-neutral zu wachsen.

http://www.airliners.de/luftfahrtbranche-will-ab-2020-co2-neutral-wachsen/18223

http://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/alternative-treibstoffe-deutschlands-luftfahrtbranche-will-gruener-werden-seite-all/4270342-all.html

Erreicht werden soll das durch die Nutzung von Bio-Kerosin auf Basis hydrierter Pflanzenöle wie Raps-, Palm- oder Jatrophaöl oder aus Algen. Im September 2014 führte die Lufthansa den ersten europäischen Linienflug mit Biokerosin auf Zuckerbasis durch.

http://www.lufthansagroup.com/de/presse/meldungen/view/archive/2014/september/15/article/3215.html

Wirkliche Bedeutung hat dies alles jedoch nicht. Biokraftstoffe könnten 2050 einen Anteil von zehn Prozent am Treibstoffverbrauch des globalen Luftverkehrs haben.

http://www.ufz.de/index.php?de=30927

Man darf ruhig fragen, ob dann überhaupt noch genug Erdöl vorhanden ist, um mit der Airline seiner Wahl in den Urlaub zu fliegen. Denkt man den Gedanken noch ein bisschen weiter, könnte man über die Tatsache stolpern, dass es global gesehen noch die ein oder andere Armee im Dienste einzelner Staaten gibt, deren sämtliche Bestandteile Erdöl-abhängig sind. Was so eine Luftwaffe an Treibstoff pro Jahr benötigt, stellt jede Airline locker in den Schatten.

Aber auch die Automobilbranche kann sich in Punkto Elektromobilität keineswegs bereits am Ziel wähnen. Eventuelle Subventionen zum Anschub eine Mobilitätswende sind die kleinere Sorge, vielmehr existieren nach wie vor ungelöste technologische Probleme. Die der Energiespeicherung etwa, an denen auch die deutsche Energiewende zu scheitern droht. Hier wurde einfach jahrzehntelang versäumt, zu Forschen und zu Entwickeln. Nun steht man diesbezüglich mehr oder weniger am Anfang.

Um einmal den Bogen zurück zur Finanzkrise zu spannen: Die Innovationsfeindlichkeit des sich wieder einmal in einer Phase der Finanzalisierung befindlichen Finanzkapitalismus zeigt sich in diesem Punkt besonders stark, ebenso wie die unter der autoritär-neoliberalen Staatsminimierungsdoktrin ständig gekürzten staatlichen Ausgaben für Bildung und Forschung. Den freien Markt kümmert die Zukunft einen Dreck, kurzfristiges Quartalsdenken verhindert eher Innovationen, als dass der angebliche freie Wettbewerb sie fördert.

"Problemexport durch Krieg"

In einem ganz entscheidenden Punkt, in dem sich Kluge und Schumann einig sind, muss man leider einen Irrtum konstatieren - nämlich, dass ein Lösen all dieser Probleme auf globaler Ebene durch Krieg aufgrund der Globalisierung in ihrem fortgeschrittenen Stadium heute nicht mehr möglich sei.

Im Jahr 2014 hat sich gleich an mehreren Punkten auf dem Globus der Ruf nach Krieg vernehmen lassen, einer davon gleich vor unserer eigenen Haustüre in der Ukraine. Wer da welche Probleme genau mittels irgendwie gearteter Konflikte exportieren will, kann spekuliert werden; für manche stellt sich diese Frage schon gar nicht mehr. Es sollen an dieser Stelle keine Namen verraten werden, alles ist recherchierbar. Es mutet derweil überaus irrwitzig an, wenn ausgerechnet Barack Obama in seiner Rede vor den Vereinten Nationen Ende September 2014 in einem Atemzug Ebola, Russland und die ISIS als die "derzeit größten drei Geißeln der Menschheit" benennt. Globale Finanzkrise? War da etwa was?

"Chimerika"

Dabei täte vor allem der Präsident der Vereinigten Staaten gut daran, die Staatsverschuldung seines Landes durch irgendwelche Kriegseinsätze nicht noch weiter zu vergrößern. Vielleicht sollte ihm auch einmal einer seiner Berater der RAND Corperation erklären, dass der Klimawandel sich ebensowenig wie die Finanzkrise durch Einsatz von Militär bewältigen lässt.

In der Fucheng-Straße 18 am Pekinger Platz der Luftfahrt hat man dies durchaus begriffen. Hier wacht die chinesische Staatsverwaltung für ausländische Währungen über das möglicherweise wichtigste Machtinstrument , dass dem aufstrebenden Weltreich zur Verfügung steht: Das Anlagevermögen der Zentralbank im Ausland, dessen Wert Ende des Jahres 2007 schon bei rund 1,53 Billionen US-Dollar lag. Jeden Tag kommen laut Schumann rund 2 Milliarden Dollar hinzu.

"Der stetig wachsende chinesische Dollarberg ist Ausdruck einer einzigartigen weltwirtschaftlichen Konstellation: Die Vereinigten Staatenm die Vormacht des Kapitalismus, haben sich auf Gedeih und Verderb in eine gegenseitige Abhängigkeit mit dem noch immer von Kommunisten regierten China verstrickt, dem nach Lesart amerikanischer Supermachtstrategen ärgsten Rivalen um die weltpolitische Vorherrschaft. Würde Chinas Notenbankchef Zhou Xiaochuan morgen die Mitarbeiter der Devisenverwaltung anweisen, die Dollarpapiere aus dem Portfolio der ehörde auf den Markt zu werfen, würde dies Amerika unvermeidlich in eine tiefe Wirtschaftskrise stürzen. Der chinesische Ausverkauf amerikanischer Wertpapiere würde sofort zum Absturz des Dollarkurses führen. Sogleich würden auch die privaten Akteure an den Finanzmärkten aus Dollaranlagen aussteigen und den Kurs weiter fallen lassen. Mangels Nachfrage nach amerikanischen Schuldtiteln würden die Zinsen am US-Kreditmarkt steil in die Höhe gehen. Zig Millionen Amerikaner mit hohen Privatschulden müssten plötzlich ihre Häuser verkaufen und sparen, die Rezession und ein dramatischer Anstieg der Arbeitslosigkeit wären unvermeidlich. 'Die Chinesen halten eine finanzpolitische Bombe in den Händen', urteilt Heribert Dieter, Finanzmarktexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik, der außenpolitischen Denkfabrik der Bundesregierung. Amerika sei 'erpressbar geworden'"

Es ist der vom Export getriebene chinesische Aufstieg, und der durch extreme Militärausgaben bedingte Abstieg der amerikanischen Wirtschaft, die diese Konstellation ermöglichen. Der chinesische Staat gilt als der wichtigste Kreditgeber der USA.

Hier manifestiert sich - neben der enormen globalen Verpflechtung der Volkswirtschaften und die damit einhergehenden Abhängigkeiten - ein weiterer Aspekt der globalen Finanzkrise, den Kluge durch eine Metapher so darzustellen versucht: So wie Wasser verschiedene Formen und Zustände haben kann, gibt es auch nicht eine Form des Kapitalismus, es gibt vielmehr Spielarten und Gestaltungsmöglichkeiten. Führt man den Gedanken konsequent weiter, und entfernt man sich einmal von Begrifflichkeiten, dann landet man unweigerlich bei der Frage, welche Form globalen Wirtschaftens denn ausgehandelt werden müsste, welche praktikabel und kompatibel mit den globalen Verhältnissen ist. Noch ist sie nicht erfunden. Die Volkswirtschaften USA und China könnten in ihren Ausprägungen und Formen nicht unterschiedlicher sein, und China hat momentan die bessere Variante. Das Ende aller Gedanken stellt dies jedoch keineswegs dar.

Cui bono?

Was die chinesische Volkswirtschaft und die aller Nachahmerländer grundsätzlich vom angelsächsischen Finanzkapitalismus unterscheidet ist die Tatsache, dass trotz der hohen Investitionen und trotz der hohen Wachstumsraten das Kapital und die Banken einer strengen Regulierung unterliegen. Hier findet sich das genaue Gegenteil vom angelsächsischen System wieder. Die chinesischen Referenten, die nun im Westen zum Thema vortragen, äußern ganz offen ihre Verwunderung. Verwunderung darüber, wie diese Finanzkrise überhaupt entstehen konnte, Verwunderung darüber, dass das angelsächsische System seine eigenen ökonomischen Lehren nicht berücksichtigt.

Denn eines ist sicher: Bankenregulierung, Regulierung der Finanzströme - das ist weder in Europa noch in den Vereinigten Staaten in irgendeinem relevanten Maße wiederzufinden. Sogar noch schlimmer: Die Finanzindustrie, welche zu dieser Krise wesentlich beigetragen hat, diktiert die Bedingungen, zu denen ihr geholfen werder darf. Weil man von sich Systemrelevanz behauptet. Wirkliche systemrelevante Teile einer Volkswirtschaft sind unreguliert und unbeaufsichtigt gänzliche Fremdkörper in einer Marktwirtschaft. Ein Unternehmen, das nicht pleite gehen kann, weil es "too big to fail" ist, hat in einer solchen Marktwirtschaft nichts verloren.

Dass die Hilfe, die der Finanzindustrie zu Teil geworden ist, nicht nur durch sie bestimmt, sondern auch strikt geheim gehalten wurde, ein Vorgang, der mit wirklicher Demokratie nicht zu vereinbaren ist, zeigt das eigentliche Ausmaß der Misere. Wer sind denn die real Begünstigten all der Milliarden, die zur Bankenrettung geflossen sind? Nur ein einziges Mal gab es Widerstand, im US-Senat, dort hat der Bankenausschuss darauf bestanden, dass öffentlich gemacht wird, wohin das Geld zur Rettung des Versicherungskonzerns AIG fließt. Und siehe da: JP Morgan, Goldman Sachs, Deutsche Bank waren unter den Gläubigern. Letztere erhielt laut Schumann 12 Milliarden US-Dollar aus dem amerikanischen Steuertopf. Wieso behauptet Josef Ackermann eigentlich bis heute, die Deutsche Bank wäre ohne Staatsgeld ausgekommen?

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/staatsgeld-in-der-finanzkrise-heimliche-nutzniesser-der-bankenrettung-1.1975439

Dem Weg des Kapitals folgt Schumann auch in seiner 2013 auf Arte ausgestrahlten Dokumentation "Staatsgeheimnis Bankenrettung". Jeder Hollywood-Thriller wirkt dagegen langweilig.

Dabei ist die Finanzwelt gar nicht so kompliziert, wie sie selbst von sich gern behauptet. Laut Schumann muss man nur zwei Fragen gründlich beantworten: Wohin fließt das Geld? Wer profitiert davon?

Wendet man diese Fragen auch auf den Weg des Geldes in der Politik an, lichtet auch hier sich das Dickicht der Komplexität. Erfährt man dann beispielsweise, dass die CDU im Jahr 2013 eine Spende in Höhe von 690000 € der Familie Quandt, Großanteilseigner des Konzerns BMW, erhalten hat, wird auch die Politik der Bundeskanzlerin im gleichen Jahr verständlich.

http://www.welt.de/politik/deutschland/article120916939/BMW-Grossspende-fuer-CDU-zu-fragwuerdiger-Zeit.html

10 vor 11 - Die Welt als Kartenhaus / Harald Schumann über den globalen Countdown (Januar 2009):

10 vor 11 - Wie lange haben wir noch Zeit? / Harald Schumann über den globalen Countdown (Oktober 2009):

Arte - Staatsgeheimnis Bankenrettung (Februar 2013):

Harald Schumann, Christiane Grefe: Der globale Countdown. Gerechtigkeit oder Selbstzerstörung - Die Zukunft der Globalisierung. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008. 424 Seiten, ISBN 978-3-462-03979-5

23:32 17.01.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Daniel Uxa

"Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass gegen andere Menschen (...). Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander."
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Beklemmender Berlin-Thriller zum Thema Gentrifizierung: Das letzte unsanierte Haus in einer schicken Wohngegend wird geräumt. Die meisten verbliebenen Mieter fügen sich ihrem Schicksal, doch Dietmar (W. Packhäuser) weigert sich. Das Spielfilm-Debüt des deutschen Regisseurs Gregor Erler überzeugt seit seiner Weltpremiere auf zahlreichen Festivals

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