Steige hoch, du roter Adler

Finanzkrise I Lothar Dombrowski hat einen Cousin. Und der war in Brüssel.
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Wer soll Europas Sprungtuch halten? Erwin Dombrowski, Cousin des Gesinnungspreußen Lothar Dombrowski, ist als Sparkommissar in Brüssel. Und wie es in der Familie so üblich ist, fehlt auch ihm ein Arm. Aber das soll eigentlich ein Familiengeheimnis bleiben, und wir wollen doch nicht gleich zu Beginn investigativ werden, bitte.

Alexander Kluge hat zusammen mit Georg Schramm in seiner Rolle des Lothar Dombrowski - hier jedoch als dessen Cousin - einen Beitrag der 10 vor 11 - Reihe produziert, der sich sehen lassen kann. "Wer soll Europas Sprungtuch halten? / Erwin Dombrowski, Sparkommissar der EU, warnt vor dem freien Fall" zeigt beide Akteure in Hochform. Eingeleitet wird der Dialog im Vorspann mit einer leicht verzerrten Version von Purcells King Arthur. Kluge, wie immer hinter der Kamera, stellt aus dem Off seine wohl formulierten Fragen, während ein gewohnt schroffer Dombrowski antwortet. Es entwickelt sich ein intellektuelles Ping-Pong auf hohem Niveau, dem, urteilte man nach den Kommentaren auf bekannten Videoplattformen, nicht immer alle folgen können. Schnell gewinnt man den Eindruck eines altklugen, selbstinszenierenden, aber dem Niveau des Gesprächs nicht gewachsenen Interviewers. Man darf sich nicht täuschen lassen, hier sind Profis am Werk. Beide sind perfekt aufeinander eingestimmt, alles ist durchinszeniert und nichts dem Zufall überlassen. Nicht nur Schramm spielt eine Rolle. Dies kann leicht missverstanden werden.

Beide haben viel zu sagen, und so steigt Dombrowski des öfteren erklärend dazwischen:

"Man sagt ja im Volksmund, lieber arm dran, als Arm ab ... "

"... Jaha, lustig, lieber reich ins Heim als heim ins Reich."

"Diese Grundsätze haben Sie jetzt sozusagen nach Brüssel gebracht, also mit dem Mandat des Wählers, aber mit den Kenntnissen der Rechnungsprüfung."

"Naja, wenn dem so wäre, nicht, wenn wir nur alle ein Mandat des Wählers hätten."

Außerdem: Aller Anfang ist bekanntlich schwer.

"Sie waren jetzt in Begleitung der Troika im Land der Griechen."

"Ja ... beim ersten Mal. Ich bin beim zweiten Mal nicht mehr mitgenommen worden."

"Aber beim ersten Mal waren Sie dort."

"Ja, ich war maßgeblich, wenn ich das sagen darf, an der Abreise beteiligt."

Die Finanzkrise hat Europa im Griff, und es gilt, eine angemessene Lösung zu finden. Welche Rolle kann hierbei der Staatengemeinschaft selbst zugeschrieben werden?

"Kann man denn den Schulden beikommen, dadurch dass man Länder beschneidet. Also zum Beispiel Bulgarien die Hälfte weg, wäre das ein Weg? Oder ganz raus aus der EU?"

"Nein, nein. Hören Sie, die Europäische Union, das ist ein Gedanke, wenn wir den verlieren, nicht ... "

"Ist eine heilige Kuh."

"Jetzt werden Sie doch nicht polemisch Herr Kluge! Keine heilige Kuh, nicht wahr, erstens war es ja keine Kuh, es war ein ... "

"Doch."

"... ein Stier."

"Ach richtig, keine Kuh."

"Ja aber wir wollen jetzt nicht humanistisch werden, oder altgriechisch."

"Ja"

"Es ist keine heilige Kuh. Hören Sie, Europa ist doch aus der Idee entstanden, dass wir uns ruiniert haben durch zwei Weltkriege. Ich meine, das wird nicht mehr zu reparieren sein, aber wir sollten diesen Niedergang, den die europäische Zivilisation und Kultur nimmt, den sollten wir gemeinsam gehen, sonst wird es ein freier Fall."

"Aber das irgendeiner heil unten angekommen wäre, wenn nicht die Feuerwehr das Sprungtuch bereithält, und die ist ja nie so schnell. Also so schnell ist sie ja nicht da."

"Nein, vor allem, es ist ja blöd, wenn der, der fällt, die Feuerwehr ist. Wer soll das Sprungtuch halten?"

Kluge und Schramm verfolgen beharrlich ihre Metaphern, dabei wird auch nicht von ungefähr über das Wesen der Finanzwelt spekuliert:

"Also gemeinsam sind wir stark, sagt der Heringsschwarm, und verblüfft hält der Haifisch inne."

"Ja. Und schnappt trotzdem zu, nicht, nachdem er einen Moment gezögert hat, dadurch ist der Schwarm aber schon wieder weiter und der Hai ist durch das Verfolgen und das Verwirrtsein nicht so präzise im Angriff und er frisst nur 100 Heringe. Und das fällt in einem Schwarm von 10000 gar nicht groß auf. Wenn wir jetzt noch dafür sorgen würden, dass der Hai, wer immer das sein mag, die richtigen Heringe frisst."

Wer ist der Hai in Europa?

"Also hören Sie, wenn wir hier schon auf dieser Metapher des Ozeans und des Haifisches herumreiten. Der Hai ist bedroht, Herr Kluge, also das heißt, es muss doch die Möglichkeit geben, ihm an die ..."

"Ja"

"Wie wird es gemacht, nicht wahr, ein Haken mit einem Stück frischem Fleisch. Da fährt er drauf ab, der Finanzhai, wir reden hier vom Finanzkapitalismus, da brauchen wir doch nicht drum herumreden."

Schramm alias Dombrowski schlägt vor, dem Hai die Flossen abzuschneiden, sobald er den Köder gebissen hat. Und während sein Gesprächspartner noch über die Konsequenzen mit dem Tierschutzverein philosophiert, wagt er den Vergleich zwischen Rheinischem Kapitalismus aus früherer Zeit zum heutigen Finanzkapitalismus. Denn eine Evolution, eine Entwicklung von ganz unterschiedlichen Spielarten einer kapitalistischen Marktwirtschaft, ist die Grundvoraussetzung um das Geschehen um die aktuelle große Finanzkrise, die nicht nur eine europäische ist, zu verstehen. Kapitalismus ist nicht gleich Kapitalismus. Oder, wie es Michel Albert nannte, Kapitalismus contra Kapitalismus.

Es wäre kein Beitrag mit Georg Schramm, wenn nicht über den Zorn gesprochen würde. Zorn am rechten Platz.

"Das ist ja etwas ganz wichtiges , der Zorn, nicht?"

"Ja, allerdings."

"Sie bringen ja sozusagen als Input nach Brüssel, Zorn von der Basis."

"Ja aber er stößt auf wenig Gegeninteresse."

"Zorn am rechten Platz"

"Ja natürlich. Nicht Wutbürger, verstehen Sie, das ist ja schon wieder was anderes. Die Wut ist die hemmungslose kleine Schwester des Zorns. Die blinde Wut, die sieht nichts. Zorn."

"Man kann nicht sagen: die Wut Gottes. Dann ist er kein Gott. Aber der Zorn Gottes, das kann man sagen. Und der kann auch von unten kommen."

"Aber ja, aber ja doch!"

"Volkszorn"

"Ja, der Volkszorn."

"Nicht jäh, sondern stetig."

"Kein Jähzorn, sondern ein stetiger. Wobei, wenn er erst mal gewachsen ist, angeschwollen ist, nicht, man weiß nicht wo er hinführt, nicht, ob er nicht alles mitreißt. Das wäre meine Sorge, aber diese Sorge stelle ich hinten an, in der Hoffnung, dass er käme, und hinwegrisse. Wobei, dieser Volkszorn braucht eine gewisse Führung, eine gewisse Richtung. Und da muss man aufpassen."

Aber wo sollte so ein Zorn überhaupt hin?

"Im Regierungsviertel in Berlin werden die wesentlichen Entscheidungen zur Zeit gar nicht getroffen."

"Nein, nicht getroffen. Sicher nicht."

"In Brüssel selbst eigentlich auch nicht."

"Nein."

"Irgendwo auf dem Weg zwischen diesen zwei Orten gehen sie verloren."

"Nein. Ich denke, die Entscheidungsträger ... Es gibt 500, also die 500 weltgrößten Finanzkonglomerate, oder Konzerne. Die 500 größten dieser Konglomerate besitzen zwei Drittel des Weltbruttosozialproduktes. Da, nicht, da muss der Zorn hin. Wobei es schwierig ist, die haben keine richtige Adresse, die sitzen irgendwo, nicht wahr. Aber, man kommt ran. Wenn Sie sehen, dass jetzt in der Wallstreet die Leute täglich sich fast verdoppeln in ihrer Zahl. Und alle sagen, das muss weg, die Wallstreet muss weg. So geht das nicht. Die haben schon Witterung aufgenommen."

Wenn man Alexander Kluge heißt, muss jetzt natürlich nachgefragt werden, wo die Wallstreet denn hin solle. Indirekt.

"Also Mao Zedong sagt, wenn ich einen Hügel habe, der die Besonnung des Tals und meines Ackers verhindert, dann schippe ich jeden Tag etwas weg. Höher wird der Berg nicht, niedriger wird er. Das war so ein Leitsatz. Wie ginge das jetzt, soll ich bei den Bankhäusern in Manhatten da jetzt die Ziegelsteine einzeln wegräumen?"

"Die Konten räumen. Zum Beispiel mal, nicht. Also das kleine Schippchen, von dem Mao Zedong gesprochen hat, diese einzelne Schippe, das ist, den Banken, die, die mit dem Geld Schindluder treiben, kein Geld mehr anzuvertrauen."

Wer den Beitrag aufmerksam verfolgt, den wird spätestens an dieser Stelle die Fülle an Pragmatismus, versteckt in den unzähligen Metaphern, verblüffen. Auf Analyse folgt Schlussfolgerung, aus der Schlussfolgerung ergeben sich neue Denkanstöße, die analysiert werden wollen. Auch eine Analyse des chinesischen Staatskapitalismus im Unterschied zum angelsächsischen Finanzkapitalismus darf nicht fehlen. Um die Rolle Chinas in der globalisierten Finanzwirtschaft und dem amerikanisch-chinesischen Wechselspiel kommt man nicht vorbei. Die chinesiche Seite ist volkswirtschaftlich gesehen für Amerika die wichtigste Bank. Die Chinesen kaufen pro Minute ungefähr 1 Million Dollar, um ihre Währung gegenüber dem Dollar stabil zu halten, zu einem festen Kurs. So finanzieren sie die amerikanischen Staatsschulden. Das kann in sich nicht stabil sein und ewig weitergehen. Am wichtigsten für die Analyse der Finanzkrise in Europa ist hierbei, dass die europäische Krise eigentlich eine amerikanische Krise ist. Wenn die amerikanische Wirtschaft nur solange stabil bleiben kann, wie China das System stützt, ist Europa im internationalen Finanzkreislauf doppelt abhängig. Dombrowski sieht das ganze pragmatisch und findet, wenn der chinesische Staatskapitalismus seine Banken schon besser unter Kontrolle hat, könnten die Chinesen den Europäern und Amerikanern auch gleich bei der Umschulung ihrer Banker helfen. Vielleicht fährt Frau Merkel deshalb so oft nach China.

Wie so oft fällt es dem Betrachter schwer, zu erkennen, wo die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion verlaufen. Auch wenn Schramm für einen Moment wieder er selbst wird und es sich nicht nehmen lässt, über Herrschaftswissen aufzuklären. Vor allem aber fällt auf, wie wenig selbst der interessierte Zuschauer wirklich über Kenntnis von Mechanismen und Prozessen verfügt. Selbstverständlichkeiten werden scheinbar, Wirklichkeit entpuppt sich als konstruiert. Gut, dass in der Schule nicht über Geld gesprochen wird, es könnte Verwirrung stiften. Als letzter gemeinsamer Erfahrungswert bleibt nur dir Gier. Gier frisst Hirn - alte Börsenregel. Oder wie es Dombrowski ausdrückt:

"Die Gier dringt durch alle Poren, durch alle Körperöffnungen dringt die Gier in uns ein."

Und weil die eindringende Gier im Körper bis zum Hirn emporsteigt, findet Kluge hier doch noch ein protestantisches Element aus dem Lande Brandenburg, zur Freude Dombrowskis. Steige hoch, du roter Adler. Ob die Sparsamkeit Brandenburgs als Vorbild für Europa dienen könnte? Ein falsches Sparen, ein erzwungenes Sparen schadet auch, weiß der Sparkommissar.

Und so bleibt am Ende wohl doch nur der Zorn Gregor des Großen, damit sich die Vernunft dem Bösen mit größerer Wucht entgegenstelle.

"Und was ist das Böse heutzutage?"

"Die Händler im Tempel."

"Nein. Ja, im Kern. Was ist im Kern des Bösen, wir hatten es heute, glaube ich, schon mal: die Habgier. Die Kernenergie. Die Kernkraft des Bösen ist die Habgier."

Der Beitrag kann in zwei Teilen auf youtube.com geschaut werden:

Teil 1:

Teil 2:

23:28 06.10.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Daniel Uxa

"Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass gegen andere Menschen (...). Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander."
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