RE: Die Guten und die Bösen | 21.12.2016 | 17:38

Ich danke der Community für die engagierte und substanzielle Diskussion und all die lobende Ermutigung. Gelegentlich und gerade auch am Ende der Wortmeldungen taucht eine Formulierung auf, die sich aus dem Mainstream so eingeschliffen hat, und die ich zu überdenken bitte. Als sei es nämlich weitaus schlimmer, das eigene Volk zu bombadieren als andere oder gar fremde. Welche nationale Rangfolge soll hier gelten? Nach Artikel 1 der Erklärung der Menschenrechte sind alle Menschen gleich an Würde und Rechten. Jeder Mensch hat das Recht auf Leben. Völker zu bombardieren ist generell geächtet - nicht nur das eigene. In diesem Sinne allen ein friedliches 2017 wünscht Daniela Dahn

RE: Gotteslästerung | 15.07.2014 | 21:52

Über die lebhafte und kontroverse Debatte freue ich mich. Da ich mehrfach aufgefordert wurde, die Kommentare zu kommentieren, hier noch einige Überlegungen, die kein Fazit sein wollen. Natürlich ist es immer besser, wenn Fragen der Moral und Sittlichkeit durch Debatten in der Gesellschaft zu klären sind und nicht durch Gesetze. Denn jedes Gesetz setzt jemandem unerwünschte Grenzen. Doch oft geht es nicht anders. Tabus waren die ersten moralischen Grenzsetzungen der Menschen. Auch die 10 Gebote sind Verbote und Regeln. Die Zivilisation ist ganz wesentlich durch solche Einschränkungen, durch Formulierung von Rechten und Pflichten, entstanden. Dass "Zwang eine Sünde" sei, kann man so absolut keineswegs behaupten.

Richtig ist der Hinweis, dass die Verteidigung des universellen Humanismus letztlich auch ein westlicher Wert ist, wenngleich man Denker wie Gandhi aus Indien, Appiah aus Ghana oder Kitaro aus Japan, um nur einige aus der Neuzeit zu nennen, nicht unterschlagen sollte.

Gewundert habe ich mich, dass mein Hauptargument gegen die Vollverschleierung, nämlich das dahinter steckende, fatale Menschenbild, in den Kommentaren kaum eine Rolle spielt. Als Gegenargument einen Motorradhelm mit Gesichtsschutz anzuführen, ist weit hergeholt, denn hinter dem Helm steckt keine andere Idee als Leben zu schützen. Sobald man abgestiegen ist, wird man das unbequeme Ding bald absetzen. Der Vollschleier aber reduziert Männer auf triebhafte Wesen und Frauen auf Sexualobjekte, was, nicht nur nach meinem Empfinden, beide in ihrer Würde verletzt.

Wer übrigens mehr darüber wissen möchte, welch wahrlich archaischem Anlaß der einzige Koranvers entspringt, in dem ein Schleier erwähnt wird, dem empfehle ich eine im Netz stehende Studie der Bundeszentrale für politische Bildung: "Konfliktstoff Kopftuch".

Wichtig war mir der Hinweis, dass die Burka-Verbote in Frankreich, Belgien, Teilen der Schweiz und anderen europäischen Regionen nur nachholen, was es in vielen islamischen Ländern längst gibt. Für Abstecher in die Geschichte war in einem so kurzen Artikel kein Platz, aber interessant, was etwa 1908 nach der Revolution im Osmanischen Reich passierte: Die Frauen begannen erleichtert, ihre Schleier abzulegen und sich europäisch zu kleiden. Ganz ähnlich wie nach 1949 im realsozialistischen Südjemen, zumindest in den Städten.

Ob ein Verbot von Burka und Nikab gegen das Grundgesetz verstoßen würde, ist nicht so sicher. Es ist auch eine Auslegung denkbar, die den Vollschleier im Widerspruch zu den ersten drei Artikeln sehen könnte. 1. Das Menschenbild ist unwürdig. Die Würde des Menschen wird angetastet, wenn er als Individuum unsichtbar ist. 2. Das eigene Freiheitsrecht darf nicht gegen das Sittengesetz verstoßen – der Gesichtsschleier mit seiner verkorksten Moral tut eben dies. Das versucht der Europäische Gerichtshof mit aller Vorsicht zu begründen. 3. Niemand darf wegen seiner religiösen Anschauungen benachteiligt werden – der Gesichtsschleier benachteiligt die muslimischen Frauen gegenüber ihren Männern. Und gegenüber allen anderen Menschen. Er benachteiligt sie praktisch (das habe ich nur ansatzweise dargestellt, die erwähnte Ärztin beschrieb mir auch gesundheitliche Folgen für Haut und Organismus, wenn UV-Strahlung vollkommen fehlt ). Der Schleier benachteiligt sie auch religiös. Denn alle anderen müssen sich, um Gott nahe zu sein, nicht als Vogelscheuche verkleiden.

Mit dieser polemischen Zuspitzung danke ich noch mal allen für ihre anregenden Beiträge.