Verrückte Maßstäbe

Corona In der Krise gehen Menschenleben vor Wirtschaft. Warum gilt das gleiche Prinzip nicht auch bei anderen globalen und nationalen Problemen?
Verrückte Maßstäbe
Entschuldigen Sie, sind Sie systemrelevant?

Foto: Cindy Ord/Getty Images

Wir entscheiden uns jetzt für Menschenleben, gegen die Wirtschaft, heißt es allenthalben stolz in Politik und Medien. Das ist das eigentlich Atemberaubende an dieser Corona-Situation, denn in der bisherigen Menschheitsgeschichte und bis vorgestern lief es immer umgekehrt. Wie war es mit einem Mal möglich, im Namen der Humanität alle bisher geltenden Spielregeln außer Kraft zu setzen? Selbst die des Profits und die der Ignoranz? Auch die Freiheitsrechte, weil sie jetzt angeblich eine tödliche Gefahr sein können? Woher die plötzliche und, ja, löbliche Ehrfurcht vor dem Leben? Man hatte sie bisher in der Politik, der Wirtschaft, selbst in Teilen der Medizin schmerzlich vermisst. Für dieses Phänomen hat es noch keine plausible Erklärung gegeben, nur Staunen. Und Angst.

Es geht hier also um anhaltende Wahrnehmungsprobleme von uns Verunsicherten, nicht um Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Medizin. Obwohl wir plötzlich herausgefordert werden, uns mit kausalen Zusammenhängen von Krankheit und Tod zu beschäftigen, sie zum Verständnis statistisch einzuordnen. Dabei wird man oft ganz schwindlig von Zahlen, zu denen jedes Koordinatensystem fehlt. Die hehre Absicht, sich für Menschenleben und gegen die Wirtschaft zu entscheiden, begann mit dem Lockdown im chinesischen Wuhan. Einem Riesenreich, in dem die normale tägliche Sterbezahl schon bei über 42.000 liegt. Die Sorge, die von Mensch zu Mensch übertragbare Epidemie hätte Millionen dahinraffen können, musste ernst genommen werden, bei diesem aggressiven Virus. Anfang Januar gaben chinesische Wissenschaftler das vollständig diagnostizierte Genom an die WHO, damit global Maßnahmen ergriffen werden können. Seither hat ein Staat nach dem anderen das Primat der Politik zurückerobert und im Namen der Humanität dirigistisch durchgegriffen.

Erstaunlich bleibt, dass seit Jahr und Tag, von der Gesellschaft ignoriert und unbetrauert, Millionen sterben, die mit ähnlich konsequenten Zugriffen zu retten gewesen wären. Da meine ich nicht mal die Krankheiten, die von der westlichen Medizin unzureichend erforscht werden, weil sie hauptsächlich die Entwicklungsländer betreffen. Ich meine uns. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sowohl 2013 wie auch 2018 übereinstimmende Studien veröffentlicht, nach denen pro Jahr sieben Millionen Tote allein durch verschmutzte Luft zu beklagen sind. Die Medien haben es unaufgeregt gemeldet: Die Menschen sterben an giftigen Partikeln in der Luft, an Sulfat, Nitrat, Ruß, Feinstaub – den Hinterlassenschaften der Wirtschaft und des Auto- und Flugverkehrs. Diese Stoffe sind für einen Großteil aller chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen und Lungenkrebs verantwortlich, aber auch für ein Viertel der Todesfälle durch Herzkrankheiten und Hirnschlag. „Luftverschmutzung bedroht uns alle“, wurde WHO-Chef Ghebreyesus zitiert. In Europa sterben an verdreckter Luft jährlich 550.000 Menschen – das wurde schon seltener erwähnt. In keiner Zeitung fand ich den Hinweis, dass die Lebenserwartung jedes Europäers durch verschmutzte Luft im Schnitt mindestens um ein Jahr gesenkt wird. Könnte, wenn man selbst unmittelbar betroffen ist, nicht endlich Erschrecken einsetzen? Keine Zeitung vermerkte die Todesopfer in Deutschland.

Die WHO kämpft nicht nur gegen Corona – aber zu oft ohne entsprechende Aufmerksamkeit

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Luftkurort Deutschland

Man kann aber in Bonn, beim WHO-Regionalbüro für Europa, nachfragen. Die zuletzt veröffentlichte Studie geht davon aus, dass in Deutschland jährlich über 37.000 Menschen an den Folgen vergifteter Luft versterben. Ist Wundern noch erlaubt? Bei solchen Angaben ist man jetzt hellhörig geworden. Ich will von den Experten wissen, ob die Betroffenen an oder mit vergifteter Luft gestorben sind, ob die Kausalitäten so eindeutig feststellbar sind. Mir wird versichert, dass zwar nicht Individualfälle ausgewertet wurden, dass aber über längere Zeiträume repräsentative Rückmeldungen und ein besseres Verständnis der biologischen Mechanismen, die einsetzen, wenn man verschmutzter Luft ausgesetzt ist, ein nachweisbares Quantifizieren ermöglichen. Meine illustrierende Nachfrage, ob man davon ausgehen könne, dass diese verfrühten Todesfälle nicht eingetreten wären, wenn die Menschen in einem Luftkurort gelebt hätten, wurde eindeutig bejaht.

Jetzt hat der Lockdown aus dem ganzen Land einen Luftkurort gemacht. Doch die Ehrfurcht vor dem Leben galt nicht den 37.000 Klima-Opfern des Jahres 2020. Auch wurde dem Robert-Koch-Institut im vorigen Jahr kaum Beachtung geschenkt, als es seine Studie vorstellte, nach der in Deutschland jährlich bis zu 20.000 Menschen an Infektionen sterben, die sie nicht bekommen hätten, wenn sie nicht ins Krankenhaus gekommen wären. Die Gesellschaft für Krankenhaushygiene geht von weit höheren Zahlen aus. Eine Freundin wurde bei der Entbindung mit Salmonellen infiziert und hat seither ein chronisches Darmleiden. Ungezählte kommen krank aus Krankenhäusern zurück. Muss im 21. Jahrhundert wirklich noch an Krankenhauskeimen gelitten und gestorben werden? Dort, wo Infektionsschutz den Kliniken kein Geld bringt und deshalb an Hygienepersonal und Laboren gespart wird, allemal. In den Niederlanden hat der Kampf gegen Keime einen ganz anderen Stellenwert – dort gibt es dieses Problem kaum.

Halten wir fest: Wir haben in Deutschland durch versiffte Luft und versiffte Krankenhäuser, also durch von Menschen verursachte Übel, etwa 60.000 Todesfälle im Jahr. Da haben wir noch nicht über die überschrittenen Grenzwerte von Nitrat im Grundwasser gesprochen, für die Deutschland vom Europäischen Gerichtshof verurteilt wurde, oder das undurchsetzbare Tempolimit. All das wird hingenommen, ohne sich für das Leben, gegen die Wirtschaft zu entscheiden. Keine Katastrophe des Humanitären? „How dare you?“ wurde zur Anklageformel gegen die Verantwortlichen in Politik und Konzernen.

Sicher, immer schon haben neue, ansteckende Epidemien mehr Aufmerksamkeit erfahren als die nicht übertragbaren schweren Gesundheitsschäden durch verseuchte Umwelt. Dabei fängt mit dem Begriff Umwelt die Verharmlosung schon an. Als seien wir der unangreifbare Fels, der zusieht, wie die Welt um ihn herum Schaden nimmt. Als seien vor allem Bäume, Bienen und Korallen gefährdet. Nein, Umweltschaden ist ein Euphemismus, der unterschlägt, dass wir Teil des Geschehens sind. Der Mensch selbst ist der personifizierte Umweltschaden. Mit unseren entzündeten Atem- und Verdauungstrakten, den geschwächten Immunsystemen, sind wir die perfekten Wirte für Keime und Viren aller Art. Eine vorbeugende Impfung gegen Klimaschäden wird es nie geben. Eine Pille auch nicht. Und Intensivtherapie kommt erst, wenn intensive Prävention versäumt wurde.

Das Geschäft mit dem Leid

Die WHO bemüht sich seit Jahren, ein Bewusstsein für diese Zusammenhänge zu schaffen. Doch die Betroffenen waren bisher ohnmächtig gegen eine Wirtschaft, die ein Geschäft aus dem Leid macht. Allein die Kosten zur Behandlung derjenigen, die noch nicht an vergifteter Luft gestorben sind, schätzen die WHO-Experten in ihrem Bericht zur Klimakonferenz in Kattowitz auf mehr als fünf Milliarden Dollar im Jahr. Der Preis des Klimawandels schlägt sich in den Hospitälern nieder. Wenn EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen fordert, man müsse nun den Unternehmen helfen, „angesichts der von ihnen unverschuldeten Corona-Krise“, übersieht sie, dass den Bürgern schon immer die Rechnung für den Naturverschleiß der Wirtschaft auferlegt wurde. Die Staaten mit dem höchsten Ausstoß an krankmachenden Gasen müssen etwa vier Prozent ihrer Wirtschaftsleistung aufbringen, um die Schäden ihrer Unternehmen einzudämmen. Dabei würde es nur ein Prozent der globalen Wirtschaftsleistung kosten, den Pariser Klimavertrag zu erfüllen. Und so auf Dauer Millionen Menschen vor dem Tod zu bewahren. Warum greifen hier die humanistischen Werte nicht?

Die WHO ist nicht erst jetzt ins Gerede gekommen, wo der oberste Welt-Sündenbock-Finder ihr ausgerechnet in größter Not die US-Beiträge streicht. Zwar konnte sie die Pocken ausrotten und durch Aufklärung den Verbrauch von Nikotin stark senken. Und die Lebenserwartung ist in den meisten Ländern trotz allem gestiegen, auch wenn die gewonnenen Jahre oft mit Einschränkungen verbunden sind. Aber angesichts ihrer auf das Überleben der Menschheit gerichteten Aufgabe, war die WHO immer unterfinanziert. Letztlich ist diese UN-Organisation in Forschung und Betreuung nicht leistungsfähiger, als es der Wille ihrer 194 Mitgliedstaaten zulässt. Das macht sie abhängig von privaten Sponsoren, die inzwischen zum Hauptgeldgeber geworden sind. Man muss einem Bill Gates nicht jeglichen Altruismus absprechen. Aber Unternehmer verbinden ihren Edelmut am liebsten mit Geschäftemacherei. Die Gates-Stiftung hat Kinder und Frauen insbesondere aus Afrika zur Feldforschung benutzt, ihre Impfungen haben geholfen und geschadet. Jetzt wartet alle Welt auf den Messias, der Erlösung durch Corona-Impfung bringt. Also nicht nur eine vorübergehende, sondern die ultimative Lösung. Wieso sollte es gelingen, einen Stoff zu entwickeln, der schneller da ist als die Mutation von Covid-19? Wir kennen das Hase-und-Igel-Rennen von den Grippeimpfungen. Heilsversprechen ist zu misstrauen, erst recht, wenn sie von Privatfirmen kommen.

Der Machtkampf in der WHO spielt sich nur vordergründig zwischen den USA und China ab. Der eigentliche Konflikt besteht zwischen denjenigen, die das Übel an der Wurzel packen wollen, also an der Armut, den maroden privatwirtschaftlichen Gesundheitssystemen und der vergifteten Natur, deren Teil wir Menschen sind. Und denjenigen, die gegen das Gift vor allem ein Gegengift verkaufen wollen. Medikamente, Impfungen, Intensivtherapien, Apps. Diese Wirtschaft tötet, hat Papst Franziskus angeklagt, ohne dass sich etwas verändert hätte. Erst als das tödliche Virus kam und mit ihm die tägliche Katastrophen-Berichterstattung ein intransparentes Gefährdungsgefühl verbreitete, bebildert auf den Smartphones der Welt erstmals mit als Marsmenschen verkleideten Medizinern, mit überfüllten Leichenhallen, Särgen und gespenstisch leeren Städten, musste und durfte die große Wirtschaft vorübergehend aufhören zu töten. Während die kleine mitgeopfert wurde.

Der Autor der Pest, Albert Camus, wusste: „Es ist die natürliche Neigung des Menschen, sich und alle Welt mit sich zu ruinieren.“ Ist, was wir gerade erleben, mit der Logik des Absurden besser zu beschreiben als mit der des Rationalen? Denn die würde die Ursache als Prämisse nehmen und die Folge in Relation zu vergleichbaren Folgen setzen. Wer die Ängste und Entbehrungen der letzten Wochen mit der Hoffnung entschädigt, so bald wie möglich zu seinem gewohnten Leben zurückzukehren, hat die Botschaft des Virus nicht verstanden..

Daniela Dahn ist Schriftstellerin und Publizistin. Zuletzt erschien ihr Buch Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute (Rowohlt 2019)

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06:00 30.04.2020
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Ausgabe 43/2020

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