Ein journalistisches Weihnachtsmärchen

fast! Kritischen Journalismus.
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"Darf es auch ein bisschen weniger sein?" ein Engelchen namens SlomkaGabriel blinzelt frech über die Ladentheke. Nein, wir sind nicht im Metzgerladen und es geht nicht um Wurst. Es geht um verweigerte Demokratie - ihren Ausverkauf. Geht das auch anders? Mehr Demokratie zu Weihnachten – bitte! Wie? - So wie bei Freitag - oder so ähnlich.

Spitzenengel und Erzengel

Das Wortgefecht Slomkas und Gabriels – wirft die Frage auf, um was da eigentlich gefeilscht wird? Was da über die polit-mediale Ladentheke geht ----- ist: Demokratie. Die Verkäufer/innen lächeln: „Darf es ein bisschen weniger sein?“ Gabriel wie die Jungfrau zum Kinde zu einer Mitgliederbefragung gekommen, möchte ein bestimmtes Ergebnis sehen, er wirbt für eine große Koalition und zeigt dabei eine sonderbare Haltung, die eher an eine Einflussnahme auf die Willensbildung als mit echtem Interesse am Willen derer, die da an der Basis befragt werden, zu tun hat: Also Befragung ja, aber mit bestimmtem Ausgang - bitte. Die Gewerkschaften und und und und und unterstützen ihn dabei, und er weiß sich siegesgewiss, dass das Ergebnis passen wird. Slomka ist selbst das noch zu viel. Gefälligst die Abgeordneten! Die Spitze, nur die Spitze. Es folgt eine Belehrung in puncto parlamentarische und repräsentative Demokratie und der Hinweis auf eine angestrebte Verfassungsklage.

Im Himmel der Demokratie.

Im Himmel der Demokratie flattern die Weihnachtsengel aufgeregt hin und her. Und siehe die Jungfrau auf Erden bekam ein Kind und gab ihm den Namen Demokratie. Die Hüter/innen der Demokratie, die Eliten, sorgen sich: „Demokratie. Das sind doch schon wir. Die Oberen! Demokratie. Nicht mehr als muss, es reicht, wenn wir das haben! Eine Befragung da unten auf Erden!? Und Du weißt doch wie das mit den Menschen und ihren Moden ist, erst nennt eine ihr Kind Demokratie, und plötzlich heißen sie alle so!“ „Keine unnötige Aufregung, das Ergebnis wird schon passen, wie gewünscht ausfallen.“ (Erzengel Gabriel in Doppelbesetzung) „I hab dacht, das war Dei Kind!“ Petrus hebt den Zeigfinger und droht mit dem Himmelsschlüssel. Kleiner Putto mit Gabrielgesicht fliegt frech flatternd vorbei. Der große Gabriel: „Ich tu nur so“, der große Gabriel wird rot. „Ist wenig nicht schon zu viel? Wenig und geht nicht noch weniger?“ (blonder Weihnachtsengel) „Das Kind wird amend noch mal groß und dann, dann haben wir es – eine große Demokratie! Wenn jetzt schon manche zweimal abstimmen, also ihre Stimme zweimal abgeben und nicht nur einmal, bald geben alle ihre Stimme ganz oft ab, weil das dann plötzlich alle wollen - mehr Demokratie, wenn das mal wo einreißt, dann haben wir den Salat! Dann sind wir unsere Jobs los, braucht kein Mensch mehr Verkündigungsengel, Parteifunktionäre und Trompetenengel, machen die Menschen alles gleich selbst.“ (weinend, kleiner Trompetenengel) „Dann noch mit einer Weltlichen! Sakrament!“ Petrus haut auf den Tisch. Kleiner Trompetenengel:„Und der Luzifer kann seinen schönen neuen Kampfjet verschrotten, wenn es keine Kriege mehr gibt für die Demokratie, wenn das alle einfach so haben, also so ganz friedlich, plötzlich ohne was! Dabei flitzt er so gern mit dem Ding durch die Kante und was das Arbeitsplätze kosten wird, die ganze Engelarmee arbeitslos auf einen Schlag, alle werden sie verhungern.“ „Nein, nein sorg Dich nicht, kleiner Engel, die Befragung wird gut ausgehen, zwar wird es Schule machen – und mehr Parteieintritte geben, hi hi, das macht Kohle, Mitgliederbeiträge, aber es gibt keine große Demokratie, nur eine große Koalition und da passt dann schon alles wieder, sieh nur kleines Engelchen“, der große Erzengel packt einen Leitzordner aus, „im Koalitionsvertrag ist alles ganz schwarz, wir haben so viel zu tun, alle Seelen kohlrabenschwarz, dafür ist auch in Zukunft gesorgt. Die Jobs sind sicher - unsere Jobs!“ (Erzengel) „Das sagst Du jetzt so! Außerdem ich kann da ja gar nichts lesen, da ist ja alles schwarz!“ „Sag ich doch! Das haben wir von den Liberalen abgekupfert, beim Armutsbericht gelernt, heißt Schwärzen der Zeilen. Seiten, jetzt auch mit ganzen Seiten! hi, hi Wir Roten haben das Schwärzen weiterentwickelt: das Seitenverfahren entwickelt.“ (Erzengel hüpft stolz umher) „Über was reden wir dann hier? Dann ist das Ding ja unbrauchbar“ „Blödsinn! Quatsch! Unbrauchbar, sagen Sie doch nicht so was, man kann es z. B., hm, z. B. also, also, keine Ahnung, also z. B. als Podest verwenden – für den Trompetenengel“ „Sie werden mir jetzt nichts unterstellen!“

Tatort. Der Weihnachtstatort

Weihnachten und das slomka-gabrielsche Märchen vom kritischen Journalismus, aber von kritischem Journalismus ist das so weit entfernt wie viele traditionelle Krippenspiele von der wirklichen Weihnachtsgeschichte. Und unsere Demokratie wie demokratisch ist sie? Wir leben in einem Land, in dem sich Menschen verfassungsrechtliche Gedanken machen, wenn eine Partei ihre Basis befragt, dieselben besorgten Menschen, machen sich keine Sorge, wenn sich Macht kumuliert und konzentriert auf wenige Akteure. Wie steht es denn mit der Freiheit des Gewissens und wie z. B. mit der Unabhängigkeit der Bereiche Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Religion, wenn z. B. Lehrstuhlinhaber/innen zugleich Parteimitglieder sind, zugleich eine wichtige Rolle in Tendenzbetrieben wahrnehmen, zugleich in Wirtschaftslobbyvereinen in Erscheinung treten? Politiker/innen nach ihrer politischen Karriere, Wirtschaftskarrieren anfangen? Wie unabhängig ist die Politik? Wie ist das mit der Unabhängigkeit der Wissenschaft? Wie mit der Gewissensfreiheit? Und wie steht es um kritischen Journalismus? Wenn die Interviewpartner/innen kumulative Amtsanhäufungsträger/innen sind - Menschen, die Ämter an der Brust tragen wie manche Militärs Orden und Abzeichen auf den Uniformen, dann ist der journalistische Tonfall voll der ehrfurchtsvollen Achtung, regt sich der kritische Geist nicht, gebietet die Ehrfurcht schweigen. Aber so eine Mitgliederbefragung, das ist schon eine schwerwiegende Sache, vor allem wenn da einer ist, der wie die Jungfrau zum Kinde kam… Traditionelle Krippenspiele sind dazu gemacht, dass Menschen von Kindesbeinen an Dinge glauben, die dem gesundem Menschenverstand gemäß kein Mensch normalerweise glauben würde…

Krippenspiel - Version 1 - traditionell: Und die Jungfrau bekam ein Kind, vom heiligen Geist, den Sohn Gottes brachte sie zur Welt. Und die Parteispitze wird das Kind fragen und es wird große Demokratie, ähm, große Koalition sagen… soweit Journalismus.

Kritischer Journalismus hingegen würde anders klingen - Krippenspiel - Version 2 - kritisch-journalistisch: Weihnacht is. Oh Gott! Und was sagt die philosophische Aufklärung dazu? Geht das auch a weng moderner? Und sie gaben dem Jesuskind den Namen Demokratie. Is dr Erzengel Gabriel dr Vatr des Kindes?! Was ist mit dem heiligen Geist los? War es amend vielleicht doch der Sepp? Bertl? Klaus, Franz? Egal. Wer heißt denn so? Niemand. Was sagt denn das Kind selbst? Kind?! Das Kind in der Krippe? Ein Toter. Was?! Ich hab gedacht wir feiern Geburtstag. Scho, jedes Jahr! Alle Jahre wieder… Und das Kind in der Krippe? Ein ausgwachsener Kerl! Maus tot! Arztbericht: Tod durch Repräsentation. Demokratie muss erst wieder mit Leben gefüllt werden. Wir brauchen unmittelbare, direkte Demokratie. Was is jetzt mit dem Jesus? Lebte vor 2000 Jahren, weiß keiner so genau. Du hast doch grad gsagt, dass er tot war. Scho, aba er is nach ein paar Tagen wieder auferstanden. Hä? War er jetzt tot oder lebte er! Hm, erst tot und dann wieda lebendig. Normalweis is doch andersrum erst lebt man, dann is man tot. In dem Fall halt net, sonst war es doch koa Tatort-Weihnachtskrimi. Also diesmal is so, ein Toter lebt wieda. Auferstehung. Unmittelbare Demokratie lebt! Is doch eh vui schöner, net imma so traurig, richtig freudig mal! Frohe Weihnacht! Ein Gesellschaftskritiker und religiös kritischer Freigeist hielt in Galiläa auf einem Berg eine Rede, in der er ungerechte Strukturen kritisierte und bestehende Herrschaftsverhältnisse in Frage stellte. Seine Mutter, eine von religiösen und politischen Fanatiker/innen wegen ihres unsteten Lebenswandels Verfolgte, setzt sich seit ihrer Rückkehr aus Ägypten für das Recht der Frauen auf sexuelle Selbstbestimmung, freien Lebenswandel und für politische und gesellschaftliche Gleichstellung und Gleichberechtigung ein. Das gefiel einer Maria aus Magdala. Sie befreundete sich mit der Gottesmutter Maria und verband deren Theorie mit ihren eigenen Gedanken. Maria aus Magdala beruft sich auf Kindheitserzählungen, wonach Opfer kriegerischer und militärischer Gewalt sich aus Verzweiflung aus Felsenhöhlen in den Tod stürzten. Sie kritisierte deshalb Militarismus und Kriege. Sie machte aus einer handvoll Aufständischer eine Friedensbewegung. Das gefiel allen, bloß am Judas net. Der Judas ein richtig schlimmer Terrorischt oder Antiterrorischt so genau weiß das keiner, is doch ois desselbe! Halt so ein Gwaltmensch, war deswegen bocknarred auf d’ Maria von Magdala. Sie entging zusammen mit Jesus nur knapp einer Steinigung durch religiöse Fundamentalisten/innen. Jeßas Maria! Was sie net sagn?! Genau, Maria, Jesus und Maria von Magdala und ihre Leute entwickelten eine gesellschaftliche Utopie, deren zentraler Satz: „Nie mehr Krieg, nie mehr nationales Gegeneinander, Liebe für alle“, lautet. „Das hab i scho mal wo ghört, aber net in dr Kirchn und im Noia Teschtament schtand dös a net.“ Genau, weil die zugehörigen Schriften tauchten erst später auf, waren lange verschollen. „Zeig mal!“ „Du dös ist doch d’ Handschrift vo der Pepi!“ „Was?“ „Ja, gwiss! Luag her, i hob doch an Brief vo ihr!“ „Lieber Wuschel… “ „Was schreibt die Dir denn?“ „Is doch jetzt egal“ „Egal, dös war doch der eine!“ „Ond Du die is doch Feminischtin oder wia dös heißt!“ „Was is denn dös?“ „Weiß i a net so genau.“ „Aba jedenfalls, Du amend war dös mit der verschollenen und wiedergfundenen Schrift bloß a Idee vo do Pepi, also a Marketingidee vo dö Pepi für den noimodischa Feminismus“ „Dass dös, also den noimodische Feminismus, dr Pfarr au glaubt! Der hat ihr und alle Leit im Dorf doch allweil s’ Leabe so schwer gmacht, aber seitdem er die Schrift gfunda hat, is ois guat im Dorf, koaner streit mehr, all sind se liab mitanand“ „Was hat denn der letztschte Woch aus dem ganz noie Teschtament vorglesn am Sonntag?“ „Mei, über dö Johannes halt diesmal. Weißt doch!“ „Ja und was?“ Der langjährige Lebenspartner Jesu, Johannes, setzt sich für die rechtliche Gleichstellung homosexueller Lebenspartnerschaften ein und plädiert für ein Adoptionsrecht gleichgeschlechtlicher Paare. Und jetzt? Hat ein unbekannter Engel, vermutlich dann halt eiser Pepi, wenn dös ois a so is, im Pfarr an Brief gschriem, er hätte von einem Engel an Auftrag, dös ganz noie Teschtament soll nach Rom, also und dann hat Pepi vermutlich mit Engel unterschrieben. „ps Geht das nächstes Jahr alles klar – mit der Liebe und dem Frieden und alles?“ Und was steht nached no in dem Brief? „Eine Familie lässt sich nicht formal definieren, ist da, wo Liebe ist.“ „Was meint se denn damit wieda?“ „Kennst doch Pepi! I weiß a net!“ „Ließ weiter! Vielleicht wird es dann klarer“ „Z. B. Jesus, Johannes, Maria Magdalena und ihr Kind waren eine Familie. Und außerdem ihre Freunden/innen waren ihre Familie.“

Kritischer Journalismus = demokratisch-diskursiver Journalismus – so hat es angfangt…

Version 1 des Krippenspiels reproduziert einen Mythos. Version 2 entspricht kritischem Journalismus. Es braucht kritischen Journalismus, demokratisch-diskursiven Journalismus. Das Spiel kann nicht mehr länger heißen, ein paar Journalisten/innen fragen (brav systemkonform) und ein paar politische Parteifunktionäre antworten (ebenso konform). Es geht um mehr Demokratie in den Medien und in der Politik! Um grundsätzliche Fragen, kritische Fragen! Es geht um mehr Mut zu Basisdemokratie, direkten Demokratie, unmittelbarer Demokratie! Das Freitag-Zeitungs-Projekt ist ein klasse Anfang, aber die meisten Medien hängen nach wie vor konventionellen journalistischen Formen an - wie Slomka und Gabriel eindringlich vor Augen führten. Die Form starr: Medienvertreterin befragt repräsentativen Parteifunktionär. Gesprächs-Inhalt: Politische Mythenbildung. Das Ganze ist vergleichbar mit einem Kirchgang. Alle heilige Zeiten: Wahlen, Stimmabgabe, die Menschen schweigen wie in der Kirche, dieselbe Lesung, die Predigt ähnlich, niemand stellt grundsätzlich kritische Fragen. Die Bürger/innen in der passiven Haltung von Rezipienten/innen schweigen wie Kirchgänger/innen, stellen keine Fragen, hören sich Fragen wie Antworten an. Das geht auch anders. Freitag lebt es vor – und zeigt, dass etwas wie demokratischer und diskursiver Journalismus möglich ist, Journalismus keine Einbahnstraße sein muss und Diskursprozesse und aktive Bürgerbeteiligung am Schreibgeschehen möglich sind. Man kann nur hoffen, dass das Freitag-Projekt Schule macht und die konventionellen Formen des Journalismus irgendwann der Vergangenheit angehören. Ansonsten kann man konventionellen Journalisten/innen vielleicht noch das Buch: „Hilfe, die Herdmanns kommen!“ empfehlen, die Geschichte der Dekonstruktion eines traditionellen Krippenspiels, nichts ist mehr so - wie man es aus der traditionellen Mythenbildung rund um Weihnachten kennt, und plötzlich wird alles lebendig und freudig! Journalismus verliert nicht, wenn er die überkommenen Formen ablegt, sondern wird erst richtig lebendig dadurch, weil analog zu dieser Kindergeschichte könnte man sagen, wir brauchen keine Mythen über die Demokratie, sondern gelebte Demokratie.

Kritischer Journalismus – demokratischer Journalismus

Solange Journalisten/innen und Parteifunktionäre in der Mehrzahl als Exklusionsverwaltungsbuchhalter/innnen eines EinbahnstraßenBerichtswesens auftreten, steht es schlecht um kritischen Journalismus und schlecht um die Demokratie. Es geht nicht nur um den Staat und Staatstheorie, sondern es geht um die Gesellschaft und Sozialphilosophie und auch Medien müssen sich die Frage gefallen lassen, wie demokratisch strukturiert sie sind und wie demokratisch legitimiert ihr Handeln ist? Wer stellt die Fragen, wer gibt die Antworten? Demokratie bedeutet alle Autorität geht vom Volke - von den Bürger/innen aus. Die Bürger/innen sind aktiv beteiligt am Diskurs, der Entscheidungsfindung und am demokratischen Geschehen, sie sind keine Statisten/innen oder Zuschauer/innen, sondern sie gestalten die Gesellschaft aktiv mit. Das unterscheidet eine Demokratie von Monarchie und Aristokratie und von Tyrannis und Oligarchie. Demokratische Entscheidungsfindungen beruhen seit Anbeginn der Demokratie auf Diskussionen. Wie demokratisch ist eine sog. Demokratie – in der wenige Eliten den Diskurs bestimmen? Wenige Repräsentanten/innen den inhaltlichen Entscheidungsfindungsfindungsprozess dominieren und Entscheidungen schließlich im Namen anderer, die sie repräsentieren, treffen? Theoretisch gefragt. (wenn auch stark vereinfacht)

Und unsere Gesellschaft, die Politik?

Und faktisch? Wie steht es um die soziale und gesellschaftliche Wirklichkeit? Wie demokratisch ist unser System? Wenn man/frau die verschiedenen Studien und Untersuchungen zur Hand nimmt, die seit Beginn der frühen Industrialisierung über gesellschaftliche und politische Teilhabe- und Mitgestaltungsmöglichkeiten verfasst wurden, zeigt sich, dass relativ konstant vor allem Herkunft und materielle und ideelle Ressourcen sowie soziale Faktoren über Teilhabe- und Mitgestaltungsmöglichkeiten entscheiden. Soziale Durchlässigkeit ist wenig gegeben. Alte Eliten reproduzieren sich oft sehr stabil, nicht selten sogar über Systemwechsel hinweg. Ebenso vererben sich Armutsbiografien, ein Entkommen aus der Armutsspirale, sozialer „Aufstieg“ stellt eher die Ausnahme denn die Regel dar. Armut bedeutet dabei weit mehr als materielle Armut, Armut bedeutet auch Bildungsarmut, bedeutet auch Armut mit Blick auf gesellschaftliche Teilhabe und Mitgestaltungsmöglichkeiten. (Exkurs: Zu den klassischen Formen der Armut kommen neue Formen der Armut, die unter anderem das Grünbuch der Kommission der Europäischen Gemeinschaften bereits Mitte der 1990-er Jahre beschreibt (Die Betonung liegt auf sozio-strukturellen Merkmalen, es manifestieren sich Entwicklungen in Richtung der Zweiteilung und Zersplitterungen der Gesellschaften) und die in der Sozialarbeitswissenschaft unter den Begriffen „Klassische Armut“ und „neue Armutsrisiken“, „Krise des Wohlfahrtsstaates und der Sozialarbeit“, gesellschaftliche Prozesse der „Individualisierung und Biografisierung von Armut“ diskutiert werden (dazu später mehr)) Sowohl klassische Formen der Armut als auch neue Formen der Armut bedeuten mehr als materielle Not, Armut schneidet vor allem von Teilhabe- und Mitgestaltungsmöglichkeiten ab. Kinder, die in materieller Armut aufwachsen, haben einen ungleich schwereren Zugang zu Bildung. Bildungsarmut wiederum erschwert nicht nur die spätere Teilhabe am Berufsleben, sondern macht auch Verbands- und / oder Parteikarrieren relativ unwahrscheinlich. Erwerbsarbeitslose und Arme haben auch keine starken Interessensverbände oder Lobbyvereine, die auf Augenhöhe mit den Wirtschaftslobbyisten stünden. Wie demokratisch ist unsere Demokratie? Wie viel Oligarchie, wie viel Meritokratie ist ihr beigemischt?

Politikverdrossenheit oder Showverdrossenheit?

Machtspiele und bestimmte Formen von Sprachspielen gehören zu Politik und Medien. Wie viel Opportunismus und pawlowsche Konditionierungsmomente spielen in Partei- und Interessensverbandskarrieren eine Rolle? Wie entscheidend sind Ellebogen? Und um was geht es – um Inhalte? Skandale, Intrigen, Köpfe rollen? Und die Bürger/innen – sind sie wirklich politikverdrossen, wenn sie Parteipolitik für sich nicht als Weg sehen, wenn viele auch ihre Stimme nicht mehr zur (Wahl)Urne tragen wollen, Zeitungen an den Kiosken liegen bleiben, vielleicht sind sie ja gar nicht poltikverdrossen, sondern showverdrossen – vielleicht reicht es den Bürger/innen z. B. mit dem von Parteipolitikern für ihre parteipolitischen Zwecke inszenierten makaberem Showfernsehen am Hindukusch, das selbst davor nicht zurückschreckt Krieg zum medialen Ereignis zu machen, mit Werbefernsehen für Parteien, bunten Wahlplakaten voller leerer Versprechungen und Marketingslogans von Medienagenturen – vielleicht wollen die Bürger/innen keine FormalDemokratie in Showformat, sondern einfach nur mehr Demokratie, mehr Teilhabe- und Mitgestaltungsmöglichkeiten? Vielleicht gilt die Absage der Parteibuchunterwerfung, der Macht und der Repräsentation. Nicht aber der Kreativität und Gestaltung. Vielleicht gibt es eine große Sehnsucht nach mehr Demokratie, nach unmittelbarer Demokratie. Wenn man Menschen zuhört, hört man oft den Satz: „Die da oben machen eh was sie wollen.“ in allen möglichen Variationen: „Gschafftlhuber do droba machen doch Politik eh unter sich aus.“ „Ois a Filz, a Sumpf der Mächtigen und Geldigen“ usw. usf. Die selbsternannten Eliten sehen in solchen Sätzen nur das Stammtischgeschwätz der einfachen Leute. Aber ist es das wirklich? Was spricht aus solchen Sätzen? Politikverdrossenheit – nein! Im Gegenteil sie fallen oft in Gesprächen, in denen Menschen zeigen, dass sie sich Gedanken machten zu einem Thema, das ihnen am Herzen liegt, z. B. weil die Politik an diesem oder jenem Punkt ihr Berufsfeld unmittelbar betrifft. Beispielsweise spricht ein ehemaliger Bauer darüber, weshalb er seinen nachhaltig bewirtschafteten kleinen Hof schließen musste, nur noch wenige Großbauern überlebten und was das in seinen Augen mit der Subventionspraxis und Landwirtschaftspolitik zu tun hat. So ein Gespräch endet dann mit einem Satz: „Aber die da oben machen eh was sie wollen“ Nur ein Beispiel. Man kann sich mit Menschen aus unterschiedlichen Berufsgruppen unterhalten, diese Menschen sind interessiert und informiert über die aktuellen politischen Entwicklungen, die ihr Berufsfeld betreffen, schon allein deshalb, weil sie ihren Berufsalltag betreffen, sie unmittelbar zu spüren bekommen, was sich jeweils gesetzlich tut (oder auch nicht tut) und wenn man ihnen zuhört, erfährt man viel darüber, was sie meinen, wenn sie sagen: „Die da oben machen zwar die Vorschriften - und sind doch soweit weg von der Realität, aber als kleiner Mensch ist man da machtlos.“ Andere Beispiele: Es gibt Menschen, die sich für Naturschutz engagieren und viel bewegen. Menschen, die sich sozial engagieren, sich für Verständigung einsetzen, Hilfsprojekte aufbauen usw. – diese Menschen sind sehr wohl politisch interessiert an den Themen, die ihren Bereich betreffen, sehr wohl informiert, diese Menschen machen sich Gedanken und haben Ideen. Aus Sätzen – wie „Die da oben machen eh was sie wollen“ spricht nicht Politikverdrossenheit, sondern der Frust und die Resignation, die darin begründet liegen, dass Politik das Geschäft der Parteifunktionäre, großen Interessenverbände, Lobbyisten, Eliten, Beamten und Medienkonzerne ist. Ich höre aus den Aussagen – eine Sehnsucht nach mehr Demokratie, nach mehr unmittelbarer Demokratie. Die Piraten waren für viele eine gewisse Hoffnung, setzten dann doch auf Repräsentation, statt auf Authentizität. Aussagen, die in Richtung Fünf-Minuten-Politik und alles Relevante schnell mal googlen gingen, lösten, so nahm ich es war, bei vielen, die anfangs den Piraten sehr offen gegenüber standen, im Laufe der Zeit Skepsis aus. Wer beispielsweise in der Pflege arbeitet, ist unmittelbar betroffen, von Gesetzesänderungen in diesem Bereich und hat ein ernsthaftes Interesse daran, dass fachlich fundiert an Gesetzesnovellen gearbeitet wird. Die Piraten hätten das optimale Werkzeug dazu in der Hand, mehr Authentizität in die Politik zu bringen, indem sie die Basis der Gesellschaft ernsthaft einbinden. Dass Leute zwischen Musikdownloads eine Fünf-Minuten-Politik machen könnten, ist eine Horrorvorstellung vieler, die schon von der traditionellen Stellvertretungspolitik gebrannt sind und einmal oder mehrfach in ihrem Berufsalltag erlebten, was basisfern initiierte Gesetze anrichten können und es Tag für Tag ausbaden mussten. Warum nutzten bzw. nutzen die Piraten nicht die Chance anders zu sein als die konventionelle Repräsentationspolitik, in der Ressortspringen ein großer Sport ist und ansonsten vor allem basisferne Beamten/innen und Juristen/innen aus Amtsstuben im Hintergrund für andere stellvertretend gestalten. Die Piraten hätten die Diskursplattformen, die verstaubte AmtsBudenpolitik zu öffnen, die Fenster hin zu den Bürger/innen aufzumachen, die bisher verschlossen waren. Wieso negieren sie es wieder mit Stellvertretung und dem Habitus und bevormundendem Duktus traditioneller Politik? Alle sollen mitgestalten können, die Möglichkeit haben sich (nicht mal schnell für Minuten zwischen Pommes und Cola, sondern intensiv und fundiert) in den Diskurs einzubringen, aber Stellvertretung negiert den Vorteil, den die Piraten haben wieder. Ich denke, die Piraten hätten viel Vertrauen bei den Menschen aufbauen können, hätten sie jeweils verschiedene Menschen authentisch sprechen lassen, jeweils immer die, welche die Ideen zu Themen einbrachten (z. B. Pfleger/innen, Hebamen, Bäcker/innen, Ärzten/innen, Mütter, Väter, Kulturschaffende, Naturschützer/innen….) und mit den jeweiligen Themen verwoben sind, sie hätten den Diskurs selbst in die Mitte der Gesellschaft transportieren sollen und Menschen dabei aktiv einbinden und nicht das „Sprechen darüber“ im Repräsentationspolitikstil.

Politikverdrossenheit?! Der Geist der Aufklärung weht!

Wenn man mit Menschen spricht, sie fragt und zuhört, zeigt sich, dass das, was die sog. angebliche Politikverdrossenheit ausmacht, sehr viel mit dem zu tun hat, was aufklärerischer Geist will, den Ausgang aus der unverschuldeten Mündigkeit. Die Menschen sind es einfach satt bevormundet zu werden. Sie sind enttäuscht von einer Politik, welche die Bürger/innen in die Unmündigkeit abdrängt, auf Stellvertretung und Repräsentation setzt, statt auf Diskurs und Authentizität.

Sind die da unten politikverdrossen?! Oder hapert es nicht viel mehr mit dem Demokratieverständnis der sog. Eliten da oben?!

Bei manchen Sätzen, die in elitären Kreisen fallen, fragt man sich ernsthaft, wo das Demokratiedefizit liegt!? Die Kanzlerin soll gesagt haben, dass das Volk sie beim Regieren störe. Ein bekannter SPD Berufspolitiker schimpfte unlängst so massiv auf einen Fragenden auf einer Veranstaltung, dass es durch alle Medien ging. In CDU nahen konservativen elitären Kreisen fallen Sätze wie: „Was sorgen Sie sich um die Wahlbeteiligung? Eine niedrige Wahlbeteiligung ist nur zum Vorteil der Konservativen, wie das Beispiel der Vereinigten Staaten zeigt.“ Aus solchen Aussage spricht ein elitäres Politikverständnis, das Bürger/innen für unmündig erklärt, und aus dem elitären Verständnis spricht die Überheblichkeit und Arroganz der Eliten. Statt alarmiert zu sein, statt nach den Gründen zu fragen, weshalb die Menschen Vertrauen in das politische Geschehen verlieren, statt nachzufragen, verstehen zu lernen, ist es nicht wenigen Berufspolitikern/innen gleichgültig, wenn Wähler/innen ihnen das Vertrauen entziehen und nicht (mehr) wählen gehen. Wenn ich Menschen, die nicht zur Wahl gingen frage, bekomme ich Antworten – wie: „Agenda-2010 Politik und was unterscheidet die SPD noch?“ „Ich hab immer SPD oder Grün gewählt, als sie dann an der Macht waren - wurde nichts besser. Sozialstaatsabbau und Kriegseinsätze, dazu brauch ich nicht wählen gehen.“, „Man wählt schwarz und kriegt Neoliberalismus, man wählt rot und kriegt Neoliberalismus.“, „Grüne – die neue Bourgeoisie“, „Grüne sind zwar öko, aber nicht vegan.“, „Piraten – Internet ist wichtig, auch für die Politik, aber das Internet ist nicht das Zentrum, um das sich Politik drehen sollte. Menschen und reale Begegnungen sollten Politik vor allem tragen.“ Einige Freunde/innen wählten die Partei für Mensch und Naturschutz. Ich wählte links. Einige Freunde/innen wählten Piraten, andere SPD, die Grünen, CDU/CSU manche Freunden/innen wählten gar nicht mehr. Die aber, welche nicht wählten, sind keineswegs politisch desinteressiert, sondern nennen Gründe wie in genannten Zitaten. Diese Gründe lassen auf alles andere schließen als auf mangelnde Reflektiertheit oder Politikverdrossenheit.

Vielmehr müssen sich die politischen Eliten die Frage gefallen lassen, wie es um ihr Demokratieverständnis steht, wenn sie das Ausbleiben der Wähler/innenstimmen mit einem gleichgültigen Achselzucken quittieren oder alles mit dem Schlagwort „Politikverdrossenheit“ abtun – ohne sich mit den Gründen auseinanderzusetzen, die sehr wohl mit dem zu tun haben, was in der Politik geschieht und vor allem damit – wie Politik gemacht wird. Das Schlagwort (Schlagwort im wahrsten Sinne des Wortes) „Politikverdrossenheit“ ist pure Ignoranz, dem gegenüber, was in den Köpfen und Herzen der Bürger/innen vorgeht.

Verwehrte Demokratie.

Den Bürger/innen wird direkte Demokratie verwehrt und verweigert und sie verweigern zurück, verweigern das Schauspiel der Funktionäre und Machteliten, der Repräsentanten/innen, bei dem einige wenige elitäre Journalisten/innen einige wenigen elitären Parteifunktionären Fragen stellen und Antworten geliefert werden. Alle paar Jahre sollen die Bürger/innen die Stimme abgeben, ansonsten sind sie Zuschauer/innen, die ihrer eigenen Entmündigung in regelmäßigen Abständen zustimmen sollen. Diese Stimme, einmal abgegeben, wächst erst in Jahren wieder nach (Jakob Augstein). Was ist denn jetzt mit einer/m mündigen Bürger/in, der bzw. die seine/ihre Stimme nicht abgeben will, sondern mitgestalten will? Was ist mit den Bürger/innen, die das wollen, was Demokratie eigentlich ausmachen sollte, die aktive Beteiligung aller am Diskurs, an Entscheidungsfindungsprozessen und an den Entscheidungen selbst? Was ist denn mit den Bürger/innen, die es mit dem Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit, mit der Aufklärung ernst meinen? Vielleicht wollen sie ihre Stimme nicht an Repräsentanten/innen, die sie bevormunden, abgeben, sondern bitteschön inhaltlich die Diskussion mitgestalten, inhaltlich mitabstimmen.

Über die Sehnsucht. Neid der Armen? Oder Geiz der Eliten!

Ein unverschämt schön verschwenderischer Blütenrausch!

Und doch! Die Sehnsucht: Gebrochene Flügel machen sich auf. Blütenblätter öffnen sich. Ist es schlimm, wenn man/frau nicht nur alle vier Jahre blühen will, um dann doch bloß abgeschnitten zu werden? Ist es schlimm, wenn man mehr will, mehr Demokratie, wenn man Tag für Tag blühen will, Demokratie leben, teilen und weitertragen will?

Die Sehnsucht nach mehr Demokratie wird mit dem Neid-Argument verwehrt. Aber verbirgt sich hinter dieser ganzen Neid-Debatte nicht in Wahrheit der Geiz der selbsternannten Eliten?!

Immer dann wenn Bürger/innen sich für mehr Teilhabegerechtigkeit und Mitgestaltungsmöglichkeiten engagieren müssen sie gefasst sein, dass ihnen das Neid-Argument um die Ohren gehauen wird. Weil die Eliten halten sich eindeutig für die besseren – was eigentlich? Besseren: Paternalisten/innen? Repräsentanten/innen? Jedenfalls haben sie gute Gründe ihre Prädestination zur Macht zu begründen, Leistung ist eine solche Begründung. Aber dann passt das mit der Prädestination nicht? Doch weil wer was im Leben leisten kann in dieser Gesellschaft, das hängt nicht irgendwie mit der Leistung zusammen, mit der sich Eliten so gerne schmücken, Geburt entscheidet über Teilhabechancen, von wegen Chancengleichheit (GG). Also doch nicht Leistung? Was jetzt? Gar nicht so einfach mit der Analyse. Bereits das Grünbuch der Kommission europäischer Gemeinschaften aus dem Jahr 1993 beschreibt eine Entwicklung, bei der zu den klassischen Formen der Armut neue Armutsrisiken kommen. Soziale Ausgrenzung, Exklusion haben mit neuen Formen des technologischen Strukturwandels und verschärften Wettbewerbsformen zu tun, die das soziale und gesellschaftliche Gefüge unterminieren und die Wohlfahrtsstaaten bedrohen, die Gesellschaften sind in Dynamiken verfangen, die in Richtung Zweiteilung oder Zersplitterung gehen.

„Es entsteht eine ‚gespaltene Normalität’: Während die Intensivierung des kapitalistischen Verwertungsprozesses durch den technologischen Strukturwandel… und den entsprechenden veränderten Organisationsstrukturen einerseits die Intensität der Arbeit für die im Beschäftigungssystem verbleibende Bevölkerung erhöht und diese noch stärker an den konventionellen Lebensentwurf der Erwerbstätigkeit bindet, bleiben andere Teile der Bevölkerung vom ökonomischen System abgekoppelt, ohne dauerhaftes Beschäftigungsverhältnis, ohne angemessene Sozialleistungen und damit nicht nur weit unterhalb des durchschnittlichen Lebensstandards, sondern auch immer weiter entfernt zu den Zugangspforten zur Beteiligung an der gesellschaftlichen Entwicklung.“ (Lothar Böhnisch, 1994: Gespaltene Normalität. S. 47)

Der Wunsch nach einer Rückkehr in die goldenen 1980-er, eigentlich eher goldenen 1970-er (bereits in den 80-ern setzten die Veränderungen ein, verschärft in den 90-ern) – verkennt die Tatsache, dass der

„Sozialstaat damals auf eine prinzipielle Reintegrationsperspektive in die (Erwerbs- Anmerk. der Verf.) Arbeitsgesellschaft setzen konnte und ‚Vollbeschäftigung’ auch im durchschnittlichen Kalkül des ökonomischen Systems eine zentrale Rolle spielte, … diese Reintegrationsperspektive (ist Anmerk. der Verf.) heute gefährdet.“ (ebd. 46 f.)

Kapitalismuskritik ist deshalb wichtig.

Kapitalismuskritik wurde auch keineswegs mit den neuen Entwicklungen im Internet überflüssig. Im Internet spiegeln sich die realen gesellschaftlichen Strukturen weitgehend wider. Das Internet ist weder ein herrschaftsfreier Raum noch sind die Menschen gleichberechtigt wie die Bytes in der Leitung - wie es das Menschenbild der Piraten lange nahe legte (das zwischenzeitlich überarbeitet wurde). Internetpräsenz, die Realisierung und Pflege von Plattformen, ebenso wie die Teilnahme an bestehenden Angeboten, das Erreichen von relevanten Zielgruppen, das alles und vieles mehr muss man sich leisten können (zeitlich, ökonomisch, usw.) Das Internet ist nicht gerecht, kein Paradiesgarten, keine bessere Welt. Viele kleine Projekte machten die Erfahrung, dass sie von großen Akteuren verdrängt wurden, und das nicht nur im wirtschaftlichen Umfeld, wo die großen Marktakteure bestimmen, sondern auch mit Blick auf kleine kulturelle Projekte und gesellschaftliche Projekte, deren Ideen oft einfach von großen Akteuren aufgesogen und geschluckt wurden. Ausbeutung ist nicht nur in der Gesellschaft ein Thema, sondern auch im Internet. System- und Kapitalismuskritik ist deshalb nach wie wichtig! Und die Fragen nach Teilhabegerechtigkeit und Mitgestaltungsmöglichkeiten stellt sich auch in der virtuellen Welt. Zweifelsohne es gibt neue Möglichkeiten, die es so vorher nicht gab, aber diese Möglichkeiten sind weit weit davon entfernt, dass von Gleichberechtigung die Rede sein kann. Nicht nur die Zugangsvoraussetzungen sind nicht gleich, sondern wer z. B. die grundlegenden Kulturtechniken (Lesen, Schreiben…) nicht beherrscht und das sind in sozialen Brennpunktvierteln viele, hat in der wirklichen wie in der virtuellen Welt schlechte Karten. Zu diesen grundlegenden Kulturtechniken gehören auch Sprach- und Umgangsformen. Benachteiligte Kinder, für die Erfahrung von Gewalt (das hat auch mit Sprache zu tun) an der Tagesordnung ist, kennen oft gar keine andere Sprache und die sonderbare kapitalistische Ideologie „Jeder ist seines Glückes Schmid!“, erwartet von diesen Kindern, dass sie sich selbst etwas beibringen, von dem sie nie erfahren haben, dass es es überhaupt gibt: wertschätzende Kommunikation, ein liebevolles Miteinander. Unsere Gesellschaft ist ignorant, lässt diese Kinder weitgehend allein, obwohl aus Studien ersichtlich ist, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder, die in sozialen Brennpunktvierteln aufwuchsen, später der Armut entkommen sehr gering ist. Gerade die konservative Familienpolitik mit dem bürgerlichen Familienideal lässt diese Kinder im Stich, die Eltern sind überfordert, Ganztagsschulen, Hausaufgabenbetreuung, vernünftiges Freizeitprogramme etc. fehlen aber oft, allein die architektonische Stadtplanung schafft schon Benachteiligungsformen. Und selbst wenn diese Kinder es später selbstbestimmt versuchen, werden sie vor tausend unsichtbaren Mauern stehen, durch die Weise wie sie reden, ihr Sozialverhalten usw. Diese Mauern verschwinden auch im Internet nicht. Es sind Mauern, die mit Sprachbarrieren zu tun haben, mit Ausdrucksweise, Umgangsformen. Wenn sich jemand nicht so gewählt ausdrücken kann, ist er kein schlechterer Mensch, auch sind die Argumente dadurch nicht weniger wertvoll, vor allem ist dieser Mensch nicht schuld. Damit keine Missverständnisse entstehen, es ist nicht okay alles zu sagen, Perjoratives kann extrem verletzend sein - so wie Waffen auch. Beleidigungen, Beschimpfungen sind ein No-Go, und genauso wenig ist okay, wenn lediglich Hemdsärmeligkeit zum Vorwurf wird, weil das ist dann nämlich auch eine Form der Beleidigung und Degradierung. D. h. schwere Beleidigungen, die es z. B. im Internet auch gibt und einfach nur daneben sind, sind keineswegs in Ordnung, ich spreche von einer hemdsärmeligen Sprache mit einem raueren Ton, die nicht zum Exklusionsrisiko werden darf, weil sonst der Gesellschaft Menschen verloren gehen, die Brücken sein können.

Ein EngelchenTeufelchen namens SlomkaGabriel – nur wer ist was?!

Oder beide Engelchen mit schwarzen Tupfen? Mehr Mut zu Farbe!

Heute schon gekleckst und über eine Regenbogenbrücke gelaufen?

Das Streitgespräch zwischen Slomka und Gabriel war interessant, vermutlich (unterstellen wir einmal das Gute), wollte keine/r die bzw. den jeweils andere/n kränken, dennoch waren beide gekränkt. Gabriel fühlt sich angegriffen, argumentiert - vergebens, es eskaliert, er versucht aber zwischendurch auf hemdsärmelige (sei es weil er absichtlich Bürgernähe signalisieren wollte, sei es weil es tatsächlich seine Sprache ist) durch Beschwichtigungsfloskeln wie „Lassen wir den Quatsch“ usw. (die auf Kumpelebene freundlich, aber für andere wie ein Anmaßung klingen) die Situation zu deeskalieren. Sie versucht auf seine Aussagen, die sie vermutlich als Distanzlosigkeit erlebt und nicht als Beschwichtigungsversuche, zu kontern mit Aussagen wie „Sie werden mir nichts unterstellen…“ Sie beißt sich fest an einem Thema, er fühlt sich in seinen Argumenten, die er zu diesem Thema bereits nannte, nicht ernst genommen, will es aber, so wirkt es, auf eine warmherzige Weise kumpelhaft sportlich nehmen und auflockern, sie fühlt sich in ihren Fragen nicht ernst genommen, empfindet das Auflockern, möglicherweise als Ausweichen in die Unverbindlichkeit. Auflockern versus strenge Verbindlichkeit. So wirkt es von Außen. Unterbrechungen, Wiederholungen, Gereiztheit, Belehrungen, Beschwichtigungen… Wenn man beiden das Gute unterstellt, wollten beide auf ihre Weise deeskalieren und lösten dabei nur noch mehr wechselseitige Missverständnisse aus. Vermutlich wirkt Gabriel mit seinen Versuchen, die Situation zu deeskalieren auf viele distanzlos, ungehobelt. Vermutlich wirkt Slomka mit ihren Versuchen - die Situation zu deeskalieren und Distanz wiederherzustellen, auf viele arrogant und überheblich. In elitären Kreisen kursiert etwas wie die Angst vor Ochlokratie, der Pöbelherrschaft. Die Sprache der einfachen Menschen wird dabei oft als ungebildet, wenn nicht gar als gewaltsam bezeichnet. Nach dem Motto die wollen mitreden, können sich noch nicht einmal benehmen, aber die Sprache der Intellektuellen ist oft bei all ihrer Gewähltheit, gewaltsam, weil sie exkludiert, ausschließt. Warum gehen die Menschen so wenig aufeinander zu? Warum versuchen sie es nicht mit wechselseitigem Verständnis? Kästner wollte den friedlichen Weg der Überwindung von Klassengrenzen. Wir alle lasen seine Bücher als Kind – oder bekamen sie vorgelesen. Warum lebt diese Gesellschaft nicht, was die pazifistischen Dichter/innen und Denker/innen ihr schenkte? Warum so viele unsichtbare Betonmauern? Warum nicht über Regenbogen laufen und zueinander finden?

ProfiPolitik und professioneller Journalismus – nur ein Job!?

Das Gespräch zwischen Slomka und Garbriel ist ein Beispiel dafür, wie man sich missverstehen kann. Wie Sprache zur Mauer wird, statt zur Brücke. Vermutlich war für beide das nur ein Job, vermutlich sprach weder Gabriel so – wie er normalerweise spricht, noch Slomka frei aus dem Herzen, beide machten ihre Arbeit, erfüllten ihre Funktion. Die eine tat das, was sie glaubt, was eine professionelle Journalistin zu tun hat, der andere das, was er glaubt, was von einem kumpelhaften SPD-Politiker erwartet wird. Aber an diesem Dialog wurde dennoch etwas sichtbar. Ein Großteil der einfachen Menschen hat einen noch viel raueren Ton drauf als es Gabriel einen hat, und sie haben diesen Ton, nicht weil sie unhöflich sein wollen und sich absichtlich deplatziert verhalten, sondern weil sie trotz aller Anpassungsleistung ihre Sozialisation genauso wenig abschütteln können wie Slomka ihre Sozialisation je abschütteln können wird. Deswegen sind die Argumente der einfachen Leute nicht bedeutungslos oder weniger gewichtig. Im Gegenteil aus deren Warte fühlt sich die Sprache der Eliten gewaltsam an. Die Eliten sprechen von Neid, wenn die Armen Forderungen stellen, durchaus berechtigte Forderungen stellen: wie bessere Bildungschancen für ihre Kinder, Mindesteinkommen, bezahlbare Wohnungen, medizinische Versorgung, Altersvorsorge, d. h. es geht um Grundbedürfnisse, die zur Daseinssorge und Daseinsvorsorge gehören und nicht um Luxus- und Neidgegenstände wie die Eliten so gerne abkanzeln. Es ist zynisch und durchaus auch gewaltsam, wenn dann die, welche von Bildung ausgeschlossen wurden und in Armutsvierteln aufwuchsen, mit dem Neidargument abgekanzelt werden und wegen ihrer Sprache vorgeführt werden, weil sie nicht über die gewählten sprachlichen Ausdrucksfähigkeiten von Bildungsbürger/innen verfügen, die ihnen immer fremd bleiben werden, weil sie in noch so vielen Benimm-Kursen nie ihre Sozialisation wegsozialisieren können werden, auch gar nicht müssen, weil eine hemdsärmelige Sprache ist genauso okay wie eine gewählte Sprache auch, wenn beide Sprachen liebevoll gesprochen werden – und worum es geht sind die Inhalte!

Das NeidArgument ist der Ausdruck purer Unbarmherzigkeit!

Es gibt in Elite Kreisen ein Denken, wonach Menschen da unten erst einmal als grundsätzlich neidig abgestempelt werden, die sollen erst einmal Leistung zeigen, wenn sie mitreden wollen, wenn sie Leistung zeigen, sind sie immer noch Aspiranten/innen und könnten ja was vom Kuchen abhaben wollen, also nicht selbstlos genug, außerdem gibt es den Begriff der Halbgebildeten, der ist degradierend, wenn ein Adeliger etwas Karitatives tut, heißt es Adel verpflichtet, die Eliten haben sich schöne Floskeln gegeben, um sich selbst zu belobigen, wenn ein einfacher Menschen ein soziales Projekt aufbaut, heißt es in Wahrheit hätte dieser Mensch ein psychologisches Problem und wolle sich nur selbst helfen, projiziere quasi die eigene Hilfsbedürftigkeit auf andere, um an diesen in Wahrheit sich selbst zu helfen, indem er bzw. sie anderen hilft, einfache Menschen können gar nicht selbstlos sein (ist die Aussage dahinter), wenn ein/e Arme/r nichts hat, bestätigt sich in den Augen der Eliten, dass er/sie zurecht arm ist, weil er/sie hätte ja die Chance gehabt etwas zu reichen, sich zu bilden, fortzubilden usw., tut das aber ein/e Arme/r und verdient er/sie etwas, ist er bzw. sie wie gesagt nicht nur halbgebildet sondern obendrein noch neureich und das sind nicht die einzigen degradierende Begriffe. Sind die Freunde/innen einfach heißt es gleich und gleich gesinnt sich gern, ist der Freundeskreis durchmischt und auch Menschen aus Bildungskreisen und elitären Kreisen sind mit dabei - heißt es, der oder die Arme erhofft sich was. All das klingt wahnsinnig gewählt und natürlich nicht nach „Quatsch oder Blödsinn“, aber Ergebnis all der gewählten Worte ist: Exlkusion: und das ist ein Gewaltakt, wenn auch ein unsichtbarer.

Eine Weihnachtsgeschichte: Zwei Kinder ein paar Schuhe und ein Tuch.

Es ist ein bisschen so, wie wenn ein Kind ohne Schuhe aufwächst, durch den Schnee läuft bis zu einem fernen Dorf, um dort anzuklopfen an der Tür eines Schustermeisters, dem Kind wird geöffnet und das Kind fragt: „Du in dem Dorf, aus dem ich komme, da haben Kinder keine Schuhe und mir wurde gesagt, wenn ich sehr weit laufen lerne, dann kann ich in Eurem Dorf lernen - wie ich Schuhe mache für die Kinder meines Dorfes.“ „Wie redest Du denn? Ich bin nicht Dein Kumpel und nicht ‚Du’, und überhaupt wenn Du anderen Kindern Schuhe machen willst, da kommt ja gerade der Richtige daher, der selbst keine Schuhe an den Füßen hat. Verdien Dir erst mal selbst anständige Schuhe!“ „Aber die Kinder frieren an den Füßen“ „Das sagst Du nur weil Du selbst nicht an den Füßen frieren willst!“ Und die Tür wird verschlossen. Das Kind erarbeitet sich das Geld für Schuhe, kommt wieder und kauft dem Schuster ein Paar ab und wiederholt seine Sätze. „Was Du da an den Füßen hast sind nur Halbschuhe, damit Du mitreden kannst brauchst Du auch noch richtige Schuhe.“ „Aber die hab ich doch von Dir gekauft! Außerdem sind die Kinder meines Dorfes krank von der schweren Gerbereiarbeit, das ganze Leder wird an Euer Dorf geliefert, dann könnt ihr uns doch auch zeigen wie man Schuhe macht, das Geld für das Leder reicht nicht, um Schuhe zu kaufen, so aber könnten wir etwas von dem Leder behalten und uns selbst Schuhe schustern. Außerdem sind viele meines Dorfes Tierschützer und haben einen Stoff entwickelt, der wie Leder aussieht, aber kein Leder ist, damit die Tiere am Leben bleiben können!“ „Was ist das denn für ein Ton?! So klein der Fratz und schon so frech! Nur ein paar Halbschuhe an den Füßen und dann kaum im Dorf angekommen, schon will der kleine Fratz alles ummodeln. Und hab ich Dir nicht schon beim letzten Mal gesagt, lerne erst einmal Dich anständig auszudrücken, wenn Du mit mir sprichst.“ Das Kind steht wieder vor verschlossener Tür. Es arbeitet jetzt für sein zweites Paar richtige Schuhe, macht Benimm- und Sprachkurse. Als es wieder zum Schuster kommt - hat sich dessen Haus in eine riesige Fabrikhalle gewandelt. Das Kind klingelt, die Tür geht auf, Bedienstete rufen nach dem Schuster, der lange auf sich Warten lässt, er sieht das Kind und sagt mit einem Lächeln: „Wir brauchen Dich und Euere Leute vom anderen Dorf nicht mehr, wir haben jetzt eine Kunstlederproduktion.“ „Aber das hast Du doch albern gefunden!?“ „Jetzt gibt es einen Markt dafür.“ „Wie bist Du an das Kunstlederrezept gekommen?“ „Ich bin mit meinem Pirvatjet in Euer Dorf, hab geklingelt und mich durchgefragt, bis ich beim Erfinder war, dann hab ich in gefragt, ob er es mir gibt und er gab es mir sofort.“ „Schön, dann hast Du Kindern in meinem Dorf bestimmt auch Schuhe gebracht, dann kann ich wieder nachhause.“ „Nö, Schuhe gebracht - wieso?“ „Ja, weil sie doch keine Schuhe haben und an den Füßen frieren, das sagte ich doch schon vor ein paar Jahren.“ „Wieso, die haben ja noch nicht einmal Halbschuhe an den Füßen, wieso, soll ich ihnen dann Schuhe schenken?“ „Ja gerade weil sie keine Schuhe haben.“ „Seid ihr etwa neidisch auf unsere Schuhe!? Wart nur, wenn ich Dich erwische!“ Der Schuster holt zu einer Watschn aus. „Nein, aber sie gaben Dir doch auch das Kunstlederrezept kostenlos.“ „Das ist einfach, Schuhe aber sind eine hohe Fertigkeit, die nicht jeder kann, ihr werdet doch nicht behaupten wollen, dass ihr allen ernstes denkt für ein billiges Kunstlederrezept hochwertiges Schuhmacherwissen eintauschen zu können, das ist ja, also, das ist ja, ganz unerhört infam! Da sieht man wieder wessen Geistes Kinder ihr seid!“ Die Tür knallte. Sehr viel später, kam das Kind wieder und wollte um Verzeihung bitten für seine, ja was eigentlich – Infamitäten, halt? Da stand ganz groß auf der Klingel des Schuhmachers: „Der Erfinder des Kunstleders“ Das Kind starrte nur auf die Klingel, bekam keinen Ton heraus. So ging das viele Jahre. Es war wieder Weihnachten und bitter frostig kalt, das Kind lag obdachlos im Schnee. Der Schuster fuhr in die Kirche und schüttelte über den Versager am Straßenrand den Kopf. „Hoch hinauswollen, aber nichts können! Große Ansprüche, aber keine Leistung zeigen.“

Der kleine Junge, er hatte die ganzen Jahre gearbeitet für das richtige Paar Schuhe, für eine Wohnung reichte es nicht und auch nicht immer für Essen. Plötzlich zupfte ein Mädchen an seinen dünnen Ärmeln: „Nicht im Schnee einschlafen, hörst Du? Sonst stirbst Du! Und kannst du mir vielleicht sagen, wo es zur Bäckermeisterin geht, die Kinder von meinem Dorf haben kein Brot und hungern.“ Der Junge weinte als er das ausgehungerte Mädchen sah: „Wir können Euch helfen. In meinem Dorf haben die Menschen Brot, wir können Euch helfen.“ „Aus welchem Dorf kommst Du denn?“ Da erfuhr der Junge, dass das Mädchen aus seinem Dorf kommt, kurz nachdem er aufbrach um zu erfahren, wie man Schuhe macht, mit seinen Eltern dort hingezogen war, und in ihrer beider Dorf die Menschen zwischenzeitlich nicht nur frieren, sondern auch hungern, weil der Schuster sich unabhängig machte mit der Kunstlederproduktion mit dem Rezept aus dem Dorf ihrer Leute.“ „Bist Du den ganzen weiten Weg ohne Schuhe gegangen und mit einem leeren Bauch, um den Hungernden zu helfen?“ Das Mädchen nickte. „Und weil ich doch den suchen soll, der uns vergaß und mit Schuhen wiederkommen wollte, ihn zu bitten sich an uns zu erinnern und mit den Schuhen zu kommen.“ „Ich hab Euch nicht vergessen.“ „Die sind enttäuscht von Dir, sag ich Dir, bitter bös traurig. Warum, wenn Du uns nicht vergessen hast, bist denn nicht wieder gekommen?“ „Du brauchst die Bäckerin erst gar nicht fragen, das ist die Freundin vom Schuster und der Schuster hätte uns lehren können Schuhe zu machen und von uns lernen können, wie man Kunstleder macht, so hätte jeder alles gehabt, was er braucht, aber unser Wissen ist weniger wertvoll als das seine.“ Der Junge zog die Schuhe aus und gab sie dem Mädchen, dass es nicht friert und das Mädchen wickelte ihr Tuch, um den Jungen. Sie erzählten sich Geschichten. Das Mädchen erzählte das Märchen von Sterntaler und fragte: „Weißt Du warum es das Märchen von Sterntaler gibt?“ „Weil selbst die kalten fernen Sterne mehr Erbarmen haben als viele Menschen es haben.“, sagte der Junge. „Sei nicht so pessimistisch, Du musst an das Gute glauben im Menschen.“ „Ich will Dir ja Deinen Optimismus nicht nehmen, aber ob Du das in ein paar Jahren auch noch so sagst?“ „Warum gibt es das Märchen vom Mädchen mit den Schwefelhölzern?“ „Weil die Streichhölzer wärmen und Licht schenken und weil es eine Liebe gibt, die stärker ist als der Tod, weil weil die Oma das Mädchen nicht vergessen hat.“ „Das ist ein Grammatikfehler“, eine Frau bleibt stehen und starrt auf die Kinder. „Lass nur Frau, die können bestimmt auch keine Rechtschreibung. Drum sind sie ja da, wo sie sind.“ sagte der Mann und zog seine Frau weg. Die beiden aber erzählten sich Geschichten und tauschten Tuch und Schuhe hin und her. Spät nachts hörte man die Menschen in der Christmette Stille Nacht singen. Es war still, sehr still.

Blumen und Schneeflocken

Während unsere Eliten über ein bisschen mehr oder weniger Demokratie feilschen. Vielleicht ist es ja gar keine Neid-Debatte, sondern eine Geiz-Debatte und sie geizen mit Demokratie, geizen mit 8,50 Euro Mindestlohn, wollen lieber am besten nur 4 Euro die Stunde zahlen und sie geizen auch mit dem Naturschutz. Aber mit den zerbrechlichsten Wesen und den Blumen, geht der Atem der Menschen.

viele gute Hände

Wozu all das Gegeneinander, warum helfen nicht alle Menschen zusammen, um gemeinsam die Aufgaben des 21. Jahrhunderts zu bewältigen? Warum reichen sich nicht alle Menschen die Hände und helfen zusammen um Frieden und eine gerechtere und liebevollere Welt zu schaffen, und um gemeinsam die Natur zu retten? Warum geizen Medien und Politik so sehr mit Demokratie? Es werden doch alle guten Hände, alle guten Gedanken gebraucht und viele Hände, die zusammen helfen die Aufgaben des 21. Jahrhundert zu bewältigen.

Demokratie mit Blick auf die Medien – hat sich viel getan

Das Freitag-Projekt ist ein guter Anfang. Weil jede/r die Möglichkeit hat mitzuschreiben und Diskurs mit zu gestalten. Journalismus ist bei Freitag keine elitäre Veranstaltung und auch kein hierarchisches Einbahnstraßenprojekt wie konventioneller Journalismus, sondern gelebter Diskurs. Ich glaube der Journalismus der Zukunft wird vor allem Moderation von gesellschaftlichen Diskursprozessen beinhalten, und was wir hier erleben, ist der Anfang des künftigen Journalismus. Zumindest dann, wenn die Entwicklungen weitergehen, es nicht bei der reinen Blog- und Kommentarfunktion stehen bleibt, der Diskurs keine rein virtuelle Angelegenheit bleibt. Es braucht moderierte Communitytreffen, die z. B. 1-2 Mal im Jahr stattfinden, in denen die Community - als rein beratendes Gremium (d. h. ohne Entscheidungsbefugnisse) - die Gelegenheit hat Ideen einzubringen.

Freitag ist zwar eine kleine Zeitung, aber im Diskursgeschehen ist Freitag der Gesellschaft voraus.

16:07 08.12.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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