Serie Teil 2: Schreikinder

Abwesende Väter. Schreikinder. Sie rauben Nächte und killen Beziehungen? Und schreien immer noch, wenn schon alles in Scherben liegt?
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Vielleicht kennen Sie das Titelbild von Freitag noch, auf dem ein Kind mit Hammer abgebildet ist -- ein Kind, das ein Porzellanbrautpaar zerschlug?

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Was tun wenn Kinder schreien?

Erst einmal: Weder Sie noch ihr Kind ist schuld. Kinder schreien und es gibt Kinder, die viel schreien -- lange Nächte, Wochen, Monate, Jahre lang.

Es geht darum medizinische Fragen abzuklären, denn oft sind Schmerzen der Grund. Fehlstellungen in der Wirbelsäule, Schiefhals usw.

Und es geht um mehr, manche Kinder sind hochsensibel reagieren auf minimale Dissonanzen im sozialen Beziehungsgeschehen in ihrer Mitwelt, reagieren auf Bilder in den Medien hochsensibel usw.

Eine Chance für die Beziehung

Für die Beziehungsdimension kann es eine Chance sein, weil Kinder Nuancen wahrnehmen, die andere ggf. nicht wahrnehmen. Viele betrachten dann die schreienden Kinder als Belastung für die Beziehungen, aber eigentlich sollte es andersherum sein, denn Kinder fühlen Spannungen oft viel früher und intensiver als Erwachsene. Kinder können wie ein Frühwarnsystem sein -- hinzuschauen, wo Spannungen sind, um sie zu lösen, und zwar lange bevor alles viele Jahre später scheinbar aus heiterem Himmel an der sprichwörtlichen Zahncremetube im Streit eskaliert und scheitert.

Stress reduzieren

Es geht auch darum, nüchtern darüber nachzudenken, und zwar jenseits aller Schuldgefühle, was in der Umgebung nicht stimmt, wo Stressfaktoren liegen – und es geht um Veränderung. Der Stress der Umgebung spiegelt sich in den Seelen der Kinder wider -- und anders als Erwachsene haben Kinder nicht den weiten Handlungsspielraum und nicht das Handlungsrepertoire, um an der Situation selbst etwas verändern zu können. In ihnen spiegelt sich der Stress, sie sind ausgeliefert – gefragt sind Eltern und die Menschen in der Umgebung -- etwas zu verändern an der Situation. Der Hilfeschrei des Kindes -- kann auch Hilfeschrei der Eltern und Umgebung usw. sein. Für viele Erwachsene ist Stress ein Dauerzustand, der als normal empfunden wird (wie normal, das wird an sprichwörtlichen Sätzen sichtbar: das Leben ist nun mal kein Zuckerschlecken, das Leben ist kein Sonntagsspaziergang usw.), wenn ein Kind auf Stress in der Umgebung reagiert, dann liegt darin eine Chance, nicht abzuwarten bis Stress krank macht, sondern das Leben zu verändern. Gefragt sind dabei nicht nur die Eltern, sondern auch die Gesellschaft, denn schwer belastende Situationen wie z. B. Armut haben eine gesellschaftliche Dimension.

Das ist der Bereich, der bis zu einem gewissen Grad gestaltbar ist.

Und die Welt?

Aber die Welt lässt sich nicht einfach von heute auf morgen verändern. Was ist -- wenn ein Kind auf Bilder und Berichte über Leid in den Medien und auf Leid in der Umgebung wie z. B. Krankheit und Tod hochsensibel reagiert?

Ich glaube wichtig zu wissen ist vor allem, dass das Kind nicht schreit, weil man/frau als Elternteil etwas verkehrt macht.

Ich war so ein Schreikind. Ich sah ein Bild von Leid in den Medien -- und mich haute es um, Bilder verfolgten mich bis nachts in den Schlaf, ich fand keine Ruhe, litt an Albträumen. Ich habe schlichtweg die Welt nicht ertragen, hielt sie nicht aus, ich schrie gegen die Welt, die ich nicht aushielt, an, weil es das einzige war, das ich konnte als Kind.

Abhärtung – Verrohung?

Ich hatte Glück mit meinen Eltern, weil sie hörten nicht auf die Ratschläge, die manche von sich gaben – wie: „Ich würde die solange schreien lassen, bis sie nicht mehr kann“ usw. Meine Mutter und später während der Zeit der zweiten Schwangerschaft vor allem mein Vater nahmen mich heraus, trugen mich ums Bett, waren liebevoll da.

Bitte, wenn Ihr Kind Schreikind ist, versuchen Sie nicht es abzuhärten usw., denn Sie brechen dadurch Ihr Kind. Menschen sind von ihrer Konstitution her unterschiedlich. Und manche Kinder sind hochsensibel. Das verliert sich auch nicht im Erwachsenenalter. Es ist wichtig, dass das Kind begleitet wird, lernt mit der Hochsensibilität zu leben. Mich berühren auch heute noch Bilder z. B. aus Kriegsgebieten so, dass ich Nächte lang nicht schlafen kann, stille Tränen weine. Als Erwachsene ist man/frau nicht ans Bett gefesselt, wenn ich nicht schlafen kann, kann ich aufstehen, lesen, meditieren, etwas schöpferisch tun oder einfach nur eine Tasse Tee kochen und mich in ein Tuch wickeln und in den Sessel setzen und still weinen und nachdenken, was zu tun ist, ich kann mich engagieren, sozial und gesellschaftlich einsetzen. All diese Möglichkeiten hat ein Kind nicht. Und der Lebensrhythmus in dieser Gesellschaft ist so, dass Kinder frühzeitig an die zeitlichen Strukturen der Gesellschaft gewöhnt werden. Man/frau arbeitet am Tag, schläft in der Nacht. Es gibt Menschen, bei denen ist das in Harmonie mit ihrer inneren Struktur, und es gibt Menschen da ist es anderes.

Glücklich werden

Man/frau kann, auch wenn man/frau anders ist, glücklich werden. Es gibt mehr als eine Möglichkeit zu arbeiten und zu leben, man/frau kann beispielsweise freiberuflich tätig sein. Und ein erfülltes Beziehungsleben muss nicht bedeuten, dass man/frau in der Dunkelheit mit geöffneten Augen neben dem/der Partner/in liegt und sich aus Rücksichtnahme nicht aufstehen traut und dem / der andere/n Nächte lang beim Schnarchen zuhört. Es tut der Liebe keinen Abbruch, dem inneren Gefühl zu folgen und leise aufzustehen, Tee zu kochen usw. Und ich habe unterwegs mehr als einmal erlebt, dass plötzlich in der Küche später jemand neben mir stand, wenn ich Tee kochte, der / die auch nicht schlafen konnte. Was machst Du denn hier? „Kaffee kochen, ich kann nicht schlafen.“ "Und Du?" "Tee kochen..."

Ich glaube, viele Eltern haben, wenn ihr Kind anders ist, Angst es könnte im Leben nicht klar kommen – und greifen dann mit voller Härte durch, um das Kind abzuhärten. Tun Sie das bitte nicht. Sie werden Ihr Kind nicht ändern genauso wenig wie Sie eine/n Erwachsenen ändern können. Ihr Kind ist wie es ist. Es suchte sich seine Konstitution nicht aus. Es geht um Angenommen sein, damit das Kind sich selbst annehmen kann. Und je mehr ein Mensch sich selbst so wie er/sie ist annehmen kann, desto eher wird Leben glücken und glücklich verlaufen. Jemand, der/die sich annehmen lernte, kann sein/ihr Leben gestalten wie es ihm/ihr gut tut, mit Menschen zusammenfinden, die ebenso leben möchten. Andernfalls versuchen Kinder noch als Erwachsene ständig gegen die eigene Natur anzuarbeiten und bekommen keinen Fuß auf den Boden. Hochsensible können viel fühlen, es ist eine riesige Chance im Leben. Eine Gabe wie andere Gaben auch.

Was aber tun, wenn ein Kind Schreikind ist? Wenn Eltern an die Grenzen kommen, nicht mehr können?

In unserer Gesellschaft sind Eltern aufgrund des bürgerlichen Familienideals sehr allein. Häufig lastet sogar fast alles auf nur einem Menschen, sehr oft den Müttern, manchmal auch den Vätern. Es fehlt Gemeinschaft wie sie in anderen Kulturen gelebt wird.

Es gibt zwar Institutionen wie das Jugendamt usw. Häufig sind diese Institutionen aber zweischneidig, ggf. bekommt man/frau Hilfe - und ggf. riskiert man/frau das Kind zu verlieren. Statt Hilfe und Unterstützung erfährt man/frau unter Umständen das glatte Gegenteil. Diese Instiutionen sind von daher weitgehend ungeeignet, bzw. Reform bedürftig.

Und es braucht neue Ideen und andere Orte, die wirklich für Eltern da sind:

Es bräuchte Orte, die Tag und Nacht offen sind, an denen wirkliche Gemeinschaft gelebt wird, Eltern nicht allein sind, wirkliche Unterstützung und Entlastung erfahren, Austausch, Rückhalt und Mitgestaltungsmöglichkeiten.

Link: eine Idee

Liebe Grüße

Daniela Waldmann

………….

Gedanken zur Fotografie:

Nicht mit den Kindern und Eltern stimmt etwas nicht, sondern mit der Welt und Gesellschaft. Enge Gitter, enge Strukturen, Mauern, Grenzen und Kriege und viel Leid.

Eigentlich sollten wir alle wie die Schreikinder schreien, anschreien gegen Kriege und Missstände

-- und die Welt verändern, um sie zu einem liebevolleren und friedlicheren Ort zu machen.

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Dieser Beitrag gibt die Meinung der Autorin wieder. Die Autorin dieses Beitrags ist eine Frau, auch wenn in der Zeile darunter das Gegenteil behauptet wird. ;-)

14:22 12.08.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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