Überall Unfreiheit? Nirgendwo Brücken?

Anti-Terror & Terror Gespräch zwischen einem Orientalisten u. einer Religionsphilosophin. Divergente Perspektiven auf Islam u. Religionen finden zueinander - ein Beitrag zur Verständigung.
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https://farm8.staticflickr.com/7476/15408754794_21d8a85a08.jpgEiszeit -- statt Dialog?

D.: Auch Antiterror ist Terror. Fundamentalismus wird in der westlichen öffentlichen Wahrnehmung oft auf Islamismus reduziert. Thomas Meyer kennt viele Formen des Fundamentalismus, ebenso christlichen Fundamentalismus, wissenschaftlichen und technischen Fundamentalismus usw. Der Philosoph und SPD-Politiker Thomas Meyer ist einer der wenigen, der den fundamentalistischen Zirkel, keinen Gegenzirkel entgegensetzt, welcher in seiner antifundamentalistischen Attitüde, wiederum fundamentalistisch operiert, er beantwortet Verteufelung nicht mit Verteufelung, für ihn liegt im Fundamentalismus sogar eine Chance:

„Der fundamentalistische Rückfall kann auch zur Chance für die Moderne werden. Nicht durch das, was er will, und auch nicht durch das, was er tut…

…Wenn auch das Rettende wächst, wo Gefahr droht, dann kann der Fundamentalismus als Ausdruck des Widerspruchs zwischen den Verheißungen und der Unwirtlichkeit der Moderne ein Teil der Kraft sein, die ein gründlichere Selbstreflexion und Selbstkorrektur des Projekts der Moderne erzwingt, als es die Resignation über die Alternativlosigkeit seiner Routinen sonst jemals zugelassen hätte.

Wenn fundamentalistische Konfrontation wahrscheinlich wird, wo Entfremdung massenhaften Sinnverlust erzeugt, wo Häufung und Ausmaß technischer Risiken die Angst zur allgemeinen Befindlichkeit macht, wo der Vorrang der Produktionsinteressen soziale Heimatlosigkeit hervorbringt und am Ende sogar die ökologische Apokalypse heraufbeschwört, muß die Gesellschaft im ganzen nach menschlichem Maß neu entworfen werden…“ Thomas Meyer

Das schrieb er 1989! Wenn man/frau sich das Gros der westlichen Mediendarstellungen ansieht, kann man/frau diese Weitsichtigkeit, Differenziertheit und Feinfühligkeit eines Thomas Meyers nur erträumen, in den Meiden wird seit Jahren meist polarisiert, provoziert und zu den Eskalationen beigetragen. Die Medien sprechen ganz überwiegend die Sprache der Gewalt, die Sprache des Krieges, der Anti-Terror-Ideologien.

In den Medien wird beispielsweise extremistischen Denkern wie Abdel-Samad der rote Teppich ausgelegt. Er spricht nicht nur in Unkenntnis der östlichen und westlichen Philosophiegeschichte sachlich Unhaltbares, sondern er bezeichnet bereits den Urislam und den Islam in seinen Grundzügen als faschistoid, rückwärtsgewandt, wissenschafts- und fortschrittsfeindlich. Er sieht überall Denkverbote und traditionsbehaftete Verdikte im Islam. Ohne die islamische Philosophiegeschichte hätte es aber weder die modernen wissenschaftlichen Methoden des textkritischen Arbeitens und einer kirchen- und theologiefreien Philosophie (man/frau denke beispielsweise nur an die Arbeiten von Abu al-Walid Muhammad ibn Ahmad ibn Muhammad ibn-Ruschd aus dem 12. Jh. oder an As-Sirafis sprachtheoretische Beiträge usw.)) noch moderne Naturwissenschaften in ihrer heutigen Ausprägung gegeben, denn ohne die Basisarbeiten Alkindis und Alhazens et al. wären die Schriften eines Bacons, Keplers, Descartes et al. undenkbar gewesen, noch hätte es den modernen Freiheitsbegriff, Individualismus- und Subjektbegriff (siehe Avicennas Subjekttheorie) und die Aufklärung gegeben. Es ist schlichtweg falsch was Abdel-Samad in den Medien von sich gibt, so wie ein Großteil der Islamdarstellungen überhaupt in den Medien extrem einseitig und oft negativ behaftet ist.

K.: Was Du aus der Perspektive der Philosophie und Geistesgeschichte beschreibst, betrifft eine sehr theoretische und abstrakte Dimension. Mich beschäftigt derzeit ein sehr aktuelles und weitaus weniger theoretisches Beispiel, das zeigt wie in den Medien mit zweierlei Maß gemessen wird. Gleiche Ereignisse werden unterschiedlich beurteilt: Es heißt islamistische Terroristen/innen verübten einen Anschlag in Paris, aber es heißt ein verwirrter Psychopath schoss auf Kinder und Jugendliche, es heißt aber nicht ein christlicher Sektierer und Fundamentalist schoss… Die Taten der im ersten Beispiel genannten Täter/innen werden mit dem Islam gleichgesetzt, während die Taten der Täter/innen im zweiten Beispiel nicht mit dem Christentum gleichgesetzt werden.

Das eine wird als ideologisch untermauerter Terror bezeichnet und in die Nähe des Islams gerückt, das andere wird als Amoklauf eines verwirrten Einzeltäters bezeichnet und nicht in die Nähe des Christentums gerückt. Jede/r Verwirrte/r, der/die mit muslimischen Hintergrund Straftaten begeht und sich dabei auf den Koran beruft, wird als Terrorist/in bezeichnet. Jede/r Verwirrte/r, mit christlichem Hintergrund, der/die eine Straftat begeht und christliche Sätze in seinem/ihrem Wahn zitiert, wird als psychiatrischer Fall behandelt. Wahnsinn und Wahnsinn wird unterschiedlich bewertet.

D.: Ich würde noch ein Stück weiter gehen. Die Situation ist noch fataler, da es über die Gleichsetzung mit dem Islam noch einen weiteren Akt der Generalisierung gibt: Ganze Staaten werden zu Terrorstaaten stilisiert, und die Staaten der Antiterrorallianz legitimieren damit ihren Terror im Namen des Antiterrors. In einem früheren Text stellte ich die Frage, wie es dem Westen erginge, würden die Taten einzelner dazu hinreichen, dass islamische Staaten westlichen Staaten den Krieg erklären und militärische Truppen in die USA oder nach Europa entsenden? Der Unterschied zwischen dem islamistisch fundierten Terrorismus und dem christlich fundierten Antiterror, der auch Terror ist, besteht darin, dass im Rahmen vom Ersteren von Staaten weitgehend unabhängige Gruppen agieren, und Staaten nachträglich zu Terrorstaaten durch westliche Zuschreibungsprozesse etikettiert werden, der Terror des Antiterror, aber Staatsterror ist, bzw. Staatenterror ist, da die Sprache des Krieges im Westen zur Sprache einer Politik wurde, die mit Militärs operiert und in Allianzen Kriege führt.

Splitter und Balken. Ist der Westen blind für die eigene verbale, strukturelle und tatsächliche Gewalt, sieht er den Balken im eigenen Auge nicht? Die Religionen werden oft für Kriege verantwortlich gemacht, dabei gibt es in den religiösen Schriften, Bilder, die Konfliktdynamiken durchschaubar machen und mahnen, die Konfliktspirale zu durchbrechen. Das Bild von Splitter und Balken ist so ein Bild, das für Selbstkritik statt Schuldzuschreibung plädiert, der Koran kennt ein ähnliches Bild. Im Koran gibt es eine Sure (die Sure 6 Vers 50), in der die Menschen ähnlich wie im Buddhismus als Blinde bezeichnet werden. Haben Kriege auch damit zu tun, dass Menschen blind sind, aber diese ihre eigenen Fehler und Blindheit nicht sehen wollen, wohl aber die der anderen? Oder geht es nur um Interessen – zum Beispiel geopolitischer Natur, werden die Religionen instrumentalisiert? Geht es auch um fehlende Demut, die fehlende Demut eigene Fehler zu sehen und einzugestehen, die fehlende Demut von der eigenen Blindheit auszugehen. Ist das nicht der tiefere Grund, woher die vorgeschobenen Interessen ihre Scheinlegitimation beziehen, Interessen als berechtigt ausgegeben werden, und die eigenen Interessen über die der anderen gestellt werden.

K.: Wer von seiner eigenen Blindheit und Unwissenheit ausgeht, weiß, dass er/sie fehlbar ist. Kriege haben viel mit der Überheblichkeit eines Glaubens an die eigene Unfehlbarkeit zu tun. In der Sure, die Du angesprochen hast heißt es wenig später in Vers 54, dass Frieden mit den Menschen ist, die um ihre Unwissenheit wissen und eigene Fehler eingestehen, die Barmherzigkeit Allahs ist mit ihnen. Frieden hängt damit eng an der Demut Fehler einzugestehen.

D.: Das klingt so leicht, ist aber unendlich schwer, wenn man/frau bedenkt, dass es um einen Jahrhunderte währenden Konflikt geht und die Wunden auf beiden Seiten tief sind. In der Kaaba liegt der Leichnam, der in die Wüste vertriebenen Sklavin Hagar. Der Islam hat viel mit dem Thema Befreiung und Freiheit zu tun. Es gibt den alten Bruderkonflikt zwischen Esau und Jakob. Hinzu kamen die Konflikte durch Kreuzzüge etc. Es sind sehr alte Konfliktdynamiken, die da am Wirken sind. Konflikte reproduzieren sich laut Konflikttheorie so lange, bis sie gelöst werden. Ich finde der Westen macht es sich leicht, wenn er auf eine säkularen und aufgeklärten Standpunkt pocht, diesen aber selbst nicht lebt. Auch in den christlich-abendländischen Werten schwingen fundamentalistische Züge mit. Es ist ein uralter Bruderkonflikt, ein Schwesterkonflikt, dessen Lösung noch aussteht. Im Westen herrscht oft die Ansicht, die Religion müsse überwunden werden, das käme einer Konfliktleugnung gleich, auch damit können Konflikte nicht gelöst werden laut Konflikttheorie. Der Westen denkt oft im Entweder Oder. Religion gleich Krieg oder Nicht-Religion gleich Frieden. Das Beispiel der blutigen Kulturrevolution in China zeigt deutlich, dass die Negation von Religion, keinesfalls Gewalt negiert. Der erste Schritt zur Konfliktlösung, bedeutet die Anerkennung von Konflikten, statt Leugnen, ihre Beschreibung, das Bennenen von Wunden und Verletzungen, Offenheit in der Verbalisierung von Gefühlen, die ehrliche und offene Formulierung von Ängsten, Interessen und Bedürfnissen. Interreligiöser Dialog klingt in den Ohren vieler Atheisten/innen nach von vorgestern, so als würden sich Menschen über etwas nicht Existentes, namentlich Religionen, unterhalten. Damit kommen wir aber keinen Schritt weiter. Religionen sind eine faktische Gegebenheit, sie sind nach wie vor existent und prägen Menschen. Also geht es um Anerkennung, wechselseitige Anerkennung, um Austausch und Verständigung und um Versöhnung. Interessant finde ich, dass es in der islamischen Philosophiegeschichte eine Linie gibt, die jenseits von Entweder Religion oder Nicht-Religion liegt, gibt: Die Asch ariten wenden sich sowohl gegen einen reinen Rationalismus und Logogzentrismus (den auch Derrida kritisiert), als auch gegen ein buchstabentreues Offenbarungsdenken und Fideismus. Sie kennen die Demut -- weder den Menschen und seine Vernunft als absolut und unfehlbar zu setzen noch Gottes unfehlbare Autorität zu postulieren, um die der Mensch wissen könnte. Da Gott ein unerforschliches Geheimnis bleibt, kann kein Mensch sich auf ihn berufen im Namen Gottes zu handeln.

K.: Im Koran heißt es über Allah:

„Die Blicke erreichen ihn nicht, er aber erreicht die Blicke.“ Sure 6,102.

Die rechthaberische Frömmigkeit, die ein Richtig und Falsch kennt, wird im Koran kritisiert, in Sure 2 heißt es, Glaube bestünde nicht darin, dass Menschen ihr Gesicht nach Osten oder Westen ausrichten. Das gilt nicht nur für die Gebetsrichtung, sondern auch für die Geisteshaltung.

D.: Könnte man/frau die Aussage „Gott ist der Orient, Gott ist der Okzident“ in Sure 55,17 und den biblischen Satz „Gott ist das Alpha und Omega“ -- zwei Sätze, über die Kalligrafen/innen sich künstlerisch viel den Kopf zerbrachen, auch so sehen, dass damit kein göttlicher Herrschaftsanspruch gemeint ist, sondern eine Offenheit. Gott ist offen für alle religiösen Schriften, überhaupt alle geschriebenen und gesprochenen Worte, alles Gedachte, auch das Unsichtbare, das, wofür es keine Worte gibt, er ist nicht gebunden an eine Perspektive, nicht gebunden an eine bestimmte Religion, es gibt keine Wahrheit, keinen Gott, der für sich und in sich geschlossen steht, sondern Religion liegt in der Offenheit, in der Liebe, im Dialog, in der Vermittlung? Weder der Orient noch der Okzident steht in sich, sondern es geht um einen Austausch, um Wechselseitigkeit, um Diskurs.

K.: „Kafa bilahi wah liha“ (arab.) Gott ist genügend als Freund – als Liebender.

D.: Könnte man/frau auch mit „erfüllend“, statt genügend übersetzen? Damit wäre Offenheit im Spiel. Freundschaft und Liebe bedeutet Offenheit -- im Unterschied zur Geschlossenheit. Gott ist keine Statue, kein in sich geschlossener Monolith, überhaupt kein Objekt. Daran scheitern ja auch viele menschliche Beziehungen, dass Menschen zu einem Liebesobjekt werden, an der Geschlossenheit, am Besitzdenken, an der der Genügsamkeit und an der Selbst-Genügsamkeit. Die Offenheit der Liebe sieht eine je neu mögliche offene Zukunft vor sich. Ein Denken, das im ostasiatischen Buddhismus eine große Rolle spielt. Könnte man/frau den eben zitierten Koranvers nicht ähnlich interpretieren – die Offenheit der Liebe sehen.

K.: Für viele Strenggläubige ein Skandal, weil Gott als vollendet betrachtet wird, perfekt, allmächtig usw. Mit der islamischen Mystik lässt sich dieser Gedanke der Offenheit hingegen wunderbar vereinen.

D.: Ein emanzipiertes Verhältnis zwischen Gott und Mensch. Jemand, der an der Schnittstelle zwischen hinduistisch, buddhistischer indischer und muslimisch geprägter Dichtung steht ist Mohammed Iqbal: Er beschreibt eine Wechselseitigkeit zwischen Gott und Mensch:

„Du hast die Nacht geschaffen,

ich habe die Lampe gemacht.

Du hast den Ton geschaffen,

ich habe die Schale gemacht.

Du hast den Wald, das Gebirge und die Wüste erschaffen,

ich habe die Allee, den Park und den Obstgarten gemacht.“

K.: Vergiss nicht den Unterschied zwischen Gott und Mensch in der islamischen Vorstellungswelt: Der Mensch und alles Menschliche ist vergänglich. Er ist ewig, Mensch und Welt vergehen. „Allah, bikulli schei‘ in qadir“ (arab.) Allah ist alles möglich. Der Mensch ist bedürftig, Allah nicht. Dem Menschen ist nicht alles möglich.

D.: Willst Du damit ein Machtverhältnis andeuten? Mutter Teresa schreibt über den Durst in Gott, den Durst nach der Liebe der Menschen. Gott also, als jemanden, der geliebt werden möchte und Liebe sucht. So lese ich auch das Gedicht von Mohammed Iqbal. Es sieht Gott eben nicht als Vollendeten, sondern als jemand, der nach Ergänzung sucht: Gott ist ewig, der Mensch nicht. Die zerbrechliche Schale, der Körper kann und wird zerbrechen, aber wer umfängt dann noch, wer spiegelt die Ewigkeit? Die Saiten des Instrumentes können reißen, wie ist die Musik dann noch zu hören? Ich sehe trotz der Zerbrechlichkeit des Menschen, auch Gottes Bedürftigkeit, eine Wechselseitigkeit. Wechselseitiges Entstehen und Vergehen, buddhistisch gesprochen. Es gibt ein Koan, in dem vom Ton einer Hand gesprochen wird, klar, diesen Ton gibt es, zugleich gibt es ihn aber auch nicht. Christlich formuliert und leicht anders konnotiert, es gibt das Transzendente, aber die Immanenz ist nicht bedeutungslos. Ist nicht das mit Menschwerdung gemeint? Und Auferstehung klingt verstaubt, aber sie könnte analog zum Naturgeschehen interpretiert werden. Analog, nicht univok. Winter, Frühjahr, Sommer, Herbst, Winter, Frühjahr…

K.: Gott wird nicht Kind, Gott ist nicht Vater. Schon allein die Doppelung ist unlogisch. Im Koran wird die christliche Idee, dass Gott als Kind erscheint, abgelehnt. Die Vorstellung, dass Gott sich eine Frau nimmt, und ein Kind zeugt klingt absurd in den Ohren vieler Muslim/innen. Und auch in meinen Ohren. Andererseits gibt es im Islam die Aussage, dass Gott nichts unmöglich ist, da er alles erschaffen hat. Aber das ist nicht so aberwitzig profan gemeint, dass eine Eizelle durch den Geist befruchtet wird. Ein Gott verzweifelt auch nicht am Kreuze. Gott verhält sich nicht wie ein Mensch. Gott ist im Grunde genommen unfehlbar, der Mensch aber fehlbar, selbst ein Prophet wie Mohammed bleibt Mensch, fehlbarer Mensch, ist kein Kind Gottes.

D.: Menschwerdung ist nicht so profan gedacht, nach dem Motto Eizelle trifft auf Heiligen Geist, der Gedanke der Menschwerdung ist wie eine Brücke, stellt den Bezug her zwischen Transzendenz und Immanenz. Gott, die Göttin ist nicht der Kühle, Ferne, Unberührte, Anteilnahmslose. Gott teilt des Menschen Schicksal, leidet mit – positiv wie negativ. Es geht um eine Analogie, nicht um Vaterschaft im Sinne von Vaterschaftstests. Gleichnisse sind nicht wörtlich zu verstehen, sondern sie sprechen in Bildern. Die Aussage ist, Gott ist wie ein Vater, liebt wie ein Vater, bzw. die Göttin ist wie eine Mutter, liebt wie eine Mutter. Damit ist ein Transzendenzbezug hergestellt, weil natürlich nicht gemeint ist, er/sie ist so wie weltliche Eltern für gewöhnlich sind, gemeint ist vielmehr eine bedingungslose Liebe. Dem Ideal nach lieben Eltern ihre Kinder immer, auch dann noch, wenn die Kinder Fehler machen. Auch Kinder, die auf die Welt kommen, lieben bedingungslos. Es könnte genauso gut heißen Gott ist wie ein Kind, liebt wie ein Kind, bedingungslos. Gott als Vater bzw. Mutter oder als Kind, Jesu, vorzustellen ist gleichnishaft. Zu sagen -- alle Menschen sind Kinder Gottes ist gleichnishaft gemeint. Oder in der ostasiatischen Kultur wird maitri, die Liebe der Bodhisattvas, oft mit der Sonne verglichen, sie geht über allen gleich auf, macht keine Unterschiede. Natürlich ist damit nicht gemeint, die Sonne ist ein/e Bodhisattva, sondern ein/e Bodhisattva ist wie die Sonne. Es geht um Bilder, die eine bedingungslose Liebe verdeutlichen. Oder noch drastischer der amida-buddhistische Satz zum Ausdruck: „Sogar die Guten werden erlöst, um wie viel mehr die Bösen.“ Das ist das Gegenteil der Antiterror-Ideologie mit der Achse von Gut und Böse. Liebe gilt allen Menschen gleichermaßen.

Wenn es in Sure 35,9 heißt:

„Allah ist es, der die Winde entsendet, daß sie Wolken aufheben; und Wir treiben sie zu einem toten Land und machen die Erde mit ihnen lebendig nach ihrem Tode. Also wird Auferstehung sein.“

Heißt es zuvor in Vers 8, dass Allah mit allen Menschen ist, auch mit denen die scheinbar oder wirklich irre gehen. Das Bild der Wolke, die auch in trockenem Land Wasser regnen lässt, erinnert mich an das Bild der Sonne als Gleichnis für die Bodhisattva-Liebe, maitri, in Ostasien.

K.: Du idealisierst Religionen stark, weil in Vers 10 kurz später in derselben Sure heißt es. Strenge Strafe wird mit allen sein, die Böses planen und tun. Also, scheint die Liebe doch nicht so allumfassend wie Du sie gerne haben möchtest. Ich bin sehr dafür, dass man auch die dunklen Seiten der Religionen sieht und nicht nur die hellen, dass man objektiv beide Seiten sieht und einen externen Standpunkt einnimmt und von außen auf die Religionen sieht, als Betrachter.

D.: Unberührt? Kritik an den Religionen finde ich auch wichtig. Aber ich halte Religionen nicht als einen reinen Gegenstand der Wissenschaft. Ein Gleichnis beispielsweise lebt davon, dass man/frau sich von ihm berühren lässt. Im Buddhismus spielt die Praxis eine große Rolle, die Übung (jap. gyou). Das Sprechen über Meditation und Erwachen ist nur -- wie sich ein Bild von etwas machen, z. B. von einem Reiskuchen, ohne Geschmack, ohne Erfüllung. Man/frau soll nicht an Bildern, die man/frau sich machte, festhalten. Wissenschaft ist wichtig, Kunst und bildliche und plastische Darstellungen sind wichtig. Das alles ist wie ein Fingerzeig auf den Mond, aber nicht das Eigentliche, nicht die Aussage selbst. Das Eigentliche hat mit Erfahrung mit Berührung zu tun. Es geht um die Freiheit von Bildern, um eine Offenheit.

K.: Ich glaube ähnlich wie Du es mit Hilfe des Buddhismus formuliert hast ist die Kritik an bildlichen Darstellungen im Islam zu verstehen. Es geht gar nicht, um die Frage, ob man ein Bild anfertigt oder nicht, sondern darum nicht an dem Bild festzuhalten. Es geht um die Aussage, die Bilder selbst sind nicht entscheidend. Aber so locker wie Du es aus Sicht des Buddhismus formulierst ist es nicht, weil es im Islam auch viel um Ehrfurcht geht. Taqwa (arab.) bedeutet Ehrfurcht oder Gottesbewusstsein. Das ist eben nicht aus menschlicher Vorstellung gespeist, deshalb das Verbot zum Beispiel Allah oder den Propheten Mohammed bildlich darzustellen. Ich kann diese Ehrfurcht auch verstehen, weil selbst jeder einfache Mensch kann wegen Verleumdung klagen. Auch die Würde eines Gottes ist unantastbar, nicht nur die menschliche Würde, und sie ist es auch, wenn es für den westlichen Menschen fremd klingt, weil wir im Westen anthropomorph denken und nicht theozentrisch.

D.: Gut, dass es zur Zeit Mohammeds, keine Kameras gab! Was wäre dann los gewesen? Der Streit um die Karikaturen ist ein Witz, weil, wer für Karikaturen mordet, hält ja genau an Bildern fest, ist beleidigt wegen eines Bildes, klebt an einem Bild. Die Religionsgründer/innen, soweit ich sie verstand, wollten genau das Gegenteil, Freiheit von Bildern. Offenheit. Allerdings ist es nicht nur ein Problem von Fundamentalisten/innen sich von Bildern gefangen nehmen zu lassen, sondern auch ein Problem von den angeblich aufgeklärten westlichen Gesellschaften. Auch dort gibt es Bilder, Leitbilder, die gefangen nehmen. Fortschritts- und Wachstumsgläubigkeit zum Beispiel sind solche Bilder, Leitbilder. Bilder können wie Gefängnisse sein, können gefangen nehmen. Es gibt aber auch andere Bilder -- Bilder, die befreien. Ich denke es ist gut, nicht nur an der Realität zu haften. Die Ideale von Frieden und Liebe sind gleichnishaft -- wir brauchen Gleichnisse, die uns über die bittere Realität von Krieg hinausbringen, eine Vision von Liebe und Friede. Natürlich hat Brecht auch Recht, wenn er sagt, man/frau solle sich kein Bild von dem/der Liebenden machen, um ihn/sie danach zu formen. So sind aber Gleichnisse nicht gemeint, sie nageln nicht fest, sie öffnen einen Horizont und Weite. Poesie lebt von Bildern, über die man/frau nicht den Atem vergisst.

K.: Sprudelnde Quellen. „Verschlossen in Zelten“ Sure 55. Vielleicht sind ja Religionen die Gefängnismauern.

D.: Im Lotussutra werden Religionen mit einem Spiel verglichen. Eines Tages legt man/frau das Spiel beiseite. Aber das Spiel ist nicht bedeutungslos. Wozu Schleiertanz, wenn doch die Hüllen fallen? Weil Sinnlichkeit davon lebt? Bilder verhüllen mehr als sie enthüllen, können aber auch dazu beitragen Hüllen fallen zu lassen. Mit Blick auf Deine Aussage zum Thema Objektivität und Blick von Extern: Ich finde den Blick von Extern und von Intern wichtig. Diese Sichten können sich wechselseitig vermitteln im kritischen Diskurs. Die Passage im Koran von vorhin, Sure 35, ist spannend. Wenn es in Sure 35 Vers 8 f. heißt Allah ist auch mit dem bzw. der, der bzw. die (scheinbar) Irre geleitetet ist, dann lese ich diese Sure so, dass damit eine Dialektik gemeint ist, die Anerkennung dessen, der oder die anders denkt als man/frau selbst vielleicht denkt, die Anerkennung des und der Diskurspartners/in. Die Sure relativiert den Standpunkt zwischen Richtig und Falsch. Spannend mit Blick auf das vorher gesagte ist auch, wie die Verse weitergehen. Ich lese den Satz in Vers 10 so, dass die Ränke aufhören wird, der Krieg aufhören wird, in Sure 35 geht es im Fortlauf auch viel um bildlich(!) gefasste Gedanken wie zum Beispiel, dass es verschiedene Wasser gibt, süß und salzig, sie aber gleich sind, dass es Bitterkeit gibt, aber jeder Nacht ein neuer Tag folgt, dass alles gut wird, es geht viel um das Gefühl von Unverstandensein und darin aufschimmernd immer wieder die Hoffnung, dass eines Tages wechselseitiges Verständnis und Frieden wirklich werden. Für das Bild der Gegensätze verwendet Mohammed ähnlich wie im Hohen Lied der Liebe, das Bild von Mann und Frau, die Unterschiede sind nicht bedrohlich, sondern befruchtend, das ist die Hoffnung. Die Aussage in der Sure ist, noch begegnet ihr Euch in der Dunkelheit und oft in Bitternis, noch fehlt Euch Verständnis füreinander, aber die Hüllen fallen, und dann ist nicht Krieg, sondern Liebe, pure Lust und Sinnlichkeit.

K.: Bilder im Christentum, Bilder im Islam. Das mit den Bildern ist mir zu schön. Wozu Gleichnisse? Es geht um den objektiven Blick von Außen, dazu braucht es keine Gleichnisse. Ich finde die Sprache des Korans ist klarer als die des Christentums, selbst an den Stellen, an denen Bilder verwendet werden. Das Christentum bleibt sehr im Ungefähren. Die Kritik an der Bildlichkeit, hat viel damit zu tun, dass im NT Vieles steht, das für objektiv denkende Menschen, einfach sonderbar wirkt. Diese ganze Gleichnis- und Bildersprache schafft mehr Unklarheit als Klarheit, eigentlich ist der Koran an dieser Stelle auch moderner als der Westen, in den westlichen Kulturen spielen Bilder eine große Rolle, die arabische Kultur und Kunst hält sich sehr abstrakt, Ornamente und Kalligrafie stehen an der Stelle, von den plumpen Bilderdarstellungen wie sie in westlichen Kirchen anzutreffen sind. Wozu überhaupt Bilder und Gleichnisse?

D.: Weil Bilder und Gleichnisse – und damit meine ich nicht plumpe und plakative Leidensdarstellungen der Kreuzigung usw. - eine abstrakte Ebene enthalten, und zugleich etwas eröffnen können, das Jenseits von Objektivität und Subjektivität liegt. Ich finde den jüdischen Philosophen Levinas, der viel zum Dialog zwischen Judentum und Christentum beigetragen hat, spannend. Er sagt zum Beispiel in jedem Menschen spiegelt sich das Antlitz des /der ganz Anderen wider. Das ist die philosophische Formulierung des Gleichnis Jesu, in dem er sagte, er begegnet den Menschen in ihren geringsten Brüdern und Schwestern und was sie ihnen getan haben, haben sie ihm getan. Levinas schafft durch die abstraktere Ebene etwas auszudrücken, das im Gleichnis enthalten ist, aber wenn man/frau es nur wörtlich versteht, nicht verstanden wird. Der/die ganz Andere spiegelt sich im Antlitz des/der Anderen, also im Antlitz jeden Menschens. Wenn man/frau nur das einfach Gleichnis nimmt und es wörtlich versteht, könnte man/frau meinen Jesus sagt, jeder Mensch ist unmittelbar Gott, so plump ist es aber nicht gemeint. Levinas versteht den Gleichnischarakter und arbeitet ihn in seiner Philosophie heraus, das Transzendente spiegelt sich in der Immanenz des Antlitzes. Natürlich ist Gott nicht Frau Müller von nebenan. Levinas spricht vom Anderen und vom/von der ganz Anderen und einem Aufleuchten im Antlitz. Das heißt er lässt dem Menschen nicht in Gott/ in der Göttin aufgehen, den Menschen ihren Eigenwert und er lässt Gott bzw. die Göttin nicht im Menschen aufgehen, Transzendenz und Immanenz berühren sich, aber sie lösen sich nicht wechselseitig auf. Das ist objektiv von einem externen Standpunkt aus nicht zu fassen. Deshalb Gleichnisse. Weil Gleichnisse eine Ahnung der Berührung schenken.

K.: In Sure 13 wird der Garten tatsächlich als Bild vorgestellt. Das Paradies als Jenseits. Darin liegt aber auch eine Gefahr, die Gefahr der Geringschätzung des Diesseits. Die Gefahr eines Belohnungsdenkens, das auf später vertröstet.

D.: In dieser Sure heißt es aber auch, dass ihre Herzen (und das hat nichts mit der äußeren Welt zu tun) bereits im Diesseits in Frieden sind. Liebe und Frieden, sind nicht eine Verheißung und etwas worauf vertröstet wird, sondern eine Quelle, aus der man/frau schöpfen kann. Liebe und Frieden wandelt die Welt. Es ist kein Vertrösten auf das Jenseits, schon gar kein Belohnungsversprechen. Der Garten, das ist für mich eher Bild einer Hoffnung -- etwas, woran man/frau arbeitet, er ist verwüstet, die Quellen sind verschüttet, aber man/frau schaufelt die Quellen frei, pflanzt, gießt, pflegt und hofft mit dem Frühling.

K.: Das klingt nicht sehr revolutionär. Fehlender Revolutionsmut liegt in vielen Religionen, sie befördern nach Nietzsche Sklavenmoral, Anpassung, Bürgerlichkeit. Deine duftend leicht dahingeschriebenen Sätze, wirken auf mich manchmal so, als ob Du echt glaubst, die Welt verändert sich durch ein paar Blumen und ein paar Bäume, manchmal denke ich, Du traust den Blumen mehr zu als den Menschen. Du kehrst alles um, Du schreibst Dinge, wie an den Pflanzen hängt unser Atem. Das stimmt natürlich irgendwie, aber was erwartest Du, Waldmännin!? - Den Aufstand der Blumen und Bäume?! Die Revolution der Schmetterlinge!? Eine bessere Welt, gibt es nicht beim Gartenmarkt um die Ecke, ein paar Blumenzwiebeln und los ins Vorgartenparadies! Man verändert nichts substantiell am Unrecht in dieser Welt, indem man zur Gartenschaufel greift, und man verändert nichts, indem man mit Träumen auf eine Welt hofft, die nicht realisierbar ist.

D.: Das ist doch auch genau das, worin der zu großen Teilen islamophobe Westen dem Islam Unrecht tut. Der Islam wird bestenfalls als konservativ, schlimmstenfalls als rückschrittlich abgewertet. Tatsächlich aber will er Befreiung und ist sehr wohl revolutionär, indem er Wandel will. Hagar, deren Leichnam in der Kaaba liegt, war ehemalige Sklavin. Sie führte aber anders als Mohammed keine Kriege, sondern ging einen Weg der Befreiung, der auch anderen nicht die Freiheit nimmt -- einen Weg, der Unterdrückung nicht mit Unterdrückung beantwortete. Für mich ist das der Weg zu wirklichen Freiheit -- einer Freiheit, die Unterdrückung nicht mit Unterdrückung, Gewalt nicht mit Gewalt beantwortet. Frieden und Freiheit scheitern doch oft daran, dass Freiheitskämpfer/innen, die auf Gewalt setzen, glauben ihre Freiheit nur durch die Unterdrückung der anderen erlangen zu können. Hagar lebte Freiheit, sie machte nicht Auge um Auge und Zahn um Zahn. Ich glaube, dass auch Mohammed lange den Geist Hagars lebte. Er war bekannt als Vermittler und Streitschlichter. Er hielt es aber nicht durch, griff dann doch zu den Waffen. Er war zeitweise Freiheitskämpfer mit der Waffe im Unterschied zu Hagar, die für mich für eine friedliche Revolution des Wandels steht. Aber er besann sich später auch wieder auf friedliche Wege. Ich sehe die kämpferische Phase, eher als ein Problem, ich glaube tatsächlich an die Kraft von Vermittlung, Verständigung, Streitschlichtung und Versöhnung. Freiheit ist nichts, das am Ende eines Gewaltweges steht, Freiheit ist das, was man/frau lebt. Hagar ist eben nicht als Rachegöttin mordend aus der Wüste zurückgekehrt, sie hat das Unrecht, das ihr widerfuhr, nicht mit einem weiteren Unrecht gerächt, sie hat die Spirale der Gewalt durchbrochen, ihr Leben positiv gelebt, gestaltet. Das Pendel von Terrorismus und Antiterrorismus, der auch Terrorismus ist, kommt deshalb nicht zur Ruhe, weil gewaltbereite Fanatiker/innen auf allen Seiten meinen ihre Freiheit nur mit Gewalt erreichen zu können. Freiheit ist nicht mit Gewalt zu erreichen. Revolution muss nicht notwendig mit Gewalt verbunden sein, sie kann auch als friedlich erreicht werden. Ich kritisiere am Islam, dass er den Weg der Gewaltlosigkeit nicht immer die Treue hielt, aber revolutionär ist der Islam allemal. In Hagar beispielsweise sehe ich eine Revolutionäre.

K.: Der Koran ist in einer gewissen Hinsicht, das hängt allerdings stark von der Auslegung ab, in der Tat revolutionärer als viele im Westen denken. In Sure 2 heißt es im Glauben geht es um die, welche an das Mögliche (und nicht an das Wirkliche) glauben. Der in diesem Zusammenhang verwendete Begriff „gaib“ (arab.) bedeutet die Abwesenheit, das Unsichtbare, aber auch das Mögliche, das noch nicht ist, aber wirklich werden kann. Eine andere Gesellschaft ist denkbar, damit ist das revolutionäre Moment enthalten im Koran, sofern man/frau diese nicht herrschaftskonforme und weniger verbreitete Interpretation voraussetzt. Deine Sicht auf Hagar wäre möglicherweise wünschenswert, vielleicht war das auch mal eine der ursprünglichen Intentionen zur Zeit der Entstehung des Islams und im Vorfeld dazu, aber faktisch, zumindest in der realen Ausprägung, sind weite Teile der islamischen Welt durch herrschaftskonforme Gesellschaftssysteme geprägt. Das Kalifat war faktisch prägend. Zu Hagar, der Du vor Mohammed den Vorzug gibst: Ich sehe noch etwas anderes als Deinen auf friedlichen Wandel verkürzten Begriff einer besseren, weil friedlichen Revolution, der die Gewalt im Islam als einen illegitimen Ausrutscher abtut. Damit wir uns nicht missverstehen, ich befürworte Gewalt nicht, aber ich sehe dennoch auch noch einen anderen Aspekt: Mohammed ist eine Art Robin Hood, er war Verfolgter, ein Freiheitskämpfer mit der Waffe, kein Terrorist, aber ein Freiheitskämpfer. Er ist jemand, der sehr bitter erfahren hat, dass trotz aller guten Worte, trotz aller Vermittlungsversuche, er sich und die Unterdrückten nur retten kann, indem er sich wehrt, und auch mit der Waffe wehrt.

D.: Ich sehe auch, was Mohammed zur Gewalt brachte, die Verzweiflung und Verbitterung über das Scheitern friedlicher Bemühungen, das erklärt, warum er sich so verhalten hat, aber ich sehe den Griff zur Waffe dennoch als ein Scheitern an, weil er alles konterkariert, was der Islam ursprünglich wollte: Frieden. Dein Satz über die Verteidigung klingt durch das „nur“ fast schon alternativlos. Es gibt immer einen besseren Weg als Gewalt.

K.: Ich heiße, wie gesagt, Gewalt nicht generell für gut, aber es ist auch konsequent, dass der Koran, Gewalt nicht per se ausschließt. „Gaib“ (arab.) ist das Mögliche, „Jihad“ (arab.) bedeutet neutral die Anstrengung, das Bemühen, das kann Liebe sein, aber auch Revolution und eben auch eine Revolution durch Waffengewalt. Die Blümchenwege sind nett, aber manchmal auch wirkungslos, das ist, glaube ich, die Erfahrung Mohammeds. Es ist natürlich nicht unmöglich Alternativen zur Gewalt zu finden, aber schwer, sehr schwer - in manchen ausweglosen Situationen der Verfolgung. Ich will Mohammed in seinen kriegerischen Handlungen nicht rechtfertigen, aber sagen, dass er nicht als Imperator auftrat, sondern als Freiheitskämpfer, der aus einer Verfolgungssituation ausbrach.

D.: Aber genau darin liegt doch das Problem von Kriegsdynamiken, jede Seite meint für sich für die „Freiheit“ einzustehen, indem sie mit Waffen gegen die anderen ankämpft, sagt Gewalt steht im Dienste der Freiheit, Gewalt wird in dieser kriegerischen Logik mit Gewalt beantwortet und auf eine magische Weise soll ausgerechnet aus Zwang und Gewalt plötzlich Freiheit erwachsen, obwohl in Tatsache nur eine Form der Unterdrückung einer anderen Form der Unterdrückung weicht. Daran scheiterte doch auch der reale Sozialismus, dass libertärer und demokratischer Kommunismus nicht gelebt wurde, sondern Diktaturen der Gewalt installiert wurden. Terror-Gewalt wie Antiterror-Gewalt basieren ebenfalls auf einer Gewalt-Logik, die Freiheit will, aber Freiheit negiert. Der Westen kämpft für Freiheit (eine Freiheit, die keine Freiheit ist), weil sie auf Unterdrückung und Gewalt beruht, Terroristen kämpfen für eine Freiheit, die keine ist, weil sie mit Unterdrückung und Gewalt einhergeht. Freiheit wird dadurch verwirklich, dass beide Seiten von der Gewalt lassen und im Sinne von Berta von Suttner „die Waffen niederlegen“. Du benennst den Begriff „Gaib“ (arab.) -- das könnte auch Weite für Träume bedeuten, den Traum von Frieden. Zum Weg Robin Hoods, doch es gibt eine Alternative zu ihm, Franz von Assisi und Klara zum Beispiel, er warf zum Protest die Stoffballen aus dem materiellen Wohlstands-Haus des Vaters, sie verließ ebenfalls ihr Elternhaus, er und sie und die Gruppe um beide befreiten sich dadurch wirklich und lebten Freiheit, während Robin Hood immer ein Rad der Kriegslogik blieb, Robin Hood jagte dem Geld auf seine Weise hinterher, er stellte die Geldwelt nicht wirklich in Frage, hebelte die Rolle von Geld nicht aus. Während Franz von Assisi und Klara für mich für den wirklich revolutionären Traum einer Welt ohne Geld stehen -- einer Welt der Freiheit und Liebe. Die Aussage von Franz und Klara ist, Euer Geld ist für nichts gut, es wärmt nicht und hält nicht, sättigt nicht. Alles in der Natur bzw. Schöpfung gibt sich von selbst, ohne Geld dafür zu verlangen. Das ist radikaler. Die Sehnsucht nach dem Garten schwingt mit, alles gibt sich von selbst, Blumen wachsen nicht für Geld, Garten ist der Ort der Gestaltung, nicht der Kaufakte, Garten ist der Ort der Gestaltung und der Kontemplation, der Ort der Gabe und des Gebens – weder bloß Natur noch bloß Kunst und Kultur. Die Luft zum Atmen -- sie ist da, die Früchte der Bäume -- sie kosten nichts. Robin Hood ist ein Jagender. Franz von Assisi und Klara sehen die verschwenderische Fülle in der Natur, bzw. Schöpfung, in der sich alles schenkt, sie negieren die Geld- und Machtwelt.

K.: Schwierig in der Wüste, wenn es nur wenige Oasen gibt, Handelsstraßen Lebensadern sind usw. -- und ein Sich-Rausnehmen aus dem System wie es Franz und Klara taten schwer wird.

D.: Ich weiß, dass es die durch Hegel inspirierte Theorie gibt, die Ausprägung von Religionen hänge stark an Regionen und klimatischen Bedingungen, aber das ist mir zu platt. Nicht nur Mohammed war mit der Wüste konfrontiert. Hagar wurde auch in die Wüste geschickt, sie wurde verjagt, aber sie wurde zu keiner Jagenden.

K.: Anders formuliert und drastischer, in der Wüste ist eben keine Fülle, es geht oft um das nackte Überleben. Eine Oase ist ein eng umgrenzter Platz in der Bedrohungsszenarien ganz andere Ausmaße annehmen: jemand steht mit der Waffe vor einem, weit und breit nichts als Wüste. Die Defensive - nach dem Motto die andere Wange hinhalten und Nachgeben und Rückzug- kann in so einer Situation den Tod bedeuten, während es in einer anderen Situation Ausweichmöglichkeiten gibt.

D.: Und miteinander teilen kann Leben bedeuten. Es gibt eine buddhistische Geschichte, in der jemand auf einen Racheakt verzichtet, dafür das Wenige, das er hat, mit diesem Menschen teilt, später rettet dieser Mensch ihm das Leben.

Es gibt immer auch eine mögliche andere Sicht als die der Bedrohung, selbst in Extremsituationen: man/frau kann entweder den Konflikt sehen und das, was bedrohlich wirkt, die Akzentuierung bei dem Wort Bruder- bzw. Schwesterkonflikt, liegt dann auf dem Wort „Konflikt“, auf dem, was trennt und Trennlinien zementiert – oder aber man/frau sieht getrennt Liebende und betont das Wort Bruder und Schwester, dann liegt die Betonung auf der Liebe, und nicht auf dem Konflikt, der Konflikt und die Trennung ist dann das, was überwunden werden kann.

Ich finde die Religionen und Kulturen sollten sich suchen wie die Liebenden im Hohen Lied, keine Religion ist für sich ganz, sie ergänzen sich, werden gemeinsam ganz. Es geht darum, das Eigene zu verlassen und zum Du aufzubrechen. Die Tür der Liebe öffnet sich, laut Ibn‘ Arabi, für das Du, nicht für das Ich. Übrigens auch die Tür zur Selbstliebe ist kein Ich-Durchgang. „Das Ich ist ein/e andere“ Levinas. Damit ist nicht Selbstverleugnung gemeint, sondern Selbstfindung. Das Ego vergessen, bedeutet all das zu vergessen, was uns im Lauf der Erziehung beigebracht wurde, wer wir angeblich sind und zu fragen, wer wir wirklich wirklich sind, unabhängig von den äußeren Zuschreibungsprozessen, das ist die Basis für Selbst- und Nächstenliebe. Im Buddhismus spielt der Schritt in die Hauslosigkeit (sanskr. pravrajya) eine entscheidende Rolle. „Du musst Dein Haus verlassen“ lautet ein bekannter buddhistischer Satz, dieser Schritt ist die Basis von Erwachen und Liebe, maitri. Gemeint ist nicht vor allem das Gebäude aus Lehm, Steinen, Ziegeln, gemeint ist, man/frau muss das, was die Sozialisation und Enkulturation mit sich brachte verlassen, man/frau muss auch sich selbst verlassen, um zum Du aufbrechen zu können.

Menschen definieren sich in Gesellschaften viel zu sehr über äußere Zuschreibungsprozesse, ein Großteil dieser Zuschreibungsprozesse läuft sehr subtil ab, entsprechend unreflektiert wird übernommen. Warum wird das Menschsein (jenseits aller Zuschreibungsprozesse) nicht viel mehr betont? Das Menschsein ist es, was uns miteinander verbindet. Menschen werden zufällig an einem Ort geboren, zufällig in eine Religion und Kultur hineinsozialisiert und es spielen auch viele Zufälle hinein, die bestimmen, wofür sich Menschen interessieren und wie sie ihr Leben entwerfen. Warum definieren sich Menschen so stark über solche Zufälle? Klammern daran so fest? Wir sind Menschen, das ist es, was uns verbindet: Menschen begegnen Menschen.

Im NT heißt es weder Jude noch Christ noch Grieche, damit gemeint ist, entscheidend sind nicht die äußeren künstlich zugeschriebenen Zugehörigkeiten, die reine Konstrukte und Zufälle sind, entscheidend ist die Liebe. Wir sind nicht das, was uns von Außen qua Geburt zugeschrieben wird, sondern Menschen nackt von allen Zuschreibungen und wir sind gleich. Glaube, Hoffnung und Liebe sind ewig heißt es bei Paulus, von der Liebe heißt es an derselben Stelle, sie hofft immer für andere, hört niemals zu hoffen auf, glaubt immer an den/die andere. Das wichtigste sei die Liebe. Sie baut Brücken.

K.: Ähnlich heißt es im Koran, dass dieser ganze Streit zwischen den Religionen und Weltanschauungen nicht gerechtfertigt ist, die Propheten stehen nicht für Konfessionszugehörigkeiten, sondern ein Prophet ist ein Hanif (arab.) ein Rechtsgläubiger. Abraham wird in Sure 2 z. B. als Hanif bezeichnet.

D.: Ist auch eine anderer Übersetzung möglich, weil Recht impliziert immer auch den Begriff des Unrechts.

K.: „Hafa“ (arab.) bedeutet auch biegen.

D.: Dann wäre ein/e Hanif, nicht der/die statische und unbewegliche Rechtsgläubige, sondern der/die Biegsame, der/die sich bewegt – auf andere zu. Offenheit für Liebe, also. Statt eines starr auf seinem Standpunkt des Rechts und Rechthabens verharrende/r Rechtsgläubige/r. Hanif – der/die Biegsame, Geschmeidige und ich habe Gräser vor Augen, Wiesen, über die der Wind streicht und Gräser, die sich im Wind wiegen. Wellen, die vom Wind bewegt werden. No Walls, but waves. Im Buddhismus werden die Lebewesen mit den Wellen auf dem Meer verglichen.

K.: Das erinnert mich an den Dichter Hafiz und die Sätze, die einen religiösen Weg mit Hilfe eines Liebesgedichts beschreiben, es handelt von der Allbarmherzigkeit:

„Die Morgenbrise trägt den Duft der Liebsten zu mir, überwindet die Ferne, nah im Herzen, worin die Schönheit und Liebe, Dich erkennt…

D.: Ein Gedicht, das über eine Liebe schreibt, die alle Ignoranz und Intoleranz überwindet.

K.: Genau, weil es geht weiter:

„Über Deine Eigenschaften
kann man/frau nichts sagen,
außer so viel,
dass Du Feinde/innen nicht von Dir weist,
ihnen Dein offenes Herz schenkst.
Melodie der Nachtigall, o Rose,
wie kann sie Dir gefallen,
wenn Du selbst den schnatternden Enten Zeit und Liebe schenkst?
Rosenduft überall, überall die Melodie der Nachtigall…
Berauscht von Deinem Trank,
er ist bekömmlich,
aus welcher Quelle,
welchem Gefäß geschöpft,
Du wandelst ihn,
in Liebe,
sättigt er alle,
die davon trinken.
Ohne Selbstüberhebung,
Zypresse am Bach,
wenn Du zu ihm gelangst,
neigst Du dich,
in Freundschaft und Liebe.“

D.: Hanif. :-)

K.: „Schön wie Sonne in Fülle,
bist Du,
erfüllst alles,
selbst den Mond.
Das stolze Gewand der Schönheit,
Farbe und Duft verströmend…
Hinter Mauern,
findest Du die Liebe nicht,
sie ist dort, wo Du aufbrichst,
und ihren Duft verströmst,
findet sie Dich.“

D.: Liebe finden, indem man/frau liebt. Das ist jetzt aber auch schön. Hoffentlich ist es Dir nicht zu schön.

K.: Nö. Es ist schön, aber leugnet die dunklen Seiten der Realität nicht.

D.: Und zementiert sie nicht, das Gedicht ist schön und hoffnungsvoll: Der Duft der Rose, das Lied der Nachtigall ist überall. Es ist nur überlagert von Konflikten. Ich denke sehr alte Konflikte z. B. jener zwischen den Brüdern im AT. Ein Bruderstreit, und doch sind beide Brüder. Der Konflikt zwischen Sarah und Hagar. Ein Schwesternstreit, und doch sind beide Schwestern. Und Konflikte aus der Zeit der Kreuzzüge, zertrennen die abrahamitischen Religionen. Die Verletzungen durch Imperialismus und Kolonialismus und zwei Weltkriege, kalter Krieg, Terror, Antiterror, der auch Terror ist. All diese Konflikte schwingen mit in diesem Terror-und-Antiterror-Geschehen. In meinen Augen geht es darum, die Wunden auf allen Seiten zu sehen, auszubrechen aus der Spirale von Gewalt und Gegengewalt und die Liebe neu zu entdecken.

K.: Wenn ich mir die verfahrene Situation ansehe, frage ich mich, ob es nicht zu spät, schon zu weit eskaliert ist? Frieden müssen auch alle Seiten wollen, ich sehe aber überall und auf allen Seiten vor allem Kluften. Keine Seite bewegt sich wirklich auf die andere zu, jede Seite beharrt auf ihrem Standpunkt und kennt nur die eigenen Wunden, der Westen sieht sich bedroht von der arabischen Welt, die arabische Welt sieht sich bedroht durch den Westen

D.: Vielleicht kann man/frau Politik, nicht mit Privatem vergleichen. Aber vor einiger Zeit begegnete ich jemanden einfach so, ein paar Mal liefen wir uns über den Weg -- jenseits des gewohnten Kontextes, in dem wir für gewöhnlich aneinander vorbei reden. Ich schwieg, weil ich dachte, ein Gespräch ist nicht gewollt. Ist es nicht so, weil wir Kluften sehen, weil wir Befürchtungen in uns tragen, überwinden wir sie nicht? Wir sehen die Kluft und denken an die Bruchlandungen, die wir kennen, sehen aber längst nicht mehr die Flügel, die wir haben. Weil wir so oft aneinander vorbei redeten, war das Vertrauen in Worte gebrochen. Aber ein Lächeln huschte über unsere Gesichter. Bei einer Begegnung, sah ich nur den Rücken, wir standen nah, aber ich konnte die Entfernung nicht überwinden, aber ich fühlte Wärme und Liebe. Es ist natürlich nur ein Beispiel, das zwei Menschen betrifft, mir ist klar, dass die Situation mit Blick auf Gesellschaften unendlich komplizierter ist, aber vielleicht trauen wir kleinen Schritten einfach zu wenig zu, wahrscheinlich kann man/frau nicht alle Konflikte, die sich seit Jahrhunderten aufschaukelten, von heute auf morgen lösen, aber es heißt auch eine große Reise beginnt mit einem kleinen Schritt, ein Lächeln kann ein Anfang sein.

K.: Sorry, aber das ist jetzt echt ein blödes Argument von Dir. Wenn Du eh schon siehst, wie schwer es im Kleinen ist, wie soll es im Großen werden mit der Liebe und dem Frieden? Die Menschen lieben sich nun mal nicht alle.

D.: Aber alle Menschen tragen doch die Sehnsucht nach Frieden und Liebe in sich. Wenn es darum geht ein Schiff zu bauen, wecke die Sehnsucht nach dem Meer heißt es.

K.: Sehnsucht vielleicht, aber der Egoismus steht der Sehnsucht im Weg. Und der Streit zwischen den abrahamitischen Religionen sitzt tief und ist alt. Das Schiff zerschellt vielleicht ehe es gebaut ist.

D.: Aber die Liebe vermag alles – wie es im Gedicht von Ibn-Arabi geschrieben ist:

„Mein Herz ist fähig geworden, alle Formen anzunehmen; es ist Weideland für die Gazellen und Kloster für die Mönche, Tempel für die Bilder und Kaaba für die Pilger. Es ist die Tafeln der Thora und das Buch des Koran. Es praktiziert die Religion der Liebe, egal an welchem Ort, wohin sich auch die Karawanen wenden. Und die Liebe ist mein Gebot, und die Liebe ist mein Glaube.“

K.: Vielleicht ist die Liebe eine Illusion, ein Traum und Trugbild, das sich nie verwirklichen lässt.

D.: Kennst Du das Gedicht von Attar:

„Nachdem wir das ganze Meer getrunken haben, bleibt unser Erstaunen darüber, daß unsere Lippen noch immer so trocken wie der Strand sind, und noch immer suchen wir das Meer, um sie zu benetzen, ohne zu sehen, daß unsere Lippen die Strände und wir das Meer sind."

K.: Gibt es auch einen Weg, dort wo keiner ist?

D.: Verzeihen.

K.: Jede Sure beginnt mit der Erinnerung daran, dass Allah barmherzig ist und voller Erbarmen. In Sure 2 heißt es Allah lädt zur Verzeihung ein. Verzeihen ist schwer, dort wo Brücken eingestürzt sind und Menschen getrennt voneinander sind, durch Schluchten und Felswände.

D.: Im Hohen Lied der Liebe machen sich die getrennt Liebenden auf die Suche nacheinander, um sich wieder zu finden:

„Sag mir, Du, den meine Seele liebt, wo Du weidest, wo Du ruhst... Mein Freund gleicht einer Gazelle, er steht hinter einer Wand und sieht durchs Fenster: ‚Steh auf mein Freund, vergangen und vorbei ist der Winter, die Blumen gehen auf.“

K.: Sehr schön. Zu schön. Und praktisch? Was ist gemeint, wenn von einer Gemeinschaft der Mitte die Rede ist (arab. ummatan wasata). Sure 2,143. Die Qibala, Gebetsrichtung, ist nicht entscheidend, weil

D.: „Gott ist der Westen und der Osten.“ Sure 2,141

K.: Weshalb also suchen?

D.: Wenn die Lippen schon benetzt sind, die Wellen der Meere den Strand berühren.

K.: Weshalb also suchen?

D.: Im Zen-Buddhismus fragt einer, weshalb üben, wenn alles Erleuchtung ist. Dogen vergleicht die Menschen mit den Vögeln am Himmel, die nicht um die Luft wissen, die sie trägt. Zazen, die Meditationsübung, ist wie die Bewegung eines Fächers -- die Luft wird spürbar.

K.: Faktisch nützt das gar nichts. Überall Lärm, kalter Wind und nasser Regen. Nichts zu spüren von Erleuchtung.

D.: Im Zendo, in der Meditationshalle, glaubt man/frau anfangs erst halb wahnsinnig zu werden, weil jedes noch so kleine Geräusch einen aus der Konzentration reißt. Ein Mönch fragte Meister Joshu: „Wie wird dhyana verwirklicht (eine best. Form der Meditation)? Joshu gab eine unerwartete Antwort: „Trotz Nicht-dhyana“. Noch einmal fragte der Mönch: Wie kann dhyana inmitten von Nicht-dhayna sein? Joshu gab ihm keine theoretische Erklärung auf seine Frage nach dem „Wie?“, sondern sagte „lebendig, lebendig.“

K.: Du tust so als gäbe es keinen Tod und nichts Schlechtes in der Welt. So als ob, alles Erleuchtung wäre.

D.: Nein, nicht alles ist Erleuchtung, aber Erleuchtung ist trotzdem, überall zu verwirklichen. Nicht alles ist Liebe in der Welt, aber man/frau kann dennoch lieben.

K.: Aber alles in der Welt ist vergänglich, damit sind der Liebe scharfe Grenzen gesetzt.

D.: „Auf den blätterlosen Ästen, im Schnee Tauben, des Frühlings Nahen.“ Fuosei.

K.: Der Frühling bringt die Lieben nicht zurück, die für immer gingen.

D.: Was dem Menschen nicht möglich ist, ist Gott möglich heißt es in der Bibel. Die Liebe hört nie auf zu hoffen, schreibt Paulus.

K.:Leben wird ihnen der gegeben, welcher sie zum ersten Mal erschuf, denn er kennt jegliche Schöpfung.“ Sure 37,79

Der Satz mag zwar hoffnungsvoll sein, zugleich fühlt man sich ohnmächtig als Mensch, ausgeliefert. Und was, wenn man solche vertröstende Ammenmärchen nicht glaubt? Ich finde, die Kritik der Religionskritiker/innen hat auch ihre Berechtigung. Die ganze Vertrösterei in den Religionen nervt.

D.: Religion sollte eben gerade kein Opium sein. Es gibt eine Hoffnung, die dem Diesseits gilt. Sätze, die den Menschen nicht als ausgeliefert und ohnmächtig beschreiben: Wer das Leben eines einzigen Menschen rettet, hat das Leben der gesamten Menschheit gerettet -- steht im Koran.

K.: Dennoch ist alles in der Welt vergänglich.

D.: Dennoch überwindet die Liebe den Tod.

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Dieser Beitrag gibt die Meinung der Gesprächspartner/innen wieder: eine Frau und ein Mann, auch wenn in der Zeile darunter nur von einem männlichen Autor die Rede ist. ;-)

17:23 19.01.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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