12 Punkte für Transparenz

Eurovision Noch nie trug die EBU die Jurywertung beim Song Contest so offensiv nach außen. Doch dies birgt auch Gefahren für die Juroren, wie der öffentliche Diskurs zeigt.
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12 Punkte für Aserbaidschan aus San Marino? Bei diesen Worten ging am Samstag im Finale des Eurovision Song Contest ein Raunen durch das Pressezentrum. Der Verdacht um gekaufte Stimmen ging um die Runde. Früher hätte man die Europäische Rundfunkunion EBU angerufen und um Erklärung gebeten. Doch in diesem Jahr ist alles anders gewesen. Denn Jan Ola Sand, Executive Supervisor für den Eurovision Song Contest, hatte angekündigt, anders als in den Vorjahren, alle Ergebnisse der Jury öffentlich zu machen. Bereits seit dem Sieg von Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest sind die Jury- und Zuschauerwertung auf eurovision.tv abrufbar.

Die Jury kann sich nicht mehr verstecken

Das Prozedere um die Punkte ist etwas kompliziert, wird aber in diesem Erklärvideo anschaulich erklärt. Kurz gesagt: Die Jury und die Zuschauer entscheiden gemeinsam, welchem Land Sie 12 Punkte geben und welchem nicht. Während die Wertungen der TV-Zuschauer anonym bleiben, sind die Namen, das Geburtsdatum und die Wertungen jedes einzelnen Jurymitglieds sichtbar. Sieht man sich nun die Wertung für San Marino an fällt auf, dass die Stimmen der Zuschauer fehlten. Der Grund ist einfach: San Marino hat so wenig Einwohner, dass eine repräsentative Stimmabgabe über das Telefon schlicht unmöglich war. Deshalb muss also das Juryvoting herhalten. Und die Jury hat Aserbaidschan im Durchschnitt den höchsten Rang gegeben und damit zu den begehrten 12 Punkten verholfen. Allerdings hat dies Aserbaidschan wenig genützt. Der Beitrag landete mit 22 Punkten abgeschlagen auf dem 22. Platz. Jetzt wird munter spekuliert, ob die Transparenz-Initative den Azeris einen Strich durch die Rechnung gemacht hat oder ob es am Ende doch nur die etwas zu langatmige Präsentation eines ansonsten gut produzierten Songs war.

Die Jury hat das Recht auf freie Meinung

Ausgerechnet aus Deutschland kamen lautstarke Proteste gegenüber dem Juryvoting. Kein geringerer als Edel-Rapper Sido hielt hierzulande den Kopf für die Jury hin. Verwundert war man darüber, dass Sido die nervige Folknummer aus Georgien im zweiten Halbfinale auf den 1. Platz setzte und Conchita Wurst am Finalabend ins Mittelfeld katapultierte und damit verhinderte, dass Conchita 12 Punkte aus Deutschland bekam. Wütende Proteste in den Sozialen Netzwerken folgten.

Doch dieser Shitstorm ist nichts anderes als ein typischer Reflex des Internets. Conchita hätte nach ihrer grandiosen Leistung beim Eurovision Song Contest 12 Punkte aus Deutschland verdient. Aber eine Jury ist eine Jury und entscheidet nach eigenen Kriterien. Sie hat sogar das Recht sich von dem Geschmack der Masse abzusetzen. Dieses Recht darf man ihr nicht nehmen. Ob nun ein Rapper die ideale Besetzung für einen Platz in einer deutschen Jury ist, das müssen andere bewerten.

Das Recht der freien Meinung wird mitunter durch den gesetzlichen Rahmen in dem jeweiligen Land eingeschränkt. Das zeigen die Jury-Ergebnisse anderer Länder deutlich: Alle Juroren aus Aserbaidschan versetzten den verhassten Nachbarn Armenien auf den letzten Platz. Die armenische Jury trieb das gleiche Spiel mit Aserbaidschan. In beiden Ländern, die nicht gerade als homofreundlich gelten, versetzte die Jury Dragqueen Conchita Wurst auf den vorletzten Platz. Jede andere Wertung eines Jurors hätte wohl den Staatschutz auf den Plan gerufen.

Steigt jetzt der Osten komplett aus?

Dass auch ohne Televoting Conchita Wurst (wenngleich auch etwas knapper) gewonnen hätte, überraschte Beobachter. Kein Wunder also, dass aus Russland und der Türkei mitunter unversöhnliche Töne über das Abschneiden von Conchita Wurst kommen. Türkische Politiker drohen damit, dem Eurovision Song Contest dauerhaft fernzubleiben. Und in Russland fordern Politiker einen eigenen Song Contest. Die Türkei hat sich schon vergangenes Jahr beschwert, weil aus ihrer Sicht das Votingverfahren unfair sei. Das türkische Fernsehen TRT hatte deshalb aus Protest mit Turkovision ein eigenes TV-Format auf die Beine gestellt.

Auch in Russland werden Stimmen laut, man könne die aus Sowjetzeiten stammende Intervision (dem Wettbewerb der Sowjetrepubliken) wieder zum Leben erwecken.

Transparenz ist riskant, aber richtig

Doch der Kurs nach unmittelbarer Transparenz, der auch von NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber vorangetrieben wurde, ist richtig. Nur so besteht überhaupt für den TV-Zuschauer und die Statistiker unter den Eurovision-Fans überhaupt die Chance nachzuvollziehen, wie es zum Ergebnis kam.

Vorbei ist die Zeit der Medienlegenden um Diaspora und Blockvoting. Was jetzt ausschließlich zählt ist der Geschmack der Jury und der TV-Zuschauer – und nicht in erster Linie der Geschmack von TV-Verantwortlichen und Medienvertretern. Jeder Versuch von Journalisten und Politikern, das Ergebnis mit zu beeinflussen, wird ab sofort enttarnt. Das ist das Gute am neuen Kurs der Europäischen Rundfunkunion. Auch wenn damit durchaus riskiert wird, dass intolerante Länder dem europäischen Wertekanon dem Rücken kehren – dieses Risiko kann die EBU aushalten.

19:57 14.05.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Daniel Koch

Schreibt über den Eurovision Song Contest, die Teilnehmer, die Länder und die TV-Shows
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Daniel Koch

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