"Ann Sophie wirkt noch etwas künstlich"

Interview Eurovision-Experte Dr. Irving Wolther spricht über Ann Sophie, starke Frauen und die Favoriten des Eurovision Song Contest in Wien
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"Ann Sophie wirkt noch etwas künstlich"
Hat es Ann Sophie geschafft aus Kümmerts Schatten zu springen?

Bild: Nigel Treblin/Getty Images

Dr. Irving Wolther hat sich mit dem Eurovision Song Contest wie kein anderer deutscher Publizist so wissenschaftlich fundiert auseinandergesetzt. Selbst seine Doktorarbeit verfasste er zu diesem Thema. Er schreibt unter anderem Blogartikel auf eurovision.de und hat kürzlich Facebook für sich entdeckt. Auch ein neues Buch ist schon in Arbeit.

Daniel Koch: Der Eklat um Andreas Kümmert beim deutschen Vorentscheid schlug hohe Wellen in den Medien. Hat es Ann Sophie geschafft aus Kümmerts Schatten zu springen?

Dr. Irving Wolther: In der öffentlichen Wahrnehmung ist die Kümmert-Affäre gar nicht mehr so präsent. Da wird Ann Sophies Leistung direkt bewertet. Zum ersten Mal seit vielen Jahren ist der deutsche Künstler bei den Fanevents sichtbar, die im Vorfeld des Eurovision Song Contest beispielsweise in Amsterdam und London stattfinden. Und da hat Ann Sophie bei den Fans zumindest einen positiven Eindruck hinterlassen. Ich denke schon, dass der Kümmert-Gate für den Erfolg oder Misserfolgs des deutschen Beitrags keine Rolle spielen wird.

Wie könnte es Ann Sophie gelingen, sich von Lena, der Gewinnerin des Eurovision Song Contest 2010, abzugrenzen. Beide ähneln sich doch äußerlich und gesanglich sehr – zumindest auf dem ersten Blick.

Das ist schwierig. Gerade in der kleinen Eurovisions-Welt wird gerne mit Vergleichen aus der Vergangenheit gearbeitet. Lena oder auch Ann Sophie könnten durchaus auch mit anderen Künstlerinnen aus der normalen Pop-Mainstream-Welt verglichen werden. Es ist gar nicht gesagt, dass Ann Sophie sich speziell an Lena orientiert, sondern einfach an jungen Sängerinnen, die aktuell en vogue sind.
Es ist wichtig für Ann Sophie, dass sie es schafft, ihre eigene Persönlichkeit auf die Bühne zu transportieren. Sie ist ja keine schlechte Sängerin, aber doch auf der Bühne sehr bemüht. Das, was sie da aufführt, ist eher ihrer Musical-Vergangenheit geschuldet und wirkt teilweise ein bisschen künstlich. Da hoffe ich doch, dass sie auf der Bühne ein bisschen authentischer herüberkommt.

Zu den Mitstreiterinnen von Ann Sophie gehört die Georgierin Nina Sublatti mit ihrem selbst geschriebenen Song „Warrior". Was macht den georgischen Beitrag so besonders?

Der georgische Beitrag sticht durch seine düstere Gothic-Atmosphäre heraus. Zudem ist Nina Sublatti eine richtige Künstlerin im wahrsten Sinne des Wortes, denn sie hat auch bildende Kunst studiert. Ich bin sehr gespannt, wie sie ihren Background einsetzen wird, um die Bühnenperformance umzusetzen. Zudem ist es ein Song, der sehr feministisch ist. Das hatten wir in der Vergangenheit beim Eurovision Song Contest selten.

Thomas G:son, der „schwedische Ralph Siegel", hatte ja noch einmal den Song feingeschliffen. War das unbedingt nötig gewesen?

Der Titel war bei der georgischen Vorentscheidung sicherlich gut, hatte aber nicht diese Brillianz, die er jetzt hat. Das ist letztlich immer die große Kunst im Arrangement, die Vorzüge eines Songs richtig herauszuarbeiten. Da wird die Arbeit des Arrangeurs unterschätzt. Den meisten Leuten ist es gar nicht bewusst, wie unterschiedlich ein Titel mit einem neuen Arrangement wirken kann. Dass Thomas G:son gleich als einer der Komponisten mit aufgeführt wird, finde ich übertrieben und spiegelt die Situation in der Musikindustrie wieder, dass eine Frau als Komponistin alleine offensichtlich ihren Weg nicht machen kann.

Dass Frauen sich auf der Bühne des Eurovision Song Contest selbstbewusst und kämpferisch präsentieren, das hatte es ja in den ersten Jahren des Wettbewerbs nicht gegeben. Frauen spiegelten eher Männerfantasien wider.

Naja, es gibt immer wieder Gegenbeispiele. Das schönste kommt aus Deutschland mit Mary Roos und „Aufrecht geh'n” – eine Frau, die sich trotz der Situation des Verlassenseins hoch erhobenen Hauptes ihrer neuen Zukunft stellt. Der Eurovision Song Contest ist ein Ausschnitt aus dem gesamten Musikleben. Wir finden im Mainstream relativ wenig Titel, in denen Frauen selbstbewusst dastehen. Da muss man vom Eurovision Song Contest nicht mehr verlangen als von der Musikszene allgemein.

Die in Polen beliebte Sängerin Monika Kusyznska ist seit einem Autounfall 2006 auf den Rollstuhl angewiesen. Sie vertritt ihr Heimatland Polen mit der Ballade „In The Name Of Love”. Es deutet alles darauf hin, dass sie während ihrer Performance in Wien ganz offen mit ihrer Einschränkung umgehen wird.

Ich finde das längst überfällig. Menschen mit Behinderungen finden in der öffentlichen Wahrnehmung viel zu wenig statt. Es ist wichtig, dass man sie einfach so stattfinden lässt, wie sie sind. Eben nicht, wie wir es in der Vergangenheit mit einer Corinna May gemacht haben, die als blinde Frau auf der Bühne so tun muss, als sei sie nicht blind. Das ist der Sache nicht angemessen. Das könnte man auch auf andere Bereiche ausdehnen: Haben wir einen Nachrichtensprecher, der beispielsweise Contergan geschädigt ist oder der nur einen Arm hat? Nein, das haben wir nicht. Wir haben auch keine blinden Talkshowmoderatoren. Da ist in der öffentlichen Wahrnehmung noch eine ganze Menge zu tun.

Die Landessprache verschwindet

Im Buch „Kampf der Kulturen”, das gleichzeitig deine Doktorarbeit ist, geht es darum, dass die TV-Verantwortlichen den Eurovision Song Contest nutzen, um ihre eigene Landeskultur zu repräsentieren. Dazu gehört auch das Singen in der Landessprache, das heute aber nicht mehr Pflicht ist. Dieses Jahr singen nur sechs der 40 Beiträge in ihrer Landessprache. Ist das für den Eurovision Song Contest ein schmerzhafter Verlust?

Es ist eine für mich sehr traurige Entwicklung, dass viele Länder auf ihre Landessprache verzichten. Das ist dem Irrglauben geschuldet, dass man mit Englisch größeren Erfolg beim Eurovision Song Contest hat, weil es im Vordergrund steht, den Wettbewerb nach Hause zu holen um dann die Möglichkeit zu haben, sich auf breiter Ebene dem Publikum zu präsentieren.
Ich finde es schade, weil dadurch viele Titel ihren Charme verlieren, den sie gerade durch die Landessprache haben. Rumänien versucht dem zu begegnen, in dem sie ein Teil auf Englisch und ein Teil auf Rumänisch singen. Das halte ich für eine unglückliche Lösung, weil es keine Rolle spielt, ob die jetzt zwei Sätze auf Englisch singen. Die Botschaft wird dadurch nicht besser verstanden.
Die Nationalkultur bzw. das Bedürfnis nach Darstellung des eigenen Seins spielt sich ja auch auf anderer Ebene ab. Bei der finnischen Band Pertti Kurikan Nimipäivät kann man natürlich sagen, dass sie auf Finnisch singen und deswegen Finnland repräsentieren. Die Entsendung einer Band wie Pertti Kurikan Nimipäivät, die aus Menschen mit Down-Syndrom und Autismus besteht, ist einfach ein ganz anderes Signal und zeigt, wie Finnland und die finnische Kultur mit Inklusion umgeht. Und dieses Signal, das da gesetzt wird, ist natürlich auch ein Nationalkulturelles.

Hätten die hochfavorisierten Italo-Tenöre Il Volo, schlechtere Chancen, wenn sie ihr opereskes „Grande Amore" auf Englisch singen würden?

Gerade von Italien wird erwartet, dass die auf Italienisch singen. Italien hat eine große Tradition des Belcanto. In dieser Tradition bewegen sich die drei Tenöre. Da ist es wichtig, dass man diesen Klang der vokallastigen italienischen Sprache miterleben kann.

Die TV-Regie beeinflusst das Ergebnis

Matthias-Wolfgang Stoetzer, Professor für Volkswirtschaft an der Ernst-Abbe-Hochschule in Jena, hatte kürzlich im SPIEGEL-Interview gesagt, dass ein Land beim Eurovision Song Contest besser abschneidet, wenn es möglichst spät auftritt. Der Effekt sei sogar noch beständiger als die vielgescholtene Nachbarschaftshilfe, bei der ein Land wie Griechenland immer die Höchstpunktzahl 12 an Zypern vergibt. Heißt das also: „Wer beginnt, verliert”? Das ist doch gar nicht mehr gerecht.

Diese Reihungseffekte sind ein sehr lang bekanntes Phänomen. Sie beziehen sich nicht nur auf den Eurovision Song Contest, sondern auch auf alle Arten von Wettbewerben im weitesten Sinne. Das betrifft auch Bewerbungsgespräche oder Musikwettbewerbe im klassischen Bereich. Da weiß man sehr genau, dass die Startreihenfolge oder die Reihenfolge, in der die Bewerbungsgespräche stattfinden, die Chancen der jeweiligen Kandidaten beeinflusst. Beim Eurovision Song Contest ist das seit 2013 problematisch, weil nicht mehr das Los entscheidet, in welcher Reihenfolge die Beiträge an den Start gehen, sondern der Regisseur. Angesichts dieser wissenschaftlich belegten Faktoren halte ich es für hoch problematisch, die Startreihenfolge allein auf Showgesichtspunkten festzulegen, weil man damit den Ausgang der Veranstaltung beeinflussen kann, auch wenn die europäische Rundfunkunion EBU das bestreitet.

Der österreichische Beitrag „I'm Yours" von The Makemakes ist handwerklich gut gemachter Indierock, der stark an James Blunt und Hozier („Take Me To Church”) erinnert und in Deutschland gefragt ist. Können die Österreicher dieses Jahr auf 12 Punkte aus Deutschland hoffen? Das war in den letzten Jahren nicht so. Auch nicht für Conchita.

In Deutschland geistert immer der Gedanke herum, dass die Österreicher uns so wenig Punkte geben und deswegen wir immer nicht so gut abschneiden. Letztlich ist es umgekehrt: Deutschland gibt den Österreichern immer weniger Punkte. Es spricht nichts dagegen, aber es werden an dem Abend sehr viele Faktoren eine Rolle spielen. Das Rennen wird relativ eng werden.

Die vier Top-Favoriten

Wen werden wir bei diesem engen Rennen 2015 ganz vorne sehen?

Wir werden ganz vorne Slowenien (Maraaya, „Here for you”) und Australien (Guy Sebastian, „Tonight Again”) sehen, wobei Schweden (Måns Zelmerlöw, „Heroes”) und Italien (Il Volo, „Grande Amore”) da ein Wörtchen mitzureden haben.
Die Chancen für Australien stehen nicht schlecht, weil die öffentliche Aufmerksamkeit auf den australischen Beitrag gelenkt wird. Das ist halt etwas Neues, etwas Ausgefallenes. Gegen Australien spricht per se nichts. Guy Sebastian macht Musik, die dem aktuellen Mainstream entspricht. Wenn er jetzt noch eine gute Show hat, könnte ich mir sehr gut vorstellen, dass die Australier das Ding bei ihrer ersten Teilnahme gewinnen.
Der slowenische Beitrag ist für mich derjenige, der am meisten dem aktuellen Musikgeschehen entspricht. Wenn sie das nicht durch eine unangemessen Performance versauen, haben sie durchaus Chancen das Ding nach Slowenien zu holen.

Als „Dr. Eurovision" bist du jetzt auch auf Facebook aktiv. Wie wichtig ist es als Eurovision-Experte in den Sozialen Netzwerken zu sein?

Es ist ganz wichtig, dass man den Kontakt zu seinen Fans sucht. Eurovision Fan zu sein basiert sehr auf dem Austausch über die Titel, die Performances und die Punktevergabe. Da bieten die Sozialen Netzwerke eine wunderbare Möglichkeit. Ich bin selbst auch dabei, das jetzt intensiver auszutesten. Da war ich vorher ein bisschen faul. Ich möchte die Möglichkeiten ausschöpfen, die Leute darüber zu informieren, was ich mache. Schließlich ist es sehr viel Lebenszeit, die ich auf das Thema Eurovision Song Contest verwende.

Wird es, obwohl du jetzt auf Facebook aktiv bist, auch neuen gedruckten Lesestoff geben?

Ich bin gerade dabei ein Buch zusammenzustellen, das nach dem Eurovision Song Contest erscheint. Es wird eine Art kulturhistorisches Nachschlagewerk zum 60-jährigen Jubiläum des Eurovision Song Contest, wo man kurz sich informieren kann, wie sich die Teilnehmerländer historisch und kulturell entwickelt haben und warum aus welchem Land welche Art von Musik kommt. Es gibt einen umfangreichen Statistikteil, wo bestimmte Sachverhalte griffig aufbereitet werden. Da wird sicherlich die eine oder andere Überraschung dabei sein, die man nicht erwartet hätte.

Dr. Irving Wolther, Jahrgang 1969, ist freier Publizist und schreibt regelmäßig über den Eurovision Song Contest. Als Eurovision-Experte berichtet er seit vielen Jahren für eurovision.de. Seine Doktorarbeit erschien unter dem Titel „Kampf der Kulturen – Der Eurovision Song Contest als Mittel national-kultureller Repräsentation”.

08:26 08.05.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Daniel Koch

Schreibt über den Eurovision Song Contest, die Teilnehmer, die Länder und die TV-Shows
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Daniel Koch

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