Die Angst vor der Todesnummer

Eurovision Beim Eurovision Song Contest in Malmö darf die TV-Firma entscheiden, welches Land wann auftritt. Viele Fans sind empört. Es zeigt aber auch, dass sich etwas ändern muss.
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http://www.hirado.hu/Hirek/2012/05/~/media/Images/Hirado/2012/05/26/23/daac45c9_91b9_4222_a878_95a07a3b5e7a.jpg.ashxFoto: Die ungarische Band Compact Disco startete beim Eurovision Song Contest in Baku mit "Songs Of Our Hearts" als Zweiter und landete abgeschlagen auf dem 19. Platz

Es knistert gewaltig in den Fanforen und Blogs der Eurovision-Fans. Die jüngste Mitteilung der EBU sorgt für Zorn und Unverständnis. Viele drohen damit schon, sich den Eurovision Song Contest in Malmö schon gar nicht mehr ankucken zu wollen.

Worum geht es eigentlich? Die Europäische Rundfunkunion EBU hat angekündigt, dass beim kommenden Musikwettbewerb in Malmö nicht mehr das Los entscheidet. Künftigt entscheiden die Fernsehmacher selbst, welches Land wann im Finale auftritt. Dies solle dazu führen, dass vier gleich klingende Balladen nicht hintereinander kommen und der Zuschauer vorm Fernseher einschläft. Das klingt zunächst prima. Dem TV-Zuschauer bietet dies einen ausgewogenen und unterhaltsamen Abend. Beim Melodifestivalen, dem schwedischen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest, wird diese Regel bereits lange angewendet. Vielen Fans schmeckt dies nicht. Wer den Startplatz bestimmt, so die Fans, beeinflusse auch, wie der Abend ausgehe.

Dieser Gedanke ist nicht ganz falsch. Wer sich die Statistik der Wettbewerbe vergangener Jahre genauer anschaut, stellt ernüchternd fest: Ja, die Startreihenfolge beeinflusst das Ergebnis. Wer in der 2. Hälfte der Show startet, schneidet eher besser ab. Im Extremfall klettert ein Künstler dadurch um fünf Ränge nach oben. Wer anfängt, darf sich ein wenige benachteiligt fühlen. Unter Fans gilt der Startplatz Nr. 2 als Todesnummer. Denn noch nie schaffte es ein Land von diesem Platz aus zu gewinnen.

Hier darf man nun fleißig spekulieren woran das liegt. Richtig beschäftigt hat sich die Wissenschaft damit nicht. Es liegt nahe, dass der Mensch selbst daran Schuld ist. Wer gibt sich schon einer Fernsehshow mit bis zu 26 Liedern ununterbrochen mit der gleichen Leidenschaft hin? Wer schon einmal einen Eurovision Song Contest vor Ort oder vor dem Fernseher miterlebt hat, weiß, wie anstrengend das sein kann. Zu gern sehnt man sich ab etwa der Mitte der Sendung dem Ende entgegen und merkt dann auf einmal, wie schön es doch eigentlich jetzt erst wird.

Nicht nur Gesangswettbewerbe haben dieses Problem: Auch die griechische Trägodie lebt davon, dass der Zuschauer das Geschehen nicht gleichmäßig interessiert verfolgt. Anfangs führt der Autor die Helden vollbrüstig und vielerklärend ein, während er sie dann ab der Mitte des Stückes durch das Fegefeuer schickt, um sie dann zum Ende hin mit aller Kraft wiederauferstehen zu lassen und den Zuschauer mit einem Erkenntnisgewinn nach Hause schickt.

Und jetzt das also. Nun entscheidet nicht die mit Losen gefüllte Glaskugel, wer wann auftritt, sondern die Regie. Dadurch wird das Problem nicht verhindert. Möglicherweise verstärkt es das sogar. Ein Beispiel dafür ist Stefan Raabs deutschsprachiger Ableger: der Bundesvision Song Contest. Es ist nicht bekannt, wie die Startreihenfolge festgelegt wird. Erstaunlicherweise ist es so, dass besonders aussichtreiche oder gute Künstler besonders zum Ende der Show hin vorgeführt werden. Deprimierender ist vielmehr: Fast alle Gewinner des Wettbewerbs starteten in der zweiten Hälfte der Sendung. Das war bei Xavier Naidoo, Tim Bendzko und Peter Fox so. Ein Zufall? Wohl kaum. Auch hier liegt es nahe, bekannte bzw. erfolgversprechende Künstler ans Ende der Sendung zu platzieren, um den neugierigen Zuschauer länger auf die Folter zu spannen. Ein Geschäft also, von dem sowohl der Zuschauer als auch die Fernsehmacher profitieren.

Grundsätzlich muss man sich fragen, ob diese Form des Wettbewerbs mit einer linearen Startreihenfolge nicht etwas überholt ist. Und vielleicht ist es das auch, was die Fangemeinde beschäftigt. Muss man sich nicht grundsätzlich fragen, ob der Wettbewerb nicht selbst einfach mal eine Ganzkörperkur verdient?

Das Sanremo-Musikfestival, die geistige Mutter des Eurovision Song Contest, ist viel ausgefeilter als sein europäisches Stiefkind. Hier gibt es mehrere Kategorien, in denen Künstler gewinnen können: ein Preis für junge Künstler, eine Bewertung der Journalisten, einen Hauptpreis sowie die Eintrittskarte, mit der ein Künstler beim Eurovision Song Contest teilnehmen kann. Obgleich hier man ein wenig den Bogen überspannt mit sovielen Preisen und Auszeichnungen: Es zeigt jedoch, dass es mehr als nur einen Gewinner an einem Abend geben kann.

Braucht es überhaupt einen Gewinner? Im Oktober wurde zum ersten Mal in Asien ein Musikfestival aufgeführt: das ABU TV Song Festival. Künstler aus 11 Mitgliedsländern der asiatischen Rundfunkunion ABU traten in Seoul auf. Selbst Musiker aus Australien und Afghanistan waren dabei. Nur zum Spaß. Es wurde kein Gewinner bestimmt. Die Show wurde zu unterschiedlichen Zeiten und Tagen in den Ländern gesendet.

Die ganze Aufregung darum, dass die Startplätze zukünftig von Produzenten vergeben werden, regt eigentlich eher dazu an, darüber nachzudenken, wohin der Eurovision Song Contest gehen soll. Es verstärkt den Diskurs mit den Fans, den Fernsehsendern und den Fernsehmachern. Nun hat die EBU den ersten Schritt gewagt. Ob sie damit richtig liegt, wird sich spätestens am 19. Mai 2013 zeigen. Nämlich an dem Tag, an dem die neue Regel erstmals angewendet wird und feststeht, wie der Abend ausgegangen ist.

Eine Einschränkung hat die EBU jedoch festgelegt. Schweden selbst muss seinen eigenen Startplatz auslosen. Und was passiert, wenn sie den Startplatz 2 ziehen?


Bildquelle: www.hirado.hu
23:10 08.11.2012
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Geschrieben von

Daniel Koch

Schreibt über den Eurovision Song Contest, die Teilnehmer, die Länder und die TV-Shows
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Daniel Koch

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