Daniel Martienssen
30.11.2013 | 14:58 10

Aufklärung 3.0 - Juli Zeh

Netzkultur Auf dem Kongress Netzkultur hat Juli Zeh den Anfang gemacht und stemmt sich gegen Big Data. Das Recht soll es richten. Verliert die Gesellschaft den Bezug zur Aufkärung?

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Daniel Martienssen

Aufklärung 3.0 - Juli Zeh

Foto: Bruno Vincent / Getty Images

"Das Internet ist ein rechtsfreier Raum", so leitet die Schriftstellerin und Aktivistin gegen die Totalüberwachung ihren Vortrag "Einspruch! Technologie ist keine Naturgewalt" ein. Sie hält diesen Vortrag auf dem Kongress "Netzkultur - Freunde des Internets" im Haus der Berliner Festspiele.

Das stimmt nicht. In ihren Augen ist das Internet als rechtsfreier Raum ein gängiges Klischee. Sie sieht das Internet vielmehr als virtuellen Raum, der sich in die jeweiligen Rechtskreise der analogen Welt einzufügen hat.

Ihre These kann brutal sein. Letztlich müssen wir mit Terroranschlägen leben, wir müssen den Tod aushalten, ein Scheitern im Leben nicht ausschließen und das Schicksal an sich akzeptieren. Eine umfassende Imformationserhebung und -auswertung muss international geächtet werden wie Landminen in Krisengebieten.

Als Volljuristin weiß sie das Recht als ihren Erfüllungsgehilfen. Das Recht dringt a priori ins Internet ein. Die verschiedenen Rechtskreise auf der Welt spiegeln sich automatisch auch in der virtuellen Welt. Das Recht ordnet. Das Recht reguliert. Und das Recht kann umfassende Datenüberwachung verbieten und Verstöße sanktionieren.

Juli Zeh greift auf ein profanes Beispiel auf: Wenn sie im Internet bestelle, stehe ihr ein 14-tägiges Widerrufsrecht wegen eines Fernabsatzvertrages zu. Amazon und alle großen Internetversandhandelsunternehmen müssen sich dem Verbraucherschutzrecht der Europäischen Union unterwerfen. Wieso, so fragt sich Zeh, kann das nicht auch im Datenschutzrecht durchgreifen?

Letztlich wird Juli Zeh radikal: Ausufernde Informationsbeschaffung muss verboten werden - international. Big Data muss reguliert werden, damit der Mensch Mensch bleiben kann. Hier wird klar, dass der Kampf gegen Big Data ein Kampf für die Werte der Aufklärung ist.

Auf einmal ist man nicht mehr der progressiv Voranschreitende, sondern wird zum Bewahrer, zu einem Konservativen. Wenn der Mensch von Geburt bis in den Tod kalkulierbar, berechenbar, analytisch durchleuchtbar wird, dann muss man Kants Idee vom mündigen Bürger entgegenhalten.

Vielleicht muss die Gesellschaft auf Annehmlichkeiten verzichten, um das Menschsein nicht zu gefährden. Denn der technologische Fortschritt lockt mit immer mehr Bequemlichkeit.

Zeh verlässt sich vielleicht etwas zu sehr auf's Recht. Sie vernachlässigt die Kraft des Progressiven. Die Gesellschaft hat bisweilen ganz begierig jeden technologischen Fortschritt in sich aufgesogen.

Die Kernfrage wird sein, ob die Werte der Aufklärung im Internetzeitalter erhalten werden können. Ein Showdown zwischen diesen Werten und dem Drang der Gesellschaft nach immer mehr technologischen Fortschritt ist unvermeidlich.

"Technologie ist keine Naturgewalt", ruft uns Juli Zeh zu und doch walzt sich der technologische Fortschritt unaufhaltsam in die Gesellschaft hinein. Ob das Recht hier genug Kraft hat, zu regulieren, bleibt einstweilen abzuwarten.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (10)

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Ehemaliger Nutzer 01.12.2013 | 06:53

"Technologie ist keine Naturgewalt", ruft uns Juli Zeh zu und doch walzt sich der technologische Fortschritt unaufhaltsam in die Gesellschaft hinein.

... die technologie könnte sich in die menschliche gesellschaft integrieren ... müsste nicht als walzendes herrschaftsinstrument gegen die gesellschaft - für die interessen einiger weniger - verwendet werden

die "menschenrechte" sind pervertiert (von einigen wenigen menschen zu ihrem ganz privaten "vorteil" und von dem propagierten wahnsinn zu wachstum um "jeden preis")

es geht um die kraft der menschenrechte - doch dieses thema ist durch "marktrechte" verdrängt, solange sich die menschen nicht selbst dafür einsetzen ... und sich dem teil des marktes verweigern, der sie selbst zur ware macht und nicht zum gestalter von technologien zu ihrem nutzen - dabei geht es nicht darum, wie hoch oder tief ihr eigener "warenwert" ist, der ihr eigenes tun "legitimiert" - der massstab sollten die folgen für die gesamte menschliche gesellschaft sein - eben weil es keine naturgewalt ist und ethisch gestaltet werden muss!!!!

fahrwax 01.12.2013 | 13:15

"Das herrschende Modell ökonomischer Entwicklung ist tatsächlich lebensfeindlich geworden. Wenn Wirtschaft nur in Begriffen des Geldflusses gemessen wird, werden die Reichen reicher und die Armen ärmer. Und die Reichen mögen in Geldbegriffen reich sein, aber auch sie sind arm im größeren Zusammenhang dessen, was menschlich sein bedeutet."

http://nattvandare.blogspot.de/2013/11/wie-wirtschafts-wachstum-zum.html

Das System ist längst insolvent, versucht das aber zu verschleiern?

Gerade läuft bei Phönix (Forum Manager) was mit dem Herrn Schell. Ein Antro, der zu ähnlichen Ergebnissen kommt.

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Ehemaliger Nutzer 01.12.2013 | 13:44

Das Internet ist KEIN RECHTSFREIER RAUM

Ein simpler Zusammenhang verdeutlicht das:

Im Internet werden von nationalen Geheimdiensten Daten überwacht und aus diesen Daten leiten diese Staaten ihre Aktionen ab, z.B. eine Drohne loszuschicken, um Menschen in einem anderen Land zu töten und die zufällig dort herumlaufenden Unbeteiligten als Kollateralschaden in Kauf zu nehmen.

Damit wird jeder Bürger und jede Bürgerin eines beliebigen Landes durch die anonyme Datenerhebung bedroht, denn auch Beamte der Geheimdienste können sich ja mal irren und Computer-Programme sind für Fehler hochgradig anfällig.