Der Dschungel frisst die Gesellschaft

Grimme-Preis Die Grenze ist überschritten. Es ist Zeit, das Dschungelcamp wieder da hinzurücken, wo es hingehört: auf den Müll! Die Nominierung für den Grimme-Preis ist ein Skandal
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Joey Heindle, der Gewinner der diesjährigen Staffel von "Ich bin ein Star, holt mich hier raus!", ist gerade einmal 19 Jahre alt und der jüngste Dschungelkönig aller Zeiten. Dennoch wäre er für die "Hunger Games" in der Roman-Trilogie "Die Tribute von Panem" bereits aus dem Altersraster gefallen.

In der dystopischen Trilogie von Suzanne Collins werden Kinder und Jugendliche aus den untersten Gesellschaftsschichten zwischen 12 und 18 Jahren von einer faschistoiden Elite auserwählt, an einer Art echten Dschungel teilzunehmen. Dort hat gewonnen, wer alle anderen Teilnehmer zur Strecke bringt, tötet, abmurkst, vernichtet. Physisch auslöscht.

Dieser Wettbewerb wird von einer riesigen Fernsehshow begleitet, um die korrupte Elite zu unterhalten. Hier werden die halbseidenen Castingshows und Schmuddelsendungen wie das Dschungelcamp pervertiert, ummantelt durch eine faschistische Gesellschaft, die auf das Individuum aus den unteren Gesellschaftsschichten keine Rücksicht mehr nimmt.

Sicher ist das eine dystopische, menschenverachtende Zukunftsvision. Wer den Anfängen aber nicht wehrt, der gleitet in Trippelschritten in eine solche oder ähnliche Gesellschaft hinein.

Das Dschungelcamp als Mosaikstein für eine verrohte Gesellschaft

Nun erhält die auf RTL immer am Beginn des Jahres ausgestrahlte TV-Show "Ich bin ein Star, holt mich hier raus" zwar noch nicht den Grimme-Preis, ist aber nominiert. Allein die Nominierung ist ein Skandal und letztlich nur der vorläufige Endpunkt einer besorgniserregenden Entwicklung.

Dass sich Boulevard-Medien auf diese Show gestürzt haben, ist nicht weiter verwunderlich, aber mittlerweile berichtet sogar die Frankfurter Allgemeine Zeitung über diese Show. Auch Spiegel Online und viele weitere sogenannte Qualitätsmedien haben dem Spektakel Aufmerksamkeit geschenkt. Für die Klicks. Für die eigene Aufmerksamkeit.

Viele der Autoren bescheinigen der Sendung Kultstatus, gute Unterhaltung und Gelegenheit zur Reflexion. Sie verkennen dabei, dass sie einer in der Tendenz menschenverachtenden Show gesellschaftliche Relevanz verleihen. Die Nominierung durch das Grimme-Institut ist nun der Ritterschlag. Ein solches Fernsehformat hat nun alle Möglichkeiten zu expandieren, sich zu verselbstständigen und fortzuentwickeln.

Dabei ist die Sendung so konzeptioniert, Prominente und die, die es gern sein wollen, vorzuführen und zu erniedrigen. Der Ekel ist vorhersehbar, die gruppendynamischen Prozesse unterscheiden sich kaum von einer Reality-Show mit Laiendarstellern auf RTL 2.

Die Show lebt davon, dass abgehalfterte Prominente an der Show teilnehmen, die ihres exorbitanten Lebensstils wegen finanziell dazu gezwungen sind. Helmut Berger zum Beispiel, einst der schönste Mann der Welt, wurde alkoholkrank in das Camp gehievt. Für die Quote. Für den Umsatz.

Während zu Beginn dieser TV-Show 2004 noch allgemeiner Konsens war, die Fernsehsendung zu ignorieren, ihr jede kulturellen Elemente abzusprechen, steht sie nun kurz davor, den Adolf-Grimme-Preis zu bekommen. Das dazugehörige Institut definiert die Anforderungen für den Preis so: "Fernsehsendungen und -leistungen werden ausgezeichnet, die für die Programmpraxis vorbildlich und modellhaft sind."

Das Dschungelcamp vorbildlich und modellhaft? Nein! Hier gilt es entschieden zu widersprechen und die Show dahin zu rücken, wo sie hingehört: auf den Müll! Wehret den Anfängen!

Wer nicht erkennt, dass sich menschenfeindliche Strukturen nicht über Nacht bilden, wer nicht erkennt, dass sich Ekel und Faszination immer steigern müssen und bei Genitalverspeisung von irgendwelchen Tieren keinen Halt machen, der darf sich auch nicht wundern, wenn am Ende dieser Entwicklung die Tribute von Panem mit ihren "Hunger Games" die bittere Normalität widerspiegeln.

Die Gesellschaft verfällt immer schleichend.

15:30 29.01.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Daniel Martienssen

Enttarnung durch Analyse: ein privates Blog zu Demokratie und Rechtsstaat, Soziales und ein bisschen Kultur.
Daniel Martienssen

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