Der offene Diskurs und die PC

Politische Korrektheit Ein offener Diskurs wird durch eine ausufernde PC eingeschränkt. Dies spielt Vertretern menschenfeindlicher Gedanken in die Hände
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Die Debatte um Günter Grass zeigt vor allem eines: ein offener Diskurs wird durch eine falsch verstandene und ausufernde politische Korrektheit eingeschränkt und erzeugt die Gefahr, dass sich Vertreter menschenfeindlicher Gedanken zu Märtyrern aufschwingen können und von überall her Beifall erhalten.

Offene Menschenfeindlichkeit wird von einer überwältigenden Mehrheit der Gesellschaft abgelehnt. Quer über alle Fraktionsgrenzen hinweg, von der CSU bis zu den Linken, hat der Bundestag im November 2011 in einem Entschließungsantrag die kaltblütigen Morde der Terrorzelle aus Zwickau "Nationalsozialistischer Untergrund" verurteilt und Entschlossenheit zum Ausdruck gebracht, Extremismus in Deutschland zu bekämpfen.

2011 hat Anders Breivik 77 Menschen ermordet und ein ganzes Land erschüttert. Und dieser Tage unternehmen der Rechtsstaat und die mediale Öffentlichkeit in Norwegen und Europa alles, um den Strafprozess trotz aller moralischen Widerstände, die in einem aufsteigen, sobald man mit dem Gebaren Breiviks konfrontiert ist, nach rechtsstaatlichen Regeln verlaufen zu lassen.

Diese Ideologie der offenen Menschenfeindlichkeit findet in der sehr weit überwiegenden Mehrheit aller Gesellschaften weltweit keinen Anklang. Allenfalls radikalisierte, irrlichternde Minderheiten stimmen solcherlei Taten zu.

Die offene Menschenfeindlichkeit ist für den offenen Diskurs in der Gesellschaft nicht problematisch. Es ist die verdeckte Menschenfeindlichkeit. Diese verdeckte Menschenfeindlichkeit wird durch die politische Korrektheit "Political Correctness" (PC) bekämpft. Gleichzeitig wird der offene Diskurs durch die PC überlagert und eingeschränkt - eine nicht ungefährliche Gemengelage.

Die Politische Korrektheit ist ein Mittel gegen Menschenfeindlichkeit

Aber zunächst zu den Ursprüngen der PC. Das erste Mal tauchte der Begriff "politisch korrekt" ("politically correct") in einem Verfahren vor dem Supreme Court der Vereinigten Staaten von Amerika im Jahr 1793 auf, wobei es in diesem Verfahren darum ging, dass es nicht "politisch korrekt" sei, einen Toast auf den Staat auszubringen, dieser vielmehr dem Volk zu widmen sei. Die Begründung hierfür war eine religiös motivierte, da der Staat zwar das edelste Machwerk des Menschen, der Mensch aber die edelste Schöpfung Gottes sei.

Nach 1793 geriet der Begriff fast zwei Jahrhunderte wieder in Vergessenheit. Erst in den 1980er Jahren wurde er von Studenten an den US-amerikanischen Universitäten neu geprägt, um auf Missstände in der Lehre und die Dominanz von weißen europäischen und männlichen Denkern in der Wissenschaft aufmerksam zu machen.

Die PC war ein Mittel gegen Menschenfeindlichkeit in unterschiedlicher Ausrichtung vorzugehen. Die Sprache sollte sich verändern, die Sprache sollte ein Bewusstsein der eigenen Vorstellungen schaffen und so vor allem gezielt gegen verdeckte Menschenfeindlichkeit vorgehen.

Die PC hat sich in über 30 Jahren in den USA aber auch in Europa immer weiter durchgesetzt. Vor allem auf den Sprachgebrauch hat die PC wirken können.

War es Ende der 1980er Jahre noch allgemein üblich eine Süßigkeit mit Schaumfüllung als "Negerkuss" zu bezeichnen, so ist spätestens seit Ende der 1990er Jahre dieses Wort wegen der rassistischen Konnotation aus dem Wortschatz der größten Teile in der Bevölkerung verschwunden. Eine renitente Minderheit lehnt innerlich bis in die Gegenwart die durch die PC angetriebene Sprachveränderung ab und unterwirft sich dennoch dem soziokulturellen Klima, dem Common Sense.

Gerade dieser Konflikt zwischen der von der Allgemeinheit getragenen Sprachveränderungen und der individuellen Freiheit des Einzelnen wird an einem profanen Beispiel wie der Beschreibung einer Süßigkeit ausgetragen und lässt sich verallgemeinern sowie auch auf andere Diskursfelder übertragen.

Ein Teil der Bevölkerung fühlt sich von den Sprachveränderungen bevormundet und zu unrecht in eine menschenfeindliche Ecke gestellt. Sie fühlt sich vom aufoktroyierten Sprachduktus der Mehrheit in ihrer individuellen Freiheit beschnitten und empfindet die Sprache selbst als überregelmentiert.

Nun hat die PC vor der Sprache an sich nicht halt gemacht, sondern sich auch ganz ihrem übergeordneten Ziel, verdeckte Menschenfeindlichkeit aufzudecken und zu verdrängen, auch anderen Themenfeldern angenommen und einen Common Sense herausgearbeitet.

Israelkritik und die erweiterte PC

Wenn man nun das Spannungsfeld zwischen dem offenen Diskurs und der PC betrachtet und darin das Gedicht von Günter Grass "Was gesagt werden muss" heranzieht, kann man eine Art erweiterte PC ausmachen, die sich nicht mehr lediglich auf ein Bewusstsein der Sprache beschränkt, sondern auch in politische Vorstellungen hineinrückt.

Dies geschieht immer dann, wenn sich in den politischen Vorstellungen verdeckte Menschenfeindlichkeit widerspiegeln könnte. Grass' Gedicht ist vor allem eine Kritik an der erweiterten PC. Der Eindruck lässt sich nicht zerstreuen, dass der Zorn schweigen zu müssen, ob der Gefahr der Antisemitismuskeule bei kritischen Tönen gen Israel schwerer wiegt als der realistische Blick in den Nahen Osten.

Die Netanjahu/Lieberman-Regierung zu kritisieren, ist durchaus zulässig und wird allenthalben von der Bundesregierung, der israelischen Bevölkerung und der Obama-Regierung entgegnet. Grass hat erst im Nachsatz in einem seiner unzähligen Interviews nach der Veröffentlichung des Gedichts seine Kritik auf die israelische Regierung beschränkt.

Ging es denn Grass darum konstruktiv Kritik zu üben? Nach über einer Woche des medialen Dauerfeuers zeichnet sich eher das Bild, dass Grass emotional aufgewühlt und besorgt über den allgemeinen Diskurs gewesen ist. Seiner Ansicht nach reglementiere die PC den Diskurs, der durch immer mehr Maulkörben zu einem unfreien Diskurs verkomme.

Trotz des verzerrten Blicks auf die Lage im Nahen Osten ist an der dahinterstehenden Analyse von Günter Grass einiges dran. Die erweiterte PC trägt Konfliktpotential in sich, denn sie kann in die tatsächlich ausgeübte Meinungsfreiheit eingreifen. Zwar werde die Meinungsfreiheit nicht aufgehoben , aber die reale Möglichkeit sie auszuüben tendiere gegen Null, wenn eine gesellschaftliche Ächtung (Verstoß gegen den Common Sense) auf dem Fuße folge.

Hier trifft Grass einen wunden Punkt. Seit einiger Zeit leidet der offene Diskurs. Es ensteht ein Klima, in dem die Akteure, die verdeckte Menschenfeindlichkeit in die Mitte der Gesellschaft transportieren wollen, bei einer Vielzahl in der Bevölkerung als Märtyrer erscheinen und sich auf dem Rücken der Meinungsfreiheit zu Opfern der PC stilisieren.

Hier kommt der Vorstoß von Günter Grass zur rechten Zeit, da eine Art erweiterte PC das Problem der verdeckten Menschenfeindlichkeit nicht adäquat lösen kann und Personen, die Antisemitismus, Rassismus, Sexismus und dergleichen mehr in die Mitte der Gesellschaft implementieren wollen, dadurch eher Zulauf als kritische Auseinandersetzung beschert. Um hier nicht falsch verstanden zu werden im offenen, freien Diskurs jedoch sind politische und gesellschaftliche Ansichten des Einzelnen aber nicht minder auf verdeckte Menschenfeindlichkeit zu überprüfen. Menschenfeindliche Gedanken sind argumentativ im Diskurs zu bekämpfen und zurückzuweisen. Der Diskurs muss sachlich, frei und offen ausgetragen werden.

Wäre Günter Grass besonnener vorgegangen, hätte er methodisch sauber seine Analyse vorgetragen, stünde er jetzt nicht als primus inter pares für alljene sich falsch stilisierende Opfer der PC. Da gehört Grass nicht hin, hat sich aber mit diesem Gedicht dort selbst hineinmanövriert.

Vielleicht gelingt es ja in nächster Zeit sachbezogen und nüchtern einen Meta-Diskurs über den offenen Diskurs zu führen. Das Verhältnis zur PC neu zu ordnen und diejenigen, die derzeit als Trittbrettfahrer Hoffnungen haben, menschenfeindliches Gedankengut salonfähig zu machen, durch Argumente, Überzeugungen und Prinzipien einer offenen Gesellschaft in ihre Schranken zu weisen.

18:25 14.04.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Daniel Martienssen

Enttarnung durch Analyse: ein privates Blog zu Demokratie und Rechtsstaat, Soziales und ein bisschen Kultur.
Daniel Martienssen

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