Einmal Dritte Welt und zurück

Experiment Ein Student reduziert sechs Wochen jede Woche seinen Etat. Am Ende lebt er von 77 Cent pro Tag. Die wirtschaftliche Existenz als Kunstprojekt
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Es beginnt alles mit 25 Euro. So viel hat laut Statistik ein durchschnittlicher Student in Deutschland zum Leben. Wohl gemerkt pro Tag.

Ein Student für Produktdesign in Halle an der Saale hat sich ein Experiment überlegt. Sechs Wochen lang reduziert er schrittweise seinen Betrag für das tägliche Leben um die Hälfte. Also nach einer Woche 12,50 Euro pro Tag. Die Woche darauf 6,25 Euro, dann 3,12 Euro, 1,56 Euro und in der letzten Woche schließlich 77 Cent pro Tag – mehr nicht für das tägliche Leben.

Orientiert hat sich der Masterstudent daran, dass 77 Cent zirka einem US-Dollar entsprechen. Ein Betrag zum täglichen Leben, der von der Weltbank als bittere Armut eingestuft wird. Über eine Millarde Menschen, also mehr als ein Siebtel der Weltbevölkerung, lebt von weniger als einem US-Dollar pro Tag.

Wie kommt der 28-jährige gerade auf diese Art Experiment? Das Semesterprojekt läuft unter dem Label "Minimalismus visualisieren". "Mich hat es gestört, dass wir in Deutschland künstlich den Besitz reduzieren, während in weiten Teilen der Welt Menschen hungern und sich darum sorgen müssen, an genügend Trinkwasser zu kommen", sagt der 28-jährige Masterstudent.

Mit diesem Projekt möchte er auf diese Kluft zwischen künstlich iniitierten Minimalismus und tatsächlicher wirtschaftlicher Existenzangst aufmerksam machen. Was ist da besser geeignet als die wirtschaftliche Existenz zum Kunstprojekt zu machen?

Die ersten zwei Wochen sind zweifelsohne unproblematisch. Man kann gemütlich auswärts essen und sich gar den Luxus erlauben, den Etat nicht einmal auszuschöpfen. Ab Woche vier zeichnet sich dann ein Paradigmenwechsel ab. Der Student muss nun sehr wohl kalkulieren, welche Lebensmittel er besorgt, um sich davon vollwertig ernähren zu können.

Die sechs Wochen sind an diesem Sonntag zu Ende gegangen. "So krass war es dann doch nicht, von 77 Cent am Tag zu leben", resümiert der Student. "Ich bin anfangs mit der Einstellung heran gegangen, das Experiment gegebenenfalls abzubrechen."

Auf die Frage, was sich in der Zeit verändert habe, sagt der 28-jährige, mit diesem Projekt hätte sich seine Perspektive zum Geld insgesamt verändert. Frühere Selbstverständlichkeiten wie Weihnachtsmarkt, Kino, auswärts etwas essen oder trinken gehen hätten einen ganz anderen Stellenwert bekommen.

Die letzten zwei Tage mit je 77 Cent fallen ausgerechnet auf das erste Adventswochenende. Schließlich trifft man sich zum Glühweintrinken auf dem Weihnachtsmarkt. Ein Glühwein für 77 Cent? Klar, den gibt es natürlich nicht. Und selbst wenn, ein Glühwein wird einen nicht durch den Tag bringen.

Soziokulturell ist das eine echte Zerreißprobe. "Eine Gruppe hat mich dafür gerügt, die Regeln ausnahmsweise zu brechen, die andere wirkte eher konziliant, dass man es ja nicht so streng einhalten müsse, überdies zur Vorweihnachtszeit", sagt der Student für Industriedesign. Er hätte auch gemerkt, dass sich seine Laune merklich verdüsterte, weil er sich nicht einfach Glühwein oder gebrannte Mandeln kaufen konnte. So schlägt die Kunst schlussendlich doch auf das reale Leben über.

An diesem Sonntag war Schluss. Das Experiment ist zu Ende gegangen. Und am Tag danach? Nach einer Woche durchgängig Reis mit Karotten ist der 28-jährige erst einmal zum Bäcker gegangen.

Es gab Croissants und einen Latte Macchiato zum Frühstück.

Hier geht es zum Blog des Studenten und seinen Erfahrungsberichten

Hinweis: Nur um Irritationen vorzubeugen. Durchschnittlich 25 Euro hat ein Student am Tag für Miete, Strom, Telefon, Energie und das tägliche Leben. Die erstgenannten Ausgaben sind in diesem Experiment nicht eingerechnet. DM

16:57 04.12.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Daniel Martienssen

Enttarnung durch Analyse: ein privates Blog zu Demokratie und Rechtsstaat, Soziales und ein bisschen Kultur.
Daniel Martienssen

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