"Das wird man doch noch mal sagen dürfen!"

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In allen Gesellschaften gibt es Interessenskonflikte. Das ist eine Binsenweisheit. Daß es dabei zu Lobbyismus und Intrigen, zu einem Hauen und Stechen und häufig wenig feinen Umgangsformen kommt, ebenfalls.

Das gilt in besonderem Maße für offene Gesellschaften, in denen eine größere Heterogenität herrscht, und in der immer mehr gesellschaftliche Gruppen und Minderheiten sich aktiv für ihre Interessen einsetzen können. Das ist so weit auch völlig in Ordnung und gehört sogar zu den herausragenden Kennzeichen offener, liberaler und moderner und weitgehend säkularisierter Gesellschaften, so lange keine manichäischen Weltbilder eine Gruppe als „das Andere“ oder „den Feind“ an sich ausmachen. Wenn solche Gruppen mehrheitsfähig werden, dann wird es auch für offene Gesellschaften gefährlich.

Gruppen oder Einzelpersonen, die solchen Weltbildern anhängen, können recht treffend mit dem Begriff der „Ressentimentbewegung“ beschrieben werden, da sie sich zwar in ihren Zielen und Feindbildern unterscheiden, sich in ihrer Feindbildstruktur und ihren „Verteidigungsstrategien“ aber soweit gleichen, daß sie durchaus gemeinsam betrachtet werden können.

Denn Ressentimentbewegungen wie etwa Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit, Antifeminismus und Neonazismus, aber auch die amerikanische Tea-Party-Bewegung oder die Holocaustleugner und viele andere haben zum Teil sehr unterschiedliche Ausprägungen, Ziele und Vorstellungen, aber sie agieren und argumentieren immer nach gleichem Muster, und es ist nicht einmal besonders schwer, dieses zu erkennen und zu analysieren.

Ich argumentiere an dieser Stelle deswegen auch nicht inhaltlich gegen gewisse einzelne Vorstellungen und Beispiele, weil es leider nicht möglich ist, sich mit Vertretern dieser Meinungen inhaltlich auseinanderzusetzen, und ich werde auch aufzeigen, warum das so ist.

Ich möchte hier vor allem offenlegen, welchen Argumentationslinien Ressentimentbewegungen folgen und weshalb sie sich einer offenen und vor allem ergebnisoffenen Diskussion nicht stellen, und weshalb sie sich ihr auch nicht stellen können.


1.

Das erste und grundlegende Element einer jeden Ressentimentbewegung ist die Konstruktion einer Bedrohung für die Mehrheit durch eine kleine Gruppe, deren Einfluß auf die Gesellschaft, die öffentliche Meinung und die Gesetzgebung viel stärker sei, als es dieser Minderheit aufgrund ihrer Zahl eigentlich zustünde. Das können, um nur die häufigsten zu nennen, wahlweise die Juden, die katholische Kirche, die Homosexuellen, der Islam, die Ausländer, die Linken oder die Feministinnen sein. Auffällig, weil allen Ressentimentbewegungen gemein, ist in allererster Linie, daß sie die Rechte der Mehrheit gegen die vermeintliche Bedrohung durch eine Minderheit verteidigen wollen. Wie kann man auf eine solch absurde Idee kommen, und wieso wird ein derartig offenkundiger Blödsinn nicht sofort von jedem vernünftigen Menschen als solcher erkannt?

Ein naheliegendes und schlüssiges Argument sieht in der Wirksamkeit der Ressentimentbewegungen ein Symptom für eine tief verwurzelte und häufig unbewußte Verunsicherung, wie sie für moderne Gesellschaften und/oder Gesellschaften im Umbruch typisch ist. Diese Unsicherheit und die Angst vor Statusverlust führen in der Regel zu einer Sehnsucht nach – häufig vormodernen – überschaubaren Strukturen, wobei mittlerweile schon die Jahre vor der gesellschaftlichen Öffnung unter der Chiffre „1968“ zu diesem Bild der überschaubaren vormodernen Idylle zählen.

Daß eine Rückkehr in die Vergangenheit nicht möglich ist, das ist allerdings auch den meisten Vertretern der Ressentimentbewegungen klar. Also führen sie – was in der Regel unbewußt geschieht – einen Stellvertreterkrieg, und nun wird auch klar, warum sie sich stets gegen Minderheiten richten. Es sind die vermeintlichen Profiteure einer gesellschaftlichen Entwicklung, die die Mehrheit verunsichern. Wer davon profitiert, so der kurze Schluß, der muß sie begrüßen, wahrscheinlich vorantreiben, und vielleicht sogar ursächlich für sie verantwortlich sein.

Zudem ist schlichter und simpler Neid eine Ursache für Ressentimentbewegungen: Denn wie kann jemand, der einer Minderheit angehört, die es am besten gar nicht geben sollte, die zumindest aber nicht stören oder auffallen darf und froh sein sollte, geduldet zu sein von der schweigenden Mehrheit, wie kann so jemand von einer Entwicklung profitieren, wenn die Mehrheit nicht von ihr profitiert? So sieht die Angst des Kleinbürgers aus. Daß eine lesbische jüdische schwarze Deutsche in der modernen Gesellschaft die gleiche Unsicherheit erfährt und in der gleichen Verunsicherung in Hinsicht auf Zukunft, Arbeit, Rentensicherheit usw. lebt wie eine jede andere deutsche Mittelstandsfamilie, wird bei dieser Sichtweise völlig ausgeblendet.

Zum einen werden also Gruppen verdächtigt, die in der Vormoderne überhaupt noch nicht in nennenswerter Zahl in der Gesellschaft existierten, wie etwa die eingewanderten Migranten. Zum anderen sind es gerne die Juden allein schon aus schlechter alter Tradition, und Katholiken werden stets immer nur da verdächtigt, wo sie in der Diaspora existieren und als von Rom regiert und daher als potentiell illoyal gegenüber dem Staat, in dem sie leben, gelten.

Linke, oder wie es in den USA heißt, Liberale, sind verdächtig, weil sie diese Sehnsucht nach einer überschaubaren Vormoderne nicht teilen und statt dessen eine weitere Öffnung der Gesellschaft begrüßen und fordern. Damit, mit der Ablehnung der Bunkermentalität, machen sie sich verdächtig. Denn wer in diesen unsicheren Zeiten nicht verunsichert ist, mit dem kann ja irgendetwas nicht stimmen, so das Bauchgefühl derer, deren ganze Verunsicherung auch nur so ein diffuses Bauchgefühl ist, die sich aber nicht aktiv und erkennend mit ihm auseinandersetzen wollen oder können.

Und was ist mit nun dem Antifeminismus, könnte man fragen? Denn Frauen sind keine gesellschaftliche Minderheit, und schon gar nicht sind sie in den letzten Jahren massenhaft nach Deutschland eingewandert. Aber die Rolle der Frau hat sich seit den letzten vierzig Jahren stark gewandelt, und das viel stärker als in den tausend Jahren zuvor, und ihre Rechte – das Wahlrecht, das Recht, einen Mann ihrer Wahl zu heiraten oder auch nur mit ihm zusammenzuleben, das Recht, sich scheiden zu lassen, und so weiter – werden auch noch immer weiter ausgeweitet. So ist beispielsweise die Vergewaltigung in der Ehe seit 1998 strafbar, und so lange der Anteil an weiblichen Führungskräften in der Politik, vor allem aber in der Wirtschaft, noch unter 50 % liegt und das durchschnittliche Gehalt für Frauen unter dem für Männer, wird es noch viele Veränderungen geben.

Das veränderte und sich auch weiterhin verändernde Frauenbild steigert ganz massiv die Verunsicherung von Männern, da es nicht nur Auswirkungen auf die Gesellschaft hat, sondern ganz konkret in das Leben eines jeden (heterosexuellen) Mannes hineinwirkt. Man kann sich zuhause, in seiner Wohnung und im Privatleben den gesellschaftlichen Einflüssen weitgehend entziehen und den modernen Entwicklungen und Zumutungen durchaus verweigern, das zeigen unter anderem Eichenfurnierschrankwand und Hirschgeweih in vielen deutschen Wohnzimmern ebenso wie der Gartenzwerg vor der Haustür, aber man kann sich kaum einem veränderten Rollenverständnis entziehen, will man in einer („normalen“ heterosexuellen) Partnerschaft leben.

Das veränderte Rollenmodell und die erweiterten Handlungsmöglichkeiten für Frauen haben zudem zur Folge, daß auch männliche Rollen neu gedacht werden müssen, da sie sich ebenfalls nur als Geschlechterrolle, und damit in direktem Bezug zur Rolle der Frauen, definieren und konstruieren lassen.

Doch der Antifeminismus richtet sich, wie der Name schon sagt, nicht gegen Frauen allgemein, und schon gar nicht gegen alle Frauen, sondern gegen den Feminismus, der als existentielle Bedrohung für Männer, für die Familien und die ganze Gesellschaft dargestellt wird.

PS: Nach einer klugen Anmerkung von I.D.A. Liszt: Selbstverständlich ist dieser Versuch, Frauen in "Feministinnen", die eine angebliche Bedrohung darstellen, und in "gute, tatsächliche, unverdorbene und feminin gebliebene" Frauen zu unterscheiden, nichts anderes als eine Methode, die Frauenrechtsbewegung, die nichts anderes als das Menschenrecht auf eine freie Persönlichkeitsentfaltung auch und speziell für alle Frauen einfordert, gegen alle Frauen, und damit gegen alle Menschen, gerichtet. Jede Behinderung einer Emanzipationsbewegung ist letztlich eine Menschenrechtsverletzung.

Doch der Kampf der Ressentimentbewegungen muß immer gegen vermeintlich Schwächere, gegen Minderheiten, geführt werden und er versteht sich gut darauf, eine vermeintliche Mehrheit zu konstruieren und in diesem Falle eine vermeintliche Mehrheit der "normalen" Frauen in ihr zu subsummieren und in sich zu intergrieren, d.h. dafür zu vereinnahmen, ohne sie nach ihrer Zustimmung gefragt zu haben.


2.

Im zweiten Schritt behaupten nun die Vertreter der Ressentimentbewegungen, heißen sie nun Thilo Sarrazin oder Sarah Palin, Holger Apfel, Pater Tadeusz Rydzyk oder wie auch immer, diesen zu großen und für die Mehrheit vermeintlich gefährlichen Einfluß einer gefährlichen Minderheit trotz deren Verschleierungstaktik erkannt zu haben und ihn, im Namen der „schweigenden Mehrheit“, der „Wahrheit“ oder der „Gerechtigkeit“, aufzudecken, zu entlarven und zurückzudrängen. Das heißt, zum einen stilisieren sie sich nun als Verteidiger dieser „schweigenden“ bedrohten Mehrheit gegen die als bedrohlich und gefährlich dargestellte Minderheit, die auf dem besten Wege sei, die Macht völlig an sich zu reißen und damit der Mehrheit ihren letzten Rest an Status, der ihr aufgrund ihrer Zahl zukomme, zu entreißen.

Zum anderen unterstellen sie ihren Gegnern eine perfide Doppelstrategie: Der Einfluß dieser kleinen Gruppe wird von ihnen erstens als sehr weitgehend und überproportional dargestellt. Die ganze Gesellschaft, der „Mainstream“, wie es immer wieder heißt, sei von ihnen bereits völlig durchsetzt und sie stünden quasi kurz davor, die Macht völlig an sich zu reißen. Aber diese geschickten Gegner hätten es zweitens auch geschafft, daß kaum jemand diesen Einfluß überhaupt wahrnehme. Durch „eine Art Gehirnwäsche“ der „gleichgeschaltete Mainstrem-Medien“, wie es immer wieder heißt, ist jeder, der ihren Argumenten nicht folgen will, im besten Falle ein naiver Gutgläubiger, der keine Augen im Kopf hat, meist aber ein dogmatischer Dummkopf, der nur nachplappere, was er in der Zeitung läse oder ein nützlicher Idiot der Gegenseite, dem Dogmatismus des Mainstreams verfallen.

Daher ist ein Gespräch mit Vertretern von Ressentimentbewegungen auch nicht möglich. Entkräftet man ein einzelnes Argument mit Zahlen und Fakten, dann wird das entweder als „Ausnahme, die die Regel bestätigt“ zugelassen und das nächste auf den Tisch gepackt, oder aber die Argumentationsweise als eine Folge der „Gehirnwäsche“ betrachtet.

Dieser verschwörungstheoretische Aspekt bei Ressentimentbewegungen ist nicht zu unterschätzen, denn ohne ihn würde die ganze Argumentation nicht funktionieren und zusammenbrechen. Denn wenn diese kleine, aber äußerst bedrohliche Minderheit nicht schon beinahe alle Zeitungen, Fernsehkanäle und Köpfe beherrschen würde wie unterstellt, dann gäbe es ja auch keine Gehirnwäsche durch die Mainstream-Medien. Und dann könnte auch derjenige, der ihre Argumente ablehnt, auch kein Dogmatiker sein, der sie in eine verschwörungstheoretische Schublade stecke.


3.

Ein einzelnes Argument oder Beispiel zu widerlegen funktioniert nicht, wie eben gezeigt. Aber das kann auch nicht das Ziel einer Auseinandersetzung sein. Ob nun ein Beispiel stimmt oder nicht, ist vor allem deswegen nicht von Belang, weil alle Vertreter von Ressentimentbewegungen eine Unzahl von Beispielen parat haben, die man im Gespräch im Einzelnen gar nicht widerlegen kann, weil man sie oft nicht kennt. Aber auch das ist nicht weiter von Bedeutung, denn oft genug sind die Beispiele – wie Sarrazins Buch zeigt – zurechtgebogen, verfälscht oder auch erfunden. Denn sie sollen auch gar nicht eine Realität abbilden und zu einer Debatte beitragen, wie das in einer offenen Diskussion der Fall wäre. Sie haben allein die Funktion, die These, daß „die uns bedrohen“, zu untermauern.

Nur hier kann man ansetzen, ansonsten verstrickt man sich in endlose Debatten darüber, wie viele Kopftuchträgerinnen in Berlin leben, wie viele Kinder im letzten Jahr von Homosexuellen mißbraucht wurden, und wie vielen Vätern pro Woche das Sorgerecht entzogen wird. Das ist mühselig und führt nur zu Verstimmung auf beiden Seiten.

Ressentimentbewegungen haben den Fehler, einen von Grund aus falschen Ansatz zu vertreten. Mit welchen Beispielen sie den belegen wollen, ist völlig zweitrangig.

Und sie führen einen Stellvertreterkrieg, den die Gegenseite nicht gewinnen kann. Das Feindbild kann sogar wechseln – wie beispielsweise bei Horst Mahler anschaulich zu betrachten war – die Grundstruktur des Weltbildes bleibt sich gleich. Es ist ein verbitterter, verzweifelter Kampf gegen eine personifizierte Bedrohung.

In seiner tieferen Bedeutung handelt es sich bei Ressentimentbewegungen um einen Kampf gegen eine innere Verunsicherung, gegen eine weitere Gefährdung des ohnehin geschwächten Selbstbildes. Zugeben, daß er verunsichert ist, wird ein Vertreter einer Ressentimentbewegung nicht. Im Gegenteil, dieses Argument wird er als gemeingefährliche „Psychologisierung“, als „Pathologisierung“ seines heroischen Kampfes um Gerechtigkeit betrachten. Mit solchen Argumenten kann man sich einen Feind fürs Leben schaffen. Was aber die Richtigkeit einer solchen Diagnose nur bestätigt. Doch der Vertreter einer Ressentimentbewegung wird in einem solchen Argument, das darauf zielt, daß es eigentlich egal ist, gegen welche Minderheit er gerade zu Felde zieht, und daß dieser Stellvertreterkrieg einzig dem Ziel dient, seine bröckelnde Identität vor einem weiteren Verfall zu bewahren, als eine Ablenkung vom eigentlichen Thema – obwohl es sein Grundthema ist – und einen unzulässigen hinterhältigen persönlichen Angriff verstehen.

Doch der Kampf gegen die eigene Verunsicherung kann nur erfolgreich sein, wenn man sich ihr stellt, sie zuläßt und sich immer wieder die Frage stellt, wie mit dieser Verunsicherung umzugehen ist. Doch das bedroht Selbstbilder, die auf überkommenen Weltbildern ruhen, und das ahnen die Anhänger von Ressentimentbewegungen – unbewußt – meist ganz genau.

Statt dessen bekämpfen sie einen imaginierten und personifizierten Feind, in der Hoffnung, den befürchteten Statusverlust wenigstens zu verzögern, wenn sie ihn schon nicht ganz aufhalten können. Denn noch wähnen sie sich ja einig mit einer schweigenden Mehrheit. Das wird deutlich darin, daß die Ressentimentbewegungen auch stets die Rechte der Mehrheit zu verteidigen vorgeben, und dadurch, daß sie auf eine Verunsicherung in der Mitte der Gesellschaft, verbunden mit dem Unwillen oder der Unfähigkeit, analytisch zu denken, zählen kann, wird sie mit immer wieder mit dem schönen Satz: „Das muß man doch noch mal sagen dürfen!“ aufwarten und immer wieder hohe Zustimmung erfahren.

Gegenargumente oder Proteste gegen ihre manichäische Weltsicht und ihre Einteilung in Mitstreiter und Feinde dienen ihnen dann dazu, ihre These der gleichgeschalteten Mainstreamedien zu wiederholen, die nicht richtiger wird, wenn man sie wiederholt.

Sarrazins rassistischer Auswurf steht seit Monaten auf Platz 1 der Bestsellerliste, aber er beklagt sich darüber, daß ihn seine Gegner mundtot machen wollten. Woran man sofort einen lupenreinen Vertreter einer Ressentimentbewegung erkennen kann, denn er darf in einer offenen Gesellschaft selbstverständlich jeden Unfug zwischen zwei Buchdeckel schreiben, der ihm einfällt. Niemand hindert ihn daran.

Das wird man doch noch mal sagen dürfen…

(Foto auf der Startseite von dbking/Flickr)

17:57 10.11.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

DanielW

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