Danja Ulrich
27.09.2013 | 10:33 2

Mobile Technologien - Ihr seid mein Zuhause

Mobilität Mobile Technologien sind heutzutage treue Begleiter im urbanen Raum. Das ändert nicht nur den Umgang mit 'öffentlichen Raum', sondern auch unser Gesellschaftskonzept

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Danja Ulrich

Mobile Technologien - Ihr seid mein Zuhause

Foto: atem_y_zeit / Flickr (CC)

Im Jahr 2007 wurde der 100-millionste Apple-iPod verkauft. Musik mobil über Kopfhörer zu hören ist angesichts dieser Zahlen kein reines jugendkulturelles Phänomen mehr, sondern avanciert zu einem dominanten Hörmodus. Auch Technologien wie Smartphones oder Tablets sind Ausdruck eines größeren Mobilisierungsprozesses, der kulturelle Praktiken in den öffentlichen Raum ausgelagert, die bisher lediglich in den eigenen vier Wänden stattfanden. Das führt dazu, dass mobile Technologien nicht nur unseren Alltag verändern, uns Unabhängigkeit verleihen, sondern dass sie auch unser traditionelles Gesellschaftsverständnis zerlegen und es neu anordnen. Denn: Der öffentliche Raum, in dem die Nutzung mobiler Technologien nun erfolgt, ist traditionell ein Ort, an dem die Menschen aufeinander treffen. Schlußendlich hat die Nutzung mobiler Technologien auch Konsequenzen auf die Begriffe „Privatsphäre“ und „öffentlicher Raum“, die neu verhandelt werden müssen.

Doch welche soziokulturellen Transformationen gehen mit mobilen Technologien und besonders mit dem iPod einher?

Als der Walkman Anfang der 1980er Jahre in den öffentlichen Raum eingeführt wurde, sahen die KulturkritikerInnen in ihm ein Anzeichen einer sich 'atomisierenden’ Gesellschaft. Das durch den Walkman erstmals möglich gewordene personalisierte Musikhören im öffentlichen Raum wurde primär als eskapistische Praxis und Ausdruck von Isolation und Individualisierung gedeutet. Dazu muss man wissen: Der Hörsinn steht seit der Antike für das Kollektiv, als gemeinschaftsstiftender Sinn im menschlichem Sensorium. Dasjenige, was in einem Raum hörbar ist, hören eben alle, beschrieb schon Georg Simmel den überindividuellen Moment des Hörens. Die personalisierte Rezeption über mobile Abspieltechnologen unterwandert schlichtweg diese Idee und fungiert als technologisches „Ohrenlid“. Mit Markteinführung des Walkman entbrannten in der BRD heftige gesellschafts-, jugend- und kulturkritische Diskussionen über psychologische, soziale und physiologische Gefahren dieser Technologie. Volker Grasnow diagnostizierte 1985 in seinem programmatisch betitelten Buch Der autistische Walkman, dass die Technologie das Verhältnis von 'öffentlich' und 'privat' grundlegend verändere, da „für die 'Öffentlichkeit' konstitutive Tätigkeiten wie Hören, Sehen, Sichbewegen auseinandergenommen und 'technotronisch' neu zusammen gesetzt“ würden (Volker Grasnow: Der autistische Walkman. Elektronik, Öffentlichkeit und Privatheit. Berlin: Die Arbeitswelt, 1985, S. 97). Die Darstellung dieser zunehmenden Entfaltung technikhumaner Synthesen glich in den letzten Jahrzehnten einer Kulturgeschichte des Niedergangs. Feuilleton und Wissenschaft offenbaren sich dabei, ganz im Sinne Ihrer Tradition, als Produktionsstätten des Kulturpessemismus.

Neben all den kulturkritischen Betrachtungen, ist eine Sache interessant: Technologien wie iPod, iPhone oder iPad ermöglichen, dass wir uns an Ort und Stelle eine eigene Privatsphäre konstituieren. Mit jedem Griff zu einem mobilen Gerät im urbanen Raum schaffen wir uns privaten Raum im Öffentlichen Raum. Mit allen Freunden in der Hosentasche, mit der kompletten Musiksammlung in der Hand, gehen wir vor die Tür und fühlen uns wie zuhause. Wir schaffen mobile Privatsphären und verhalten uns wie kleine Atome - grenzen uns ab, um einen Ort zu schaffen, der uns vertraut ist.

Hat sich die Gesellschaft also tatsächlich 'atomisiert'? Pflegen wir alle nur noch Narzissmus und Isolation? Bei einem Blick auf die technische Weiterentwicklung des Walkman hin zum iPod wird erkennbar, dass die Hörerin, der Hörer zunehmend aus der Isolation abgeholt wurde. Behielt der Walkman lediglich die Möglichkeit bereit Musik über ihn zu hören, wurden bei der Weiterentwicklung des iPods zunehmend technischen Strukturen integriert, die Kommunikation ermöglichen – nicht zuletzt durch die Tatsache, dass der iPod in das iPhone hineinwächst. Mit internetfähigen Endgeräten sind eine Vielzahl von Kommunikationen auf Fingerstreich abrufbar; der ganze Freundeskreis wartet in der Hosentasche. Damit mobilisiert dich auch unsere Kommunikation in einem stärkeren Maße. In der Wissenschaft spricht man daher auch von „mobiler Kommunikation“. Wir vernetzen uns und kommunizieren durch mobile Technologien mehr miteinander. Anstatt diese Tatsache als Gegenbeweis zur Isolationsthese anzuerkennen, überwiegt die kulturkritische Meinung: Durch die Quantität an Kommunikation schwindet die Qualität. Jetzt kommunizieren wir also zu viel: „Eine neue Unmündigkeit und Mechanisierung der Sprache macht sich breit. Zunehmend dient das Internet der Weltflucht, nach dem Motto: „Ich clicke, also bin ich.“ (Gloria Goldini: „Lebendige Kommunikation“. In: Die Unsichtbare Macht der Worte. Regensburg: Walhalla Fachverlag, 2007, S. 26.)

Natürlich ist die Frage berechtigt, ob diese 'mobile Kommunikation', die ja primär technologisch unterstützt ist, gleichwertig ist zu einem direkten Gespräch mit einem Menschen. Allerdings impliziert diese Frage bereits die Vorstellung, dass es eine ‘richtige’ Kommunikationsform gibt, von der aus man auf eine minderwertige Form schließen kann. Normativ ist und bleibt für die Kulturkritiker die klassische Face-to-Face-Kommunikation. Vor diesem normativen Hintergrund erscheint textbasierte und technologisch übermittelte Kommunikation minderwertig und kann dadurch als weiteres Anzeichen und Beweis einer kaskadierenden Entfremdung und Atomisierung der Gesellschaft gelesen werden. Die Vorstellung, dass es eine ‘bessere’ und ‘schlechtere’ Kommunikation gibt, setzt aber die Idee voraus, dass es die Unterscheidung zwischen 'indirekter' und 'direkter' Erfahrung gibt. Sie setzt voraus, dass es so etwas wie eine Essenz von Kommunikation gibt, eine Art Unmittelbarkeit und Intimität zwischen Menschen, die durch Medien eben nicht erfahrbar ist oder durch sie sogar gestört werden kann. Diese Vorstellung ist zwar - im Sinne der Epoche - hochromantisch, aber auch ideologischer Natur. Sie produziert Werturteile, die das Neue und Qualitative in Innovationen nicht erkennen kann. Nicht zuletzt ist das intersubjektive Verhältnis und unser Freundschaftsbegriff ja auch schon immer abhängig von Medien – man denke nur an die großen Brieffreundschaften der Sturm & Drang Epoche. Anstatt einen ständigen Niedergang zu attestieren, wäre es produktiver die eigenen Qualitäten der 'mobilen Kommunikation' zu erkennen und deren neue Dynamiken.

Durch die gewachsene Integration an Kommunikationsstrukturen, greift es zu kurz mobile Privatsphäre im öffentlichen Raum, im Einklang mit den Kulturkritikern lediglich als Isolation oder Eskapismus zu verstehen. Vielmehr kommt es zu der Dialektik, dass mobile Technologien den Rückzug des Individuums im öffentlichen Raum und damit die 'Atomisierung' der Gesellschaft zwar fördern, diesen Akt jedoch selbst an Vergemeinschaftungsprozesse zurück binden. Wir ziehen uns zurück, um nicht alleine zu sein. Doch wie lässt sich unsere Gesellschaftsstruktur beschreiben, die geprägt ist durch die Dialektik 'Vernetzung durch Isolation'?

Während die Individualisierungsprozesse bei Autoren wie Richard Sennett oder Zygmunt Baumann überwiegend negativ als Entfremdungsprozesse interpretiert werden, benutzt Peters Sloterdijk die Metapher der 'Schäume', um die Dialektik 'Vernetzung durch Isolation' in ein adäquates und wertfreies Bild einer 'neu eingebetteten' Gesellschaftsstruktur zu bringen. Er denkt Individualisierungsprozesse zusammen mit erneuter Vergesellschaftung. Bei diesen durch unzählige miteinander vernetzten Blasen, vertritt das Individuum jeweils eine Schaumzelle. „Im Schaum gilt das Prinzip der Ko-Isolation, nach dem ein und dieselbe Trennwand jeweils zwei oder mehr Sphären als Grenze dient“ (Peter Sloterdijk: Schäume. Plurale Sphärologie. Bd. III. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004. S. 55f). Das Individuum hat sich zwar aus traditionellen Kollektivstrukturen gelöst, ist dadurch jedoch nicht isoliert oder entfremdet. Loslösung und Isolation bedeutet hier gleichzeitig erneute Vernetzung. Den Umstand, dass es nicht zu einem Zerplatzen oder einem Herauslösen einzelner Zellen kommt – analog zu einem überbordenden Individualismus oder Entfremdung – erklärt Sloterdijk damit, dass Zellen auch „Immunsysteme“ darstellen, deren Trennwände durch immunisierende Elemente miteinander verklebt werden. (S. 309f.) Er unterscheidet dabei zwischen neun kategorialen Immunstrukturen der Inseln, die für soziale Stabilität sorgen. Relevant im Kontext von mobilen Technologien ist das sogenannte „Thermatop“, bei dem das richtige Klima durch ein „Wohlfühlgefühl am eigenen Ort“ (S. 362f) erzeugt wird, das sowohl im eigenen Heim, als auch durch mobile Privatsphäre (Cocooning) in der Öffentlichkeit entsteht. Gerade mobile Technologien und ihr Kokon-Effekt bekommen bei dieser 'Gesellschaft'-Deutung dahingehend Bedeutung, dass sie als immunisierende Generatoren ins Spiel kommen. Mit dieser Perspektive führte die Nutzung mobiler Technologien nicht zu einem Verfall oder 'Auskühlung' der Gesellschaft, wie es in den kulturkritischen Interpretationen auftaucht, sondern immunisieren als thermatopischer Versorger die Gesellschaftsstruktur.

Die Tatsache, dass wir uns im öffentlichen Raum zunehmend privat verhalten, führt zu einem interessanten Gedankengang, der bisher im Diskurs außen vor blieb: Im Internet wird die Bedeutung der Privatsphäre zunehmend marginalisiert - ja sogar von Post-Privacy ist die Rede. Im öffentlichen Raum dagegen wird Privatsphäre zunehmend konstituiert und bedeutsamer. Mobile Privatsphäre geht dabei von den mobilen Technologien in einem Maß aus, das vorher undenkbar war. Was passiert aber, wenn man die Auflösung der Privatsphäre im Internet und die Zunahme der gleichen im öffentlichen Raum zusammen denkt? Je mehr man private Daten mitteilt, desto persönlicher wird der Ort, den man sich im Internet aufbaut. Mit der Zunahme an Datenabgabe, wächst das Gefühl ein 'mobiles Zuhause' mit sich zu tragen. Dort sind die Freunde, die Fotos aus dem letzten Urlaub. Je persönlicher z.B. das Facebookprofil gehalten ist, desto stärker ist das Rückzugs- und Wohlfühlpotential im öffentlichen Raum durch Technologien - desto hermetischer ist die Privatsphäre im öffentlichen Raum. Die Auflösung von Privatsphäre geht dabei also einher mit Schaffung dergleichen.

Dabei sollte auch nicht übersehen werden, dass internetfähige Technologien nicht nur 'Geborgenheitsmomente' initiieren, sondern auch den Zugriff auf eine 'Öffentlichkeit' im Sinne des Internets als Partizipationsmöglichkeit der 'politischen Öffentlichkeit' bereithalten. Durch mobilen Internetzugriff wird die Partizipation an einer 'Öfentlichkeit' zu einem privaten Akt im öffentlichen Raum. Sowohl mobile Privatsphäre als auch 'privatisierte' Öffentlichkeit fallen zusammen, sind mobil abrufbar und werden zu performativen Praktiken. 'Öffentlichkeit' ist dabei im gleichen Maße wie Privatsphäre von einem spezifischen geographischen Ort entkoppelt.

Der Philiosoph Paul Virilio prophezeite 2010 in seinem Buch "Der Futurismus des Augenblicks" das Zeitalter des 'bewohnbaren Verkehrs'. In dieser modernen Art des Nomadentums wird der Mensch nicht mehr heimatlos umherstreifen, sondern mit Hilfe von Medien bereits überall zuhause sein.





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