Erich-Fromm-Preis 2016

Auch ein Friedenspreis Der diesjährige Erich-Fromm-Preis wird am 5. April an das Ehepaar Christel und Rupert Neudeck verliehen
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Interessante Fundsache für alle, die Erich Fromm kennen und ihm viel verdanken.

Mit Ruppert Neudeck verbindet mich neben der Hochschätzung seines Lebenswerks - ganz schlicht die gemeinsame Heimatstadt Danzig. Dass er sein Überleben schlicht dem Umstand verdankt, dass seine Familie keinen Platz mehr auf der "Wilhelm Gustloff" fand, hat mich sehr berührt, Meine Mutter ist mit uns Kindern noch mit dem Zug Ende Januar 1945 aus Danzig fortgekommen. Mein Vater hatte das Glück, im März durch eine Evakuierung seiner Firma mit einem Schiff über die Ostsee nach Bremen zu gelangen.

Hier der Einladungstext zur Verleihung des Preises:

Sicher beeinflussten die Bilder von den großen Flüchtlingsströmen die Entscheidung der Jury, den Erich Fromm-Preis im Jahr 2016 dem Ehepaar Rupert und Christel Neudeck für ihr Leben für Flüchtlinge zu geben. Dass einem Ehepaar der Preis verliehen wird, ist zwar in der Geschichte des Fromm-Preises ein Novum. Bei näherem Hinsehen wird aber schnell deutlich, dass Rupert Neudeck seinen immensen Einsatz nie hätte leisten können, wenn seine Frau Christel nicht mit eigenen Ideen und tatkräftig all die Projekte mitgetragen hätte.

Wie sehr das Ehepaar „mit ihrem Engagement Hervorragendes für den Erhalt oder die Wiedergewinnung humanistischen Denkens und Handelns im Sinne Erich Fromms geleistet haben und leisten“, wie dies die Satzung des Fromm-Preises vorschreibt, zeigen ganz augenfällig ihre eindrucksvollen Initiativen – von der Rettung Tausender vietnamesischer Bootsflüchtlinge mit der Cap Anamur über die Gründung der Grünhelme bis hin zu ihrem Eintreten für die Interessen der Palästinenser als Flüchtlingen im eigenen Land, ganz zu schweigen von den aktuellen Alltagseinsätzen des Ehepaars angesichts der sogenannten „Flüchtlingskrise“.
Die Sensibilität für ein Leben auf der Flucht und als Flüchtling hat bei Rupert Neudeck sicher ihre Wurzeln in der Kindheit, als er als Sechsjähriger im Januar 1945 mit seiner Mutter und vier Geschwistern aus Danzig fliehen musste. Das Verlassenmüssen des heimischen Bodens spielte im Leben Fromms zwar erst im Erwachsenenalter eine Rolle. 1934 floh Fromm vor den Nationalsozialisten in die Vereinigten Staaten, weil er als gebürtiger Jude und bekennender Marxist in Deutschland um sein Leben bangen musste. In den Jahren bis 1940 besorgte Fromm Dutzenden von jüdischen Verwandten ein Affidavit und bürgte für ihr finanzielles Auskommen, damit sie Deutschland noch verlassen konnten. Was es heißt, nicht mehr fliehen zu können und keine Fluchthilfe mehr leisten zu können, hat Fromm dennoch erfahren: Viele der zahlreichen Verwandten starben in den Vernichtungslagern der Nazis oder wurden in ihnen umgebracht.
Die Erfahrung, sein Leben durch Flucht retten zu müssen, hat sich tief in das Denken und Wirken Erich Fromms und in das von Christel und Rupert Neudeck eingeprägt. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie mit dieser Erfahrung biophil, das Leben liebend, umzugehen imstande sind. Sie fühlen sich gedrängt, sich an die Seite derer zu stellen, die ihr Zuhause verlassen mussten und die auf der Suche sind, um ihr Bedürfnis nach Verwurzelung andernorts befriedigen zu können. Für Erich Fromm zählt dieses Bedürfnis nach Verwurzelung zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Die Verleihung des Fromm-Preises 2016 an Rupert und Christel Neudeck will ein Zeichen setzen für dieses Grundbedürfnis und für das daraus ergebende Asylrecht.

(http://www.fromm-gesellschaft.eu/index.php/de/aktivitaeten/erich-fromm-preis/preistraeger/587-fromm-preis-2016)

22:52 04.04.2016
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Geschrieben von

namreH

Habe das Gefühl: glücklicherweise nehmen auf meiner Stirn die Zornesfalten ab und die Denkerfalten zu. Wenn meine Enkelin das merkt, stimmt es auch!
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