Revolutionäre Zärtlichkeit

Wie Politik machen? Wer trägt für unsere Herzen Sorge, wenn nicht wir selbst? Ein tastendes Plädoyer für mehr Zärtlichkeit in der politischen Praxis.
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Revolutionäre Zärtlichkeit
"Eine andere Welt ist möglich. Verlieren wir das Herz, das eine andere Welt begehrt, werden wir Technokraten. Wer soll sich um unsere Herzen kümmern, wenn nicht wir selbst?"

Foto: Gigi Ibrahim/Flickr (CC BY 2.0)

Sahra Wagenknecht zieht sich aus gesundheitlichen Gründen aus der ersten Reihe der Politik zurück. Wer sieht, dass sie bisher Unglaubliches in ihrem Leben für Linke und DIE LINKE geleistet hat, muss beinahe zu dem Schluss kommen, dass sie sich überarbeitet hat, ohne Rücksicht auf ihre Gesundheit. Es bleibt an dieser Stelle nur, ihr gute Besserung zu wünschen und dass sie schnell wieder auf die Beine kommt.

Burnout und Erschöpfungszustände sind keine Seltenheit bei politischen Aktivist*innen, ob im Bundestag oder außerhalb davon.
Wenn Politik krank macht, sollte man über diese Zustände reden. Krankheiten wie Burnout müssen ernst genommen werden und es reicht nicht zu sagen, wer sich dem Leistungsdruck einfach nur gut genug verweigert, sei nicht gefährdet (klingt irre, aber alles schon gehört).

Politisch aktiv sein und es bleiben
Vor fast einem Jahr reiste eine Delegation des Sozialistisch-Demokratischen Studierendenverbandes SDS ins aufgewühlte Paris und besuchte besetzte Unis. Die Aktivist*innen lagen in einem Park, um sich auszuruhen und eine Genossin begann ein Gespräch über das Buch „Politisch aktiv sein und bleiben“ von Timo Luthmann. Wie können wir dafür sorgen, dass wir nicht ausbrennen, obwohl es so viel zu tun gibt und wir so wenige sind? Wie schaffen wir es, uns nicht von der Glut, die uns antreibt, aufzehren zu lassen? Wenn sich 'Außen' scheinbar nichts bewegt, den Zorn nicht nach innen zu richten?

An dieser Stelle möchte ich für einen anderen Politikstil plädieren, als den, der gegenwärtig auch in der LINKEN oft praktiziert wird. Man kann harte Diskussionen führen und entschlossen nach außen treten, man kann innerparteilich Differenzen haben und diese austragen. Man kann sich über die Grundsätze unserer Politik so zoffen, dass es wirklich unangenehm wird. Man kann den öffentlichen Konflikt suchen und ihn mit offenem Visier führen. Man kann auch Ambitionen auf irgendwelche Ämter haben.
Aber wir sind nicht nur Gehirne, an die rationale Fähigkeiten, Pläne und Strategien angeschraubt sind.

Wir sind Sozialist*innen geworden, weil unsere Herzen aufgeflammt sind angesichts der Grausamkeiten und der Hoffnung in der Welt. Unser Blick hat weggeschielt von der vorgegebenen Ideologie des ‚Endes der Geschichte‘ und hat gesehen: Eine andere Welt ist möglich. Verlieren wir das Herz, das eine andere Welt begehrt, werden wir Technokraten.

Wer soll sich um unsere Herzen kümmern, wenn nicht wir selbst?
Der Staat? Unsere Arbeitgeber? Die Regierenden?

Zärtlich missachten, was die Lehrmeisterin sagt
Im Januar führte eine Gruppe von Frauen mit ihrer betagten Lehrmeisterin Gespräche über die Möglichkeit der Veränderung und die Erziehung der Gefühle. Die Meisterin sagte, man müsse die Gefühle so erziehen, dass man die Härte habe, zu kämpfen und sich nicht erschrecken zu lassen. Die jüngeren Frauen lehnten das ab und sagten, dass sie beides wollten, Zärtlichkeit und Revolution. Revolutionäre Zärtlichkeit. Eine zärtliche Revolte.

Wer darüber spotten will, darf das jetzt gerne tun. Spott ist ja meist eine Handlung, die aus Ohnmacht heraus erfolgt. Und Ohnmacht ist ein Gefühl, dass wir alle nur zu gut kennen.
Ohnmacht ist ein Schwebezustand, in dem man sich oft von etwas Altem lösen muss. Vielleicht hier von einem alten Revolutionsbegriff, der sehr viel mit Männlichkeit, Härte und Vereinzelung zu tun hat. Der einsame Held auf den Barrikaden. Der harte Mann mit dem gestählten Oberkörper, der nichts an sich heran lässt. Der nicht weint, der erträgt. Der nicht hofft, sondern in der Tat lebt.

Vielleicht war das schon immer eine Sackgasse. Vielleicht sind die Revolutionäre von früher schon damals an ihrer eigenen Härte kaputt gegangen. Vielleicht sind wissenschaftliche Illusionslosigkeit und die Verbannung des ‚Utopischen Sozialismus‘ richtig, aber als heimliche Passagiere sind Hoffnung und Zärtlichkeit in einem kleinen Köfferchen mitentwichen.

Sprache des Herzens
Ich möchte für einen anderen Politikstil in der Organisation plädieren. Für eine radikale Zärtlichkeit, die in Sorge ist um das Wohl des anderen, auch wenn man ihn politisch vielleicht von Grund auf ablehnt. Dieser Politikstil ist kein Hirngespinst einer Träumerin. Er lebt in vielen Praxen an verschiedenen Orten, an denen politisch gehandelt wird. Zu oft wird er aber von einem anderen Politikstil überrollt, der technokratisch geworden ist, den das Kalkül übermannt hat, der die Haftung verloren hat, sowohl zum eigenen Herz wie auch zu denen der Menschen.

Ernst Bloch schreibt wahr, wenn er sagt: „Die Linken sprechen wahr, aber von Sachen, die Rechten sprechen falsch, aber zu den Menschen.“

Das Herz kann man nicht sehen. Man fühlt es, wenn man sich berührt und manchmal hört man es. Es geht nicht um besseres Marketing, es geht nicht um irgendeinen „Populismus“, der die Rechten nachahmt. Es geht vielmehr um aufrechte Haltung, Ehrlichkeit, Menschlichkeit und vielleicht auch ganz biblisch gesprochen: Gewissensnachfolge. Das ist keine Verbohrtheit einer eifernden Zelotin.
Es kann ein Weg sein, eine gemeinsame, aber vielzüngige Sprache der Herzen zu finden.
Wenn diese das träumende Begehren verknüpft mit einer Haltung der Aufrichtigkeit, gelenkt durch einen schielenden Blick sowohl ins Jetzt wie auch auf die Konkrete Utopie, wird die Sprache des Herzens auch eine politische Sprache sein.

15:25 13.03.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Daphne Weber

Aktivistin. MA-Studentin der Inszenierung in Hildesheim. 2017-19 Bundesvorstand SDS. Seit 2019 Landesvorstand DIE LINKE. NDS
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