Die Blumenbank

Verlorenes Leben [III] Der Altar und das Zeugnis von Fleiß und Gartenkunst in einer modernen Wohnung ist dahin
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Nach dem Begrüßung im "sogenannten Berliner Saal", beschreibt Theodor Fontane (1819-1898) in "Cécile", begeben sich Cécile und Herr Robert von Leslie-Gordon sogleich in den "leidlich repräsentablen Gartenbalkon", wo Hofprediger Doktor Dörffel bereits sitzt und sich am "Philodendron und anderen Blattpflanzen" erfreut. In "Frau Jenny Treibel" wird der Garten der "Treibel'schen Villa", vor und hinter der Villa, in den Beschreibungen und Bewertungen Fontanes wird das "Grüne Wesen" ebenso fein dargestellt. In "Cécile" ist wenigstens ein Hinterzimmer das mit Zimmerpfanzen "überfüllt" ist zu finden. Waren das bereits Anzeichen für den Niedergang der Zimmer- und Grünpflanzen im Bürgerlichen Wohnen? Gewiss noch nicht. Noch gehörte die Jardinière in jeden Salon und jedes Boudoir. Im Neuen Wohnen der Zwanziger Jahre, Salon und Boudoir gab es da schon nicht mehr, war ein "Blumenfenster" als solitäres vergrößertes Außenfenster oder als verglaste Innenwandöffnung meist noch fester Bestandteil des neuen bürgerlichen Hauses. Im DDR Eigenheim EW65 war eine Treppendiele ohne die Blumenbank noch nahezu undenkbar. Als Raumteiler war - die Blumenbank - noch bis in die Neuziger Jahre vereinzelt, zumal bei jüngeren Leuten, zwischen Wohn- und Essbereich zu finden. Heute legen Orchideen oder Orchideengewächse (Orchidaceae) oder vielleicht noch ein Elefantenfuß (Beaucarnea recurvata) letzte Zeugnisse davon ab, dass die Stadtbürgerin, wenn nicht doch über die "eignere Scholle" so doch wenigstens "Herrschaft" über ein kleines "Ökosystem" besitzen möchte. Es ist also schon immer mehr Staffage gewesen und zum leeres Attribut geworden. So brach die Gartenbank als kleinbürgerliches Plagiat und Imitat eines gepflegten Anwesens mit rahmenden Garten in sich zusammen.

Da mag Julia Stelzner in der F.A.Z noch so sehr über die "Grüne Welle" (15. Juli 2018) in Wohnzimmern sinnieren. Hype ist kein Trend. Und der Trend mag in der Tat in Berlin und Köln zum Kleingarten gehen, in Stuttgart wohl dann zum "Stückle". Hin zur Blumenbank im behaglichem Heim kann ich ihn nicht erkennen. Ich denke die Schnittblumen sind schön und preiswert das ganze Jahr über zu haben. Vasen hat man eher zuviel als zu wenig. Die Deko, mit Garten- und Ökoanmutung, vom Baumarkt oder habitat reicht aus. Überdies ist sie schnell wieder gewechselt oder dann doch entsorgt. Man hat auch kein schlechtes Gewissen was Lebendes getötet zu haben.

Stellt sich heute wirklich noch jemand einen Bogenhanf (Sansevieria) auf ein Bänkchen nur weil der die Luft nachhaltig verbessert?

Statt sich im Wohnzimmer an einer Myrte (Myrtus communis), einem Fensterblatt (Monstera) oder einer Porzellanblume (Hoya carnosa ) auf einer zierlichen Bank oder turmartigen Etagere zu erfreuen, streitet sie mit ihm lieber über die Pflege und Aufzucht der "Gourmet"-Gartenkräuter auf dem Fensterbrett in der Küche. Kakteengewächse (Cactaceae) und Bromeliengewächse (Bromeliaceae), zusammen mit dem Usambaraveilchen (Gesneriaceae) stets Krönung jeder Blumenbank, habe ich seit über zwanzig Jahren in keiner Küche und keinem Wohnzimmer gesehen. Auch ginge man in Möbelhauser der Vororte, wo bekanntlich die Fernsehquote wohnt, so würde man Blumenbänke nicht finden. Es ist ein ausgestorbenes Möbelstück.

So wie man Erika Krause und "Du und Dein Garten" gedenkt, so wollen wir der Alpenveilchen (Cyclamen) in ungeheizten Schlafzimmer gedenken. Der Birkenfeige (Ficus benjamina), von wissensbeflissenen Hausfrauen auch "Benjamin Ficus" genannt. Dem Philodendren (Philodendron) und Schwertfarn (Nephrolepis exaltata). Und aller vertrocketen Zimmerazaleen. Der florale Altar - die Gartenbank - ist von uns gegangen.

07:03 17.01.2019
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