Heute ist Ruhetag

Leben und Arbeiten Warum ich nicht ins Sabbatical gehen will - Mein Beitrag zu Ruhe und Konsumverzicht
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Der kurze Text im E-mail Autoresponder spricht eine klare Sprache: "In der Zeit meiner Abwesenheit im Sabbatical wird diese E-mail..." usw.. Keine Urlaubsabwesenheit, Sabbatical. Welches QM Team oder Verwaltungsarbeitskreis mag wie lange an so einer Formulierung gesessen haben? Welcher Eindruck entsteht bei mir als gefühlter Partner und Kunde, wenn dieser Dienstleister dergleichen in den E-mail Autoresponder postulieren lässt? Sollt das dann bedeuten: "Hey, wir haben ein ganz neues schickes und zeitgemäßes Arbeitszeitmodel! Wir sind hier auf der Höhe der Zeit! Ist das nicht was für Dich?"

Ich glaube es war im Parteiprogramm F.D.P. wo ich das erste Mal diesen Begriff Sabbatical im Zusammenhang mit Ziel auf Recht an neuen Arbeitszeitmodellen gelesen habe. Richtig' die FDP hatte noch ihre Punkte und Guido fuhr noch im guidomobil durchs Land. Start up und New Economy waren noch Worte von Zauber und Abenteuer. Nicht so Allgemeingut oder gar Schimpfworte.

Sollte sich die FDP durchgesetzt haben? In der Tat gibt es heute in nahezu allen großen Unternehmen Arbeitszeitmodelle in denen man für Monate oder sogar ein Jahr, dann Sabbatjahr genannt, mal aussteigen kann, ohne aus dem Unternehmen zu fallen. Eine Welle des 'Zeitansparens' und 'Rausarbeitens' ist nicht nur Trend sondern Wirklichkeit. Die Folge ist, das ist dann wohl auch die 'grausame' Wirklichkeit, dass die Arbeitsteams und Arbeitsprozesse sich verändern. Aus meiner Sicht ist es so gut wie unmöglich noch ein Team durch ein mehrjähriges Projekt zu führen, ohne das es einen ungemein großen Aufwand an der lieben Projektdokumentation gibt. Warum? Nicht wegen der ISO9001 den oder neuen Compliance Regeln, sondern nach meiner Meinung in erster Linie um den ständigen Personalwechseln, die Auszeiten und mit den neuen Arbeitszeitmodellen Zurecht zu kommen. Gab es Teamleiter die ihre jungen Teammitgliedern mal sagten: "Jetzt geht nach Hause." oder "Dieses Wochenende wird nicht gearbeitet." Da gibt es heute Schweigen, denn Teamleiter und Vorgesetzte haben längst den Überblick verloren welches Arbeitszeitmodell für wen gilt. Im Besonderen gilt das, seitdem es das Sabbatical gibt. Mit der Vielfalt muss man lernen Zurecht zu kommen.

Da gibt es eine Bewerbung um einen Ausbildungsplatz. Gleich im Anschreiben verbunden mit der Einschränkung: dass ein Interview in den kommenden vier Wochen stattfinden sollte, weil man zum work and travel in Australien ist für ein halbes Jahr. Das erste Semester Biologische Informatik war ja nur - ich zitiere "Überbrückung nach dem Abi". Stellt sich für mir die Frage soll das gap year jetzt die Ausbildung sein oder ist es noch das 'work and travel austrailia'? Was ist hier was? Keine Frage ich bin Ausbilder mit großer Leidenschaft, aber wenn ich vor jeden Personalgespräch Sorgen haben muss kommt jetzt der Satz: "Ich möchte so richtig durchstarten, aber vorher...", "erstmal nach Australien und Neuseeland" und "das ist richtig gut für mich... das brauch ich jetzt" und in der kurzen Stille nach dem Satz hört ein Jeder im Raum den Gedanken "und damit auch gut für die Arbeit hier im Büro! Das musst Du doch verstehen!". Was will man dazu sagen?

Dass die Hände vieler Kolleginnen und Kollegen in der Tat mit dem Smartphone am Arbeitsplatz scheinbar verwaschen sind stört mich nicht. Es sind nicht nur die "Jungen", auch dieses muss mal fairer Weise gesagt werden. Das zwischen Computertastatur und Schreibtischkante das Smartphone beständig bedient wird und vibriert übersehe ich bereits. Aber das es fast nur noch in den Küchengesprächen an der Siebträgermaschine um das Aussteigen, Ansparen und die Erlebnisse im Sabbatical geht mir gewaltig auf die Nerven. Oder wenn der Kollege mit einen längeren gap year -Portfolio als das Projekt-Portfolio "erst mal nach Hause" geht wenn ich im früh im Büro sehe, dann ist Schlichtweg eine Zusammenarbeit im Team nicht möglich. Zumindest muss ich mir eingestehen, dass ich das nicht hinbekomme.

Das der beamtete Studienrat sich für zwei Jahre aussteigt, z.B. um die z.B. Bulgarische Nationalmannschaft in Wasserball zu trainieren oder Ähnliches, finde ich gut und ehrenwert. Dass ich mit meinem - wohl vollkommen veralteten - Arbeitszeitmodel, wohlgemerkt auch etwas reduziert in den Stunden, macht mich wohl Alt. So ist das wenn man gern täglich zur Arbeit geht und sich auf die Aufgaben und das Team freut.

Meine Kindheit ist geprägt von einem Ruhetag in der Woche. Kein Einkaufen, Bestellen und kein Preisvergleich. Ruhe hieß im Verständnis meiner Eltern auch kein Fernsehen, ein Drama für und Kinder. Es war ein wöchentlicher Familien- und "Anders"-Tag. Für die Eltern war es Ruhe. Kein Garten, keine Garagenwerkeleien und keine Arbeit. Nur in Familie und Freunden oder sich durch Wiesen und Wälder treiben zu lassen - dass ging sogar sehr sorgsam in die Stasi-Akte meines Vaters ein. Waren dafür Bahnfahrten in die Leipziger Keilstraße 4 oder nach Erfurt an den Juri-Gagarin-Ring 16 notwendig? Nein, wohl nicht. Der Familien- und "Anders"-Tag war in der mittelbaren Nachbarschaft so bekannt, dass Freunde die nach den Weg zu uns fragten, die u.a. die Antwort erhielten: "Da können Sie heute nicht hin, die haben ihren Ruhetag."

Das Prinzip des wöchentlichen Ruhetages ist bis heute noch mein Prinzip. Im Besonderen was den Kaufkonsum angeht. Ob es nun der Mondkalender oder die jüdisch-christliche Tradition sein mag. Ich denke es ist heute wohl im Zeitalter des Arbeitszeitansparens und Durchkloppens immer noch ein "Anders"-Tag und ein Ruhetag. Mal einen Tag die Woche den Blick auf was Anderes lenken. Auf Dinge die man die ganze Arbeitswoche nicht hatte oder haben konnte. Das reicht mir. Deshalb brauche ich kein Sabbatical. Ich mag meine Arbeit und Arbeitsleben. Ich lebe gerne in der Spannung "Leben um zu Arbeiten und "Arbeiten um zu leben". Meine work life balance steht und fällt mit dem wöchentlichen Ruhetag. Sabbatical - nein danke!

18:58 13.01.2019
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