Die Diversifikation des Kapitals

New Economy Apple, Facebook und Google lassen sich nicht in den klassischen Kategorien des Kapitalismus fassen. Wirklich?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Eingebetteter MedieninhaltFetisch der schönen, neuen Welt: Apple.

Heute erscheint die klassische Einteilung von produzierendem und Finanzkapital überholt, scheinen doch Giganten wie Apple, Google oder Facebook nicht in dieses Schema einordbar zu sein. Sie verfügen weder über eigene Produktionsmittel in nennenswerten Rahmen, noch zwangsläufig über eigene liquide Mittel. Doch weit gefehlt - das möchte ich zunächst am Beispiel der IT-Schmiede aus Cupertino darstellen. Der einstige Exot hat seit der Jahrhundertwende aus einem Nischenmarkt heraus den Mainstream erobert und ist “zur wertvollsten Marke der Welt”¹ avanciert. Spätestens seit dem Wechsel von PowerPC- auf Intel-Prozessoren ist das Unternehmen vor allem eine Software-, Design- und Ideenschmiede, denn ein klassischer Hersteller. Die Geräte werden bei Foxconn in Taiwan montiert, die Geldmittel auf dem internationalen Markt akquiriert. Foxconn, nur oberflächlich paradoxerweise gleichzeitig Lieferant der Konkurrenz, ist zwar Eigentümer der Produktionsmittel und beschäftigt die menschliche Arbeitskraft, arbeitet aber nur auf Anleitung seiner Partner. So wenig Apple in der Lage ist, ohne die Produktionsmittel und Arbeiterhände Foxconns seine Ware zu produzieren, so wenig ist Foxconn es ohne das Know-how der Kalifornier. Zusammen mit den Geldgebern bildet sich ein Konsortium mit einem gemeinsamen Geschäftsziel. Dieses Modell ist selbstverständlich eine äußerst grobe Vereinfachung der Realität, wie es der Hinweis auf die anderen Geschäftspartner der Firma in der Republik China bereits andeutet. Es wird nicht dem verworrenen Geflecht aus Zulieferern, Vertragsnehmern, Subunternehmern usw. gerecht, in das die Beteiligten tatsächlich eingebunden sind. Doch ist es die Grundlage für die aktuelle wirtschaftliche Struktur. An die Stelle des Einzelkapitalisten des vorletzten Jahrhunderts, bei dem Produktionsmittel, Arbeitskraft, Geldmittel und Entwicklung gebündelt waren, traten im letzten Jahrhundert die Trusts, die von oben gelenkte Strukturen verschiedener abhängiger Industrie- und Finanzunternehmen ausbildeten. Heute ist das Verhältnis der Einzekunternehnen zu einander ein anarchischeres, da keine zentrale Instanz mehr ihre Beziehungen regelt. Auch kann sich zu den drei Teilnehmern aus produzierendem, denkendem und Finanzkapital ein vierter dazugesellen, wenn keiner der anderen die Rolle des Initiators übernimmt: das mittelnde Kapital, dass die übrigen zusammenführt und so ihr nur gemeinsames Potenzial erst aktiviert. Ohne eine übergeordnete oder zentrale Instanz aber ist sich keiner dem vollen Ausmaß der Strukturen gewahr. Es hat sich also eine Entwicklung fortgesetzt, die bereits in den Grafschaften Englands und Schottlands begonnen hat. War einst der, meist noch adlige, Kapitalist gleichzeitig Eigentümer von Produktionsmitteln, Ressourcen, Wissen und Geldern, vollzogen sich erst die Spaltung in die produzierende und die Bergbauindustrie sowie das Bankenwesen. Die Trusts waren der Versuch, sie wieder unter einem Dach zusamenzuschließen. Doch die weitere Diversifikation der folgerichtigere Weg. Die heutigen Konsortien sind nichts anderes als die einstigen Trusts und Einzelkapitalisten zuvor, nur ungleich stärker fragmentiert und unterschiedlicher verflochten. Waren die Maschinen Henry Fords noch der Herstellung nur seiner Vehikel vorbehalten, so können von den Fließbändern Magnas oder FSOs heute diese und morgen jene Autos rollen, so wie Foxconn sowohl Apple, als auch Samsung-Geräte herstellt. Es sind ohnehin dieselben Maschinen, worin der Effizienzgewinn, die Rationalisierung besteht: Statt teuer eigene Anlagen bereit zu halten, die während einer Flaute still stehen, plötzlich veralten oder wegen einer Neuausrichtung des Geschäftsmodells unbrauchbar werden könnten, teilen die einzelnen Konkurrenten die körperlichen Produktionsmittel und Arbeitskräfte. Damit verteilen sie die Kosten einerseits untereinander und lagern das Risiko an den tatsächlichen Eigentümer der physischen Fabrik aus, der aber zugleich in der Sicherheit lebt, den Verlust eines Kunden, wie schmerzlich er auch sei, über Lang verkraften zu können. Welcher der drei oder vier Teilnehmer dabei nun nach außen als Marke auftritt, ist dabei unterschiedlich. Während es bei Autos vornehmlich noch der tatsächliche Endhersteller ist, der große Teile der Entwicklung an andere Unternehmen ausgelagert hat, ist es bei Computern die Modellschmiede selbst. Das Finanzkapital nach außen als Marke der Ware auftreten zu lassen ist äußert unüblich, oft ist es der Mittler, besonders wenn er sich mit den Rechten an einer “untergegangenen” Marke ausgestattet hat. Oft werden auch alle Beteiligten mittels einer Handelsmarke verschleiert, besonders, wenn das mittelnde Kapital gegenüber dem Konsumenten selbst als Distributor auftritt.

Die Strukturen der Internetkonzerne Google und Facebook sind noch anders gelegen. Zumal beide, vor allem aber Googles Mutterkonzern Alphabet, zunehmend wieder aus dem virtuellen Raum in den sehr realen hineinwachsen und die schon immer befremdliche These zweier Realitäten weiter diskreditieren. Sie überwinden Grenzen, die es nie gab. Auf den Informationssektor beschränkt aber ist zunächst keine Ware auszumachen, die ihren märchenhaften Aufstieg in den kapitalistischen Olymp begründet. Ihre Dienstleistungen, die sich als solche definieren ließen, werden den Konsumenten scheinbar kostenlos zu Verfügung gestellt und der Preiseinbruch in der Werbebranche karikiert die Illusion eines reklamefinanzierten Gewerbes. Schnell stellt sich heraus, dass eigentliche Profitquelle der Internetbranche nicht eingenommenes Geld, sondern gesammelte Daten sind. Die Daten nehmen einerseits die Geldfunktion ein, mit denen die Konsumentin und der Konsument für die erbrachten Leistungen in Zahlung treten, andererseits sind sie auch die eigentliche Ware selbst, die Facebook & Co. verkaufen. Sie dienen mittlerweile der gesamten Industrie, den Banken und dem Handel als wertvolle Ressource, auf deren Grundlage sie Produkte entwerfen, Strategien entwickeln und Zielgruppen definieren. In diesem Sinne verhalten sich die Datensammler wie die Bergbaufirmen der industriellen Hochzeit, nur dass ihr Rohstoff nicht die Produktionshallen beteuert, sondern die Denkstuben der Konsortien. Sie, die Montanisten, agieren tatsächlich noch fast außerhalb der Verflechtungen im produzierenden Sektor. Die Rolle der Medien, die ihrerseits Käufer wie Lieferanten der Ware Daten sind, sei hier unvollständig gelassen.

¹ DIE WELT, 30.09.13.

03:54 10.04.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

David Danys

Pfarrers Kind und Müllers Vieh, // Gedeihen selten oder nie.
David Danys

Kommentare