Die Europäer_innen kommen

Flüchtlinge Der Flüchtlingsstrom stellt Europa vor große Herausforderungen. Wie soll sich die Integration der Angekommenen ausgestalten? Sie könnten die ersten Europäer_innen sein.
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Dem Mythos nach wurde Europa von Göttervater Zeus in Form eines Stiers nach Kreta verschleppt. Dort vergewaltigt er sie. Die junge Frau aus dem heutigen Syrien gebar infolge die ersten Europäer.

Der mittlerweile die Millionengrenze überschreitende Flüchtlingsstrom 2015 stellt neue Fragen und Herausforderungen an Integrationspolitik und -willen in der EU. Das deutsche Modell folgt hierbei eher einer klassischen „Naturilisation“, also eine Angleichung des Neuzugangs an die Zielgesellschaft.

Bis zur Reform im Jahre 2000 galt die ethnische Abstammung als maßgebend für einen Anspruch auf die deutsche Staatsangehörigkeit. Ausgehend von ihrer nach Art. 116 Grundgesetz definierten Volkszugehörigkeit sind seit dem Wendejahr 1990 über 3 Millionen Menschen nach Deutschland eingewandert, die weitaus meisten aus den Ländern der ehemaligen UdSSR (400.000 allein 1990), gefolgt von Polen und Rumänien. Seit 2000 ist die Migration dieser Gruppe beinahe zum Erliegen gekommen.1 Im selben Jahr öffnete sich dank der Reform der rot-grünen Regierung die deutsche Staatsangehörigkeit prinzipiell auch für Angehörige anderer Ethnien. Die daraus entbrannte Debatte um das Wie von Integration und Einwanderung brachte die sprachliche Blüte der „deutschen Leitkultur“ hervor, die es 2007 schließlich in die Grundsatzprogramme von CDU/CSU schaffte. Was nun genau darunter verstanden werden kann, ist bis heute nicht ansatzweise geklärt. Ob Freiheit, Solidarität, Gleichberechtigung, Meinungs- und Redefreiheit und der allgemeine Respekt vor der Würde der_s Anderen zu den genuin „deutschen“ Werten gezählt werden können oder eher Bratwurst, Bier, Fußball und ein sich devot, beinahe sexuell gebarendes Verhältnis zur Macht und den Mächtigen, sei dabei der Entscheidung jeder_s Einzelnen überlassen.

Der diesjährige Vorschlag aus der CSU, Migrant_innen mit dauerhafter Aufenthaltsabsicht sollten nicht nur öffentlich, sondern auch am heimischen Küchentisch deutsch sprechen sowie die 2010 entbrannte Diskussion um eine allgemeinverbindliche Deutschpflicht auf deutschen Schulhöfen erinnern signifikant an Otto von Bismarcks Germanisierungspolitik. Mit ähnlichen Gesetzen versuchte er die polnische und dänische Kultur aus Preußen zu verdrängen und alle Einwohner_innen des Königreiches in eine deutsche Form zu pressen. Kulturalistisches Denken ist also so neu nicht und sitzt immer wieder dieser abartigen, romantisch-gefühlsduseligen Idee des 19. Jahrhunderts auf, Land, Wirtschaft, Kultur, Sprache, Ethnie und Staat seien eine monolithische, natürliche Einheit. Der Idee Geburtsfehler, dass sich Länder, Ökonomien, Kulturen, Sprachen und Ethnien nicht klar voneinander abgrenzen lassen, sondern fließend ineinander übergehen und gegenseitig beeinflussen, hat sich bis heute nicht ausgewachsen. In Zeiten fast unbegrenzter globaler Mobilität und Kommunikationstechnologien, die immer tiefer auch die benachteiligten Regionen unseres Planeten durchdringen, gilt dies nunmehr nicht nur für benachbarte Entitäten, sondern für ein unendlichfädig geknüpftes, dreidimensionales Netzwerk in einem Zustand permanenter Wandlung und Neuerschaffung. Ein Pochen auf den „Nationalstaat“ ist nicht nur bloß reaktionär. Es ist dumm. Nichts spricht gegen die persönliche Pflege einer spezifischen Kultur oder Sprache. Dass sie konstitutiv für ein Staatswesen sind, Rechts- und Verwaltungsräume definieren, bleibt schlicht absurd. Der Versuch, sie Individuen aufzuzwingen: Ausformung faschistoiden Obrigkeitsdenkens. Zumal die ethnische Zugehörigkeit für die eigene Individualität von jeher immer eine untergeordnete Rolle spielte: religiöse und lebensphilosophische Fragen, die Einstellung zum eigenen oder anderen Geschlecht, das Verhältnis zur Familie, zur Heimatstadt, die sexuelle Orientierung, eigene wirtschaftliche Situation und unzählige weitere Faktoren definieren und definierten den oder die Einzelne_n in ihrem und seinem Selbstverständnis immer vorrangig. „Volkszugehörigkeit“ war lediglich der kleinste gemeinsame Nenner, der dem Westfälischen Frieden 1648 als Grundlage einer neuen Ordnung diente für den von Krieg, Terror und daraus folgend Millionen Toten geschundenen Kontinent.

Mit den Jahrhunderten hat dieser nebensächliche, kleinste gemeinsame Nenner das Gottesgnadentum als Legitimation von Staatlichkeit ersetzt. 250 Jahre nachdem Rousseau den Staat als einen „Vertrag zwischen seinen Bürger_innen" definierte, ist es an der Zeit, dass auch Europa und seine deutsche Hegemonialmacht in das Zeitalter der Aufklärung eintreten: Nichts mehr kann der Staat sein, als ein Verwaltungsapparat, der jedem_r Einzelnen ein Leben nach ihren und seinen eigenen Maximen ermöglicht und fördert, so weit, wie es dieses Recht irgendeiner_s anderen nicht verletzt. Nichts mehr kann er verlangen, als dass ein_e jede_r dieses Recht eines_r jeden anderen respektiert. Ein Staat, der grundsätzlich in der Schuld des_r individuellen Menschen steht – nicht umgekehrt. Er hat nicht das Recht, irgendeinem_r vorzuschreiben, wie sie oder er sich selbst sieht – politisch, kulturell, sprachlich oder ethnisch. Man stelle sich die absurde, satirisch überspitzte Situation vor, wenn eine „Syrierin“ in Deutschland zu einer „Deutschen“ umgeformt wird und im Dirndl ihren Bruder besucht, der in Frankreich Zuflucht gefunden hat. Selbstverständlich trinkt er den ganzen Tag Rotwein und spielt Boule. Die Werte eines künftigen Europas können nur universal sein, die Zugehörigkeit nur über sie definiert werden. Das „Europa der Vaterländer“, wie es de Gaulle 1962 forderte, ist gescheitert – weil die „Vaterländer“ gescheitert sind. Europa kann nur ein Modell sein für eine Gesellschaft, die Grenzen nicht mehr kennt, in der die heutigen Nationalstaaten zu lediglich historisch relevanten Regionen herabgesunken sind. Jene Heimatlosen, die zu uns kommen, können keine neue Heimat finden in einer abstrusen Konstruktion namens „Nation“. Sie könnten eine neue Heimat finden in einem von Ort, Kultur und Sprache unabhängigen Wertesystem, das stets von der „Freiheit der und des anderen“ ausgeht und dem Respekt vor ihr. Sie könnten die ersten Europäer_innen sein.

1 http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/56395/aussiedlermigration

22:43 29.10.2015
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Geschrieben von

David Danys

Pfarrers Kind und Müllers Vieh, // Gedeihen selten oder nie.
David Danys

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