David Gutensohn
Ausgabe 2217 | 14.06.2017 | 06:00 1

Das Corbyn-Momentum

Großbritannien Der Wahlkampf von Labour ist nicht mehr aussichtslos. Zuletzt hat die Partei klar aufgeholt

Das Corbyn-Momentum

Angst vor Jeremy Corbyn? Ein direktes TV-Duell lehnte Theresa May jedenfalls ab

Foto: Dan Kitwood/Getty Images

Eine Gruppe junger Briten trägt Plastikstühle über die Straße, ihnen kommen Leute mit Regenschirmen entgegen und eskortieren sie auf dem Weg in die Gemeindekirche von West Kirby, einem Vorort von Liverpool. Es drängt sie nicht wegen eines Gottesdienstes dorthin, vielmehr wird Jeremy Corbyn, der Labour-Spitzenkandidat, erwartet. Er ist es, der Hunderte wie Lydia und George hierherkommen lässt. Lydia ist 24, studiert Mathematik und war bis vor wenigen Monaten weit entfernt von jeder Politik. Doch eine Rede von Corbyn wirkte wie ein Weckruf. „Erstmals hatte ich das Gefühl, dass da jemand ist, der sich wirklich für junge Menschen wie mich interessiert“.

Heute wirbt Lydia an der Universität dafür, dass sich möglichst viele ihrer Kommilitonen für die Wahl registrieren lassen. George hingegen war bereits 20 Jahre Mitglied bei Labour, ehe er der Partei zu Zeiten Tony Blairs den Rücken kehrte. Ein Jahr nach dem Wiedereintritt hat er nun „größere Lust denn je, einen besonderen Wahlkampf zu führen“. Die Wahl des Außenseiters Corbyn zum Parteichef habe ihn wieder politisiert. Deshalb gehe er in das Gemeindehaus, um Wahlkampf direkt mitzuerleben. Organisiert wird der in West Kirby von „Momentum“, einer linken Graswurzelbewegung, die Corbyn gegen den Willen der Parteielite bei zwei parteiinternen Abstimmungen zum Triumph verhalf. Gehört wird auch ein Gast aus den USA – Jeremy Parkin, ein 27-jähriger Wahlkämpfer aus dem Anhang von Bernie Sanders. Er trägt Dreitagebart, ein Jeanshemd und berichtet von Occupy Wall Street und dem Widerstand gegen die Clinton-Machine. „Niemand außerhalb unserer Blase kannte Bernie. Heute ist er in den USA einer der beliebtesten Politiker. Jeremy Corbyn sollte von seinem Aufstieg lernen.“

Noch vor wenigen Wochen hielten die Konservativen in den Umfragen einen Vorsprung von 24 Prozent, während Labour hoffnungslos zurücklag. Unter dem Slogan „Für die vielen, nicht die wenigen“ organisierten die Corbyn-Unterstützer daraufhin in kürzester Zeit eine Kampagne. So auch in West Kirby, wo Haustürwahlkampf nach amerikanischer Art betrieben wird. „Das ist unsere einzige Chance. Die Mainstream-Medien schreiben Corbyn nieder, und ein direktes TV-Duell kam nicht zustande, da May ihren redegewandten Kontrahenten offenbar scheut“, meint Lydia. Drei Stunden lang zieht sie von Tür zu Tür und spricht mit Menschen nach dem Prinzip: Personalisieren, politisieren, vitalisieren.

Wie ein Popstar

Margaret Greenwood, seit zwei Jahren Abgeordnete der Labour Party von West Kirby, kann jede Hilfe gebrauchen. Sie muss sich in einem der umkämpftesten Wahlkreise des Landes behaupten, weshalb auch Jeremy Corbyn noch am gleichen Abend persönlich vor Tausenden Zuhörern auftritt. Der Labour-Chef wird gefeiert wie ein Popstar. Junge Menschen klettern auf Container und Busse, andere besteigen den Balkon des örtlichen Strandlokals, um den 68-Jährigen zu sehen. Stunden später werden Bilder des Meetings die sozialen Netzwerke fluten und verbreiten, was an Forderungen zu hören war: ein Mindestlohn von zehn Pfund, die Abschaffung von Studiengebühren, ein auf 16 Jahre gesenktes Wahlalter. „Momentum“ will den Kontrast zu May. Während die Premierministerin nur auf minutiös geplanten Meetings vor ausgewähltem Publikum spricht, geht Corbyn zu den Menschen. Direkt nach seiner Rede am Strand wird er bei einem Musikfestival vor 20.000 Zuhörern sprechen.

Junge Linke sind das Fundament, auf dem Corbyns Kampagne ebenso fußt wie auf dem Wahlmanifest. Darin wird versprochen, eine Labour-Regierung werde 100.000 neue Gemeindewohnungen bauen, massiv in den Nationalen Gesundheitsdienst NHS investieren, beim Brexit Arbeitnehmerrechte und das Bleiberecht für alle EU-Bürger schützen. Zuletzt konnte Labour den Abstand zu den Konservativen so weit verringern, dass die Partei jetzt auf das beste Wahlergebnis seit 16 Jahren hoffen kann. Dabei spielt ihr der teilweise verunglückte Wahlkampf der Konservativen in die Karten. Schlagzeilen machte das Team um May etwa durch den Vorschlag, kostenlose Schulessen abzuschaffen, ein Referendum über die Legalisierung der Fuchsjagd zu starten und höhere Beiträge für ältere Krankenversicherte einzuführen, wovon sich die Premierministerin schnell wieder verabschiedete.

Schwer umstritten sind die Schlussfolgerungen nach dem Anschlag von Manchester, nach dem Corbyn erklärte, natürlich liege die Schuld für dieses Verbrechen bei den Tätern, doch müsse man bedenken, dass Großbritannien wie andere westliche Staaten in Ländern wie Libyen Krieg geführt habe (dort lebt die Familie des Attentäters Salman Abedi). „Wir müssen mutig genug sein und zugeben, dass der Krieg gegen den Terror nicht funktioniert.“ Letzten Umfragen von Yougov zufolge liegt Labour nur noch fünf Prozent hinter den Konservativen. Lydia und George glauben: „Das Momentum ist auf unserer Seite.“

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 22/17.

Kommentare (1)

Exilant 17.06.2017 | 13:33

Hier sieht man, wie eine klare glaubwürdige Abgrenzung zum Wahlerfolg führen kann. Die Leute haben nämlich die bisherigen Establishment-Politiker satt, weil sie nicht mehr glaubwürdig sind.

Eine kleine Änderung des Bestehenden reicht nicht, um Erfolg zu haben. Um Martin Schulz gab es anfangs einen Hype, weil die Leute etwas anderes wollen - wenn aber das Programm nur geringe Änderungen aussagt, dann klappt dies nicht.

So ist dies auch mit den anderen beiden R2G-Parteien. Warum sollen sie die Leute wählen, wenn doch nichts anderes dabei rauskommt?