Eine Insel, zwei Welten

Flüchtlingslager Lesbos bleibt ein Krisenherd, auch wenn die Aufmerksamkeit schwindet. Ein Bericht über zwei Flüchtlingslager, die unterschiedlicher nicht sein könnten
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Eine Insel, zwei Welten
Auf Lesbos türmen sich die Rettungswesten der Flüchtlinge

Bild: Milos Bicanski/Getty Images

Nur wenige Fahrminuten vom Hafen in Lesbos entfernt befindet sich das berüchtigte Camp Moria. Draußen 38 Grad, drinnen 4000 Menschen auf das engste zusammengepfercht. Keine Privatsphäre, lange Schlangen für zu wenig und zu schlechte Nahrung. Hygenische Zustände und eine mangelnde medizinische Versorgung, die eher an Aleppo als an ein Camp im Herzen Europas erinnern. Die Liste des Grauens ist lang. Nicht umsonst sind schon hunderte der Geflüchteten in den Hungerstreik getreten, während andere versuchten sich das Leben zu nehmen. Statt Anwälten sucht die Menschen in Moria nur Gewalt und Verzweiflung heim. Mag man den Berichten von ehemaligen Angestellten, Geflüchteten und Amnesty International Glauben schenken, stellt der Begriff des Flüchtlingscamps eine reine Beschönigung dar. Moria ist ein Abschiebeknast.

Ein Ort, von dem auch ich mir auf meiner Recherchereise durch Griechenland ein Bild machen will. Doch weit gefehlt. Gleich beim Verlassen des Autos schallt mir ein synchrones "no pictures!" von gleich zwei uniformierten Gestalten entgegen. Noch bevor ich meine erste Frage stelle, kommt ein barsches "no questions!" hinterher. Meine Augen und Worte sind hier nicht erwünscht. Nur wenige Außenstehende haben bisher Zutritt erlangt. Dazu muss man schon über besondere Kontakte verfügen oder sich Papst Franziskus nennen dürfen. Letzterer traf bei seinem kürzlichen Besuch auf ein frisch gestrichenes und aufgeräumtes Camp. Beklagt hat er die "schwere humanitäre Krise" trotzem. Es müsse noch viel getan werden, stellte Franziskus fest.

Sein Anhang, allen voran der Athener Erzbischof, sprach gar von einer "Bankrotterklärung Europas". Gemeinsam mit Bartholomeos, dem griechisch-orthodoxen Patriarchen, hielten die drei alten weisen Männer zum Abschluss einen Gottesdienst am Hafen ab. Möge eine Lösung herbeigefleht werden! Mitgenommen haben die Vertreter von 1,2 Milliarden katholischen Gläubigen ganze 12 Geflüchtete.

Stattdessen stehen diese noch am selben Tag, an dem ich am Camp Moria abgewiesen wurde, protestierend an jener nun one-hit-wonder-mäßig berühmt gewordenen Hafenstraße. Mit einigen der Geflüchteten komme ich ins Gespräch, während sie vor einem Frachter mit der Aufschrift "Border Control" ausgefranzte Kartonreste in die Höhe halten. "We want freedom", "not back to turkey" und "moria kills us" sind nur einige der immer wiederkehrenden Sprechchöre.

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Laut genug, um das gelassene Touristenvolk für einen Moment aus der Ruhe zu bringen. Einige bleiben kurz stehen, können sich gerade dazu durchringen keine Selfies zu schießen und begeben sich in das nächste Fischrestaurant. Wahlweise auch auf die nahgelegende Burg über der Stadt. Die Perversität der Situation ist zum Greifen nahe. Ist es nicht schon absurd genug, dass der Frachter vor dem demonstriert wird, ein hell erleuchtetes Schild mit der Bezeichnung "Protection" durch die Meere fährt? Die Frage, vor wem hier wer beschützt werden soll, bleibt an diesem Abend ohne Antwort stehen.

Am nächsten Morgen fahre ich in die Gegenrichtung, weg von Moria, hin zum Camp der Lesvos Solidarity. Es folgt ein Besuch, der mir zeigen wird, dass es auch anders geht. Menschlich und sozial. Hilfsbereit und aufopfernd. Am Eingang, umgeben von geborgenen Schwimmwesten die "safe passage" fordern, begrüßt mich Lena, eine der helfenden Hände vor Ort. Die Westen wirken auf sie wie ein Mahnmal, dass sie im Alltag ständig an die Wichtigkeit ihrer Arbeit erinnert. Das Lager, wie man schon in den ersten Minuten vor Ort bemerkt, ist in keinster Weise mit den Berichten aus Moria zu vergleichen. Einzig die klassischen UN-Hilfszelte könnten eine Gemeinsamkeit offenbaren. In diesen schläft aber schon lange niemand mehr, berichtet Lena. Viel zu heiß, viel zu stickig, "totally useless" so ihr hartes Urteil.

Stattdessen erleben aus Deutschland gespendete Großzelte Hochkonjunktur. Die würde selbst das verwöhnte deutsche Partyvolk nicht auf dem Festivalgelände zurücklassen. Einige der 92 Geflüchteten im Camp können gar in kleinen Wohnhäusern leben. Sie gleichen dem Komfort von Campingwägen. Nicht optimal, sicherlich kein dauerhaftes Zuhause, aber wohl die bestmögliche Lösung hier. Ohnehin scheint "aus wenig viel gemacht" das Motto des Camps zu sein. Umgebaute Gehwege, damit auch Menschen mit Behinderungen zum Aufenthaltsraum gelangen, und dekorierte Räume und Spielplätze dienen als Beweis. Liebevoll wird vor dem Kochsaal mit den vielen Kindern gespielt, getanzt, gemalt. Stets wird im Camp zusammen gekocht, Schritt für Schritt entstehen Gemeinschaftsgärten und neue Projekte.

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Der im Büro ausghängte Wochenplan ist mit zahlreichen Sprachkursen und Aktivitäten gefüllt. Und das obwohl die Zeiten paradoxerweise stetig schwerer werden. Auf der einen Seite kommen nun statt Tausenden am Tag, nur noch Hunderte die Woche auf der Insel an. Auf der anderen Seite hat diese Entwicklung dazu geführt, dass sich zahlreiche Nichtregierungsorganisationen und internationale Spendengeber zurückgezogen haben, wie mir die Campleiterin berichtet. Auch Freiwillige kommen immer seltener und kürzer. Seit Lesbos nicht mehr die Schlagzeilen Europas bestimmt, hat sich das Interesse verflüchtigt. Da konnte selbst der Papst-Effekt nur wenig bewirken.

Mit gemischten Gefühlen verlasse ich das solidarische Camp und begebe mich zurück in mein sicheres Hotel. Auch ich bin und bleibe nur einer von vielen, die kommen und gehen. Auf den letzten Schritten des Verlassens fällt mir dabei eine der vielen bemalten Wände in den Blick. Nach kurzem Zögern wird mir bewusst, dass es sich um eine gezeichnete Weltkarte handelt. Gelb auf Blau, in stechendem Orange umrundet. Eine Karte ohne Grenzen, mitten in einer Welt, die Zäune immer höher werden lässt.

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23:48 17.08.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

David Gutensohn

Schreibt über Sozialpolitik, Gesundheit und Bildung. Hat Sozialwissenschaften studiert und wird an der Deutschen Journalistenschule ausgebildet.
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David Gutensohn

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