Mundtotes Istanbul

Erdogan Die türkische Demokratie zerfällt. Vor kurzem hielt ich jenes Szenario für eine Dystopie, jetzt musste ich es am eigenen Leib erfahren. Mein Urlaub im Ausnahmezustand
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Mundtotes Istanbul
Allgegenwärtig: Recep Tayyip Erdoğan

Bild: OZAN KOSE/AFP/Getty Images

Viel hatte ich gelesen über den Putschversuch, den Coup nach dem Coup und den andauernden Ausnahmezustand. Gebannt hatte ich sie verfolgt, die Nacht des Militäraufstandes, die Besetzungen der Fernsehsender und Belagerungen der Brücken über dem Bosporus. Richtig greifbar wurden mir die vielen Geschehnisse jedoch nicht. Dies sollte sich schlagartig ändern. Vier Wochen nachdem das Parlament in Ankara angegriffen wurde und Militärjets im Tiefflug über das Land zogen, stattete ich der Türkei einen Besuch ab. Schon lange vor der Nacht des 15. Juli war der Stopp am Bosporus als Ausklang meiner Recherchereise zur "Flüchtlingskrise" geplant. Ihn abzusagen kam mir nicht einen Moment in den Sinn. Es war die gelebte Jetzt-Erst-Recht-Mentalität gepaart mit einer Prise Neugierde, die mich packte.

Angekommen in Cesme, Izmir und auch in Istanbul erlebte ich wenig, dass mich an die Nacht vor vier Wochen und die darauffolgenden Taten erinnerte. Die wenigen vorhandenen Reisenden schlenderten durch die Straßen, die Basare waren prall gefüllt, die Muezzine riefen beinahe stündlich zum Gebet. Einzig die schiere Masse an Polizeipräsenz und Nationalflaggen im Stadtbild irritierte. An praktisch jeder Straßenseite konne ich abwechselnd Porträts von Atatürk und Erdogan betrachten, aus nicht wenigen Gassen schallte "Şarkı Recep Tayyip", der mit Kultstatus versehene Wahlkampfsong des Präsidenten, hervor. Doch so richtig packten mich diese Erfahrungen nicht, schließlich hatte ich schon ähnlich brisante Zeiten in Israel und Afrika verbracht. Abbau der Demokratie? Errichtung einer Diktatur? Der viel beschworene Erdoganismus? Zu spüren ware er nicht. Noch nicht.

Es war ein Sonntagmittag, ein grauer Himmel durchzogen von einigen Wolken, überraschend niedrige Temperaturen. Ins Schwitzen sollte ich trotzdem geraten. Ich hatte ich mich in den europäischen Teil der Metropole begeben. Mit dem sogenannten Tünel, Europas ältester Standseilbahn, ließ ich mich durch die Höhlen der Berge nach Galatasaray hochziehen. Im Viertel Beyoğlu angekommen, konnte erstmals das moderne und offene Istanbul erleben. Graffitis, westliche Werbung, gefärbte Haare statt Niqab und sogar Plakate der Oppositionspartei CHP, die ihr 10-Punkte-Manifest für die Wochen nach dem Putschversuch abbildeten. Nicht weniger als den Erhalt der Republik und den Schutz der Pressefreiheit fordern sie darin.

Wenige Gehminuten später überquerte ich den Taksim-Platz, der schon so viele bittere Geschichten schrieb. Hinein in den Gezi-Park, der noch vor drei Jahren Ort der hoffnunggebenden Proteste war – und wohl bald zu einem Post-Putsch-Opfer Erdogans werden wird.

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So beeindruckend die Orte für mich waren, so sehr sollten sie doch nur der Zeitüberbrückung dienen. Denn mein eigentliches Ziel an diesem Sonntag war eine kurdische Gedenkdemonstration. Am Tag zuvor hatte ein Attentäter einen schrecklichen Anschlag im Südosten des Landes verübt. Mit einer in einem Kinderwagen versteckten Bombe sprengte er eine kurdische Hochzeitsgesellschaft in die Luft. Es sollte der schönste Tag ihres Lebens werden, er endete im Albtraum. Braut, Bräutigam und 49 andere Menschen starben, hunderte wurden verletzt, Daesh (man sollte sie nicht Islamischer Staat nennen) triumphierte. Unmittelbar nach dem Angriff waren soziale Medien wie Facebook, Twitter und Youtube für sechs Stunden blockiert. Ganze Accounts, meist kurdische, enthielten noch am Tag darauf "gesperrte Inhalte" oder waren gänzlich geblockt. Vorgänge, die ich noch kurz zuvor nur aus Berichten kannte.

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Mitten in Istanbul, am Galatasaray-Platz, der sich etwa in der Mitte zwischen Tünel und Taksim befindet, sollte die Kundgebung abgehalten werden. Angekommen erlebte ich en massives Polizeiaufgebot. Erste Polizeikräfte riegelten die Straße ab, andere trugen ihre Maschinengewehre herum, ein Großtransport mit weiteren Einsatzkräften kam die beliebte Einkaufsmeile Richtung Absperrung entlang. Spontan entschied ich mich ein paar Eindrücke per Video zu sammeln, ehe sich folgende Szene abspielt.

Am Straßenrand stehend drücke ich den Aufnahmeschalter meines Smartphones. Keine zehn Sekunden später stürmen vier wandschrankgroße Männer auf mich zu. Die Aufnahme läuft weiter. Keine der noch unklaren Gestalten trägt Uniform, so viel erkenne ich sofort. Ich beginne zu laufen, ehe mich von rechts eine der starken Hände zu fassen bekommt. Sie zieht mich, drückt mich gegen die nächstgelegene Wand einer Bank. Die Männer behaupten Polizisten zu sein. Einer von ihnen versucht mir das Handy zu entreißen, ehe er bemerkt, dass das rote Lämpchen noch immer blinkt. Ich solle sofort stoppen, löschen und mich wegbegeben, so die Forderung der agressiven Gruppe. Ich weigere mich, diskutiere, lamentiere und bringe sie dazu mir ihre Ausweise zu zeigen. Erst als sie drohen mich mitzunehmen und meinen Personalausweis nicht mehr herauszurücken gebe ich nach und lösche den zu Beginn wohl harmlosesten Videoschnipsel, den ich je auf einer Demonstration aufgezeichnet hatte.

Eingebetteter MedieninhaltSo belanglos die Situation im Vergleich zu den vielen Repressionen der letzten Wochen wirkt, so sehr hat sie mir geholfen ein Gefühl für das zu entwickeln, was hier tausende vor und seit dem Putschversuch erleben. Wie in Trance nehme ich die nächste Straßenbahn, fahre vorbei an der Universität und so vielen betroffenen Einrichtungen. Erst jetzt beginne ich zu verstehen in welch brenzliger Lage dieses Land heute ist.

Ein Staat, in dem kürzlich über 130.000 Staatsbedienstete wegen angeblicher Verbindungen zur Gülenbewegung suspendiert wurden, während es zu 35.000 Festnahmen kam. Eine Regierung, die einen Krieg gegen Kurden und Andersdenkende führt und jeden der zahlreichen Anschläge für ihren Machtkampf missbraucht. Eine angebliche Demokratie, in der bisher 3 Nachrichtenagenturen, 16 Fernsehsender, 23 Radiosender und 45 Zeitungen verboten wurden. Ganz zu schweigen von den mehr als 1000 Schulen, Universitäten, Stiftungen und Gewerkschaften, die ihre Tore schließen mussten.

Selbst bei der Fluggesellschaft, mit der ich kurze Zeit später nach Belgrad fliegen werde, wurden Menschen entlassen, festgenommen, inhaftiert. Im Gegenzug kamen 34.000 verurteilte Straftäter auf freien Fuß, benötigt man doch jetzt Platz für die vermeintlichen Staatsfeinde. Hätten alle diese Menschen am Putschversuch mitgewirkt, er wäre ein voller Erfolg geworden. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, was mit den tausenden stummgeschalteten Journalist*innen, entmachteten Richter*innen und Lehrkräften geschiet. Amnesty International berichtete bereits über Folter, während die Regierung damit liebäugelt die Todesstrafe wieder in Kraft zu setzen.

An jeder Straßenecke, in jedem Gang zur Metro, hängen sie, die plakatierten Köpfe, die ich noch bis vor kurzem kaum wahrgenommen hatte. Es sind die Gesichter all derer, die am 15. Juli für die Demokratie auf die Straße gingen und ihr Leben verloren. Wohlmöglich werden einige von ihnen im Kampf für die Demokratie gestorben sein, aber einer Diktatur den Weg bereitet haben.

18:57 08.09.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

David Gutensohn

Wurde an der Deutschen Journalistenschule ausgebildet und war freier Autor u.a. für Der Freitag. Heute arbeitet er als Redakteur bei ZEIT ONLINE
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