Wie ein Staat seine Obdachlosigkeit bekämpft

Utah Noch 2015 wird der US-Bundesstaat seinen letzten chronischen Fall von Obdachlosigkeit beenden. Die Housing-First-Strategy macht es möglich
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Wie ein Staat seine Obdachlosigkeit bekämpft
Foto: Spencer Platt/AFP/Getty Images

Wer kennt es nicht, dieses mulmige Gefühl wenn man am Bahnsteig auf den verspäteten Zug wartet und beobachtet wie ein anderer Mensch in Mülleimern wühlt. Oder das schlechte Gewissen das bleibt, nachdem man in der Fußgängerzone wort-und blicklos an einer bettelnden jungen Frau mit vollen Tüten vorbeigeshoppt ist. Obdachlosigkeit, das macht der Alltag einem jeden von uns immer wieder bewusst, ist die erniedrigenste Form von Armut - und sie wird ein immer größer werdendes Problem.

Studien und Berechnungen zufolge sind knapp 300.000 Deutsche wohnunglos, 24.000 von ihnen gar dauerhaft obdachlos – Tendenz steigend. Die Prognosen machen es deutlich: Es muss etwas geschehen. Doch wie bekämpft man Obdachlosigkeit? Ein Blick über den Atlantik kann da hilfreich sein. Denn dort, im kleinen US-Bundesstaat Utah, schaffte es eine hartnäckige und überraschenderweise republikanische Initiative die chronische Obdachlosigkeit um 78 % zu senken. Noch 2015 wird in Salt Lake City und Umgebung der letzte Dauer-Obdachlose ein eigenes Dach über dem Kopf haben.

But how did they do it?

Jene Frage stellte kürzlich ein Reporter der Daily Show, dem amerikanischen Pendant zur Heute Show, an Lloyd Pendleton, den Leiter des Projektes. Seine einfache Antwort: "We did it by giving homes to homeless people."

Denn ausgerechnet in Salt Lake City, einer traditionellen Hochburg der Republikanischen Partei, hatte man das Problem der steigenden Obdachlosigkeit erkannt. Bereits zwei Jahre bevor die Finanzkrise hunderttausende Amerikaner ihr Zuhause kostete, entwickelte der kleine Staat die Housing-First-Strategy. Mithilfe dieses Programmes sollten entgegen vieler bisherigen Versuche rund um den Globus Obdachlose mit Wohnungen versorgt werden - und zwar bedingungslos. Kein Entzug, kein Einkommen und auch keine Eigeninitiative sollte Voraussetzung sein. Mensch sein reicht völlig aus. Kann so etwas funktionieren? Sicher waren sich Pendleton und seine Leute anfangs nicht. Trotzdem starteten sie 2005 einen Anlauf, fingen mit 17 chronischen Fällen von Obdachlosen an und ernteten 22 Monate später, was sie säten: Kein einziger der Unterstützten landete wieder auf der Straße. Die meisten fanden Arbeit, einige gar in ihr altes Leben zurück.

Sounds good, but how much is it?

"Schön und gut, nur wer soll das bezahlen?" Es gab wohl keinen Spruch, den die engagierten Helfer häufiger hören mussten. Ihre stets einfache Antwort: Niemand. Denn Bedingung für die Einführung einer Homeless-Task-Force war es von Beginn an, das keine Mehrkosten entstehen. In den Jahren zuvor hatten die Beteiligten deshalb genau berechnet, welche Kosten der Staat pro Obdachlosen zu tragen hatte. Im Ergebniss stellten sie fest, dass die Gelder für Polizei- und Noteinsätze, Gefängniszeiten und Gesundheitskosten für den Durchschnitts-Obdachlosen jährlich mehr als 20.000 Dollar betragen. Die heutige Unterbringung in einem Klein-Appartement kostet den Staat laut Pendleton hingegen nur 10.000 bis 12.000 Dollar - inklusive der Beschäftigung von Sozialarbeitern.

Man mag es kaum glauben, aber auch durch diesen finanziellen Anreiz sind aus den anfangs 17 Menschen mittlerweile tausende geworden. Noch in diesem Jahr wird der letzte chronische Obdachlose eine neue Chance erhalten.

Das muss kein Patentrezept sein, oft ist gerade der fehlende Wohnraum die Ursache. Eine Lösung für alle kann es nicht geben, handelt es sich doch um individuelle Schicksale. Auch gibt es Menschen, die aus freien Stücken auf der Straße leben und dies als Auslebung ihrer Freiheit sehen.

Und doch lässt sich etwas aus dieser Initiative lernen. Bedingungslose Unterstützung ist der wohl vielversprechenste Ansatz, um gestürzten Menschen wieder auf die Beine zu helfen. Manchmal entfalten eben doch die einfachsten Antworten die größte Wirkung.

12:40 02.02.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

David Gutensohn

Freier Journalist. Schreibt über Politik, soziale Bewegungen und Menschen, die etwas bewirken.
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David Gutensohn

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