Aus den Augen, aus dem Sinn

Endlager im Meer Früher wurde Atommüll im Ärmelkanal verklappt. Heute wird er über Rohre in den Atlantik gepumpt. Das gefährdet auch unsere Gesundheit, sagt Filmautor Manfred Ladwig
Aus den Augen, aus dem Sinn
Mehr als 200.000 Fässer mit radioaktiven Abfällen wurden vor Europas Küsten im Meer versenkt. Aus Kostengründen verwendete man billigste Behälter
Foto: SWR

Schwarze Fässer hängen zusammengebunden wie eine Traube am Schiffskran. Im Vordergrund gischtschäumender Ozean, im Hintergrund der Horizont. Die Traube löst sich und die Fässer fallen ins Meer, jedes Mal schießen Wasserfontänen in die Höhe. Der Inhalt der Fässer: radioaktive Abfälle aus Forschung, Medizin und Reaktoren.

Die Bilder dieser im Jahr 1982 von Greenpeace gefilmten Verklappungen von Atommüll gingen um die Welt. In Ermangelung eines Endlagers wurde der Abfall in der Tiefe der Meere versenkt. Das war gängige Praxis in den 1950er, 60er, 70er und 80er Jahren.

Spätestens seit Ende der 1970er Jahre, mit der Erschließung des Salzstocks in Gorleben, begann in Deutschland das Ringen um eine gesellschaftlich wie ökologisch tragbare Lösung. Inzwischen haben sich hochrangige Politiker aus Union, SPD, FDP und Grünen zu einem Kompromiss zusammengefunden. Das Ergebnis: Eine Enquete-Kommission diskutiert bis Ende 2015 Grundsatzfragen zum Thema Lagerung radioaktiver Abfälle. In der Vergangenheit wurde nicht viel geredet und radioaktiver Abfall einfach versenkt – in der Tiefsee, vor den Küsten Europas, im Ärmelkanal, insgesamt mehr als 100.000 Tonnen.

Nun hat ein Kamerateam des SWR im Ärmelkanal die „Endlager“ unter Wasser aufgespürt. In 124 Metern Tiefe liegen dort noch 28.000 teils intakte, teils ausgelaufene Fässer. Versenkt & Vergessen lautet der Titel der am Dienstag auf Arte gezeigten Dokumentation über unser strahlendes Erbe am Boden der Meere.

 

Der Freitag: Herr Ladwig, Sie sind einer der Autoren der Dokumentation „Versenkt & Vergessen“, die zeigt, dass Atommüll in den Weltmeeren versenkt wurde. Ist das nicht Schnee von gestern?

Manfred Ladwig: Es wird nach wie vor Atommüll ins Meer gekippt. Zwar gibt es ein Moratorium von 1993, nach dem das Verklappen von Atommüllfässern im Meer weltweit geächtet wurde, aber die Atommüllindustrie hat sich einen Trick ausgedacht. Es gibt zwei Entsorgungsrohre vor Europas Küsten. Eines vor La Hague in Frankreich, und eines vor Sellafield in die Irische See. Beide sind circa drei bis vier Kilometer lang. Dort wird der gleiche Müll, der früher noch spektakulär unter Widerstand von Greenpeace ins Meer gekippt wurde, ohne die unangenehmen Begleiterscheinungen von Demonstrationen unter Wasser ins Meer gepumpt. Tagtäglich sind das Millionen von Litern.

Ist dieser Abfall, der über die Rohre ins Meer gelangt, genauso strahlend wie jener, der noch vor 30 Jahren über Bord geworfen wurde?

In der Summe ja. Zwar sagen die Betreiber, dass die Mengen der freigesetzten Strahlung und Giftigkeit des verflüssigten Atommülls weit unter den Grenzwerten liegen und viel niedriger sind als noch in den 1990er Jahren, doch aus wissenschaftlicher Sicht ist dies überhaupt nicht das  entscheidende Argument. Wir haben es hier nämlich unter anderem mit Plutonium zu tun, das eine Halbwertszeit von 24000 Jahren besitzt, das heißt wir haben es mit einem Problem zu tun, welches wir als Menschen überhaupt nicht beherrschen. Außerdem besteht das Phänomen der Akkumulation. Früher gingen Wissenschaftler von dem Grundsatz „verdünnen und verteilen“ aus, und dass sich damit das Problem erledigt. Inzwischen weiß man, dass die radioaktiven Stoffe sich in der Nahrungskette anreichern. In unserem Film zeigen wir, dass die Internationale Atomenergiebehörde IAEA das Plutonium in der Nahrungskette nachweisen kann. Es handelt sich hier um einen unbekannten und sich fortschreibenden Umweltskandal.

Was sind die Folgen?

Das Problem für den Menschen ist mehrschichtig. Im Meer akkumulieren sich die Gifte. Über die Jahrzehnte, in denen der Müll ins Meer gepumpt wurde, hat man festgestellt, dass der Wind kleinste radioaktive Partikel zurück an Land treibt. Statistiken zufolge erkranken um La Hague und Sellafield mehr Kinder an Leukämie als im nationalen Durchschnitt. Tote Kinder. Das ist das erste Problem. Das zweite ist ein Umweltproblem: Französische Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass sich, selbst wenn Wasser und Sediment frei von Giften sind, die Radioaktivität in Meereslebewesen anreichert. Insofern geht uns die Entsorgung im Meer sehr wohl etwas an. Aber das Problem der Vermeidung von Strahlungseintrag in die Ozeane ist immer auch ein Problem der Kosten – für die Industrie.

Wann wird uns, als Spitze der Nahrungskette, die
Radioaktivität erreichen?

Es ist nicht so, dass wir tot umfallen. Nach Quellen aus Insiderkreisen gibt es sogenannte statistische Tote, die in Kauf genommen werden. In Großbritannien sind das vier pro 100.000 Einwohner. Die Atomindustrie nimmt diese statistischen Toten in Kauf, da die Verringerung der ins Meer gepumpten Mengen unverhältnismäßig viel Geld kosten würde.

Diese Aufrechnung muss nicht sein. Japan und die USA verbieten generell den Eintrag von Atommüll ins Meer. Franzosen und Engländer sind praktisch die Atommüllverwalter Europas, insofern spielt es für Deutschland auch eine Rolle, denn unsere Castoren sind auch nach La Hague gerollt. Die Abfallprodukte aus den Wiederaufbereitungsanlagen wandern dann ins Meer. Es ist also auch unser Abfallrohr, welches in La Hague den Müll ins Meer pumpt. Deutsche Behörden verweisen in dieser Problematik auf Frankreich und England. Dort jedoch stoßen wir auf ein Netzwerk aus Lobbyismus und Interessenskonflikten von Behördenvertretern und Wissenschaftlern, die jahrzehntelang für die Atomindustrie gearbeitet haben. 

Welches Ziel verfolgen Sie mit der Dokumentation?

Ich bin Umweltredakteur, das ist mein Beruf. Informationen müssen belegt und belastbar sein. Ich bin kein Aktivist, der mit dieser Message auf die Straße geht und das Banner hebt. Meine ureigene und originäre Aufgabe ist es, gerade als öffentlich-rechtlicher Fernsehredakteur, aus Menschen aufgeklärte Bürger zu machen, die informiert sind, und damit zu eigenständigen politischen Urteilen in der Lage sind. Bürger, die zu entscheiden vermögen, ob wir die statistischen Toten für billigen Atomstrom in Kauf nehmen wollen. Das ist mein Antrieb – ganz nüchtern.

Was hat sie während Recherche und Dreharbeiten besonders
überrascht?

Die perfekte Vernetzung von Wissenschaft, Atomindustrie und Behörden in England und Frankreich. Es wurde ein perfekter Wall der Herunterspielung von Gefahren aufgebaut, damit diese beiden Rohre weiter Atommüll ins Meer pumpen können.

In einer Reaktion des Bundesumweltministeriums wurde bereits die Prüfung einer Hebung des Mülls angekündigt. Halten Sie es für wahrscheinlich, dass es dazu kommt?

Nein. Wir zeigen in der Dokumentation, dass die Karten, auf denen verzeichnet werden sollte, wo der Müll versenkt wurde, nicht stimmen. Man weiß ja noch nicht einmal genau, wo was und wieviel davon liegt.

Woran liegt das?

In den 1960er und 70er Jahren haben die Briten an ihrer Atombombe gebaut. Dabei ging das Gerücht um, dass sie damals auch hochradioaktiven Atommüll ins Meer geworfen haben. Es ging ihnen um die Bombe, Umweltschutz hat in dieser Zeit kaum eine Rolle gespielt. Im Film haben wir den ehemaligen britischen Umweltminister Michael Meacher interviewt. Er berichtet von einer Art Verschwörung zwischen Militär und Regierung, die überhaupt kein Interesse hatte, herauszufinden, was alles verklappt wurde. In Großbritannien haben wir mit einem Wissenschaftler gesprochen, der sagt, dass das Militär selbstverständlich hochradioaktiven Müll verklappt habe. Das steht in keiner Karte. Man muss sich die Situation vor Augen führen. Es handelt sich um strahlenden Müll auf einem Schiff. Die Matrosen, deren Aufgabe es war, die Fässer ins Meer zu werfen, saßen auf einer Art tickenden Bombe. Der Kapitän wusste, dass er nur eine begrenzte Zeit mit diesem Strahlenmüll fahren kann, ohne das Leben seiner Mannschaft zu gefährden. Verfährt er sich oder verzögert sich die Fahrt durch schlechtes Wetter, wurde der Müll bei Ablauf dieser Zeit einfach über Bord geworfen. Auf den Karten ist vermerkt „Lage unbekannt“ und „Strahlungsmenge unbekannt“.

Nach Aussage der IAEA gibt es kein Problem und die hat schließlich die Überwachung und Dokumentation zur Aufgabe. Erfüllt sie diese?

Eingeschränkt. Zumindest ist das unser Recherchebild. Die IAEA ist der verlängerte Arm der Atomindustrie. Ihre Kernaufgabe ist die Förderung der Atomenergie. Damit hat man in gewisser Weise den Bock zum Gärtner gemacht und natürlich auch nur ein eingeschränktes Interesse, ständig irgendwelche Leichen aus dem Keller zu holen. Aus einem Papier der IAEA, wonach Plutonium in der Nahrungskette angekommen ist, wird eben keine Pressemeldung.

Was denken Sie, wie wird ihre Dokumentation aufgenommen?

Wir haben bereits eine Art Welle der Medienberichterstattung
erzeugt, auch in Großbritannien und Frankreich. Vor allem die BBC-Kanäle der Kanalinseln hatten ein reges Interesse. Aber ob das am Ende dazu führt, dass diese Rohre verschlossen werden, ist nicht gesagt. Die Nomenklatura der Atomindustrie und aller Bereiche, die damit zusammenhängen, ist extrem abgeklärt was negative Publicity angeht. Die sitzen das aus.

Herr Ladwig, vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Nach Angaben des SWR will nun das Bundesumweltministerium in „einer genauen Nutzen-Risiko-Abwägung“ untersuchen lassen, ob eine Bergung von Atommüll aus dem Ärmelkanal sinnvoll ist. „Für uns ist entscheidend, ob es einen potenziellen Nutzen gibt, was die Hebung der Fässer angeht, und ob dieser potenzielle Nutzen wesentlich größer als der Aufwand ist und ob vor allen Dingen (...) die Gefahr einer Kontamination durch teilintakte Fässer oder Fässer besteht, die bei der Bergung beschädigt werden können,“ antwortet Staatssekretärin Ursula Heinen Esser vom Bundesumweltministerium auf eine mündliche Anfrage von der Grünen-Politikerin Sylvia Kotting-Uhl. Deutschland habe bei der OSPAR, der internationalen Regierungsorganisation zum Schutz des Nordostatlantiks, einen Bericht über die Versenkung von Atommüll im Meer angefordert. Dieser Bericht wird für Anfang 2014 erwartet.

Die Dokumentation „Versenkt und Vergessen – Atommüll vor Europas Küsten“ wird am Dienstag, den 23. April, um 20:15 Uhr auf Arte ausgestrahlt

11:03 23.04.2013
Geschrieben von

David Kappenberg

Freier Journalist auf Hospitanz.
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