David Kappenberg
15.05.2013 | 01:00 10

Gegner der Tafel-Runde

Armut Immer mehr Menschen leben von Essensspenden. Dagegen regt sich nun Widerstand. Warum aber sind die Tafeln so erfolgreich? Es liegt an der Wegwerfgesellschaft

Sie findet mutige Worte, die Berliner Diakonie-Direktorin. „Es wird immer nur gejubelt, dass es die Tafeln gibt“, sagt Susanne Kahl-Passoth. „Dabei entlassen sie den Staat aus seiner sozialen Verantwortung.“ Ihr Diakonie-Landesverband ist Mitglied des „kritischen Aktionsbündnisses 20 Jahre Tafeln“.

Rund 20 Gruppen fordern eine Debatte über die kostenlose Ausgabe von Essen, das zuvor meist in Supermärkten übrig geblieben ist. Müsste sich nicht stattdessen der Staat um die soziale Mindestsicherung kümmern? Dass die Diakonie beim kritischen Aktionsbündnis ist, erstaunt – schließlich betreibt der Bundesverband selbst zahlreiche Ausgabestellen. Kahl-Passoth meint: „Die Tafeln decken nur ein Problem zu.“

"Negativwahn ist unendlich stark"

Die Tafel-Befürworter behaupten das genaue Gegenteil: „Ohne die Tafeln gäbe es auch keine Armutsdiskussion“, sagt etwa die Gründerin der Berliner Tafel, Sabine Werth. „Die Wartenden erregen die Aufmerksamkeit der Medien. Damit wird die Politik zur Diskussion gezwungen.“ Werth selbst war dennoch bis vor Kurzem Mitglied des kritischen Aktionsbündnisses. Dann ist sie ausgetreten, „weil der Negativwahn dort unendlich stark ist“, wie sie sagt. „Ich hatte gehofft, dass wir die Notwendigkeit der Existenz der Tafeln kritisieren, nicht die Tafeln selbst.“

Die Diskussion über die Sinnhaftigkeit karitativer Tätigkeiten ist nicht neu. Ist das eine Privatisierung staatlicher Aufgaben? Bei den Tafeln wird die Diskussion jedoch besonders heftig geführt. Schließlich geht es um das Essen, eines der grundlegendsten Bedürfnisse.

Die Tafeln sind gleichzeitig aber auch sehr erfolgreich: Vor 20 Jahren eröffnete in Berlin die erste derartige Einrichtung, seitdem sind mehr als 900 weitere aus dem Boden geschossen.

Unternehmen polieren ihr Image

Ein Grund: Die Tafeln sind ein Symptom der Wegwerfgesellschaft, und sie profitieren von ihr. Unternehmen spenden bereitwillig. Im Kleide sozialer Verantwortung polieren sie ihr Image auf. Nebenbei sparen sie auch noch die Kosten für die Müllentsorgung. Buchautor Stefan Selke spricht bereits von einer Armutsökonomie. Verschiedene Anbieter konkurrieren auf dem Feld der Hilfe. Die tatsächliche Überwindung von Armut tritt in den Hintergrund.

Warum aber sind viele Unternehmen gegen das sogenannte Containern, bei dem Menschen die noch genießbaren Essensreste aus dem Müll fischen? Die Antwort liegt nahe: Die Unternehmen gefallen sich in ihrer Rolle als Spender. Containern ist zudem eine politische Bewegung, die das Wegwerfen von Lebensmitteln skandalisiert und das Verhalten der Unternehmen in Frage stellt.

Und bei den Tafeln? „Viele Tafel-Helfer sind sehr unpolitisch“, sagt die Berliner Diakonie-Direktorin Kahl-Passoth. Sie selber war schon immer politisch. Wäre das Containern nicht das perfekte Hobby für sie? Die 64-Jährige winkt ab. „Für das Containern bin ich zu alt. Und zu unsportlich!“

Kommentare (10)

Hans Springstein 15.05.2013 | 10:32

Der gesellschaftlichje Zustand, dass die Tafeln notwendig geworden sind, also im wahrsten Sinne, um Not abzuwenden, der muss zu allererst kritisiert werden, nicht die Arbeit der Tafeln. Nicht diese entlassen den Staat aus seiner sozialen Aufgabe (siehe Art. 20 GG - "Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat."), sondern der Staat als handelndes Subjekt in der jeweiligen politischen und rechtlichen Gestalt entzieht sich dieser Verantwortung. Wenn dieser politisch gewollte und gesteuerte Prozess des Sozialabbaus seit den 80ern, spätestens seit dem 9.11.1989, gestoppt und umgekehrt werden konnte, dürfen die Tafeln auch aufgefordert werden, ihre Arbeit einzustellen.

Wer da welche Verantwortung hat, zeigt sich auch daran, dass ausgerechnet die Bundesrepublik beim Europäischen Gerichtshof gegen das EU-Programm für Lebensmittelhilfen für Arme, das seit 1987 existiert, geklagt hat. "Die Argumentation der Bundesrepublik: Die Hilfe wird aus dem Agrar-Haushalt bezahlt, obwohl die Lebensmittel inzwischen nicht mehr aus überschüssigen Agrarbeständen kommen. Sie falle somit vielmehr in den Bereich der Sozialpolitik und diese sei allein Aufgabe der nationalen Regierungen." (Quelle) Da wird rein formaljuristisch korrekt asozial argumentiert. Absurd auch: In der Bundesrepublik kamen bisher die EU-Hilfen gar nicht zum Einsatz. "Nicht zuletzt spielt bei der ablehnenden Haltung Deutschlands wohl auch eine Rolle, dass die Bundesrepublik nicht von den Hilfen profitiert."

Und so müssen Helfende wie die Tafeln weiter über Spenden ihre Arbeit und Leistungen finanzieren und absichern. Die Bundesregierung, die laut ihrer Argumentation gegen die EU-Lebensmittelhilfen für Sozialpolitik in der Bundesrepublik zuständig ist, entzieht sich dabei immer weiter genau dieser Aufgabe. Das ist das Problem.

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Ehemaliger Nutzer 15.05.2013 | 11:41

Die wirklichen Gründe für das Entstehen der Lebensmittelalmosen genannten "Tafeln" werden nicht mal Ansatzweise herausgearbeitet, ihre Erfinder und ideologischen Förderer nicht genannt.

Wenn die Tafeln bereits vor 20 Jahren entstanden, muss man sich fragen, was waren damals die Ursachen?

Man käme unter Umständen auf das Schwarzbuch Kohl - Wie man einen Staat ruiniert. Dann müsste man weitersuchen, um den Wirkungen der Drehungen der Gesellschaft durch Spin-Doktoren von McKinsey nachzuprüfen. Immerhin haben sie es geschafft, dass man sich an Armut als normalem Zustand und Denkfigur in Deutschland gewöhnt, dass man Armut also wieder als Gottgegeben hinnimmt.

Das war eine wichtige Voraussetzung für die dann folgende Erzwingung von Niedrigst- und Hungerlöhen mittels des Workfare-Regimes der Hartz I-IV-Gesetzes, die die Menschen mittels Züchtigung, Zurichtung und Zwangsverwertung zu den neuen hörigen, unterwürfigen und bettelnden Untertanen machten. Und die dann auch bei den Tafeln landen.

Der Professor für Soziologie Stefan Selke hat etwas zur Haltung der Tafelbetreiber herausgearbeitet, die sich ganz wie in feudalen Zeiten als großzügige Spender fühlen dürfen, und als kleine Herrschaften.

Der angebliche Grund, dass die Tafeln ein Anzeichen für die sogenannte Wegwerfgesellschaft wären, verdunkelt und verdeckt nicht nur die vorgenannten rabiaten und gewaltsamen gesellschaftlichen Umwälzungen, er führt auch in die Irre. Und lenkt ab von brachialen Preistreibereien bei den Grundnahrunsmitteln, die zeitgleich mit der Einführung des Euros stattfanden. Heute fällt es vielen Leuten gar nicht mehr auf, dass die Preise, nicht wie man erwarten könnte, allmählich um 1-5-10% pro Jahr angehoben werden, sondern über Nacht bei allen Lebensmitteldiscountern gleichzeitig Sprünge von 20-30-40-50% stattfinden. Ein Volkswirt würde dann nämlich von beschleunigter oder galoppierender Inflation sprechen, rechnete man nicht mittels des statistischen Warenkorbs die exorbitanten Preierhöhungen bei Grundnahrungsmitteln künstlich klein. Lebensmittel werden übrigens auch gezielt vernichtet, damit die Preise hochgehalten werden können.

Die von Lohnkürzungen, Niedrigst- und Hungerlöhnen betroffenen und die in die neue Sozialhilfe getriebenen Menschen treffen aber diese drastischen Preiserhöungen unvermittel hart.

Und die Anzahl der Tafeln nahm beständig und mit steigender Geschwindigkeit mit der Regierung Schröder zu. Seit 1998.

Das alles zusammengenommen böte einen Erklärungsansatz.

ch.paffen 15.05.2013 | 13:14

danke für den beitrag und die kommentare * mit interesse gelesen *

mein fazit: warum nicht den politprofis (die ausgestalter des sozialstaates) mal erst die butter und dann das brot klauen?

ich kann nach erklärungsansätzen fanden, das ändert aber leider nichts an der situation * der ansatz lebensmittelbanken, scheint mir nur eine andere "krücke/tafel" für ein mehr suboptimales ordnungspolitsches system auf eu ebene zu sein * umfairteilen ist nicht der optimale (meine meinung) ansatz * der empörung ist genug "gehuldigt" * zur annährung an eine emanzipatorische, respektvolle und wertschätzende lösung, die den art. 20 gg erfüllt und zu einer transnationalen lösung der existenssicherung führt ist doch mal eine echte herausforderung * stéphane hessel hat dazu in seinem buch „an die empörten dieser erde! untertitel vom protest zum handel“ feine bedenkenswerte ansätze aufgeschrieben * 2013 ist btw da können wir uns die freiheit nehmen die politprofis flott zu machen @ agendasetting von wählern für eine steile politik, bekloppt ja und ….. * feinen resttag noch cp

surferks 15.05.2013 | 15:15

Das wird auch langsam Zeit, das sich dagen Widerstand erhebt. Es kann nicht sein, das die Tafeln das Ausgleichen sollen, was die Arbeitgeber nicht bezahlen. Wenn die Abhängig Beschäftigten vernünftige Stundenlöhne haben und die Rente nicht ab 2020 abgesenkt wird, braucht kein Mensch die Tafeln. http://www.ardmediathek.de/das-erste/reportage-dokumentation/hungerlohn-am-fliessband-wie-tarife-ausgehebelt-werden?documentId=14580414

Helmut Eckert 23.05.2013 | 13:59

Einst saßen sie in den Sälen der Burgen und Schlösser. Es waren die Reichen, die Adeligen, die Herrscher, an den üppig beladenen Tafeln. Das Volk bezahlte den Luxus der Wenigen mit ihrer Armut. Ich schrieb hier einst! Dabei müsste es längst wieder "jetzt" heißen! Jetzt bezahlen viele Menschen mit ihrer Armut, ihrem Niedriglohn, ihrer Arbeitslosigkeit, ihrer Krankheit, ihrem Gebrechen, den unermesslichen Reichtum einiger weniger Menschen in der Welt! Eine Familie Quandt, deren Vorfahren im III. Reich Zwangsarbeiter für sich arbeiten ließen, wird in Deutschland von vielen Politikern als Vorbild betrachtet.

Reichtum und Besitz auf Kosten der Mehrheit ist die Geisel dieser Welt. Ohne Skrupel wird er Arme zum Komplizen dieser Geldgeier. Der Hartz IV Empfänger erhält das Billighemd, die Jeans für ein paar Euro. Produziert in den ärmsten Ländern der Welt. Von Menschen die noch viel ärmer und rechtloser sind, wie hier die Käufer dieser Billigware.

Zwei Mal pro Woche darf der Arbeitslose hier im Lande die Tafel besuchen. In einer Plastiktüte, die er schamhaft öffnet, füllen ihm die dortigen Mitarbeiter Lebensmittel ein, welche der Reiche, als Abfall von seiner üppigen Tafel geworfen hat. Die Helfer der Armentafel sind meist selbst arme Schlucker. Als 1 Euro Jobber füllen sie sich ihr monatliches Armengeld auf. Nicht üppig, wie es die deutschen Abgeordneten des Bundestages dürfen. Nur ein kleines Zubrot darf es für die Menschen, am Rande der reichen Gesellschaft sein.

Wobei mir bewusst ist, die Reichen und Wohlhabenden sind die Menschen am Rande dieser Gesellschaft. Sie heben längst die Mitte verlassen. Gehören nicht mehr zur Mehrheit. Machten sich bewusst zur elitären Minderheit am Rande lebend. Ich kenne Hartz IV Empfänger, die seit ihrem Absturz zum äußersten Rande, noch weit außerhalb des Randes der Reichen, im Prinzip längst im Abgrund, hinter dem besagten Rande vegetierend, seit vielen Jahren kein Theater von Innen sahen! Noch schlimmer, aus Scham und Wut, selbst den Spaziergang, am Theatergebäude meiden.

Für sie gibt es, als kulturelle Abfallkost die privaten Fernsehsender. Hier speist man sie ab, mit von Werbung finanzierten Mist! So bekommen sie kostenlose „Kultur und Nahrung“! In Timmendorf sieht der Besucher in den Morgenstunden die Reichen. Er erkennt sie an ihren Gefährt. Wie einst bei den Fürsten. Da waren es die Kutschen. Heute nennen sie sich MZB; BMW, Porsche; Ferrari. Damit fahren jetzt ihre Besitzer zum nahen Bäcker, um ein paar Brötchen zu kaufen. Diese Backware würde ihnen auch deren Bedienstete holen. Lieber fahren sie selbst mit 90 km vor den Laden. Sie wollen ihren Reichtum zeigen. Das ist Teil ihrer Lebensart.

Der Hartz IV Empfänger benutz t sein Fahrrad. Fährt zum Supermarkt und kauft dort die Billigbackware. In beiden Geschäften erhält die dortige Angestellte einen Lohn von etwa 4 bis 6 Euro! Sie wendet sich daher an das Jobcenter und stockt auf! Dann kann sie, eben diese Bäckereifachkraft, zur Tafel eilen, um dort die Brötchen zu bekommen, die sie, am Tage vorher, nicht verkauft hat. So schließt sich der Kreis. Der Reiche betrügt den Staat. Der brave Steuerzahler bezahlt, von seinem niedrigen Einkommen üppige Steuern. Selbst der Harzt IV Empfänger gibt von seinen 380 Euro monatlich noch 30 bis 40 Euro an Mehrwertsteuer dem Staat zurück. Der Reiche nutzt seine Tafel des Steuerbetrugs, der Steuerminderung, der Steuertrickserei, um seinen Reichtum auf Kosten der Allgemeinheit zu mehren. Ein Beckenbauer machte sich ab, um Steuern zu sparen. Der Hartz IV Empfänger bleibt, um seine Almosen von der Tafel zu empfangen. Ein Bayernboss zockte in der Schweiz. Mit unversteuerten Millionen. Ein Unternehmer wird mit dem Verkauf von Milchprodukten in Deutschland stinkreich! Er verschwindet in die Schweiz. Natürlich um Steuern zu sparen. Der Empfänger einer Grundsicherung muss seine Wohnung verlassen. Sie ist zu teuer für den Staat geworden. 50 Euro über dem bewilligten Satz. Jetzt darf er in einem Altbau leben. Die Toilette ist im Hausgang. 6 Familien benutzen sie.

Bitte bedenken Sie, lieber Leser, einen großen Anteil dieser Tafelgesellschaft hat uns die SPD geschenkt. Die feiert jetzt ihren 150 ten Geburtstag. An den vielen Tafeln feiern jetzt alle Tafelfreunde mit. An den Tafeln der Reichen ganz sicher! An den Tafeln der Armen? Da habe ich erhebliche Bedenken!

Margrit 23.05.2013 | 15:35

Aqua-Jedi

volle Zustimmung.

"Dabei entlassen sie den Staat aus seiner sozialen Verantwortung.“

Das sage ich schon seit Jahren. Ebenso verhält es sich ja z. B. mit der Arche.

Die Arbeit die Pfarrer Siggelko da leistet, wäre Aufgabe des Staates.

Und nun bitte ich die Nazikeule mal stecken zu lassen:

Fakt ist aber, dass unser Staat zum Sozialamt der Welt geworden ist, nichts dagegen unternimmt, seit ein paar Jahren halb Europa rettet und somit an die 90% des Steuergeldes den Deutschen entzogen werden. Für die eigene Bevölkerung ist nichts mehr da.

Wir sind das einzige Land was Zuwanderung finanziert.

Nichts gegen Zuwanderer, aber sie müssen uns nützen und sie müssen sich in die Gesellschaft einfügen. Bei uns ist es umgekehrt.

Also wie gesagt, ich bin nicht rechts, aber das kann so nicht so weitergehen

Denn das birgt enormen Sprengstoff und kan eines Tages eskalieren, was wir alle ja wohl nicht wollen

Dass es in einem im Grunde genomemn reichen Land wi Deutshland, Tafeln gibt, ist ein Armutszeugnis.

Das gab es zuletzt in der Weimarer Republik, dass die Menschen aus Suppenküchen notdürftig versorgt wurden