"Das Patriarchat war zumindest pragmatisch"

Indonesien Die Schließung von Südostasiens zweitgrößtem Rotlichtviertel "Dolly" schadet dem Kampf gegen Aids und gefährdet Prostituierte
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"Das Patriarchat war zumindest pragmatisch"
Indonesische Sexarbeiterinnen und Personal in einem geschlossenen Bordell des Rotlichtviertels "Dolly" in Surabaya, Indonesien

Foto: ROMEO GACAD/AFP/Getty Images

Susi schleppt einen Sack voller Steine über die Baustelle. Ihr Rücken schmerzt. »Mein ganzer Körper ist wund«, sagt die 34-jährige Indonesierin und greift nach dem nächsten Sack. Vor wenigen Wochen waren die anderen Bauarbeiter noch ihre Kunden. Doch dann schloss die Bürgermeisterin von Surabaya »Dolly«, das zweitgrößte Rotlichtviertel Südostasiens.

Als Prostituierte verdiente Susi bis zu 12 Millionen Rupien (ca. 850 Euro) im Monat, jetzt auf der Baustelle sind es nur noch 400.000 Rupien. Trotzdem möchte sie nach der Schließung von Dolly nicht weiter als Sexarbeiterin arbeiten. Sie hat vor allem Angst, Preise und Kondompflicht durchzusetzen. »Im Bordell konnte ich im Notfall das Sicherheitspersonal rufen«, sagt sie. Als einfache Straßenprostituierte wäre sie dagegen auf sich allein gestellt. »Die Risiken sind mir zu hoch.«

Prostitution findet jetzt versteckt statt

Viele von den knapp 2.000 Frauen und Männern, die zuvor in Bordellen und Clubs in Indonesiens zweitgrößter Stadt arbeiteten, versuchen hingegen weiterhin, als Prostituierte ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Einige von ihnen sind nach Bali und Jakarta aufgebrochen, doch die Polizei hat bereits mehrere Busse angehalten und sie wieder zurückgeschickt. Andere wiederum sind inzwischen auf Surabayas Straßenstrich zu finden oder bieten in Bars und Cafés ihre Dienste an. Und viele Hotelbesitzer fragen mittlerweile Frauen, die sie zufällig auf der Straße sehen, ob sie nicht als Gelegenheitsprostituierte arbeiten möchten. Insgesamt sind von der Schließung des Rotlichtviertels in der Drei-Millionenstadt fast 15.000 Menschen betroffen.

Sozialarbeiter kritisieren diese Entwicklung scharf. »Wenn Sie mich heute fragen, wo Prostitution in Surabaya stattfindet, muss ich antworten: überall«, sagt etwa Ida, die in einer Aids-Beratungsstelle arbeitet. Während in Bordellen dafür gesorgt wurde, dass Kondome benutzt werden, ist das auf dem Straßenstrich meist deutlich seltener der Fall. Zudem seien Gelegenheitsprostituierte weniger geschult, wenn es um sexuell übertragbare Krankheiten wie HIV gehe, wie ein Sprecher der Bordell-Betreiber Surabayas sagt.

Übergriffe auf Prostituierte auf der Straße

Tatsächlich benutzen knapp 50 Prozent der professionellen Sexarbeiter in Indonesien stets Kondome, während es bei Gelegenheitsprostituierten nur 35 Prozent sind, wie eine staatliche Studie aus dem Jahr 2011 ergab. Und nur etwa jede vierte Frau, die außerhalb eines Bordells arbeitet, hatte danach Kontakt zu Sozialarbeitern, die über HIV und Aids aufklären.

Neben den gesundheitlichen Risiken setzen sich viele Prostituierte auf der Straße auch Polizeiwillkür aus. Zwar ist Prostitution in Indonesien nicht verboten, doch gerade außerhalb von Bordellen gibt es häufig Übergriffe von Polizisten, die Frauen wegen Nichtigkeiten verhaften. Auch Sozialarbeiter, die Kondome verteilen, sind von diesen Repressionen auf der Straße betroffen. Und vielen konservativen Politikern ist das Sex-Geschäft im größten muslimischen Land der Welt sowieso ein Dorn im Auge.

Die indonesische Regierung hingegen propagiert seit fast 30 Jahren die Verwendung von Kondomen für Prostituierte. In den Bordellen werden die Sexarbeiter staatlich registriert und überwacht. Zudem wurden im Dolly-Bezirk auch Aids-Tests durchgeführt. »Viele Bordellbetreiber stellen nur Frauen ein, die sich regelmäßig testen lassen«, sagt Susi. Einmal pro Monat seien die Beamten des Gesundheitsministeriums gekommen und hätten die Tests durchgeführt.

UN: Zwang schadet Aids-Prävention

Zwar kritisieren die Vereinten Nationen in ihrem UNAIDS-Bericht, dass Zwang durch staatliche Stellen und Bordell-Betreiber bei der Bekämpfung der Verbreitung von Aids kontraproduktiv sein kann, doch die indonesische Regierung verteidigt ihr Vorgehen. »Der Zwang der Bordell-Betreiber zur Nutzung von Kondomen und der Durchführung von Aids-Tests mag zwar Ausdruck des Patriarchats sein«, sagt etwa Wiwek Afifa von der Kommission gegen Gewalt gegen Frauen. »Aber es ist zumindest ein pragmatischer Ansatz, der funktioniert.«

Und Surabayas Sozialarbeiterin Ida fügt hinzu: »Wir konnten in den Rotlichtbezirken der Stadt den Prostituierten helfen, da die Programme speziell auf diese Orte ausgelegt waren.« Durch die Schließung von Dolly bestehe jetzt die Gefahr, dass die HIV-Infektionsrate steige, während sie zuvor gesunken sei. Die Vereinten Nationen hingegen wollen jetzt verstärkt darauf hinwirken, dass in Indonesien alle Prostituierten Hilfe und eine entsprechende Gesundheitsvorsorge erhalten können. Unabhängig davon, wo sie arbeiten.

Surabaya ist mit etwa drei Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt Indonesiens und liegt im Osten auf der Insel Java. Das Rotlichtviertel "Dolly" befindet sich rund um die "Gang Dolly" (Dolly-Gasse) in der Altstadt. Seit fast 50 Jahren gibt es hier Bordelle und Prostitution. Bereits im Jahr 2013 wurden nach heftigen Debatten zwei andere Rotlichtviertel in Surabaya geschlossen. Im Juni 2014 schließlich folgte dann die Schließung von Dolly. Die davon betroffenen Prostituierten erhielten von der Kommune eine Entschädigung in Höhe fünf Millionen Rupien (ca. 300 Euro).

Mehr Informationen zu Prostitution und Aids in Asien gibt es im UNAIDS-Bericht 2013.

00:41 01.12.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

David Scheibler

Freier Journalist. Berichte, Reportagen und Porträts aus Südostasien, Australien und Neuseeland.
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