Jünger sind sie ­süßer

Harry Potter Der letzte "Harry Potter"-Film kommt halbiert ins Kino. Das Kind ist begeistert. Der Vater langweilt sich. Und fragt sich, ob alles wieder von vorne losgehen soll

Mit dem Kind im Kino gewesen. Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, Teil 1 gesehen. Sehr gelangweilt. Das Kind gibt zu: „Ja, Papa, der Film war langatmig. Aber dadurch konnte ich ihn noch mehr und noch länger genießen.“ Das Kind erkennt da Dinge, von denen sein Vater keine Ahnung hat. Ich habe nicht jeden Band drei Mal gelesen und jeden Vorgängerfilm fünf Mal gesehen. Ich weiß nur, wie der Junge mit der Brille, sein Freund und das Mädchen heißen.

Was maße ich mir also an, über dieses Weltkunstwerk, die erfolgreichste Filmreihe des Planeten zu urteilen? Wo ich bloß die Anfänge einiger Folgen auf DVD mitgeschaut habe, dann meist einschlief oder hinausgeschickt wurde, weil das Kind das Filmkunsterlebnis für sich alleine haben wollte. Was mir nur recht war. Diesmal aber musste ich mit ins Kino, weil die siebte Lieferung der Saga erst ab zwölf Jahren freigegeben ist und deshalb Elternteilbegleitung erfordert. Und das Elternteil langweilt sich. Weil die drei Hauptdarsteller die meiste Zeit hölzern herumstehen und Text aufsagen. Weil jede Szene so lange dauert, dass ich auf die Uhr schauen möchte. Schlimmer, denke ich, war eigentlich nur Wilde Kerle IV, der Film, in dem die Ochsenknecht-Söhne auf Motorrädern Fußball spielen.

Ein Problem des Films: Ihm fehlt ein Ort. Er spielt im dramaturgischen Nirgendwo. Die anderen Teile hatten diese Schule, erzählten Internatsgeschichten. Nun aber sind die Zauber-Teenager auf Camping-Urlaub in hübscher, leerer Landschaft und besprechen Probleme. „Ach, Papa, sei still,“ höre ich das Kind, „du hast doch keine Ahnung.“ Stimmt. Aber warum müssen die Jungerwachsenen soviel reden und so bedeutsam tun? Und – was wie eine Übersprungshandlung wirkt –, mit Zauberstäbchen herumfuchteln? Der Film langweilt sich schließlich selbst so sehr, dass er die drei Hauptdarsteller für 15 Minuten in die Körper von Erwachsenen schlüpfen lässt. Es macht die Sache kaum interessanter.

Harry Potter ist eine Bank

Kinogänger, die den Schatten junger Mädchenblüte suchen, können Hermine (Emma Watson) bewundern, die ­leider nur einen Gesichtsausdruck beherrscht. Weiblichen Kontrollbesessenen gefällt Ron (Rupert Grint), der rothaarige Begleiter. Nur die Brillenschlange Potter (Daniel Radcliffe) mag keiner mehr, selbst das Kind meint, er sehe nicht gut aus. Ist es da überhaupt nötig, dass er, angeblich zu seinem Schutz, gegen Ende des Films eine Fratze angehext bekommt?

Einen schönen Moment will ich nicht unterschlagen: Es gibt einen Film im Film, eine Zeichentrick-Episode, die von drei Brüdern erzählt, welche den Tod überlisten. Dieser Kurzfilm ist ein kleines Meisterwerk, füllt aber gerade vier von 146 Minuten, aus denen sonst nur der herrlich böse Darth-Vader-Verschnitt heraussticht. Ich möchte nicht erforschen müssen, wo Film und Buch sich diese Schwert-und-Schurken-Mythologie zusammengeklaut haben.

Ein Harry Potter ist eine Bank. Harry Potter ist ein Goldesel. Am Eröffnungswochenende hat dieser Film (geschätzte Produktionskosten 250 Millionen Dollar) allein in den USA mehr als 125 Millionen Dollar eingespielt. Man hört die Industrie schon weinen, dass es der vorletzte Teil war. Was nun? Vielleicht wieder von vorne anfangen? Neuverfilmung ab erster Teil, mit neuen Kinderdarstellern? Jünger sind sie süßer. Und oft viel bessere Schauspieler.

David Wagner schrieb im Freitag zuletzt über Fernsehen im Krankenhaus

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