1. Geht es auch ohne Erziehung?

Pädagogik Die Frage nach den 3 W´s: Wieso, Weshalb, Warum?
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In einer demokratischen Gegenwart, zu konstatieren für die westlichen Industriestaaten Europas und Nordamerikas, bleibt die Frage nach der Notwendigkeit eines Modus, der Herrschaft, Unterdrückung und Integration beinhaltet, zu beantworten. In den restriktiven Zeiten, in denen Erziehung ihre Bedeutung gewann, waren Partizipation und gesellschaftliche Teilhabe, kurz um demokratische Strukturen, de facto nicht vorhanden. Damit lassen sich schnell undemokratische Strukturen auf die Erziehung beziehen und Demokratie als Antithese zum Erziehungsbegriff konzipieren. Trotz dieser Tatsachen lässt sich die kulturelle Erscheinung Erziehung nicht abstreiten, sie existiert im zivilisierten Raum Gesellschaft (vgl. Brezinka 1995, S. 19 f.). Obwohl damit schon festgestellt ist, dass es ohne Erziehung nicht geht, bzw. Erziehung Fundament dessen ist, was als Gegenwart bezeichnet werden kann, bleibt eine Frage bestehen, die Frage nach der Dosis von Erziehung. Im 19. Jahrhundert, in der aufkommenden reformpädagogischen Phase, entstand durch A.S. Neill 1921 die Summerhill School als demokratisches Pedant zu den Paukschulen des 19.- 20. Jahrhunderts. Ist die Rousseau‘sche Summerhill School die unbeschwerte, freie und lustige Entdeckung des Selbst, also die Rettung des deutschen Schulsystems, das trotz Reformen immer noch nicht den reaktionären Staub der Vergangenheit abschütteln kann? Herbart sah einen solchen Erziehungsstils kritisch, denn das Verhältnis von "Erwachsenen als Trägerin der Erziehung" (Litt 1965, S. 19) zum Zögling ist immer von einem disharmonischen Erfahrungswissen geprägt, das aus dem Vorsprung der ontogenetischen Entwicklung resultiert (vgl. Herbart 1963, S. 7 f.). Nicht zu erziehen, bedeutet damit, den Zögling Erfahrungen und Erkenntnisse zur Bewältigung von Herausforderungen vorzuenthalten. Dies impliziert jedoch trotz aller demokratischen Eigenart einer Summerhill School, eine undemokratische Methode der Erfahrungs- und Erkenntnisgeheimnisse, welche der Zögling entdeckt oder nicht. Jegliche Form der Hilfe vom Erzieher in einer selbstregulativen Erziehung, wie sie mit Formen dieser Erziehung in Verbindung gebracht werden, wird zur symbolischen Karikatur dessen, was wirklich heißen würde, zu helfen. Und das wäre Erziehung in ihrem herkömmlichen Sinne. Eine weitere Problematik der freien Erziehung ist, dass künstlich ein Gleichberechtigungsgebilde zwischen Zögling und Erzieher erstellt wird, welches tatsächlich nicht vorhanden ist, anstatt diese Differenz produktiv zu nutzen.

Bezogen auf die Mikroebene d.h. dem Verhältnis von Erzieher und Zögling, besitzen die Formen der radikaldemokratischen Erziehung, bei denen das Verhältnis gleichgesetzt wird, wie beschrieben, Defizite, aber auch auf der gesellschaftlichen Ebene können diese Versuche die Erziehung selbstregulativ zu verwenden, sozusagen Verwender bezogen, kritisch betrachtet werden. Heydorn analysierte das Handeln in der Erziehung und kombinierte es trotz aller Unabhängigkeit, dass der Erziehung zugesprochen werden muss, mit geschichtlichen, gesellschaftlichen, geistigen und ökonomischen Bedingungen (vgl. Heydorn 1980, S. 65). Aus diesen Bedingungen heraus bilden alle Arten von Schulen, die eine Gegengesellschaft bilden, im Sinne einer Lebensgemeinschaft, eine Privation zur gesellschaftlichen Realität:

„An die Stelle des Lebens wurde die Fiktion des Lebens gesetzt, an die Stelle der harten, nüchternen und unerbittlichen industriellen Existenz ihre romantische Negation, an die Stelle der Konfrontierung mit der Realität ein neuer Mythos, an die Stelle des Wachseins der Traum“ (ebd., S. 69).

Diese "Fiktion des Lebens" (ebd.) ist der Erziehung nicht eigen, da sich erzieherisches Handeln auf die Wirklichkeit der Gegebenheiten bezieht. Aber auch um einen Durchblick zu bewahren, in einer Welt, die durch Rationalisierung geprägt ist, in Folge der technisch- industriellen Veränderungen der letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte, in denen eine Vielzahl von bekannten und unbekannten Einflüsse die Subjektentwicklung des Kindes stark beeinflussen, reicht eine selbstregulative Erziehung bzw. ein „instinktives erzieherisches Handeln“ (ebd., S. 67) nicht mehr aus (vgl. ebd., S. 66 f.).

Die Rettung des deutschen Schulsystems muss auf sich warten, denn das von A.S. Neill entwickelte Schulkonzept und das Prinzip der freien Erziehung ist keine praktikable Alternative, im besondere Maße nicht in Hinblick auf die gemeinschaftlichen und ökonomischen Herausforderungen der Zukunft. Erziehung ist notwendig und muss weiter gehen als antiautoritäre Erziehungskonzepte, wie sie beispielsweise an der Summerhill School praktiziert werden. Sie enthalten tendenziell aber wichtige Momente, die in der Erziehungsarbeit aufgegriffen werden können und so die Arbeit des Erziehers variationsintensiver gestalten. Außerdem erweitern sie die Perspektive der Erziehung, von der allein gesellschaftlichen Notwendigkeit der Fortexistenz der Gattung Mensch, zu einer Qualität der Erziehung hin, die sowohl die gesellschaftliche als auch das Kind selbst und die Entwicklung des Kindes ins Zentrum des Erziehungsgeschehen rücken

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18:48 03.10.2014
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Geschrieben von

David Marxis

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