"Die größte Nation der Weltgeschichte"

USA Der aussichtsreichste Kandidat der Republikaner ist eine Farce. Rubio führt eine Schwarz-Weiß-Kampagne, die auf viel Nationalstolz und übergroße Zukunftsvisionen setzt
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"Die größte Nation der Weltgeschichte"
Marco Rubio

Bild: Aaron P. Bernstein/Getty Images

6. Februar 2016, New Hampshire. Es ist die achte TV-Debatte der Republikaner im Wahlkampf um die Präsidentschaftskandidatur. Sieben Pulte sind im Halbkreis arrangiert, dahinter sieben Gladiatoren in feinen Anzügen, bereit, mit Worten zu fechten. Die Rede geht an Marco Rubio.

"Barack Obama zeigt systematische Bemühungen, Amerika so wie den Rest der Welt zu machen", legt Rubio los. "Wenn ich Präsident werde, werde ich dafür sorgen, dass alle Dinge wieder eingesetzt werden, die Amerika zur größten Nation der Welt machen und dass unsere Kinder das bekommen, was sie verdienen: The greatest nation in the history of the world. Die größte Nation in der Geschichte der Erde." Großer Pathos, lauter Beifall aus dem Publikum.

Wenige Minuten später, erneut Rubio. "Obama will die USA wie den Rest der Welt machen, aber wir wollen nicht so sein wie der Rest der Welt. Wenn ich zum Präsidenten gewählt werde, wird dies wieder die größte Nation der Weltgeschichte." Stirnrunzeln. Als der 44-Jährige erneut mit den gleichen Worten ansetzt, beginnt das Publikum zu buhen. Chris Christie spöttelt: "Da ist sie wieder, die auswendig gelernte 25-Sekunden-Rede."

Dieser Mann gilt als aussichtsreichster Kandidat der Republikaner, von den rivalisierten Parteikollegen wird er als hochtalentiert und fähig beschrieben. Er soll gegen Hillary Clinton oder Bernie Sanders antreten. Dabei ist besonders sein außenpolitisches Wahlprogramm in etwa so versiert wie die zitierte 25-Sekunden-Ansprache.

Are you ready for a New American Century?

Rubios Biographie: An American Man. Rubios Schlagwörter: Renewed American Values. New American Security. New American Education. New American Jobs. New American Leadership. Rubios Slogan: Are you ready for a New American Century? Es wird deutlich: Rubio glaubt an die Potenz seiner Nation. "Die Welt ist ein besserer Ort wenn Amerika das erste Land in der Welt ist", erklärte er Fox News. "Deswegen müssen wir unsere Militärausgaben erhöhen und den Geheimdienst ausbauen." Zack, so einfach geht das. Simplifizierung par excellence.

Rubios außenpolitische Ansichten sind nicht minder primitiv. Seine Welt ist wie ein Schachbrett: schwarz und weiß. Zum guten Team, zum Team America also, zählen die NATO-Staaten und Israel. Zum bösen Team zählen Iran, China, Nordkorea, Russland und Kuba. Leider ist Rubios Schachspiel nicht so komplex wie seine 25-Sekunden-Rede, denn er kennt nur zwei Spielzüge: "Wir werden eine Außenpolitik haben, die klar macht, dass wir zu unseren Alliierten gut sind und dass sie sich auf uns verlassen können. Aber unsere Gegner werden es nicht wagen, uns zu testen, weil sie wissen, dass wenn sie es wagen, sie nicht bestehen können." Kuba soll wieder isoliert, das Atom-Abkommen mit dem Iran für nichtig erklärt werden. Nordkorea und Russland werden mit "vernichtenden neuen Sanktionen bestraft", der Machtkampf mit China durch "erneuerte amerikanische Kraft" gewonnen. Das Militär ist der Heilige Gral, es dient als allmächtiges Druckmittel.

Kampf der Gesellschaften

Immerhin positioniert sich Rubio klar und deutlich zu den amerikanischen Werten. Im Gegensatz dazu steht der radikale Islam, die "Quelle aller Grausamkeiten" in Nahost. "Sie hassen uns nicht wegen unserer Militärpräsenz. Sie hassen uns, weil unsere Frauen Auto fahren, weil wir Redefreiheit haben, weil wir eine tolerante Gesellschaft sind. Das ist ein Kampf der Gesellschaften. Entweder sie gewinnen oder wir gewinnen." Wahre Worte, die Rubio - Überraschung - militärisch untermauert. Die "volle Bandbreite an Macht" soll aufgebaut werden, um gleichzeitig in Europa, Asien und der Levante für Sicherheit sorgen zu können. Freiheit für die Welt, aber bitte unter der schützenden Hand von Uncle Sam.

Der pausbäckige Sohn kubanischer Einwanderer wuchs in armen Verhältnissen auf. Die Mutter war Haushälterin, der Vater Barkeeper. Rubio musste einen langen Weg gehen, um dort hinzukommen, wo er heute ist. Eine Version des amerikanischen Traums, die bei den Wählern gut ankommt. "Vor allem sah er, wie harte Arbeit seine Familie veränderte und er wusste, dass in Amerika alles möglich ist." Ein Satz, wie aus einem Märchenbuch, zu finden in der Kurzbiographie auf der Wahlkampf-Website von Marco Rubio.

Der Senator glaubt an den "American Dream" und an Chancengleichheit - solange man stolzer Besitzer des amerikanischen Passes ist. Einwanderer aus Syrien lehnt er kategorisch ab, die Grenze zu Mexiko soll mit Investitionen in Milliardenhöhe gesichert werden. Die wichtigsten innenpolitischen Anliegen sind eine deutliche Senkung des Spitzensteuersatzes, ObamaCare soll rückgängig gemacht werden. Klimawandel spielt keine Rolle. Rubio will Waffenrechte lockern, Abtreibungen selbst nach Vergewaltigung verbieten.

In der öffentlichen Debatte galt Rubio bisher als moderat. Im Vergleich zu seinen Konkurrenten Trump und Cruz ist dieses Attribut gerechtfertigt. Moderat bedeutet auch gemäßigt, es bedeutet, Mittelwege zu kennen und verhältnismäßig zu urteilen. Rubio ist nicht moderat. Man könnte auch sagen, er hat klare Ansichten. Er glaubt an Vaterlandsgefühle, an die Macht des Militärs, an die amerikanische Vormachtstellung, kurz: an die größte Nation der Weltgeschichte.

Are you ready for a New American Century?

23:41 17.02.2016
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Geschrieben von

David Wünschel

Auf meinem Blog Fernweh nach Welt schreibe ich übers Reisen, hier über alles andere. Follow me @fernwehnachwelt.
David Wünschel

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