Wir könnten Avantgarde sein

Essay Für das Patchwork-Judentum von heute braucht man neue politische, religiöse und kulturelle Ausdrucksmittel. Ein Entwurf für die Zukunft

Jahrzehntelang befanden sich die Jüdinnen und Juden hier inmitten eines großen Minenfelds. Eigentlich war das bis gestern noch so: „Keine Normalität im Land des Holocaust“, „unmögliche Heimat“ oder „fragile Normalität“ sind schnell zusammengesuchte Slogans und Buchtitel der vergangenen 50 Jahre. Sie zeigen, nichts ist im deutsch-jüdischen Nebeneinander nach dem Holocaust normal. Wenn man dazu noch einige Stereotype der Deutschen stellt, wird die Paradoxie noch eindeutiger: „Judenknacks“, „die Unfähigkeit zu trauern“ oder „Holocaustkeule“. Einem Gast aus der Fremde würde all das als klares Indiz für die Notwendigkeit einer Gruppentherapie vorkommen, eine riesige gesamtdeutsche Familienaufstellung.

In diesem Sommer kam es nun, während des Gaza-Kriegs, zu einer akuten Verschlechterung des Gesundheitszustands.Eine gewöhnliche Therapie scheint nach den jüngsten antisemitischen Ausschreitungen und einer mächtigen Verunsicherung der jüdischen Gemeinschaft kaum noch auszureichen. Müssen jetzt beide, Juden und Deutsche, doch wieder getrennt als gemeinsam auf die Couch? Also alles wie gehabt? Hoffentlich nicht!

Eine jüdische Gemeinschaft hätte es hier nach dem Holocaust nicht geben dürfen. Rund 300.000 deutsche Juden wurden deportiert und getötet; über fünf Millionen Juden vor allem im östlichen Europa umgebracht. Dennoch: Deutschland hat am Ende des 20. Jahrhunderts die in Europa am stärksten wachsende jüdische Gemeinschaft. Zu den hier lebenden 25.000 bis 28.000 sind von 1990 bis 2005 noch einmal circa 250.000 Jüdinnen und Juden und ihre (oft nichtjüdischen) Familien aus dem untergegangenen Sowjetreich dazugekommen. Sie machen heute zwischen 85 und 100 Prozent der Gemeinden aus und werden vom Zentralrat der Juden in Deutschland repräsentiert. Ein Zentralrat, der 1950 gegründet wurde und in dessen führenden Gremien Juden aus der ehemaligen UdSSR noch immer kaum vertreten sind.

How could they?

„How could they?“, diese Frage hat der US-amerikanische Historiker Zvi Gitelman im Rahmen einer Ausstellung in Frankfurt über diese „russisch“-jüdische Einwanderung nach Deutschland gestellt. Und diese Frage steht weiterhin im Zentrum: Wie konnten wir Sowjetbürger, auch ich bin einer von ihnen, nach all dem ins Land der Täter kommen? Warum nicht Israel oder die USA? Im Gegenteil: 2002 zogen zum ersten Mal rund 1.000 Juden mehr nach Deutschland als nach Israel. Und etwa 20.000 Israelis leben heute in Berlin.

Das geschah freilich nicht ohne die Dramatik einer Zäsur: „Mit der Zuwanderung der Juden aus der vormaligen Sowjetunion ist die Geschichte der bundesrepublikanischen Juden an ihr Ende gelangt“, sagte der Historiker Dan Diner einmal. Das war im europäischen Zusammenhang wichtig. Die weltweite Abgrenzung der Juden „zu allem, was mit Deutschland zu tun hatte“ erfuhr durch diese Einwanderung eine Entwicklung, deren Ergebnis noch nicht abzusehen ist. Die aber – so viel ist klar – die bisherige jüdische Weltwahrnehmung nach der Shoa massiv in Frage stellte.

Man nannte uns allgemein und sicher auch ein wenig abschätzig „die Russen“ – im Nachhinein ist das auch angesichts des aktuellen Konflikts zwischen Russland und der Ukraine unvorstellbar. Als wir in den 90er Jahren mit dem jüdischen Ticket als sogenannte Kontingentflüchtlinge, einem Status, der zunächst für die vietnamesischen Boat People gedacht war, hier landeten, wusste der deutsche Staat nicht richtig, wohin mit uns. Die Deutschen wussten direkt nach der Wiedervereinigung vor allem nicht richtig, wohin mit sich selbst. Aber auch umgekehrt galt: Ein Nachdenken über die Möglich- oder Unmöglichkeit eines Lebens als Juden in Deutschland war für uns nicht von allergrößter Relevanz. Die Eingewanderten hatten zu Hause die Endstation des Zumutbaren bereits gesehen und nahmen die Schwierigkeiten des Lebens hier eher als harmlos wahr.

Dort, wo wir herkamen, gab es buchstäblich nicht viel zu essen (deswegen ist es nicht klug, wegen der nicht sonderlich liebevollen Bezeichnung dieser Einwanderung als „Wurst-Emigration“ beleidigt zu sein). Die Gefahren waren nicht psychologischer, nicht mentaler, sondern ganz konkreter, nämlich krimineller oder bürgerkriegsartiger Natur. Wachsender Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit, neue Nationalismen in den ex-sowjetischen Republiken, die die komplette vorherige Geschichte umzudefinieren versuchten. Wie immer, es schien nicht mehr weiterzugehen. Auch wenn das mit der heutigen Situation in der Ostukraine natürlich nicht vergleichbar ist.

„Wisst ihr, wie unmöglich und strange dieses Post-Nazi-Deutschland ist“, sagten uns die alteingesessenen Juden zur Begrüßung. Sie meinten die psychologische Unmöglichkeit, die Straßen, Restaurants und Büros mit den Nachfolgern der Täter zu teilen oder sie als Nachbarn zu haben. Wir aber lachten nur. „Seid ihr überhaupt Juden?“, fragten sie uns und meinten die nahezu vollständige Abwesenheit eines traditionellen religiösen Backgrounds in den Lebensläufen und Köpfen. „Lasst uns mit euren Komplexen und eurem religiösen Zeug in euren verschlossenen Gemeinden in Ruhe“, schienen wir zu antworten, ohne das freilich zu sagen. Die Werte, die Erwartungen und die Ängste der alten und uns neuen deutschen Juden waren und sind noch immer sehr unterschiedlicher Natur. Keine der beiden Seiten hat damals Harmonie angestrebt.

Aber die Öffentlichkeit sah: Dass die Juden wieder bereit sind, in das Land der Täter einzureisen, könnte ein Zeichen des Vertrauens in ein neues Deutschland sein. Im Jahr 2002 wurde ein neuer Staatsvertrag zwischen dem Zentralrat und der Bundesregierung abgeschlossen, der ein bedeutendes Bekenntnis zu einem neuen Judentum und seiner finanziellen Unterstützung markierte. In den vergangenen 20 Jahren wurden viele symbolisch wichtige Räume, Kulturzentren, Sakralbauten, Museen, Begegnungsstätten rekonstruiert oder wurden Mahnmale wie das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin neu gebaut. Der Holocausttourismus wurde in Deutschland zu einem Markenzeichen der Globalisierung.

Einer dieser Bauten ist auch die 2010 eröffnete Neue Synagoge in Mainz, die anstelle der 1938 zerstörten errichtet worden ist. Es gibt in dieser Synagoge keine klassischen Räume, alles wackelt und bewegt sich leicht: Unter dem Einfluss des US-amerikanischen Stararchitekten Daniel Libeskind, der auch das Jüdische Museum in Berlin entwarf, wollte der deutsche Architekt Manuel Herz die Fragilität der jüdischen Existenz zum Ausdruck bringen. „Ich kann mich hier kaum bewegen“, beschwerte sich prompt ein postsowjetisch-jüdischer Kriegsveteran. Die Projektionen, die Schuldgefühle der Deutschen kollidierten also auf eine beinahe ironische Weise mit dem Leben.

Verschiedene Erinnerungen

Heute, 25 Jahre nach dem Beginn der jüdischen Einwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland, muss man feststellen: Das jüdische Leben geht weiter – aber in neuer Gestalt. Die ungefähr 108 Gemeinden haben heute rund 110.000 Mitglieder. Weit mehr als die Hälfte der Einwanderer sind jedoch gar keine Gemeindemitglieder, weil sie entweder Juden väterlicherseits und nach dem religiösen Gesetz damit keine Juden sind; oder weil sie schlicht nicht willig sind, in eine Gemeinde einzutreten.

Auch wahren die Einwanderer andere Erinnerungen. Unser Gedenktag ist der 9. Mai, der Tag des Siegs im Zweiten Weltkrieg, dem „Großen Vaterländischen Krieg“. Jener Tag, an dem wir als Schüler in den ukrainischen, weißrussischen und russischen Städten bereits morgens mit roten Nelken vor den Türen der Veteranen standen und gratulierten. Das Weiterleben wurde dort zelebriert, indem man der 25 Millionen nichtjüdischen und jüdischen sowjetischen Gefallenen gedachte. Der 9. November aber, Gedenktag an die Reichspogromnacht 1938, stellt für die meisten Einwanderer gerade nicht den Kern ihrer Erinnerung dar.

Das hat viele Gründe. Es mag mit den verschiedenen Erinnerungskulturen zu tun haben. Die staatliche sowjetische schloss die Reue und Schuld der eigenen Gesellschaft praktisch aus. Es mag aber auch mit den ziemlich erstarrten staatlichen Gedenkritualen hierzulande zusammenhängen, bei denen den Juden die Rolle der geschätzten symbolischen Statisten, die Rolle der Opfer, zufiel. Diese Rituale haben nicht alle Neuankömmlinge begeistert.

So kamen, wie der Sozialwissenschaftler Mischa Gabowitsch gezählt hat, am 9. Mai dieses Jahres mehr als 13.000 Besucher und Besucherinnen zum Sowjetischen Ehrenmahl im Berliner Treptower Park. Wie viele von ihnen waren Jüdinnen und Juden? Vielleicht die Hälfte, vielleicht mehr? Viele Soldatengeschichten, die man dort neben rührenden alten Fotos und Tausenden von Blumen lesen konnte, waren russischen, ukrainischen, weißrussisch-jüdischen Ursprungs. Diese Erinnerung gibt es in den Geschichten der deutschen Holocaustopfer, die jährlich in den Synagogen von den Enkelkindern am Holocaustgedenktag Jom ha-Shoa erzählt werden, nicht. Man erzählt von der Zerstörung des Lebens in Deutschland oder Polen, von den Verfolgungen, Deportationen oder vom Überleben mit einem unheilbaren Trauma. Diese Geschichten, die in Frankfurt am Main, Düsseldorf oder München von den Kindern weitererzählt werden, haben mit den sowjetischen nicht viel zu tun.

Aber was ist mit den fast komplett ausgerotteten Familien in den weißrussischen und ukrainischen Dörfern? Den Zehntausenden Erschossenen in den Parks und Wäldern der ukrainischen Städte? Den Ghettos in den okkupierten sowjetischen Städten? Den Evakuierungen jener Glücklicheren, die überlebt, aber alles verloren haben? Diese Geschichten werden zwar in den postsowjetischen Staaten zunehmend erzählt, aber sie fanden bisher nur wenig Zugang zu den hiesigen Gemeinden. Hier wird das Denken über „Sieger“ und „Opfer“ noch immer parallelisiert und kaum vermischt. Eine gemeinsame Sprache der Erinnerung existiert in der jüdischen Gemeinschaft nicht. Noch nicht. Andererseits wurde Deutschland genau deshalb nach dem Mauerfall zu einem europaweit einmaligen Sammelsurium jüdischer Erzählungen, Tragödien und Realitäten. Völlig egal, ob Gemeindemitglied oder nicht. Es ist also ein Patchwork-Judentum mit vielen Unterschieden und Widersprüchen entstanden, das man nicht mehr ignorieren kann und für das es neue politische, religiöse und kulturelle Ausdrucksmittel geben muss. Aber welche sind das oder könnten das sein?

Es mag viele überraschen, aber ja, eine größere Öffnung gegenüber Nichtjüdinnen und Nichtjuden müsste her. Mentale, identitäre, familiäre, religiöse Mischformen, intermarriages und gleichgeschlechtliche Ehen, Konversionen, all das gehört im heutigen deutschen Judentum de facto bereits zur Normalität und wird dennoch nur ungern zugegeben. Stattdessen herrscht noch immer jene alte Angst vor einem „Untergang des Judentums“. Diese Angst zu überwinden, könnte ein erster Schritt zu dieser Öffnung sein. Er würde sich nach innen vollziehen müssen und könnte dann nach außen strahlen.

Drei jüdische Biografien

Ich möchte Ihnen drei Frauen vorstellen: Johanna Korneli, Yulia Polyntseva und eine junge Israelin, die anonym bleiben will. Sie stehen für dieses neue Patchwork-Judentum. Wie so oft in der jüdischen Tradition wird die Rolle der Frauen zwar anerkannt und hoch geschätzt, die Frauen selbst spielen in der Realität aber immer noch eine untergeordnete Rolle. Die Debatten und Diskurse um die deutsch-jüdische Nachkriegsgeschichte wurden von Männern geführt und geprägt. Das ist alles andere als gerecht.

Johanna Korneli ist 31 Jahre alt, stammt aus Ostberlin, ist Sozialwissenschaftlerin, war nichtjüdische Absolventin des jüdischen Moses-Mendelssohn-Gymnasiums in Berlin und langjährige Mitarbeiterin des American Jewish Committee. Die Mutter zweier Kinder, darunter ein Sohn mit einem Juden, fühlt sich in vieler Hinsicht jüdisch. Aber: Sie möchte nicht zum Judentum konvertieren. „Entweder gehört man dazu oder nicht“, sagt sie. „Dass ich seit meinem zwölften Lebensjahr die jüdische Tradition immer besser beherrsche, viel besser als mancher meiner jüdischen Freunde“, ist „typisch und komisch“ zugleich.

Johanna hat die Wende im geschützten Raum einer jüdischen Schule relativ problemlos überstanden. Sie fühlte sich dort weniger in den Ruinen der DDR als vielmehr in einem exterritorialen Israel: „Wir haben alle Davidsterne getragen, fühlten uns wie coole Israelis, ohne uns in jüdisch/nichtjüdisch zu trennen. Wir haben uns nur gewundert, dass die Russinnen in der Klasse sich stark schminkten, aber das war alles ganz okay.“

Viele Deutsche glauben ja, dass eine Beschäftigung mit dem Judentum fast automatisch zu einem philosemitischen Zionismus führe müsse, aber damit kann Johanna wenig anfangen, eher ist eine kritische linke Perspektive auf Israel die ihre: „Allerdings mit einem starken Radar: Solche Gespräche kippen schnell in einen Antisemitismus, vor dem mir graut.“ Sie passt auf, „wo Differenzierung und berechtigte Kritik enden und Antisemitismus beginnt“.

Johannas Vater ist streng katholisch, die Großmutter und Mutter sind Agnostiker. Sie selbst sei „weder getauft noch sonst was“. Die von ihr verehrte Oma, die zu heute noch Aktuelle Kamera sagt, hält Religion für eine Geisteskrankheit. Aber ihr Sohn, wird der eines Tages Teil der jüdischen Gemeinschaft sein? „Ich weiß es nicht“, sagt Johanna. Bei der Brit Mila, der Beschneidung, im jüdischen Krankenhaus, waren neben ihr und dem Kindsvater auch der jüdische Großvater anwesend. Als der Arzt fragte, ob man eine Bracha, ein Kurzgebet, lesen wolle, rief jedenfalls einer der Männer: Ja! Und der andere rief: Nein!

Yulia Polyntseva hat viel vor. Die 32-jährige Juristin aus Münster möchte in der Ukraine die Geburtsurkunde ihrer Oma mütterlicherseits oder andere Dokumente finden, die sie als Jüdin bestätigen und eine Mitgliedschaft in einer Gemeinde ermöglichen würden.

Yulia kam erst 2005 als Au-pair nach Deutschland. Ihre Oma wiederum konnte sich 1941 aus der Ukraine gerade noch so vor den Nazis nach Sibirien retten. Aufgewachsen ist Yulia in einem jedem Sowjetkind bekannten Dorf: Schuschenskoje, dort hatte Wladimir Iljitsch Lenin jahrelang in der Verbannung gelebt. Yulias Mutter sagte immer: „In erster Linie soll man ein Mensch sein, und erst dann ein Russe, Jude, Deutscher oder so.“ Yulia findet das auch und reagiert skeptisch, wenn Juden mit Menschen, die Juden kritisieren, nichts zu tun haben wollen. Sie glaubt nicht an eine Zukunft der jüdischen Gemeinde in Deutschland. Die Jungen wollen zwar unbedingt ihr Jüdischsein leben, nach Israel reisen, mit anderen Juden zusammen sein – doch das alles nicht zwingend in der Gemeinde. Aber sollte sie die Dokumente der Oma finden, würde sie trotzdem in eine eintreten wollen. Und hoffen, dass auch andere dort ihren Platz finden.

„The idea of being Jewish is charged with different, sometimes contradicting meanings“, erzählt S.: Die Idee, jüdisch zu sein, ist aufgeladen mit verschiedenen, manchmal widersprüchlichen Bedeutungen. Die Sozialwissenschaftlerin ist 29, stammt aus Israel und lebt seit vier Jahren in Berlin. S. praktiziert keine Religion. „Aber ich bin als Nachkomme einer aus Rumänien stammenden Familie von Überlebenden eng mit dem Jüdischsein verbunden. Und Israelin.“ Dabei ist es für sie hier einfacher und angenehmer. In Deutschland wird sie in erster Linie als Person, in Israel aber als Frau gesehen, die Soldaten zur Welt bringen soll.

S. lehnt das von Benjamin Netanjahu oft propagierte Prinzip „Wir-reagieren-auf-eure-Gewalt-mit-noch-mehr-Gewalt“ ab, das viele Israelis unterstützen, und spricht bewusst vom Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung. Das Deutschland-Bild, mit dem sie aufwuchs, war das eines Landes, „aus dem das absolut Böse entstand“. Der Holocaust. Dieses Bild hat sich nun stark verändert, S. liebt Berlin, ihr Leben mit nichtjüdischen und jüdischen Freunden, auch wenn sie durchaus mit dem Gedanken einer Rückkehr nach Israel spielt.

Über Ignatz Bubis

Diese drei Biografien zeugen von einer empathischen Offenheit gegenüber Deutschland. Sie entziehen sich dem, was viele über Juden zu wissen glauben; sie widersetzen sich aber auch den Erwartungen der jüdischen Community. Diese Projektionen und falschen Wahrnehmungen sind in diesem Sommer noch einmal erfolgreich in Erscheinung getreten. Wieder wurden „die Juden“ für den Nahostkonflikt verantwortlich gemacht, wieder wurden „die Juden“ zu einer Einheit geformt. Die Frauen hingegen reflektieren offen, kritisch, auch selbstkritisch und unvoreingenommen über das, was mir bei einer Diskussion über das Judentum in Deutschland wichtig erscheint: individuelle Wahrnehmung und ein Verzicht auf Pauschalisierungen.

Ignatz Bubis lebte von 1927 bis 1999, er war Präsident des Zentralrats und die wichtigste politische Figur des deutschen Judentums nach dem Holocaust. Bubis wollte nicht in Deutschland begraben werden. Er hatte Angst, dass sein Grab hier, wo der Antisemitismus nicht nachließ, beschädigt würde. Als eine tragische Ironie der Geschichte hat dann ein psychisch gestörter Mann sein Grab tatsächlich beschädigt, aber nicht in Frankfurt am Main, wo er gelebt hatte, sondern in Tel Aviv.

Bubis verwirklichte während seiner letzten Lebensjahre ein etwas surreal anmutendes Projekt. Er gab seine Immobiliengeschäfte nahezu komplett auf, nannte sich ganz im Stil des späten 19. Jahrhunderts einen „deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens“ und reiste quer durch die noch winzigsten Städte und erzählte, erzählte, erzählte. Die Leute hörten dem charismatischen und witzigen Mann gern zu, applaudierten lebhaft und lachten. Was nicht viele damals bemerkt haben: Bubis übernahm so Verantwortung. Er brach die langjährige Verschlossenheit der Juden, die „im Land der Mörder“ lebten, auf, ohne die jüdische Gemeinschaft zu verlassen, und ging auf die Deutschen zu. Einmal erzählte er, dass man ihn oft gefragt habe, was sein Präsident dazu sagen würde. Freilich meinte man damit den israelischen Präsidenten. Bubis aber antwortete gelassen: „Mein Präsident ist der Bundespräsident.“

Eine andere Agenda

Diese Anekdote schien mir damals etwas banal, heute nicht mehr. Wir sind 15 Jahre nach seinem Tod nicht weiter, auch wenn sich Bubis in seinen schlimmsten Albträumen nicht hätte vorstellen können, dass hier „Hamas, Hamas! Juden ins Gas!“ gerufen würde. Natürlich ist weiter eine besondere Vorsicht im Umgang mit Deutschland und den politischen, medialen und erinnerungspolitischen Vorgängen geboten, der Antisemitismus ist immer noch da. Auch sind die Traumata der Großeltern und Eltern noch immer da; sie werden weitergetragen werden müssen, einfach weil sie zu unserer Geschichte und der Geschichte Europas dazugehören.

Doch diese Leidensgeschichten dürfen nicht instrumentalisiert werden. Sie könnten uns Jüdinnen und Juden eher helfen, eine Art Avantgarde zu sein, um gesellschaftliche Vorurteile abzubauen und Aufklärungsprozesse voranzutreiben. Sie sollten uns Ansporn sein, auch vor wahrscheinlichen Rückschlägen nicht zurückzuschrecken. Das wäre doch eine Agenda: Wir übernehmen eine wachsame Verantwortung für gesellschaftliche und politische Vorgänge, vor allem bei der Bekämpfung von Antisemitismus, Intoleranz und anderen Ungerechtigkeiten. Wir haben die Chuzpe und beenden es, selbstreferenziell und narzisstisch im Saft der eigenen Ängste und Unsicherheiten zu schmoren.

Das betrifft auch die Frage nach der Rolle der Gemeinden. Sie werden in den Augen junger Leute erst dann wieder eine vernünftige Chance und Attraktivität haben, wenn das Judentum von ihnen nicht mehr abgekapselt und ex negativo konstruiert wird, sondern wenn sie sich den kulturellen, religiösen und politischen Herausforderungen von heute stellen. Und gleichzeitig eine demythologisierte jüdische Tradition aufbewahren, wobei aufbewahren in diesem Fall eine deutlich größere Vertrautheit mit der eigenen (Religions-)Geschichte und Praxis bedeutet.

Nach wie vor ist in Deutschland nichts normal, was das Jüdische angeht. Über 20 Prozent der Deutschen sollen latent antisemitisch sein. Viele wissen bis heute nicht, ob man Jude laut sagen darf, ohne sich zweimal umzudrehen, und man schafft es leider nicht, jedem persönlich zu sagen: Man darf das, Jude ist kein schlimmes Wort! Gleich ob man die jüdischen Zentren oder Synagogen aufsucht oder diese eher meidet – ihre halbwegs sichere Existenz ist heute mehr denn je lediglich mit polizeilicher Präsenz und meist mit einem internen Sicherheitsdienst zu gewährleisten. Das ist beschämend und traurig. Auch gibt es noch heute für viele Jüdinnen und Juden, in denen das Trauma des Verlusts nicht heilen will, einen legitimen Grund, unter sich bleiben zu wollen oder sich auf die Couch eines Psychoanalytikers zu begeben. Getrennt von jenen Deutschen, die neulich mit der Serie Unsere Mütter, unsere Väter ihre etwas seltsamen, kollektiven Therapiestunden bekamen.

Man wird sich auch damit abfinden müssen, dass das jahrzehntelang staatskirchenrechtlich ausprobierte erfolgreiche Modell der Einheitsgemeinde keine Exklusivität behalten wird; dass sich weitere Gemeinden und Gruppen bilden werden, die über einst gemeinsame Narrative wie das jener „gepackten Koffer im Land der Täter“ nicht mehr funktionieren. Doch zu wünschen ist, dass in einem offenen Deutschland das Humane, Humanitäre und Gerechte an Bedeutung gewinnt. Und dass Jüdinnen und Juden bewusste Citoyens und wichtige Akteure in diesem Prozess bleiben.

Wir müssen unseren Opferstatus ablegen. Denn wer sich als Opfer definiert, hat Schwierigkeiten, Frieden zu schließen. Das ist nicht als eine weitere therapeutische Maßnahme gedacht, sondern sollte als eine politische und menschliche Notwendigkeit verstanden werden. Betätigungsoptionen gibt es viele. Wir, Juden und Nichtjuden, sollen weiterhin eine bewusste differenzierte Stimme gegen den Antisemitismus erheben. Doch vergessen wir nicht: Auch die Ohlauer Straße in Berlin-Kreuzberg mit ihrer „Flüchtlingsschule“ liegt inmitten eines europäischen Deutschlands.

http://imageshack.com/a/img537/6733/yP0u9l.jpgDer Autor Dmitrij Belkin in Berlin Foto: Kevin Mertens für der Freitag

Dmitrij Belkin freilich würde so eine Kippa, wie wir sie auf dem Bild zeigen, nie tragen. Überhaupt setzt der Historiker und Kurator sie nur bei Schabbatfeiern, an Feiertagen oder dann auf, wenn er in die Synagoge geht. Belkin wurde 1971 in der Ukraine geboren und lebt heute als Referent des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerkes in Berlin

06:00 13.09.2014
Geschrieben von

Dmitrij Belkin

Historiker, Publizist, Kurator. Als Referent bei ELES - Jüdische Begabtenförderung tätig
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Dmitrij Belkin

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