Baustellen, Billiglohn und Bananen

Straßengedanken Täglich fahren in Deutschland Millionen von Menschen über die Autobahnen. Ob zur Arbeit oder in den Urlaub. Und wundern sich über hunderte von Baustellen.
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Wer in Deutschland regelmäßig mit dem Auto fährt, ob beruflich oder in seiner Freizeit, und wer zudem häufig auf den Autobahnen der Republik unterwegs ist, der kennt sie: Die Baustellen überall, die daraus resultierenden kilometerlangen Staus und die vielen, letztlich unnötig hinter dem Steuer verbrachten Stunden. Eine intelligente, öffentliche Diskussion über die Gründe hierfür vermisst man. Stattdessen dominieren wie so oft Spaltung und Halbwahrheiten das Gespräch.

Kommt das Autofahren im Allgemeinen und Staus und Baustellen im Speziellen zur Rede, so wird der vermeintlich Progressive möglicherweise in einer Mischung aus Besserwisserei, Häme und Neid auf die Vorzüge von öffentlichen Verkehrsmitteln, Fahrrad und Car Sharing verweisen, Argumente, die schön klingen, aber mit der heutigen Arbeits- und Lebensrealität nur in Einklang zu bringen sind, wenn jeder Mensch ziemlich nah an seiner Heimat arbeitet und ansonsten mehrere Stunden tägliches Pendeln als lebenswert akzeptiert. Und im übrigen die Naherholung im Stadtpark als das Nonplusultra moderner Freizeitgestaltung gilt. Dann mag es aufgehen. Für viele tut es das nicht. Andererseits, der vermeintlich Konservative wird vielleicht dem engagierten Naturfreund die Schuld geben, weil dieser angeblich den Ausbau jeder Autobahn und die Erschließung jeder neuen Umgehungsstraße ablehnt und verhindert. Wahrscheinlich aber liegen die Schuldigen ganz woanders.

Fährt man heute an einem beliebigen Werktag auf einer deutschen Autobahn, so sieht man die rechte Spur eigentlich immer prall gefüllt mit endlosen Schlangen großer, breiter und schwerer Lastkraftwagen. Der Asphalt unter ihren Reifen ächzt, es entstehen unter den enormen Kräften in wenigen Jahren tiefe Spurrillen und Schlaglöcher, viel früher als unter einem Personenfahrzeug, welches selbst vollbeladen nur einen Bruchteil des Gewichtes auf die selbe Fläche bringt. Auch für die zweite Spur gilt dieser Zustand völliger Überfrachtung oftmals. Nur wenn es dann noch eine dritte Spur gibt, ist diese aus gesetzlichen Gründen den Autos vorbehalten. Die Stoßstange an Stoßstange fahrenden LKWs haben dabei heute zu einem überwiegenden Anteil ausländische Kennzeichen, sie stammen aus Polen, Litauen oder Rumänien, dort, wo die Fahrer billig und die Ansprüche an Fahrzeuge lasch sind. Auf ihrer Rückseite tragen diese 40-Tonner manchmal auf Deutsch verfasste Sprüche mit Inhalten wie: ‘Ohne mich wäre Ihr Kühlschrank leer’ oder ‘Wir bringen für Sie täglich frische Lebensmittel’. Wie immer im neoliberalen laissez-faire Kapitalismus ist da irgendwie was dran, und dennoch handelt es sich um eine dreiste, verlogene Augenwischerei.

Natürlich befinden sich in diesen LKWs auch, aber keinesfalls nur, Lebensmittel. Doch davon, dass viele dieser Lebensmittel kreuz und quer durch Europa gekarrt werden, um die wirklich allerbilligste Arbeitskraft an den Grenzen der EU zu nutzen und nebenbei noch den allerletzten Förderzuschlag für irgendeine strukturschwache Region zu erhalten, davon steht auf diesen LKWs nichts. Davon, dass norwegischer Lachs in Polen verarbeitet wird, deutscher Salat in Osteuropa gewaschen, Teile für die Autoindustrie unter den schlechtest möglichen Umweltbedingungen in Rumänien veredelt und dann nach Spanien gekarrt werden, steht dort auch nichts. Der freie Markt in Europa hat es ermöglicht, dass der jeweils billigste Anbieter den Zuschlag erhält, und das steigert die Gewinnmaximierung für jene, die da mitmachen können, ganz erheblich. Ob Maschinenteile, Fleisch, tiefgekühlte Aufbackwaren oder die tägliche Wäsche eines Kreiskrankenhauses, alles, was früher nebenan oder gleich vor Ort erledigt wurde, wird heute in die billige Ferne ausgelagert. Man benutzt Anglizismen wie Lean Production, Just-in-Time oder Outsourcing. Nur über die Folgen wird wenig geredet.

Denn vor Ort gehen durch diesen Billig-Fern-Tourismus seit Jahren zig-tausende Arbeitsplätze in der Produktion und Verarbeitung verloren, was den Staat zig-Millionen an Unterhalt der Entlassenen kostet. Weshalb er dann versucht, diese Menschen in prekären Billig-Lohn-Verhältnissen unterzubringen. Autobahnen bekommen durch die ständige Beanspruchung schnell substantielle Schäden und nötigen den Staat zu nie endenden Reparaturen. Dass die erhobene LKW-Maut die Gesamtkosten an durch Staus verlorene Zeit und Lebensqualität, den verbrauchten Sprit, den Lärm und die Abgase, die Arbeitslosigkeit und Existenzängste nicht deckt, spürt instinktiv jeder, der sich ehrlich mit diesem System auseinandersetzt. Dass Deutschland ein Transitland ist, verschärft es nur noch weiter.

Die Bauindustrie und die Banken dagegen freut es. Ständig entstehen neue Baustellen, bestehen dann über Monate bis Jahre, müssen geleaste Baumaschinen abbezahlt und von Baufirmen geliehene Gelder verzinst und mit staatlicher Absicherung an Banken zurückgezahlt werden. Während die Industrie, die Baukonzerne und die großen Spediteure gut verdienen, tun es die mittelständischen Betriebe und Scheinselbständigen in unserem Land aber immer weniger, da sie mit den gedrückten Preisen nicht mithalten können, und dann entweder in der zunehmenden Ausbeutung oder in der Arbeitslosigkeit landen. Und sich am Ende nur noch die von der Allgemeinheit subventionierten billigeren Lebensmittel und anderen Waren aus der Ferne leisten können.

All diese Dinge waren nicht immer so, und sie müssten auch nicht so sein. Aber durch eine Mischung aus Erpressung der Politik durch die Industrie, viel mehr aber noch durch die Einlullung und Abspaltung einer politischen Klasse von den Bürgern, von denen sie eigentlich gewählt wurden und die sie eigentlich vertreten sollen, wird dieser Zustand durch die geschickte Präsentation scheinbar alternativloser Notwendigkeiten immer ausgeprägter ermöglicht. Mit den eingesetzten Argumenten könnte man in unseren Breiten auch den Sklavenhandel oder die Kinderarbeit wieder einführen. Aber soweit muss man gar nicht schauen. Schon jetzt hat es nur noch wenig mit Chancen für alle auf einem freien Markt zu tun, und viel mit der Verachtung seiner eigenen Bürger durch jenen Staat, der sie eigentlich schützen und vertreten sollte.

Eine soziale Marktwirtschaft braucht Lenkung und Kontrolle. Ansonsten ist es nur eine neue Form des Manchester-Kapitalismus. Und eigentlich waren doch alle froh, dass wir den nicht mehr haben. Oder hatten.

An diesem Text waren neben vielen anderen die Bertelsmann-Stiftung, die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und die Gesellschaft zur Förderung umweltgerechter Straßen- und Verkehrsplanung durch ihre unermüdliche Lobbyarbeit zur schleichenden Demontage des Sozialstaates indirekt beteiligt.
12:47 30.04.2013
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Geschrieben von

demokratie-ist-wichtig.de

Erfreut sich an selbständigem Denken, wundert sich über fehlende Zivilcourage, schätzt das Glück im Kleinen und liebt das Absolute der Natur.
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