Von Oberschicht, Bildungs- und Kleinbürgertum

Eine Betrachtung In der westlichen Welt, und speziell auch in Deutschland, findet seit Jahrzehnten ein Paradigmenwechsel statt: Der Umbau der Mittelschicht zu Gunsten der Oberschicht.
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Der Begriff der Mittelschicht ist reichlich unscharf. Es ist der gesellschaftliche Bereich zwischen der Unterschicht einerseits, jenen also, die nichts oder fast nichts besitzen, und der Oberschicht andererseits, jenen, die mit Abstand das meiste besitzen. Doch so sehr die Mittelschicht aus solchen besteht, die über ein wenig oder ein wenig mehr verfügen, so sehr zeigen sich innerhalb dieser Schicht in den Zielen und Schwerpunkten einzelner Gruppen deutliche Unterschiede.

Neben dem Großbürgertum, das sich, wenn überhaupt, durch die Menge seines Besitzes von der Oberschicht abgrenzen lässt, fallen in der Mittelschicht neben einer arbeitsamen und eher auf das Glück im Kleinen bedachten Masse vor allem zwei Gruppierungen mit sehr unterschiedlichem Fokus auf. Einerseits ein Bildungsbürgertum, welches neben einer materiellen Grundabsicherung auch immaterielle, heute fast anachronistisch klingende Werte wie Kunst, Kultur, Ethik und Moral schätzt und pflegt. So sehr hier ein ideeller Nutzen zu Gunsten aller entstehen kann und entsteht, handelt es sich jedoch letztlich ebenso wie in anderen Schichten auch um Darwinismus. Denn durch oben genannte Werte erfolgt eine Abgrenzung und somit die Sicherung von Ressourcen. Hierzu bedarf es jedoch eines gesellschaftlichen Unterbaus, der diese Werte zumindest schätzt, wenn nicht gar bevorzugt.

Auf der anderen Seite tritt innerhalb der Mittelschicht das Kleinbürgertum hervor. Dessen Ziel besteht vor allem in einer klaren Abgrenzung zur Unterschicht. Um diese Grenzziehung mit knappen Ressourcen möglichst effektiv zu gestalten, liegt der Fokus hier deutlich mehr auf materiellen Werten, denn diese sind nach außen hin gut darstellbar und somit nutzbar. Die genaue politische Ausrichtung ist dabei sekundär. Der rechte Kleinbürger wird als Befehlsempfänger in Staat oder Wirtschaft sein Auskommen finden. Der linke Kleinbürger wird sich mit seichten Ideologien identifizieren und brüsten, hat es in Zeiten eines schwindenden Sozialstaates jedoch schwerer, eine Bleibe zu finden, falls er nicht über genügend Opportunismus verfügt.

Interessanter Weise sind die ideologischen Unterschiede zwischen dem wenig besitzenden Kleinbürgertum und der viel besitzenden Oberschicht oft geringer als jeweils zum Bildungsbürgertum. Nicht von ungefähr entstammen Teile der heutigen Oberschicht einem ehrgeizigen, teils rücksichtslosen Kleinbürgertum, das primär durch eine Fixierung auf materielle Werte emporstieg. Heute bestimmen diese Menschen durch ihren Einfluss in Politik und Medien ihre eigene Ausrichtung als generellen gesellschaftlichen Kurs mit. Ob man es nun Kapitalismus, Darwinismus oder Neoliberalismus nennt, ist einerlei.

Die Unterschicht trägt in diesem Machtgeschacher einen untergeordneten Anteil. Solange sie nicht als Bedrohung empfunden und stattdessen durch Brot und Spiele mit wenig Aufwand unwissend und formbar gehalten werden kann, dient sie im Konsum- und Sozialstaat durch Steuern und Abgaben der Umverteilung von der Mitte nach oben, mit dem Umweg über unten, und hilft zugleich den etablierten Parteien beim Erhalt ihrer Macht. Das Kleinbürgertum wiederum wird, gerade in der deutschen Geschichte nicht erst seit gestern, als williger, wenig hinterfragender und durch Besitzneid lenkbarer Befehlsempfänger gesehen, und dient heute etwa als Betriebswirtschaftler, Lobbyist oder Politiker, der von der Oberschicht zur Stabilisierung der Verhältnisse benötigt wird, und somit auf einen gewissen Schutz und Vorteil vertrauen kann.

Nur das Bildungsbürgertum spielt hier eine zunehmend undankbare Rolle, die auch die Oberschicht in einen Konflikt bringt. Einerseits werden Bildungsbürger in ihrer Funktion als etwa Ingenieure oder Wissenschaftler wegen Ideen und Intellekt zur Sicherung des Gewinnes benötigt. Andererseits werden Denker und Akademiker, die keine klare materielle Wertsteigerung erbringen, Geisteswissenschaftler, Philosophen und Kunstschaffende etwa, als weniger nützlich empfunden und erhalten somit ihre Daseinsberechtigung im neuen Weltbild nur, wenn sie sich klar einer geistigen Elite zurechnen lassen, was statistisch und prinzipbedingt immer nur für einen kleinen Teil zutreffen wird. Und in der Tat sieht man in den vergangenen Jahrzehnten den Lebensraum eben letzterer Gattung zunehmend schwinden. Es sind ganz allgemein jene, die nicht zumindest mittelbar materielle Werte schaffen, gleichgültig, welchen Beitrag sie sonst auch zur Gesellschaft leisten mögen.

Unreflektierte Zuwanderung spielt in dieser Balance übrigens eine besonders perfide Rolle. Sie wird einerseits genutzt, um durch Heterogenisierung die Unterschicht zu spalten, andererseits, um zur Steigerung des Gewinnes billig an Fachkräfte der Mittelschicht zu gelangen. Und sie wird ausgerechnet durch linke Nichtbesitzende zu Gunsten der Besitzenden ideologisch legitimiert.

Es ist ein ungleicher und längst entschiedener Konflikt, denn Besitz und Geld werden stets mächtiger sein als der Gedanke und das Wort. Deutschland, das alte Europa und die westliche Welt gehen in ihrer Substanz einer entleerten, oberflächlichen und in der Machtverteilung zunehmend feudalen Zeit entgegen. Es ist eine Zeit der geistigen Armut und der materiellen Ungleichheit, die äußerlich durch das Zusammentreffen mit einem Überangebot an Konsumgütern und einer zunehmenden Vernetzung von vielen vielleicht kaum bemerkt wird. Das jedoch macht den kulturellen Zerfall nicht weniger tragisch. Der Zenit scheint für lange Zeit überschritten.

02:19 26.03.2014
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Geschrieben von

demokratie-ist-wichtig.de

Erfreut sich an selbständigem Denken, wundert sich über fehlende Zivilcourage, schätzt das Glück im Kleinen und liebt das Absolute der Natur.
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