Das Ende der Vernunft?

US-Wahl Nicol Ljubic fragt, ob die Wahl von Trump das Ende der Vernunft bedeutet
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Das Ende der Vernunft?

Bild: Mark Makela/Getty Images

Dieser Artikel ist zuerst erschienen bei Demokratie+.

Was wir derzeit erleben, ist eine Zäsur und Zeitenwende. Dass Donald Trump der nächste Präsident der Vereinigten Staaten wird, ist nur der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die wir, die stets an Vernunft und Verstand geglaubt haben, nicht fassen können. Schon beim Brexit war es so: wir konnten uns nicht vorstellen, dass sich die Brit*innen wirklich für den Austritt aus der Europäischen Union entscheiden würden – bis sie es taten. Bis zuletzt hatte ich – nicht nur im Freundeskreis, sondern auch von sogenannten Expert*innen – gehört: »Das wird nicht passieren, das kann gar nicht sein.« Das Gleiche vor der Wahl in den USA. Bis zuletzt hieß es: »Die Mehrheit wird, wenn es darauf ankommt, Hillary wählen.« Und dann wurde es Trump, ein Mann, der gelogen und beleidigt, der sich rassistisch und sexistisch geäußert und sich der ernsthaften sachlichen Auseinandersetzung verweigert hat.

Wir erleben eine Zeitenwende, weil das, worauf wir uns stets verlassen haben, Vernunft und Verstand, keine Kategorien mehr sind, auf die wir uns verlassen können. Das zu begreifen, überfordert uns, weil es die Grundlage unseres Zusammenlebens in Frage stellt, es ist letztlich der Kern unseres gesellschaftlichen Konsens: die Ratio. Unser Handeln und Denken soll vernunftgeleitet sein. Aber sowohl der britische als auch der amerikanische Wahlkampf haben gezeigt, dass es nicht auf Argumente ankommt, dass es nicht darum geht, einen ernsthaften Diskurs zu führen, dass nicht mal mehr die Wahrheit sonderlich wichtig ist. Es geht einzig um Emotionen. Um Wut, Angst, Hass und Kränkung. Eigenschaften also, die irrationales Handeln und Denken hervorrufen.

Trump hat den gesellschaftlichen Konsens aufgekündigt und damit unsere Werte in Frage gestellt. Er hat Minderheiten beleidigt, Religionen diffamiert, Frauen diskreditiert, vom Steuern zahlen hält er nicht viel, genauso viel oder wenig wie vom Schutz der Umwelt, geschadet hat ihm all das nicht, ganz im Gegenteil: er wurde mit der Präsidentschaft belohnt.

Jetzt wird gehofft, dass er sich als Präsident mäßigen wird müssen und darüber debattiert, wie sehr das Amt die Person wird beherrschen. Aber das ist die falsche Debatte. Denn sie wird die Art und Weise nicht mehr ändern, wie Trump ins Präsidentenamt gekommen ist. Er hat das Gift aus der Flasche gelassen, und selbst wenn er jetzt den Deckel wieder draufschrauben sollte, es wäre schlicht zu spät. Sein Wahlkampf wird so einigen Populist*innen als Blaupause dienen. Nicht zufällig gehörten Putin, Orbán, Le Pen und Wilders zu Trumps ersten Gratulanten, auch Frauke Petry sprach von einem »ermutigenden Signal für Deutschland«. Was bedeutet das für uns, die mit Fassungslosigkeit auf das Wahlergebnis reagieren? Es ist viel von Schockstarre die Rede, aber spätestens jetzt gilt es aufzuwachen. Zu begreifen, dass Bequemlichkeit und Zufriedenheit zum Ende der Demokratie führen, und Werte, mit denen wir aufgewachsen sind, nicht Natur gegeben sind. Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass sich die Welt, in der ich groß geworden bin, so schnell verändern kann. Und ich muss öfter als je zuvor an meine Kinder denken und meine Verantwortung für sie. Aber was bedeutet das? Wir müssen für die Werte, die uns wichtig sind, eintreten, wir müssen sie, auch wenn ich das Wort nicht mag, verteidigen und zwar, indem wir sie leben und uns von unserer Art, sie zu leben, nicht abbringen lassen. Und vielleicht dürfen wir uns in Zukunft nicht allein auf die Kraft der Vernunft verlassen, sondern müssen lernen, Emotionen zu wecken. Es gibt Menschen, die fordern schon länger einen Linkspopulismus als Antwort auf einen Rechtspopulismus. Weil einfache Antworten mehr Kraft entfalten als komplizierte. Vielleicht ist die Zeit dafür gekommen – zumindest, um darüber nachzudenken.

11:06 17.11.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Nicol Ljubic | Demokratie Plus

Demokratie-Initiative von Marco Bülow, Anke Domscheit-Berg, Gregor Hackmack, Nicol Ljubic, Jagoda Marinic und Anne Straube.
Demokratie Plus

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