Baut auf, was euch aufbaut

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"Baut auf, was euch aufbaut", das ist das passende Motto für das 21. Jahrhundert. Ich gehe noch weiter zu einem langfristigen Denk- und Handlungsmodell, um die Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft konstruktiv und wirksam zu meistern.

Die Linken können es als das Motto für den Demokratischen Sozialismus des 21. Jahrhunderts sehen. Die Mitte als das Verwirklichen der Kombination von Freiheit, sozialer Gerechtigkeit und Solidarität.

Um Menschen mit unterschiedlichen Weltsichten und Ideen zusammenbringen, sehe ich drei Prinzipien als erfolgbringend:

  • positives Denken und Handeln
  • kürzer-, mittel- und längerfristige Strategien, Modelle und Utopien
  • Crossover, also das Zusammenarbeiten verschiedener Gruppen und Organisationen


1. Positives Denken und Handeln

Es herrscht viel Verdruss bei den Linken über die bestehenden Verhältnisse. Wer noch nicht in Apathie gefallen ist, der drückt sich durch viel "anti" aus: anti-kapitalistisch, anti-faschistisch, anti-autoritär, anti-militaristisch, usw.

Wer kennt ihn nicht, den Spruch: "Macht kaputt, was euch kaputt macht". Ich habe ihn kürzlich wieder auf einem Dachrinnenaufkleber der Linksjugend erspäht, als "Mach kaputt, was dich kaputt macht". Daraufhin habe ich kritisch gefragt: Ist das alles, was wir an die heutige Jugend weitergegeben haben?

Es herrscht viel Verdruss in der Mitte über die bestehenden Verhältnisse. Wer noch nicht in Apathie gefallen ist, der fährt metaphorisch rad im bestehenden System: nach oben buckeln, nach unten treten.

Wer kennt es nicht, das buntglitzernde Medien- und Showbusiness mit den diversen Casting-Shows. Sozusagen: "Baut auf, was andere aufbaut". Die jungen Leute, die sich da hineinstürzen, gegeneinander antretend und sich zur Sau machen lassend. Raketenhaft aufsteigen, und dann, wenn sie ausgebrannt sind, wieder zu Boden stürzen und zerschellen. Ich habe mich kritisch gefragt: Ist das alles, was wir an die heutige Jugend weitergegeben haben?

Die Jugend hat sich verändert. Damals wurde gegammelt, gebechert und gekifft. Heutzutage wird gehartzt, komagesoffen und ekstatisch geschluckt. Damals flogen Steine. Heutzutage fliegen Kugeln. Damals boxten sich Yuppies nach oben. Heutzutage boxen sich Casting-Stars nach oben.

Nein, das ist nicht alles, was wir an die heutige Jugend weitergegeben haben. Sonst hieße es nicht: "Baut auf, was euch aufbaut".

Das ist der Geist, mit dem wir zu den Strategien, Modellen und Utopien kommen.

2. Strategien, Modelle und Utopien

Ein Roter Faden zieht sich durch die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Dazu zählt das Analysieren der Vergangenheit, die Kritik an den bestehenden Verhältnissen, kürzerfristige Realpolitik, mittelfristige Modelle, und längerfristige Utopien. Das alles gehört zusammen.

Ein besonderes Spannungsverhältnis besteht dabei zwischen den Realisten und den Idealisten bzw. Utopisten, landläufig gesagt: zwischen den Realos und den Fundis. Beide wollen doch die Welt zum Besseren verändern, nur kommen sie öfters nicht zusammen, weil es eine Lücke zwischen ihnen gibt: die mittelfristige Perspektive. Diese Lücke ist zu füllen, damit alle zum gegenseitigen Nutzen zusammenfinden.

Es gilt besonders, Alternativen zum immer realer werdenden sozialdarwinistischem System zu finden, das sich scheinbar unausweichlich aufbaut. Quasi ein Haifischbecken: fressen und gefressen werden. Obenauf in der Nahrungskette sind derzeit die Finanzhaie.

Unausweichlich: TINA - there is no alternative, es gibt keine Alternative. Es wird schon alternativ gekontert: TATA! - there are thousands of alternatives, es gibt Tausende von Alternativen. Leben und leben lassen.

Wie soll das alles konkret gehen? Das ist die Kernfrage, wo wir zum nächsten Prinzip kommen, dem Crossover.

3. Crossover

Crossover heißt wörtlich Überquerung, Übergang, Überkreuzung, hier konkret: das Zusammenkommen und Zusammenarbeiten verschiedener Generationen, Strömungen, Sparten, Gruppen, Bewegungen, Organisationen, Parteien, usw.

Ein aktuelles Projekt in diesem Sinn ist das ISM, das Institut Solidarische Moderne. Das ist ein Anfang, wo vornehmlich Wissenschafter und Politiker zusammenkommen und zusammenarbeiten. Es wird als Denkfabrik oder Think Tank bezeichnet. Beide Begriffe gefallen mir nicht wirklich, darum nenne ich es lieber Denknetz.

Denknetz wie in vernetztes Denken und in Vernetzung. Denknetze bringen verschiedene Weltsichten und Ideen zusammen, indem sich die Menschen untereinander austauschen. In der Realen Welt und in der Virtuellen Welt des Internets.

Ein anderes Projekt sind die Nachdenkseiten. Ein Medium, das als Gegenpart zu den Mainstreammedien definiert ist. Das ergänzt wird durch Nachdenkseiten-Gesprächskreise, wo sich Bürger zusammenschließen. Es gibt inzwischen rund 100 davon als Ergänzung der Nachdenkseiten und zum Aufbau einer Gegenöffentlichkeit. Eine solche bilden ja auch die kritischen Blogger.

Die Frage ist: Wie bringen wir das alles konkret zusammen? Nehmen wir als Beispiel die Finanzkrise. Attac hat letzthin ein Bankentribunal veranstaltet, um das Thema einer breiteren Öffentlichkeit näherzubringen. Im Anschluss hat es ein Forum der Alternativen gegeben, wo etliche Ideen auch im Weiteren angesprochen wurden. Über das Bankentribunal steht auf den Nachdenkseiten ein Artikel. In den Nachdenkseiten-Gesprächskreisen kann über das Thema weiter diskutiert werden. Beim ISM kann wissenschaftliche Arbeit geleistet werden, die direkt von den Politikern dort aufgegriffen und an ihre Parteien weitergeleitet werden kann. Die Parteien können die Ideen und Konzepte von den diversen Gruppen und Organisationen in den Parlamenten einbringen und in Gesetze gießen.

Das sind Querverbindungen, Vernetzungen. Die Zusammenarbeit von Wissenschaft, Politik, Medien, Bewegungen, Bürgern, samt Koordinationsstellen. Die mediale Infrastruktur zum vernetzten Austausch ist mit dem allgemeinen Internet vorhanden. Eine effektive Kommunikation aller Engagierten für eine freie, sozial gerechte und solidarische Welt ist eine große Herausforderung im 21. Jahrhundert. Eine Herausforderung deswegen, weil die neoliberale und die neokonservative Seite mit ihrer Medienmacht schon weiter sind und uns mit ihrer Meinungsmache regelrecht überfluten. Weil die Ideen aus deren Think Tanks schon angewendet werden, wechselseitig in Wirtschaft und Politik. Man denke nur einmal an die Agenda 2010.

Somit: "Baut auf, was euch aufbaut", vernetzt, nicht zersplittert.

18:38 14.04.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Red Bavarian

Die Vergangenheit analysieren, die Gegenwart gestalten, die Zukunft erdenken.
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Red Bavarian

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rainer-kuehn | Community