Das Thomas-Evangelium: antik linksalternativ? - Teil 1

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»Nai ne nšadje ethēp enta-Yesus etonhdjou auō afshaisu ngji-Didymos Yudas Thōmas auō pedjaf dje petahe ethermēnia nneišadje fnadjitipe an mpmu.«

Mit diesen geheimnisvoll klingenden Worten aus alten Zeiten fängt das koptische Thomas-Evangelium an. Auf deutsch: »Dies sind die geheimen Worte, die Jesus der Lebende sprach und die Didymus Judas Thomas aufgeschrieben hat.«

Koptisch, das ist die Sprache, die sich aus dem Alt-Ägyptischen entwickelt hat, und heute praktisch nur noch als liturgische Sprache der Koptischen Kirche verwendet wird, ähnlich wie das Lateinische in der Römisch-Katholischen Kirche. Im 4. Jahrhundert - der Zeit des koptischen Thomas-Evangeliums - war das Koptische noch eine lebendige Sprache.

Was das Sprachliche angeht, so habe ich einige Übersetzungen ins Englische und Deutsche gelesen oder durchgeschaut. Perfekt habe ich keine gefunden, aber jede hat ihren Wert. Es gibt verschiedene Arten von Übersetzung: Interlineare, dass heißt, es wird originalgetreu Wort-um-Wort übersetzt, wie dort (englisch von Michael W. Grondin) zu sehen. Dann gibt es originalnahe Übersetzungen in Alltagssprache, wie dort (englisch von ein paar Autoren), dort (deutsch von Wieland Wilker) oder dort (PDF-Datei von Meyerbuch, deutsch). Und es gibt Übersetzungen mit einer zusätzlichen Interpretationsschicht, wie dort (englisch vom Metalogos Ecumenical Coptic Project) oder dort (deutsch) - letztere mit zusätzlichen intentionalen Veränderungen.

Ich verwende hier für Zitate aus dem Thomas-Evangelium die Übersetzungen von Wieland Wilker, wobei ich dort, wo mir die Übersetzung im Lichte der anderen genannten nicht passend erscheint, jene - gegebenenfalls aus dem Englischen übertragen - nehme. Das antike Koptisch ist offensichtlich eine harte Nuss auch für die Sprachkundigen. Zu bedenken ist zudem, dass die koptischen Papyrus-Seiten teilweise beschädigt sind, sodass einzelne Worte bis kurze Passagen nicht mehr lesbar sind und nur interpoliert werden können. Aufgrund allem lasse ich den verschiedenen Übersetzern ein großes Dankeschön für ihre Leistungen zukommen.

Das Thomas-Evangelium wird auch als das Fünfte Evangelium bezeichnet, wobei die ersten vier Evangelien diejenigen in der Bibel sind - Markus, Matthäus, Lukas, Johannes. Der Form nach ist ist kein klassisches Evangelium, sondern eine Logien-Sammlung, wo diverse Aussprüche von Jesus zusammengestellt sind.

Entdeckt wurde es 1945 in Ägypten, bei einem Ort namens Nag Hammadi. In einem Tonkrug, der in der Erde vergraben war, fanden sich einige uralte Bücher mit etlichen Schriften, wovon das Thomas-Evangelium eine ist. Es war vorher nur in ein paar Papyrus-Fragmenten aus dem 2. und 3. Jahrhundert in griechischer Sprache und aus ein paar Zitaten von Kirchenleuten bekannt. Das vollständige Thomas-Evangelium hat großes Interesse und durch das Internet auch eine große Verbreitung gefunden, sowohl in der Wissenschaft, wie auch im spirituellen Bereich.

Im Logion 5 heißt es: »Jesus sprach: Erkenne das, was vor dir ist, und das, was vor dir verborgen ist, wird dir enthüllt werden; denn es gibt nichts Verborgenes, was nicht offenbar werden wird.«

In der griechischen Fassung ist hinzugefügt: »... und (nichts ist) begraben, das nicht auferweckt wird."«

Die faktengewordene Symbolik dieser Worte liegt auf der Hand. Daran ist insoweit nichts Metaphysisches, denn es handelt sich um die Wechselwirkung zwischen den Worten und den Taten, die sich entfalten kann.

Im Logion 39 heißt es: »Jesus sprach: Die Pharisäer und die Schriftgelehrten haben die Schlüssel zur Erkenntnis erhalten, und sie haben sie versteckt. Sie sind auch nicht eingetreten, und die, die eintreten wollten, haben sie nicht eintreten lassen. Aber ihr, seid klug wie die Schlangen und rein wie die Tauben.«

In der Metalogos-Übersetzung steht: »Yeshua says: The dogmatists ...« - »Die Dogmatiker ...«

Das ist kommunikativ übersetzt, sodass man heute leichter versteht, was gemeint ist. Es wird quasi der damalige soziokulturelle Umgebungsrahmen - der Sitz im Leben - auf den heutigen übertragen. Die Pharisäer kommen auch in der Bibel nicht gut weg, wobei sie allgemeiner für die Dogmatiker stehen, deren es auch in den anderen Religionen - wie beispielsweise im Christentum - viele gab und gibt.

Das Thomas-Evangelium ist auch ein Schlüssel zur Erkenntnis. Wer es studiert, wird unter anderem die Bibel in einem anderen Licht sehen. In der Bibel heißt es in Genesis 3,1 (Wortlaut Gute Nachricht Bibel): »Die Schlange war das klügste von allen Tieren des Feldes, die Gott, der Herr, gemacht hatte.«

In der Guten Nachricht Bibel steht in den Sacherklärungen zum Stichwort 'Schlange': »Die Schlange im Paradies ist nicht die Verkörperung des Teufels, sondern - wie der Text Gen 3,1 eindeutig sagt - ein Geschöpf Gottes. Die biblische Erzählung kann so verstanden werden, dass sich im Gespräch Evas mit der Schlange ein innerer Vorgang (Dialog) im Menschen selbst spiegelt (vgl. Jak 1,13-14). An der Frage nach dem Ursprung des Bösen ist der biblische Erzähler nicht interessiert.« - die Schlange wird also dahingehend rehabilitiert.

Im Matthäus 3, 16 heißt es: »Sobald Jesus getauft war, stieg er aus dem Wasser. Da öffnete sich der Himmel, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen.«

Die Weiße Taube ist das Symbol sowohl für den Heiligen Geist, wie auch das des Friedens - die Friedenstaube. Die blaue Friedensfahne mit der Weißen Taube und dem Schriftzug 'Die Linke' ist meine bevorzugte Fahne bei Demos, wo es um den Frieden geht.

Aus 'Wege zum Kommunismus' zitiert: "Der »wahre Odem des Sozialismus« war für sie die Einheit von »rücksichtslosester revolutionärer Tatkraft und weitherzigster Menschlichkeit«" (Rosa Luxemburg ist gemeint).

Dieser Ausspruch korreliert mit dem Logion 39. Die Schlange mit rücksichtslosester revolutionärer Tatkraft und die Taube mit weitherzigster Menschlichkeit.

Ich füge der klugen Schlange und der reinen Taube linksalternativ noch die eigensinnige Anarchokatze hinzu.

Wenn ich in Genesis 3 weiterlese, so frage ich mich: Wie kann das Erlangen von Erkenntnis - das Essen des Apfels vom Baum der Erkenntnis - eine Sünde sein, für die die Schlangen und die Menschen samt all ihren Nachkommen - siehe die Erbsünde - bestraft werden?

Meine Antwort: Es ist keine Sünde, erst recht keine Erbsünde, es wird uns nur als solche verkauft.

Im Logion 43 heißt es: »Seine Jünger sagten zu ihm: Wer bist du, der du uns diese Dinge sagst? Jesus sprach zu ihnen: Von dem, was ich euch sage, wisst ihr nicht, wer ich bin? Doch ihr seid wie die Juden geworden; denn sie lieben den Baum und hassen seine Frucht, und sie lieben die Frucht und hassen den Baum.«

In der Metalogos-Übersetzung steht originalgetreuer: »... as those Judeans ...« - »... wie jene Judäer ...«

Es geht um die Bäume im Garten Eden - im Paradies: den Baum der Erkenntnis und den Baum des Lebens. Ich liebe die Bäume und die Früchte, das heißt, ich esse gerne die Erkenntnis-Früchte und suche nach dem Baum des Lebens, der verborgen ist.

Im Logion 2 heißt es: »Jesus sprach: Wer sucht, soll nicht aufhören zu suchen, bis er findet; und wenn er findet, wird er erschrocken sein; und wenn er erschrocken ist, wird er verwundert sein, und er wird König sein über das All.«

In der griechischen Fassung ist hinzugefügt, entsprechend formuliert: »... und er wird Ruhe finden."«

Kommen wir zu Thomas. Der Apostel Thomas ist vor allem aus dem Johannes-Evangelium bekannt als "der ungläubige Thomas", basierend auf Johannes 20, 24-29: "Als Jesus kam, war Thomas, genannt der Zwilling, einer aus dem Kreis der Zwölf, nicht dabei gewesen. Die anderen Jünger erzählten ihm: »Wir haben den Herrn gesehen!« Thomas sagte zu ihnen: »Niemals werde ich das glauben! ...«"

Sowohl Thomas wie auch Didymos bedeutet Zwilling. Zu bedenken ist, dass in den verschiedenen Evangelien und anderweitigen Schriften innerhalb und außerhalb der Bibel auch die Kunst der rhetorischen Dialektik zwischen den Verfassern - den Schreibern, Aposteln, Evangelisten - zur Anwendung kommt. Diese jüdische und hellenistische Kunst von damals wird heute vielfach nicht mehr wahrgenommen. Den geschulten Linken dürfte sie jedoch wohlbekannt sein, da sie auch eine sozialistische und linksalternative Kunst ist.

Thomas war der Apostel, der von Judäa aus nach Osten missioniert hat, bis nach Südindien, wo es tatsächlich eine uralte thomas-christliche Tradition gibt. Das Thomas-Evangelium trägt neben jüdischen, christlichen und hellenistischen Zügen auch buddhistische - der Buddhismus ist in Indien entstanden.

Übrigens nenne ich Jesus lieber Jeschua, was erstens sein original aramäischer Name ist, und was zweitens anzeigt, dass er derjenige ist, der sich selber festlegt, nicht aber derjenige, zu dem ihn die ganzen dogmatischen Konzile über die Zeit festgelegt haben.

Ich habe mich auf das Thomas-Evangelium auch schon im Rahmen meiner Reihe 'Der Mut zur Philosophie' bezogen, siehe dort und dort.

Es gibt noch mehr zu schreiben, aber ich will mir hier einmal Einhalt gebieten.

18:04 06.02.2011
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Geschrieben von

Red Bavarian

Die Vergangenheit analysieren, die Gegenwart gestalten, die Zukunft erdenken.
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