Der Mut zu Utopien - Sitzung III

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Im dritten Teil meiner Blog-Serie 'Der Mut zu Utopien' begebe ich mich auf den Weg hin zu einer Synthese aus den im 1. Teil als Anti-These beschriebenen Anti-Utopien, und den im 2. Teil als These beschriebenen Utopien.

Die Kritik am bestehenden System:

Zu meiner Weltanschauung gehört diese Kritik dazu. Das haben auch der Humanismus, der Sozialismus, das Christentum, der Buddhismus und andere Lehren (die halt weniger oder nicht in meinem Blickfeld liegen) gemeinsam. Diese Kritik ist der Ausgangspunkt für Emanzipation, die Befreiung aus Abhängigkeiten.

In der Übergangszeit vom Mittelalter zur Neuzeit hat der Humanismus den Menschen als Individuum, das mit unveräußerlicher Würde ausgestattet ist, gelehrt. Der Mensch, der sich aus der Bestimmung, der Abhängigkeit und der Leibeigenschaft befreit, unter die er vom Adel und der Kirche gezwungen wurde.

Der Humanismus greift auch auf die Lehren die altgriechischen Philosophie zurück, die sich vor rund zweieinhalb Jahrtausenden herausgebildet hat. Zur gleichen Zeit hat sich in Indien die buddhistische Lehre entwickelt, dessen Begründer Siddhartha Gautama, der Buddha, ist. Die buddhistische Lehre ist im Grunde einfach: ausgehend von der Erkenntnis, dass das Leben von Leiden geprägt ist, werden dessen Ursachen - im Zentrum: Gier (greed), Hass (hatred), Verblendung (delusion) - benannt, und das Ende des Leidens durch die Beseitigung dieser Ursachen mittels des buddhistischen Weges.

Auch das Christentum ist im Grunde einfach: Es geht um Gott, Jesus Christus, und die Mitmenschen. Dazu vier Fundamente aus der Bibel: Siehe Matthäus 22, 34 - 40, das wichtigste Gebot: »Liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen, mit ganzem Willen und mit deinem ganzen Verstand!« - und das zweite gleichwichtige: »Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!«. Die Zehn Gebote, siehe 2. Mose/Exodus 20, 1 - 17. Die Bergpredigt mit Seligpreisungen, siehe Matthäus 5 - 7. Christus begegnet uns im Mitmenschen, siehe Matthäus 25, 31 - 46. In den Seligpreisungen werden die Armen, die Leidenden, die Unterdrückten, die sich aber ihrerseits nicht zu Unrecht hinreißen lassen, angesprochen. Bekannt ist auch der Vers aus Markus 10, 25: »Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in Gottes neue Welt.« ('Gottes neue Welt' ist der Wortlaut aus der Gute Nachricht Bibel).

Karl Marx hat die real existierenden Missstände im kapitalistischen System zu seiner Zeit wissenschaftlich analysiert. Mit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert hat sich ein Brachialkapitalismus entwickelt, wo die Unternehmer die unter ihnen Lohnarbeitenden ungezügelt ausgebeutet haben, was im Wohlstand und Reichtum für die ersteren, und in Armut und Elend für die zweiteren resultiert hat. Der Sozialismus ist der politökonomisch und sozialethisch motivierte Weg in eine neue Welt, die im Kommunismus erreicht ist.

Interessant finde ich insbesondere im spirituellen Sinn den Unitarischen Universalismus, eine Synthese aus all den religiösen, philosophischen und weltanschaulichen Konzepten (in den USA vornehmlich: humanist, agnostic, earth-centered, atheist, buddhist, christian, pagan), die von den Menschen über die Jahrtausende entwickelt wurden.

Verschiedene Wege hin zu einer besseren Welt:

Zu bedenken ist dabei, dass die genannten Weltanschauungen jeweils aus ihrer Zeit, ihrer Lokation, ihrer Kultur, ihren Zusammenhängen, usw. zu sehen sind. Je weiter sie von uns zeitlich, örtlich, kulturell, zusammenhangsmäßig, usw. entfernt sind, umso mehr Hintergrundwissen brauchen wir, um zu ergründen, was sie wirklich aussagen wollen.

Jedoch dürfte ein Roter Faden zu erkennen sein: Es sind Wege hin zu einer besseren Welt, anders gesagt: Utopien. Im universalistischen Sinn kann ich sie zu einem Motto zusammenfassen: "Leben und leben lassen", wobei Gott das transzendente und universelle Lebensprinzip ist.

Der Missbrauch der Utopien:

Wenn man sich die Menschheitsgeschichte anschaut, dann sieht man jedoch, dass auch diese Utopien missbraucht worden sind und immer noch missbraucht werden. Wer anderen im Namen dieser Utopien die Lebensgrundlagen oder gar das Leben nimmt, der kann kein Humanist, Sozialist, Kommunist, Universalist, Christ, Buddhist usw. sein. In der radikalen Ethik gibt es dergestalt kein Wenn und Aber.

Das Ende der Utopien?

Die Menschen denken und träumen gewiss seit Urzeiten. Sie tun es auch heute noch, und sie werden es weiterhin tun, solange es Menschen gibt. Einmal erdachte Utopien bleiben im Gedächtnis der Menschen erhalten, solange die Missstände, denen diese Utopien entgegenwirken wollen, erhalten bleiben.

16:18 19.11.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Red Bavarian

Die Vergangenheit analysieren, die Gegenwart gestalten, die Zukunft erdenken.
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Red Bavarian

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