Der Mut zur Philosophie - Kapitel III

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Dies ist der 3. Teil meiner Blog-Serie 'Der Mut zur Philosophie'. Siehe auch den 1. Teil und den 2. Teil.

Dieser Beitrag ist ein Special über meine Ansichten zur Bibel, die ich nun ausgelesen habe, samt den Sacherklärungen im Anhang der Guten Nachricht Bibel und anderweitigen Drumherum-Informationen. Die Bibel ist ein langes Buch, sie hat mir Geduld abgefordert. Ich habe sie analytisch-kritisch gelesen und mir entsprechend etliche Gedanken darüber gemacht. Weiters geht es um meine daraus gewonnenen Ansichten zur christlichen Religion. Im Folgenden lege ich meine Gedanken freiweg dar.

Im informationellen Sinn hat die Bibel mir etliches gebracht, weil ich nun viel besser weiß, was der genaue Inhalt der christlichen und auch der alt-jüdischen Religion ist. Die Bibel ist in dem Sinne ein Grundsatzdokument, das diese Religion(en) beschreibt.

Persönlich hat die Bibel mir nur bedingt etwas gebracht. Die viele Gewalt darin hat mich regelrecht abgestoßen. Auch die Herrschaftslinie geht mir gegen den Strich. Könige und Untertanen, Herr(inn)en und Sklav(inn)en, Patriarchale Männer und untergeordnete Frauen. Schlagende Väter und geschlagene Söhne.

Tja, es ist ein Buch aus der Antike vor zwei bis drei Jahrtausenden. Es tut not, dass man sich da teils zurückversetzt, soweit es möglich ist, teils die Aussagen relativ nach heute übersetzt, ebenfalls soweit es möglich ist. Anders gesagt: dass man den Sitz im Leben findet, also den soziokulturellen Kontext der Texte berücksichtigt, und ein Feeling dafür entwickelt.

Nun zum Inhalt näher, wie er sich mir präsentiert hat. Auf das Alte Testament - das ich übrigens Erstes Testament nenne - will ich hier nicht explizit eingehen. Es stellt auch die religionsmäßige Entwicklungsgeschichte über die Jahrhunderte vor Christus dar. Auf das Neue Testament - das ich Zweites Testament nenne - gehe ich hier näher ein. Nebenbei bemerkt: Den Koran nenne ich das Dritte Testament.

Ich erkenne im Zweiten Testament zwar eine Linie, allerdings läuft sie nicht gerade und durchgehend. Es beginnt mit den vier Evangelien, die das Leben und die Lehre von Jesus - den ich lieber original Aramäisch Jeschua nenne - beschreiben. Weiters habe ich das außerbiblische Thomas-Evangelium gelesen, eine interessante Sammlung von Jeschua-Logien, die ich auch in die Bibel aufgenommen hätte.

Das Johannes-Evangelium ist mir zu dualistisch exaltiert. In der Guten Nachricht Bibel wird auch ein Finger auf einen wunden Punkt gelegt, aus dem Sacherklärungsteil zitiert, Stichwort 'Juden (bei Johannes)': "Im Johannes-Evangelium ist immer wieder von »den« Juden die Rede ... Die unheilvollen Auswirkungen, die das nicht mehr differenzierende und negativ besetzte Reden von »den« Juden später und bis in unsere Tage gehabt hat, liegen auf der Hand und müssen den Christen ein bleibende Warnung sein." - ich füge für heutzutage hinzu: das gilt analog für die Islamophobie, wo eigene Ängste auf »die« Muslime projiziert werden.

Weiter zum Inhalt des Zweiten Testaments: Die Apostelgeschichte leitet über zur Urgemeinden- und Missionsgeschichte. Neben den Zwölf Aposteln - 11 minus Judas plus Matthias - wird der Missionar Paulus eingeführt, aus dem ich - wie etliche andere Menschen mit kritischem Blick in der Geschichte des Christentums - nicht ganz schlau werde. Die Jerusalemer Urgemeinde - mit Petrus, Jakobus und den anderen - verschwindet schließlich aus dem Blickfeld.

Danach kommen die Paulusbriefe, wo Paulus seine eigene Theologie ausbreitet. Paulus ist offenbar - wie auch Augustinus und Martin Luther - ein Mensch gewesen, der religiös mit sich und der Welt gekämpft hat. Ich stimme stark mit anderen überein, dass erst Paulus das Christentum als extra Religion begründet hat, während Jeschua nur neue Impulse in die damalige jüdische Religion gebracht hat, oder anders gesagt: einen jüdischen Religionszweig begründet hat. Die Apostelgeschichte ist als Überleitung gedacht, aber das haut nicht wirklich hin, weil sich da die jüdisch-christlichen und die paulinisch-christlichen Ansichten auseinanderentwickeln. Ich persönlich gebe dem jeschuanischen Christentum - Jeschua als lebendig-naher Weisheitslehrer - den Vorzug gegenüber dem paulinischen - wo Jesus quasi als Mysterium entrückt wurde -, das gleichzeitig das Mainstream-Christentum geworden ist, ob römisch-katholisch, östlich orthodox, evangelisch, reformiert u.a.

Nach den Paulusbriefen - von denen nach der mehrheitlichen wissenschaftlichen Forschung nur 7 von 13 Paulus selber zugeschrieben werden -, kommen die Katholischen Briefe von verschiedenen Autoren. Der Hebräerbrief versucht eine theologische Verbindung zwischen der jüdischen und christlichen Religion. Der folgende Jakobus-Brief ist derjenige, der mir am besten von allen biblischen Briefen zusagt. Die davorstehenden Paulus-Briefe und die danachstehenden anderen sind schon vielmehr paulinische und johanninische Theologie und Kirchenlehre, wo sich ein Patriarchalismus, ein Dogmatismus und ein Dualismus quasi 'Wir gegen Die' entfalten, die mir nicht zusagen, und die sicher nicht die Lehre von Jeschua präsentieren, der die umfassende Liebe - die Agape: Gottes-, Nächsten- und Feindesliebe - gelehrt hat.

Den Abschluss bildet die apokalyptische Johannes-Offenbarung, auch in altkirchlichen Kreisen umstritten war. Aus diesem Text wird heutzutage wohl keiner mehr richtig schlau, weil es offenbar eine Art Geheimtext im Zuge der Verfolgungen der Christen im römischen Reich ist, der ohne den dazugehörigen Sitz des Lebens jedoch nicht wirklich zu ergründen ist. Ohne diesen Schlüssel wirkt die entfaltete Apokalyptik schier beängstigend, und wenn christliche Extremisten diesen Text wörtlich nehmen, wirkt er deutlich schädlich - berühmt-berüchtigtes Stichwort: Harmagedon.

Wenn ich mir darüber hinaus die Geschichte der Alten Kirche in den ersten Jahrhunderten anschaue, dann ist da soviel schiefgelaufen, was sich schon in der Bibel widerspiegelt. Ich denke sogar, dass sich das eigentliche Christentum über das 4. und 5. Jahrhundert endgültig verloren hat, als es im Jahre 380 die Staatsreligion im römischen Reich geworden ist. Das jeschuanische Christentum hatte in der real existierenden harten Welt der römischen Diktatur wie es herschaut keine Chance, nur das härtere paulinische und johanninische Christentum. Schade.

Aber ist mir das ein Grund, die Lehren von Jeschua, die teilweise verschütt gegangen sind, zu vergessen? Nein, im Gegenteil. Jetzt will es erst recht wissen. Ein Leitsatz des Universalismus ist die freie und verantwortungsvolle Suche nach Wahrheit und Sinn. Analog heißt es im 2. Logion des Thomas-Evangeliums: "Jesus sprach: Wer sucht, soll nicht aufhören zu suchen, bis er findet; und wenn er findet, wird er erschrocken sein; und wenn er erschrocken ist, wird er verwundert sein, und er wird er über das All herrschen, und dann Ruhe finden." - aber keine Angst, ich strebe nicht als Linker die Weltherrschaft an :-)

22:10 20.01.2011
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Geschrieben von

Red Bavarian

Die Vergangenheit analysieren, die Gegenwart gestalten, die Zukunft erdenken.
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