Der Mut zur Philosophie - Kapitel IV

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Dies ist das 4. Kapitel meiner Blog-Serie 'Der Mut zur Philosophie'. Siehe das 1. Kapitel, das 2. Kapitel und das 3. Kapitel.

Das 3. Kapitel ist ein Special zur Bibel und zur christlichen Religion. Ich habe mir zum Themenkreis auch im weiteren Sinn einen kleinen Packen von Notizen gemacht, viele Gedanken, die aus meinem Kopf gepurzelt sind. Das bringe ich nun geordnet als Blog-Artikel elektronisch zu Papier.

Im Folgenden entwickle ich ein universales Konzept, inspiriert durch eigene Überlegungen und durch jüdische, christliche, hellenistische Konzepte, sowie derjenigen im Thomas-Evangelium und auf der Metalogos-Website.

Meine persönliche Herangehensweise an Gott und die Welt ist vielmehr eine philosophische, wissenschaftliche und spirituelle, keine religiöse, mystische oder esoterische im engeren Sinn. Ich habe Freude am Hinterfragen, Denken und Erkennen, oder wie es die Alten Griechen mit dem Wort Philosophie ausgedrückt haben: ich liebe die Weisheit. Mir liegt das Motto 'credo ut intelligam' - 'ich glaube, damit ich erkennen kann' - nicht so, sondern vielmehr 'intellego ut credam' - 'ich erkenne, damit ich glauben kann'.

Die Weisheit spielt nicht nur im hellenistischen Denken eine Rolle - personifiziert als Frau, nämlich die Sophía -, sondern auch im Ersten Testament der Bibel - hebräisch die Ḥokhmah -, wo sie als Kind Gottes symbolisiert wird. Im Buch der Sprichwörter, im Lied des Kapitels 8, stellt sie sich poetisch dementsprechend vor. Menschen können Weisheit besitzen, also ein kleines Stück der von Gott kommenden Weisheit. Zudem gibt es den hellenistischen Begriff des Lógos als alles durchwaltende göttliche Weltvernunft, der im Zweiten Testament christlicherseits mit Jeschua gleichgesetzt wurde, siehe im Johannes-Evangelium das Lied des Kapitels 1. Wenn man die jüdischen, christlichen und hellenistischen Vorstellungen zusammennimmt, dann sind die Sophía und der Lógos symbolisch Geschwister.

Ein weiteres altjüdisches Konzept ist der Geist Gottes - hebräisch die Ruakh -, entsprechend im christlichen Konzept der Heilige Geist, der im Johannes-Evangelium im Lied des Kapitels 1 mit dem Licht korreliert. In der Apostelgeschichte, im Kapitel 2, wird der Heilige Geist als Flammenzungen symbolisiert. Mit einem heutigen Bild kann man sich auch Glühbirnen vorstellen, ein Symbol, dass einem ein Licht aufgeht. Ein weiteres Symbol ist die Weiße Taube - nach dem Matthäus-Evangelium, Kapitel 3, als Jeschua sich taufen ließ, und der Geist Gottes sich wie eine Taube auf ihm niederließ.

Als weiteres spirituelles Konzept gibt es die Seele oder den Lebensgeist - hebräisch der Nephesch -, den Gott Adam als Lebensatem einblies - siehe die Genesis, Kapitel 2 -, nachdem Gott ihn aus dem Staub von der Erde - hebräisch adama heißt Erde - geformt hatte. Menschen besitzen also ein kleines Stück des von Gott kommenden Lebensgeistes. Nach dem irdischen Tod geht die Seele wieder zu Gott zurück, und der Körper des Menschen zerfällt wieder zu Staub.

Als drittes Konzept haben wir das Leben selber, das sich im Universum tummelt. Die Lebewesen - mit begrenzter Lebenszeit - und Gott - ewig seiend - sind lebendig. Menschen besitzen eine kleine Spanne des von Gott kommenden Lebens. Der Baum des Lebens - siehe die Genesis, Kapitel 2 - ist das Symbol für das ewige Leben. Der Ölbaum im Lichtvers des Korans kann ebenso gesehen werden. Das ewige Licht, analog zum ewigen Leben.

Auf der Metalogos-Page 'Angel, Image and Symbolism' findet sich graphisch eine Darstellung eines konzeptionellen Davidsterns - zwei ineinander geschachtelte Dreiecke. Solch eine Darstellung war mir selber schon eingefallen als Darstellung für mein Konzept.

Stellen wir uns also einen Davidstern vor: ein spirituelles Dreieck mit den Eckpunkten 'geistiges, ewiges Leben', 'Licht / Ruakh' und 'Lógos / Universalweisheit', sowie ein entsprechendes weltliches Dreieck 'biologisches, endliches Leben', 'Lebensatem / Nephesch' und 'Sophía / Lebensweisheit'. Je drei dieser Ecken stehen sich entsprechend gegenüber. Das Spannungsfeld und die Transformation vom Weltlichen zum Spirituellen ergibt sich aus den jeweils gegenüberstehenden Eckpunkten des Sterns: biologisches Leben --> geistiges Leben, Nephesch --> Ruakh, Sophía --> Lógos.

Schauen wir uns den genannten Davidstern auf der Metalogos-Page an: Hergeleitet wird er einmal von den einzelnen Menschen ausgehend mit den drei Eckpunkten 'Vorstellungsbilder (Sinneswahrnehmungen, mit den 5 Sinnen)', 'Ego / Ich (Bewusstsein)' und 'Lógos / Bedeutung (Symbolismus)'. Das korreliert mit meinem weltlichen Dreieck, übergreifend: der Mensch aus Körper, Psyche und Verstand.

Erweitert auf die Gesamtheit ergibt das Metalogos-Konzept die Eckpunkte 'Meta-Ego (Gott im engeren Sinn)', 'Meta-Vorstellungsbilder (das Universum)' und 'Meta-Logos (Bedeutungsfülle)'. Dazu kommt die Dreiheit / Trinität mit den drei Eckpunkten 'Väterlich (der Vater der Vorstellungsbilder, mit Erschaffung und Inkarnation)', 'Mütterlich (die Mutter der Geister / Seelen, mit Geburt und Bewusstsein)' und 'Kindesmäßig (die Kindheit unserer selber, also Söhne & Töchter)'.

Interessant ist, dass der mütterliche und weibliche Aspekt berücksichtigt wird, wie ich es auch tue. Die mainstream-christliche Trinität dagegen ist patriarchal gestaltet, dazu noch ziemlich personell. Eigentlich sind es multiple Aspekte, wo das Konkrete mittels Vorstellungsbildern und Symbolismen abstrahiert wird, und gleichzeitig das Abstrakte konkretisiert wird. Wer patriarchal denkt, bekommt quasi drei Männer. Wer dagegen genderübergreifend denkt, bekommt männliche / väterliche / sohnesmäßige und weibliche / mütterliche / töchtermäßige Aspekte, die wiederum zusammenfließen.

Aus dem Thomas-Evangelium, auf deutsch: »(22) Jesus sah Kleine, die gesäugt wurden. Er sprach zu seinen Jüngern: Diese Kleinen, die gesäugt werden, gleichen denen, die ins Königreich eingehen. Sie sagten zu ihm: Wenn wir also Kinder werden, werden wir (dann) in das Königreich eingehen? Jesus sprach zu ihnen: Wenn ihr aus zwei eins macht und wenn ihr das Innere wie das Äußere macht und das Äußere wie das Innere und das Obere wie das Untere und wenn ihr aus dem Männlichen und dem Weiblichen eine Sache macht, so dass das Männliche nicht männlich und das Weibliche nicht weiblich ist und wenn ihr Augen macht statt eines Auges und eine Hand statt einer Hand und einen Fuß statt eines Fußes, ein Bild statt eines Bildes, dann werdet ihr in das Königreich eingehen.«

Weiter daraus: »(101) Jesus sprach: Wer nicht seinen Vater und seine Mutter hasst, wird nicht mein Jünger werden können. Und wer seinen Vater und seine Mutter nicht liebt wie ich, wird nicht mein Jünger werden. Denn meine Mutter ... [?], aber meine wahre Mutter, sie gab mir das Leben.«

Beim Fragezeichen ist der koptische Text auf dem Papyrus nicht lesbar. Die Übersetzung auf der Metalogos-Page ergänzt jedoch das Ausgefallene gedanklich (»gebar meinen Körper«): »For my mother [bore my body], yet [my] True [Mother] gave me the life.« - siehe dort auch 'The Maternal Spirit'. Man denke weiters auch an die Taufe als symbolische Wiedergeburt. Eine anderweitige Interlinear-Übersetzung ergänzt gedanklich »she-begot-my-body?« - also »sie zeugte meinen Körper«, was gendermäßig nicht passt, jedoch im Einklang mit der Mainstream-Theologie steht, sich den Heiligen Geist als männlich vorzustellen. Trotzdem hat sich der weibliche Gedanke bei der Marienverehrung irgendwie eingeschlichen. Das genderübergreifende Konzept ist klarer: Maria ist die biologische Mutter von Jeschua, während die "Mutter Gottes" - also der mütterliche Aspekt Gottes - die geistige Mutter von Jeschua ist. Im Weiteren, was die "Jungfrau" Maria betrifft: Im Ersten Testament - Jesaja 7,14 -, auf den sich im Mattäus-Evangelium 1,18-25 bezogen wird, steht "junge Frau". Maria hatte die Ehe mit Josef noch nicht vollzogen, deshalb hätte nach den damaligen Gesetzen bei der Schwangerschaft von Maria zu bestrafender Ehebruch vorgelegen. Wenn man das beiseite lässt, dann die biologische und die geistige Ebene auseinanderhält wie im Thomas-Evangelium, dann kommt Logik in die Sache.

Ergänzend noch ein feministisches Logion: »(114) Simon Petrus sprach zu ihnen: Maria soll aus unserer Mitte fortgehen, denn die Frauen sind des Lebens nicht würdig. Jesus sprach: Seht, ich werde sie ziehen, um sie männlich zu machen, damit auch sie ein lebendiger Geist wird, vergleichbar mit euch Männern. Denn jede Frau, die sich männlich macht, wird in das Himmelreich gelangen.« - zu bedenken ist überhaupt, dass sich in den verschiedenen Evangelien auch Streitgespräche zwischen den verschiedenen religiösen und philosophischen Richtungen und Schulen damals verstecken.

Zurück zum Metalogos-Konzept: Alles zusammengesetzt zur Einheit ergibt sich ein entsprechender Davidstern mit den Ecken 'Vater - Ego', 'Mutter - Bild' und 'Kind - Logos', sowie innen: 'Ich bin'.

In der Bibel antwortet Gott dem Mose - Exodus 3,13-15 - auf die Frage nach Gottes Namen: 'Ich bin da'. Im Johannes-Evangelium spricht Jeschua wiederholt: 'Ich bin'. Beim Menschen heißt es philosophisch: 'Cogito, ergo sum' - 'Ich denke, also bin ich'. Ein gedankliches Vexierspiel vom kleinen Menschen über Jeschua - als Brücke zu Gott - bis hin zum allumfassend großen Gott.

Weitergehend abstrahiert rückt Gott in die Mitte der verflochtenen Emanations-Sterne, als - in meinen Worten - 'transzendentes und universales Lebensprinzip', das unsichtbar, jedoch durch dessen Auswirkungen - die Emanationen - hinter allem steht.

Man kann die Schöpfung auch ablaufmäßig sehen: Gedanke (die Planung des Universums), Wort / Lógos (der Bauplan des Universums) und Tat (der Bau des Universums), nach dem Motto: 'Gedacht, gesagt, getan'. Die Genesis in der Bibel beschreibt es als Schöpfung mit den Bildern der Menschen aus der Antike. Die heutige Wissenschaft beschreibt es als den Vorgang des Urknalls - die Explosion des Universums praktisch aus dem Nichts heraus. Die Menschen arbeiten sich entsprechend erkenntnismäßig zurück, um zum Ursprung zu kommen.

Abschließend zum Bedenken: Vielleicht werden die Menschen im vierten, fünften Jahrtausend über unsere "primitiven" wissenschaftlichen Vorstellungen lächeln, wie wir heute über die Vorstellungen in der Bibel lächeln mögen. Die Top-Wissenschaft der Gegenwart als Kreationismus der Zukunft.

P.S.: Wer keine Kopfschmerzen mehr von der dargelegten Metalogik kriegt, der hat das Konzept verstanden. Der Rest kann es als Mysterium nehmen :-)

19:47 22.01.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Red Bavarian

Die Vergangenheit analysieren, die Gegenwart gestalten, die Zukunft erdenken.
Schreiber 0 Leser 3
Red Bavarian

Kommentare