Der Mut zur Philosophie - Kapitel V

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Nun geht es nach den beiden Religions-Specials wieder allgemeiner weiter. Siehe das 1. Kapitel, das 2. Kapitel, das 3. Kapitel, das 4. Kapitel.

1. Eine Reise

Diese Blog-Reihe ist wie meine vorherige - 'Der Mut zur Utopie' - auch ein Reisebericht. Meine freie und verantwortungsvolle Suche nach Wahrheit und Sinn ist die Reise, deren Verlauf ich beschreibe. Hier sind keine fertigen und vorgefertigten Gedankengebäude zu lesen, denn der Weg ist das Ziel, und keine zwei Menschen beschreiten denselben inneren Weg.

2. Überleitung von der Religion zum Allgemeineren

Nach meinen beiden Specials, in denen ich das Thema Religion näher ausgeleuchtet habe, wende ich wieder dem Allgemeineren zu. Die Frage, die sich mir aufgeworfen hat: Wieviel Religion steckt in unserem heutigen System? Meine Erkenntnis: Mehr als man denkt. Aber ich stelle das erst einmal zurück.

3. Ethik als ein Kern der Philosophie

Neben der Weisheit und der Erkenntnis ist mir die Ethik ein Kernthema der Philosophie. Ich verwende die Begriffe Weisheit, Erkenntnis und Ethik hier extra statt Wissen, Fakten und Gesetze. Ich will hinter das schauen, was heutzutage so festzustehen scheint. Linksalternativ ausgedrückt: Was macht uns das System, das Establishment nur weis, und was ist wirklich so? Wo sind die Gesetze unethisch oder einfach nutzlos, und wo stehen sie im Einklang mit der Ethik?

Als Basissatz der Ethik sehe ich die Erkenntnis, dass die Lebensgrundlagen und die Leben aller Lebewesen zu achten sind. Ein zweiter Basissatz ist die Erkenntnis, dass dabei Freiheit und Verantwortung zusammengehören.

4. Ethik, Anarchie und Herrschaft

Anarchie kommt vom altgriechischen anarchía, aus den Wortwurzel a(n)- = Ausdruck des Gegenteils oder des Fehlens, und árchein = führen, herrschen. In diesem positiven Wurzelsinn verstehe ich die Anarchie. Heutzutage versteht man unter Anarchie normalerweise negativ einen Zustand der Gesetzlosigkeit und des Chaos. Der Hintergrund ist, dass die Menschen Führung und Herrschaft brauchten, damit es nicht drunter und drüber gehe.

Als Linksalternativer meine ich anders, denn Führung und Herrschaft führt immer wieder zu Unterdrückung und Ausbeutung, wie die Geschichte der Menschheit so oft gezeigt hat und zeigt. Stattdessen plädiere ich für die Ethik, die auf den zwei genannten Basissätzen beruht. Mit Anarchie plus Ethik kann es ein gedeihliches Miteinander geben.

5. Demokratie

Die Demokratie ist auch eine Herrschaftsform. Die Wortwurzel sagt es schon: dēmos = Volk, und krateīn = herrschen. Zugegeben, die Demokratie ist verglichen mit anderen Herrschaftsformen noch mild. Aber erstens haben wir in der Wirtschaft eh keine Demokratie, zweitens ist die politische Demokratie bei uns korrumpiert, und drittens mangelt es in der Bevölkerung an ethischem Bewusstsein.

6. Emotio

Ich scheue mich nicht mehr, auch Emotionen zu zeigen angesichts der massiven Rechtsruckentwicklungen in Europa und den USA, mit Ungarn derzeit als dem Vorreiter. Am Freitag hatten wir - Die Linke - eine Podiumsdiskussion mit zwei unserer Abgeordneten im EU-Parlament. Es schaut mau aus mit der Demokratie in der EU.

Was ich denke: Wie in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts können die Sozialdarwinisten verschiedener Couleur einfach nicht aufhören und stürzen noch die ganze Welt in den Krieg. Mit jedem Jahr verstehe ich besser, wie sich die Menschen in der Weimarer Republik gefühlt haben. Jede und jeder weiß, was danach gekommen ist. Wo ist 'Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg' geblieben? Zum Nachdenken: Etwas ist nur so lange eine Singularität, bis es wieder geschieht. Ich muss einfach Tacheles reden. Emotional habe ich wieder gemerkt, dass ich kein Mensch bin, der Brachialkapitalismus, Militarismus und Faschismus, die so viele Menschen in Angst und Not stürzen, teilnahmslos schlucken kann.

Ich habe großen Respekt vor unseren EU-Abgeordneten, die geduldig und in mühevoller Arbeit unter immer größeren Widerständen die Demokratie zu erweitern und zu erhalten versuchen.

Aber keine Angst, ich flippe nicht aus, denn ich habe meine Ethik. Sie ist mir jedoch kein eitles Accessoire, sondern sie ist mir not. Denn je länger und je mehr man sich im alltäglichen Leben abmühen muss, umso härter wird man.

Ich sehe und spüre es auch im sozial schwächeren Stadtviertel, wo ich lebe, und in den entsprechenden anderen Stadtvierteln, wie sich unter dem politischen Druck (ohne Übertreibung Rechtsruck), der wirtschaftlichen Notlage (Arbeitsplatzabbau, Wettbewerbsorientierung, kommunale Kürzungen), und der gesellschaftlichen und medialen Hetze (gegen Migranten, Muslime, Hartz4-Bezieher, Linke) Emotionen aufstauen. Mit dem antilinken Mantra "DDR-SED-Stasi-Mauermörder" in Wort und Schrift beispielsweise muss man auch erst einmal umgehen lernen.

Zu allem Überfluss drehen die Neonazis auf. Interessanterweise ist die große rote Schrift 'Nazis morden, Bullen schweigen' (wegen dem unter den Teppich kehrenden Verhalten der Polizei) bei einem Tatort, wo ein Deutschkurde von einem Neonazi voriges Jahr im April fast totgeprügelt wurde, immer noch zu sehen. Ich war auf den zwei großen Soli-Demos im Mai dabei, da lag eine Spannung in der Luft. Und wenn bei der zweiten Demo Besonnene (auch Genossen) die Lage nicht beruhigt hätten, hätte es rundgehen können zwischen der Staatsmacht (das paramilitärische USK ist in Bayern berühmt-berüchtigt) und dem Schwarzen Block, besonders als ein paar Neonazis am Rand provoziert haben.

Die entsprechenden Großstadtviertel sind soziale Pulverfässer, die irgendwann hochgehen. Man kann sich denken, wie brutal die Staatsmacht dann zuschlagen wird, wenn sie schon bei jugendlichen und alten Normalbürgern so zuschlägt wie der S21-Demo voriges Jahr.

7. Fazit hier

Angesichts der real existierend harten Welt tut mir ein philosophischer und spiritueller Ausgleich gut.

18:13 23.01.2011
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Geschrieben von

Red Bavarian

Die Vergangenheit analysieren, die Gegenwart gestalten, die Zukunft erdenken.
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