Digitale Nomaden kennen keine Grenzen mehr

Digitaler Wandel Warum Chiang Mai ein guter Indikator dafür ist, welche Herausforderungen aufkommen, wenn die digitale Expansion auf bürokratische und politische Grenzen trifft.
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Wir leben im digitalen Zeitalter. Die Digitalisierung brachte nicht nur neue Geschäftsmöglichkeiten für Unternehmen - nein: Die Digitalisierung geht auch am Individuum nicht spurlos vorüber. Eine unfassbar große Bandbreite an Möglichkeiten wie Einermeiner sich kreativ austoben kann, hat sich die letzten Jahre eröffnet. Als digitaler Nomade von zuhause aus, vom Strandstuhl in Biarritz aus oder vom Co-Working-Space in Chiang Mai aus. Ob als Start-Up-Gründer, Content-Writer, Transcriptor, Translator, Sales Leader, SEO Expert, Onlineshop Dealer, Cryptocurrency Trader - es ist unglaublich, in welcher exponentieller Geschwindigkeit sich neue Berufsfelder öffnen - zu denen man zwangsweise nicht einmal eine abgeschlossene Ausbildung braucht, sondern bei denen einfach nur ein eigeninitiatives, entdeckerhaftes Interesse an der Welt als Zugangsvoraussetzung dient. Denn bislang gibt es noch keinen festgeschriebenen Werdegang, wie man es zum Bitcoin Dealer bringt. Dass der digitale Wandel bis dato ungeahnte Möglichkeiten bringt, ist soweit keine große Neuigkeit. Was aber viel spannender ist, ist doch die Frage: Wie wird in Zukunft mit örtlich unabhängig arbeitenden digitalen Nomaden umgegangen? Inwieweit ist dies auch ein Politikum? Und auf welche Grenzen werden gestoßen?

Ich lebe und arbeite in Thailand; genauer gesagt in Chiang Mai, einer Großstadt im Norden, die sich innerhalb der letzten Jahre aufgrund hervorragender Arbeitsbedingungen, einem bestens ausgebauten Internetnetz, einer hohen Lebensqualität und bezahlbaren Preisen zu einem Hotspot für "Digital Nomads" weltweit entwickelt hat. So zählt zum Beispiel die Facebook-Gruppe “Chiang Mai Digital Nomads” nahezu 30.000 Mitglieder. Deshalb erläutere ich anhand dieses Beispiels kurz, welche politischen und wirtschaftlichen Problemstellungen mit dem selbstbewussten, freien Zeitgefühl des digitalen Pioniers aufkommen: Thailand hat eine strenge Regelung hinsichtlich der Erlangung einer Arbeitserlaubnis für sogenannte “Farangs”. Unternehmen müssen spezifizieren, weshalb eine Fachkraft aus genau diesem Land gebraucht wird und weshalb die Stelle nicht mit einer/m Thai besetzt werden. Dazu muss ein Schreiben des sogenannten “Board of Investment” vorgezeigt werden, das Unternehmen muss sicherstellen, dass ein Mindestgehalt von 50.000 Baht bezahlt wird und zusätzlich muss der Arbeitnehmer diverse Schul- und Uni-Abschlüsse und Arbeitserfahrung vorweisen, um ein Business-Visa zu erhalten. Danach kann eine Work Permit beantragt werden. Aber auch das ist wieder mit bürokratischen Hürden verbunden.

Generell ist es deshalb jedem Ausländer verboten, in Thailand ohne Arbeitserlaubnis Geld zu verdienen, wobei man hier kurz spezifizieren muss, was unter Geldverdienst in Thailand fällt: Werden Ressourcen genutzt (so wie Arbeitskräfte, Arbeitsmittel oder eben auch - und jetzt wird es interessant - technische Ressourcen, wie zum Beispiel Internet und Elektrizität), die zu einem Geldtransfer führen (egal ob deutsches, thailändisches oder Paypal-Konto), handelt es sich um einen Geldverdienst.

Nun kann man sich vorstellen, dass ein digitaler Nomade, der frei und unabhängig von überall aus arbeitet und nur auf akzeptables Wifi angewiesen ist, die strengen Regularien der Einwanderungsbehörde ordentlich auf den Kopf stellt. Denn de facto sind diese nicht einmal dazu berechtigt, sich für ein Business Visa zu bewerben, da sie weder von einem Unternehmen angeheuert noch als Fachkraft im Land benötigt werden. Und in Thailand eine Arbeitserlaubnis als Freelancer zu bekommen grenzt geradezu an Utopie. Wie also damit umgehen, wenn eine Stadt wie Chiang Mai in den letzten fünf Jahren von digitalen Nomaden geradezu überrannt wird und diese einen Großteil der Mieter im Trend-Viertel Nimman ausmachen, da sich kein Local mit einem monatlichen Durchschnittseinkommen von 12.000 Baht dort eine Wohnung für 20.000 Baht/Monat leisten kann? Wohin werden Steuern abgetreten? Und mit welchem Visa befindet man sich auf der sicheren Seite? Gibt es überhaupt noch eine sichere Seite? Oder befindet man sich nicht fortwährend in einer rechtlichen Grauzone? Oder besser gesagt in einer Zone, die noch nicht einmal farblich definiert ist?

Thailand hat nun dieses Jahr als Antwort auf obige Fragen das sogenannte Smart Visa eingeführt. Das vierjährige Visa ist aber ähnlich schwierig zu erhalten wie das Business Visa: So muss nachgewiesen werden, dass monatlich 200.000 Baht zur Verfügung stehen (Smart-T-Talent- oder Smart E-Executive-Visa) oder 20 Millionen Baht Investment-Kapital zur Verfügung stehen (Smart-I-Investor-Visa). Für viele Freelancer wird auch das Smart-Visa ähnlich utopisch bleiben, wie das Business Visa. Was bleibt also übrig? Vierteljährliche oder monatliche Visa-Runs nach Laos oder Vietnam, um das Touristen-Visum zu verlängern und darauf hoffen, dass das Immigration Office nicht genauer investigiert.

Man kann sich vorstellen, dass in Zukunft mit dem ansteigenden Nomadentum noch viele ähnliche Herausforderungen aufkommen werden. Wie werden die Regierungen damit umgehen? Mit Abschottung, wie es der Westen die letzten Jahre wieder vorgemacht hat? Inwieweit wird gemeinsam nach globalen Lösungen gesucht werden? Und wie lange wird die Weltpolitik brauchen, um zu verstehen, dass die Erde tatsächlich immer kleiner und vernetzter wird und es nun schon mehr als physische Grenzen und Visa-Restriktionen bedarf, um die Menschen davon abzuhalten, sich frei zu bewegen und eigenständig zu arbeiten? Und wann wird erkannt werden, dass neue internationale Abkommen gebraucht werden, um eine Vernetzung der Individuen zu schützen und sogar zu fördern?

23:21 18.06.2018
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