Wir prokrastinieren das glückliche Leben

Grundeinkommen Wofür stehen wir morgens auf? Weshalb schieben wir die Umsetzung unserer Lebensvorstellung auf die lange Bank? Und lässt sich der Beruf in eine Lebensaufgabe verwandeln?
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Man kann zwar nicht jedes Individuum mit seinen kulturellen und persönlichen Hintergründen über einen Kamm scheren, aber grundsätzlich eint uns doch eine Sache besonders: Wir prokrastinieren unser Leben. Beziehungsweise: Wir schieben es auf, unser Leben so zu gestalten, wie wir es uns erträumen.
Ich mache das an einem Beispiel fest: die omnimediale Diskussion um das Grundeinkommen. Kritiker (leider noch die große Masse) sind ja felsenfest davon überzeugt, dass, sobald der Mensch seiner finanziellen Motivation beraubt wird zu arbeiten, er es nicht mehr tun wird. Wir reduzieren uns also darauf, Geld zu verdienen, um die Miete zu bezahlen und uns ein bisschen Luxus zu leisten, der uns oberflächliches Glück und kurzfristige Zufriedenheit verspricht. Eigentlich dürfte man doch von der Spitze der Evolution mehr erwarten, als die Gier nach schnödem Mammon, oder nicht? Aber - und jetzt lehne ich mich mal weit aus dem Fenster Richtung Utopia: Was wäre, wenn wir morgens aufstehen und wüssten, dass unser Überleben finanziell gesichert wäre? Würden wir uns dann etwa auf die faule Haut legen? Würde sich unsere Gesellschaft in eine Meute aus faulen, antriebslosen Tunichtgute umformen? Ich bin mir sicher, dass das nicht geschehen wird. Und womit begründe ich diese Annahme? Nehmt Euch einen kurzen Augenblick, geht in Euch und stellt Euch vor: Ihr könnt euren lang geplanten Sibirien-Trip in die Tat umsetzen, ein Buch darüber schreiben, einen Reiseblog betreiben, eine Hilfsorganisation gründen, einen Obstgarten pflanzen - und die Äpfel warten nur darauf, gepflückt zu werden! Ihr würdet euch endlich den Projekten widmen, die ihr bisher immer auf die lange Bank geschoben habt. Eure Leidenschaften würden zu Eurer Identität werden, ihr müsstet Euch nicht mehr über Euren Bürojob definieren, der Euren eigentlichen Interessen, Fähigkeiten und Talenten in vielen Fällen nicht gerecht wird. Bisher hindert uns nämlich die Sorge um unser finanzielles Auskommen daran, genau diese Leidenschaften in Realitäten zu verwandeln. Wir verschwenden unsere unheimlich kreativen Ressourcen damit, täglich im Büro zu vegetieren, um nichtssagende Präsentationen zu erstellen, uns in Arbeitsstrukturen und Prozessen zu verfangen und dabei den Blick fürs Wesentliche - den Zweck der eigenen Existenz - zu verlieren, um uns dann feierabends damit zu vertrösten: Wenn ich erstmal genug Geld beiseite gespart habe, werde ich meine Bucket List angehen. Wobei dann übersehen wird, dass es vielleicht schon heute zu spät dafür sein kann. Besonders die momentane Ära der Angst und Unsicherheit sollte uns eigentlich lehren, dass unser Leben sehr fragil geworden ist. (Carpe diem.)
Nun habe ich die Kritiker bereits in meinem Ohr: Wer wird denn dann das Geld verdienen? Die Finanzierung des Grundeinkommens wird auf den Schultern weniger, noch schuftender Arbeitsbienen ausgetragen, die tagtäglich ins Büro gehen und die Wirtschaft am Laufen halten werden! Dem habe ich nur entgegenzusetzen: Ich bin mir sicher, dass sich hier ein gesundes Mittel einpendeln wird à la Gaußsche Normalverteilung. Bestimmt werden nicht 82 Millionen Menschen dieselben Lebensziele und -träume haben. Denn immerhin möchten wir doch alle unseren Zweck erfüllen und unseren Alltag mit Sinn versehen. Egal wie dieser aussehen mag: Ob Yoga Teacher auf Bali, Bürohengst im Großkonzern, Kreativschaffender in einer Werbeklitsche, Reisejournalist, Truckerfahrer oder Mutter und Hausfrau - jeder hätte die Möglichkeit, sich in dieser einen Aufgabe zu entdecken, die er schon immer in sich trägt und die ihn erfüllt. Abgesehen davon sind die Grundfesten des Kapitalismus stark reformbedürftig. Wir sind in den letzten Jahren Zeugen der ersten Reihe davon geworden, was uns die Früchte des Kapitalismus bisher gebracht haben: Krieg um Ölressourcen, gefüllte Patientenkarteien bei Psychologen und den Verlust jeglicher Werte wie Empathie, Verantwortung und Mitgefühl gegenüber der ganzen Gesellschaft und zukünftigen Generationen. Deshalb appelliere ich: Auf, auf Richtung Utopia! Einen Versuch ist es wert, oder nicht?

15:47 26.07.2016
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