Ein Leben ohne Toilettenpapier, für jeden

Grüner Wandel Warum die Mehrheit der Menschen nicht grün ist und wie sie es noch werden könnte.
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Foto: Colin Beavan lebte ein Jahr lang ohne Toilettenpapier. Unter anderem.

Unsere Welt braucht einen Wandel. Doch die Mehrheit der globalen Bevölkerung wartet auf seinen Aufstieg in die Mittelschicht nach westlichem Vorbild und die wohlhabenden Menschen im Westen sind nicht bereit auf Flugzeug, Auto und Fleisch zu verzichten.

Dass etwas geschehen muss, ist beinahe allen klar. Nur um unser Ökosystem nicht außer Kontrolle geraten zu lassen und das Klima einigermaßen stabil zu halten, müssen tatsächlich radikale Änderungen geschehen. Die Politik scheint zwischen Korruption und Machtlosigkeit gefangen. Technischer Fortschritt kann zwar sicherlich unterstützend wirken. Aber der Anstieg der Weltbevölkerung und die Nachfrage nach Flügen, Autos und Steaks nehmen in unglaublichen Maßen zu. Dabei ist es jetzt schon Zuviel.

Wie ein Raucher, der bereits an seiner genussvollen Gewohnheit erkrankt ist aber dennoch nicht aufhören will, schiebt die gesamte Menschheit ein gewaltiges Problem vor sich her. Während eine Minderheit bereits versucht ökologisch sensibel zu leben, spottet die Mehrheit in der Gesellschaft über Askese und versucht seine Bedürfnisse auf maximale Weise zu befriedigen.

Die meisten Menschen haben anerkannt, dass wir alle für das Artensterben und den Klimawandel verantwortlich sind. Aber statt den eigenen Wandel einzuleiten, stellt sich wohl Vielen zunächst die Angst vor dem Verlust der eigenen Freiheit in den Weg. Ein Leben, beispielsweise ohne Auto, heißt für viele Menschen nicht weniger als ein Stück Freiheit aufzugeben. Und diese Freiheit wird gefühlt als erkämpft, als verdient. Ein Problem im Zusammenhang mit der Umwelt müsste wohl absolut unmittelbar, ohne jeden Zweifel und direkt gefährlich sein, um eine solche Freiheit fallen lassen zu können.

You don’t win friends with salad

Eine andere Einstellung als die der Freiheits-Maximierung stellt sich für einen großen Teil der Gesellschaft auch als schwer vermittelbar im eigenen sozialen Umfeld dar. Das zweite Problem ist also mehr als nur die Angst um die eigene Freiheit. Es ist die Sorge um den eigenen sozialen Status. Das Auto verkörpert allgemein noch immer die persönliche Fassade im Straßenverkehr und ist Ausdrucksmittel der eigenen finanziellen Potenz. Genauso erscheint der Flug nach London als gesellschaftlich anerkannt. Wer einen Zug nimmt, wird erklären müssen, warum er freiwillig auf Komfort verzichte, deutlich länger braucht und dafür sogar noch mehr zahlt.

In der Comic-Serie Die Simpsons wandelt sich Lisa zur Vegetarierin kurz bevor Homer ein Barbecue veranstaltet. Sie ruft alle Gäste zum alternativen Verzehr von Gazpacho, einer kalten Tomatensuppe auf. Die Gäste lehnen laut-lachend ab. Später singen ihr Vater und ihr Bruder wiederholt und tanzend: You don’t win friends with salad. Selbst ihre Mutter schließt sich dem Gesang an, während Lisa auf sich gestellt ist.

Das ökonomische Prinzip, das der persönlichen Maximierung, ist angeblich im Menschen tief verankert. Zweifelsfrei hat es sich im gesellschaftlichen mainstream durchgesetzt.

Doch selbst wer sich über dieses Prinzip hinwegsetzt und sein soziales Leben erhalten kann, der steht noch immer vor einem weiteren, dritten Problem. Dem der Veränderung. Denn alte Gewohnheiten müssen durch neue ersetzt werden, die – so die Befürchtung – außerhalb der eigenen comfort zone liegen könnten.

Nie mehr Toilettenpapier?

In seinem Buch No Impact Man, (auf Deutsch erschienen als Barfuß in Manhattan) beschreibt der New Yorker Historik-Autor Colin Beavan sein Projekt, ein Jahr lang ohne Einfluss auf das Ökosystem, also ohne Müll, ohne Fleisch, ohne Strom und ohne Verbrennungsmotoren zu leben. Die BBC führt ein Interview mit ihm wobei er gefragt wird, wie es denn nun sei, ganz ohne Toilettenpapier zu leben. Frustriert über diese ständig an ihn gestellte Frage versucht er abzuwiegeln, die Welt habe doch größere Probleme als seine Gewohnheiten auf der Toilette. Doch der Reporter hakt nach:

Yes, but our listeners would like to know what you did instead of toilet paper.

Die Angst vor Veränderung ist eine ganz subjektive, eine durch die wir ganz allein gehen müssen. Nicht nur, dass wir derartige Umstellungen ohne finanziellen Zwang normalerweise nicht einmal in Betracht ziehen würden. Sie gehen auch einher mit einer tiefen Beschäftigung unserer Rolle als Lebewesen auf dieser Erde. Ein ziemlich ungutes Gefühl, sich selbst als Störfaktor, als Zerstörer des Planeten zu betrachten. Nicht nur, dass man hier Gefahr läuft, sich zu isolieren. Jetzt stellt man sich selbst in Frage.

Doch so weit darf es nicht kommen.

Es ist ganz natürlich, dass wir als Lebewesen auf diesem Planeten den tatsächlichen Fußabdruck hinterlassen. Doch wie tief darf dieser sein? Wie sieht unser Leben aus, wenn wir nicht mehr in den Urlaub fliegen können, zu unseren Eltern fahren und Freunde zum Grillen einladen dürfen? Und müssen wir wirklich auf Toilettenpapier verzichten?

Die Alternativen sind vielen schlicht nicht bewusst und rufen Angst hervor. Und niemand der seine hart erarbeiteten Freiheiten auslebt, will sich als Zerstörer des Planeten sehen. Wir hoffen auf einen sanften Wandel mit elektrischen Autos und sauberen Flugzeugen. Wir glauben an recyceltes Toilettenpapier und dass die Menschen in den Schwellenländern nicht bald auch so viel Fleisch konsumieren wollen wie wir.

Wenn jeder grün wäre

Wären wir uns alle einig über die unmittelbare Gefahr, die Skeptiker überzeugt und Politiker, flankiert von den Medien, würden uns sagen: Wir müssen uns alle ändern, jetzt! - vielleicht würde uns dann die Angst vor der sozialen Isolation genommen, Menschen würden nicht mehr mit dem Auto zur Arbeit fahren, in den Urlaub ginge es mit dem Zug und anstelle von Grillpartys würden sich alle zum Gazpacho-Essen treffen. Es gäbe keine Fragen mehr, denn genau wie sich jeder Sorge um seine Altersvorsorge macht, würde sich dann auch jeder Sorge um den Planeten machen. Die Vorsorge wäre common sense.

Doch warum ist das noch nicht passiert? Es ist nicht so, dass wir heute noch seriöse Wissenschaftler haben, die am Klimawandel oder an der Gefahr eines Zusammenbruchs unseres Ökosystems ernsthaft zweifeln. Wir haben auch bereits jetzt genug Naturkatastrophen und Extremwetter, die uns als Warnung dienen sollten.

Das soziale Geflecht verhindert den Durchbruch der freiwilligen Aufgabe unseres maximal-Lebensstils, der noch immer idealisiert wird. Zwar schafft die ökologische Minderheit hier und da Durchbrüche, etwa mit Bio-Lebensmitteln. Am besten zu funktionieren scheint dabei vor allem das Argument mit der unmittelbaren Gefahr für die eigene Gesundheit. Ein Argument, dass viele überzeugt, die sich nicht zur Öko-Bewegung zählen. Dass mit Bio-Lebensmitteln auch Böden, Grundwasser und die Tierwelt geschont werden, spielt bei diesen Konsumenten höchstens eine untergeordnete Rolle. Das Problem für unser Öko-System, also unser Problem, ist zu abstrakt, scheinbar nicht unmittelbar genug auf das Selbst bezogen.

Wie kann eine konservativ angebaute Karotte den Planeten zerstören? Wie kann ein weiterer Flug das Klima zum Kippen bringen? Und wie kann ich als Einzelner hier überhaupt etwas tun? Denn die Karotten isst jemand anders, die Flugzeuge fliegen auch ohne Dich, wird uns gesagt. Colin Beavan, der No Impact Man schreibt hierzu folgendes:

I’d hear criticisms like this constantly throughout the No Impact project. What difference can one person make? Well, absolutely none if that one person doesn’t try to make a difference. But who among us knows how much we will influence the people around us? Which one of us knows which of us, by applying their talents and efforts to what they believe in, may not become a Martin Luther King, Jr. or a Bobby Kennedy or a Betty Friedan or a Nelson Mandela?

Colin will damit sagen, dass jeder Teilnehmer an einem solchen Wandel, ganz auf seine Weise, derjenige sein könnte, der den Durchbruch bringt. Es geht nicht darum, der Größte zu sein.

The domino that begins the domino effect requires each of us to be in line for the chain reaction to take place.

Wir müssen uns über unsere eigene Verantwortung bewusst werden und dieser Taten folgen lassen. Wir müssen versuchen, die Dringlichkeit des Problems zu vermitteln ohne jemandem Schuld zuzuweisen. Wir müssen Menschen davon erzählen, was wir tun und warum. Denn wir dürfen eines nicht tun: uns von der Gesellschaft verabschieden. Ohne den sozialen Effekt ist ein individueller grüner Lebenswandel tatsächlich um einen großen Anteil seines Potentials beschnitten.

Und in welcher Gesellschaft wollen wir überhaupt leben? Es kann nicht darum gehen, eine grüne Elite-Schicht aufzubauen oder jeden zum Öko-Hippie zu machen. Es muss darum gehen, jeden mitzunehmen. Denn jeder ist mitverantwortlich für unseren Lebensraum und jeder wird weiterleben auf seine Weise, mit seinen Interessen und seinem sozialen Kreis. Niemand soll seine Freiheit und das Recht auf ein glückliches Leben aufgeben. Denn Freiheit muss nicht Konsumieren bedeuten, es muss nicht bedeuten der Schönste oder die Erfolgreichste zu sein. Glücklich ist die Mehrheit der Gesellschaft mit dieser Freiheit ohnehin nicht wirklich.

Freiheit neu definieren

Tom Hodgkinson, ein britischer Autor und Inhaber des Magazins The Idler beschreibt im Buch How to be free seine Interpretation von Freiheit:

The Western world has allowed freedom, merriment and responsibility to be taken from it, from ourselves, and substituted with greed, competition, lonely striving, greyness, debts, McDonald’s and GlaxoSmithKline. The consumer age offers many comforts but few freedoms.

Was wäre, wenn wir herausfinden würden, dass wir eigentlich gar nicht frei sind? Was wäre, wenn wir herausfinden, dass wir uns in Wirklichkeit einem demütigendem Check am Flughafen hingeben, bevor wir uns in ein enges Flugzeug quetschen und dort mit fürchterlichem Essen bedient werden nur um dann etwas eher am Ziel zu sein? Dass wir uns in kleinen rollenden Blechkisten aneinanderreihen und nicht einmal in Ruhe aus dem Fenster sehen können, wollen wir keinen tödlichen Unfall riskieren? Oder dass wir uns unter abartigen Bedingungen hergestelltes Fleisch grillen und wir nicht weiter darüber nachdenken wollen, sodass wir es überhaupt herunterkriegen können?

Was ist, wenn wir uns die wahre Freiheit noch erkämpfen müssen? Wenn die wahre Freiheit die ist, einfach zu tun was wir wirklich wollen? Uns nicht sagen zu lassen, wie viel wir zu kaufen haben, wie wir aussehen sollen und wie lange wir arbeiten?

Die Freiheit. Sie ist am Ende auch die Freiheit und das Recht zu leben in einer unbestimmten Zukunft, frei von gesundheitsschädlichen Nährstoffen, in einem stabilen Klima und auf einem wundervollen, lebendigen Planeten für uns alle.

Übrigens: Lisa Simpson fand sehr wohl noch Freunde! Keine Geringeren als Paul McCartney und seine damalige Ehefrau Linda überzeugten sie, sich in Toleranz gegenüber allen Lebensstilen zu üben, immerhin erwartet jeder diese ja auch für sich selbst.

00:40 10.07.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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