Mediale Einigkeit?

Gleichschaltung Die Vermutungen, dass in den Medien ein homogener Ton zu vernehmen ist und die, dass es sich dabei um eine Art Verschwörung handelt, gehören nicht zusammen.
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Rupert Murdoch 2012 in London vor den Büros der "SUN" (Bild: EPA)

Wie oft haben wir schon bemerkt, dass überall das Gleiche zu lesen ist? Ein wahlloser Blick auf die Online-Versionen der großen Deutschen Nachrichten-Portale verdeutlicht das Phänomen. ZEIT ONLINE: Wie Steinbrück die Finanzindustrie bändigen will, Spiegel ONLINE: Wie Steinbrück Banken bändigen will und Süddeutsche: Steinbrück legt Papier zur Bankenregulierung vor - Frontal gegen die Finanzbranche.

Woran das liegt? Zunächst ist es ganz leicht zu klären. Agenturen wie Reuters, DAPD oder APD beliefern die Online-Portale mit Nachrichten die aus Zeitdruck blitzschnell übernommen und kaum voneinander unterscheidbar veröffentlicht werden.

Aber was ist mit den Nachrichten im Fernsehen, in den Zeitungen und ja, sogar bei sogenannten Meinungsmagazinen wie dem Freitag? Hier vernehmen wir zunächst andere Meldungen und doch: die besonders aufregenden Themen schaffen es auch dorthin.

Wie kann das alles aber sein? Sitzen nicht in jeder Redaktion andere Menschen, die Themenschwerpunkte festlegen? Könnten die Chefredakteure und ihre Teams in sämtlichen Redaktionen Deutschlands großer Medienhäuser genau die gleichen Ansichten darüber haben, was wichtig ist und wie es zu bewerten ist?

Viele fangen hier an, auf eine Art Verschwörung zu wetten. Niemand glaubt das wirklich - aber in Kommentaren liest man immer wieder von „Gleichschaltung der Medien“ und den Klagen, warum dies und jenes nicht weiter hervorgehoben wird. Aktuelles Beispiel: die Berichterstattung über die muslimischen Aufstände und den Tod des US-Botschafters in Libyen.

In anderen Fällen werden Eigner der Medienhäuser verdächtigt, ihre Macht auszunutzen um eine bestimmte Agenda in ihren Medienprodukten zu vermitteln. Populärstes Beispiel dafür ist wohl Rupert Murdoch - u.a. Besitzer von FOX News und zahllosen weiteren Publikationen. Sicherlich handelt es sich dabei um einen mächtigen Mann, der Leute von Posten werfen kann und der keine kommunistischen Inhalte in seinen Blättern sehen will. Zweifelhaft ist jedoch, ob sich der Einfluss des Geschäftsmanns tatsächlich täglich auf die Arbeit in den Redaktionen bedeutsam auswirkt.

Eine Verschwörung gibt es wohl nicht

Natürlich geht alles mit mehr oder weniger rechten Dingen zu. Die Mehrheit der Menschen informiert sich heute über Onlinemedien, früher waren es die Tageszeitungen und knappe TV-Sendungen wie etwa im ARD oder ZDF. Alle diese Medien vereint letztlich aber doch die gleiche Arbeitsweise: das Übernehmen von hochaktuellen Meldungen und das Reiten auf den Wellen der Aufmerksamkeit.

Es sind manchmal Zufälle, die über den Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit entscheiden. Meistens ist es jedoch eine Mischung aus diesen und den aktuellen Umständen, also Verknüpfungen mit anderen aktuellen und wichtigen Themen sowie verschiedener Faktoren wie z.B. die geografische Nähe oder Dramatik.

Nachrichten müssen leicht vermittelbar sein. Ein Großteil der Menschen geht über das Lesen von Headlines nicht hinaus. Das bedeutet, die Headline muss knapp formuliert sein. Und: sie muss Interesse wecken. Was bei der Tageszeitung auf der Titelseite zum Verkauf einer Zeitung führen kann, führt bei Onlinemedien zu einem weiteren Klick und damit einer weiteren Page Impression.

Die Headlines sind also effizient und massentauglich formuliert und damit sie von einer möglichst großen Gruppe wohlwollend aufgenommen werden. Das heißt auch: eine Meldung über die Entscheidung über den ESM in Karlsruhe ist weniger attraktiv als etwa die über das neue iPhone 5.

Das gilt auch für politische Haltungen. Konsumkritik etwa ist generell unpopulär, wenn sie nicht etwa mit Glückssteigerungs-Potential im Zusammenhang steht. Genauso wie jegliche differenzierte Betrachtung ganz einfach schwerer zu vermitteln ist als eine klare Meinung, die der Leser sich entweder aneignen oder sie ablehnen kann.

Der Rest entscheidet sich dann nur noch über den Anspruch des jeweiligen Mediums. Während, BILD on- sowie offline über die größte Aufmerksamkeit und über die streitbar niedrigsten Ansprüche verfügt, müssen Spiegel und ZEIT selbst in ihrer Online-Ausgabe noch einen gewissen Mindestanspruch halten, damit sie ihre Leser nicht vergraulen. Doch auch hier gilt: iPhone und Brüste funktionieren am besten, der Rest sind Headlines.

Zu der ökonomischen Problematik gesellt sich aber noch die Persönliche. Journalisten müssen ihren Job schnell und effizient machen, bekannte Feuilletonisten wollen sich nicht blamieren und niemand will sich groß erklären müssen. Abwegige, riskante Meinungen sind im privaten Umfeld bereits schwierig zu vertreten. Sie werden deutlich schärfer hinterfragt als die Meinung, die bereits von der Masse gedeckt wird. Der Druck, eine abwegige Meinung in der Öffentlichkeit zu vertreten, ist dabei ungleich größer. Nicht zu vergessen der Druck in der eigenen Redaktion. Aber auch das weitere Netzwerk: Kein Journalist will riskieren, zu der nächsten Pressekonferenz von Herrn Steinbrück oder Frau Merkel nicht mehr eingeladen zu werden.

Eine potentielle Gefahr für die Demokratie

Auch wenn es sich bei diesen hier knapp dargestellten Mechanismen um keine Verschwörung handelt, sind sie durchaus potentiell eine Gefahr für unsere Demokratie. Sie verstärken die Vereinfachung und die Verallgemeinerung von Betrachtungsweisen. Ich argumentiere, dass die Online-Medien diese bereits existierende Tendenz in den letzten Jahren noch weiter verschärft haben. Der noch viel größere Zeitdruck und die Ökonomisierung, maximiert durch Auswertungen der Klickstatistiken und der gezielten Vermarktung, führen zu deutlich mehr Banalisierung, Oberflächlichkeit und Anpassung.

Die knappen Meinungsbilder werden durch den konstanten Stream gerade aus den verschiedenen Medien nur noch weiter verstärkt. Denn jede Meldung bei BILD und Spiegel sorgt dafür, dass auch kleinere Nachrichtenportale wie der Tagesspiegel sich genötigt sehen, diese zu übernehmen. Läuft alles gut, ist Steinbrück schon morgen das Thema der Republik. Das PR-Team dahinter würde sich freuen, aber dafür steckt wohl noch zu wenig Drama drin.

23:13 25.09.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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