Welchen Fortschritt brauchen wir?

Wachstum Sind Wachstum und Technologie die einzigen Antworten auf unsere persönlichen und gesellschaftlichen Krisen?
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Wenn wir von Entwicklungshilfe sprechen, denken wir in aller Regel an die Länder der sogenannten dritten Welt. Doch die Probleme von Klimawandel, des Arm-Reich-Gefälles, sozialer Isolation bis hin zu wachsendem Ressourcenmangel machen klar: die Industrienationen sind diejenigen, die Hilfe bei der Entwicklung brauchen. Der Verlass auf klassische Vorstellungen des Fortschritts bringt uns nicht weiter.

Fortschritt ist einseitig definiert

Uns wird gesagt, Fortschritt habe unser Leben stets verbessert. Mehr Konsum, mehr Wohlstand. Mehr elektrische Geräte, mehr Zeit. Alles schneller, alles bequemer und möglichst immer auf dem neuesten Stand. Unsere Probleme seien Teil der Lösung. Und die nächste Erfindung sei die Lösung für all unsere Probleme.

Die Technologie bestimmt die Richtung unseres Fortschritts. Zur Lösung von Energieproblemen arbeiten wir an elektrischen Autos. Um dem Klimawandel beizukommen, wollen wir CO2 unterirdisch einlagern. Burnout und Depression werden mit Medikamenten behandelt.

Die Wirtschaft muss wachsen, deswegen muss das Ich es ihr gleichtun. Es ist schwer für den Einzelnen, den technologischen Fortschritt abzulehnen. Denn umso schneller sich die technologischen Innovationszyklen drehen, desto schneller passt sich die Kultur an, die unser gesellschaftliches Leben bestimmt. Wer sich dem Smartphone ewig verwehrt, wird vielleicht eines Tages in einigen Geschäften nicht mehr zahlen können und Probleme bei der Kommunikation mit seinen Freunden haben. Es ist ein Prozess der Anpassung, der sich selbst ständig verstärkt.

Geprägt ist der Fortschrittsbegriff nicht nur von Werbung und Politik, sondern vor allem durch die Kultur der letzten Jahrzehnte, in denen gesellschaftlicher und technologischer Fortschritt scheinbar immer parallel zueinander verliefen und sich bedingten. Populär und verrufen sind Beispiele wie die Befreiung von Frauen durch Wasch- und Spülmaschine oder dem Auto und Flugzeug zur Freisetzung unendlicher Mobilität. Technologie sei der Motor von Freiheit geworden.

Der Abschied von den Ideologien nach dem Zusammenfall von DDR und Sowjetunion hat uns naiv und gemütlich werden lassen im Glauben, Fortschritt aus gesellschaftlicher Kraft heraus sei heute garnicht mehr notwendig oder gar gefährlich. Die Demokratie habe gesiegt. So haben wir in diesem Bereich angeblich keine großen Sprünge mehr vor uns und die Herausforderungen von Gegenwart und Zukunft werden gänzlich Ingenieuren, Programmierern und Unternehmern überlassen. Bürger trauen Politikern und Aktivisten dabei nur eine Nebenrolle zur Abfederung der ärgsten Bedenken bei der Einführung radikal umwälzender Technologien zu. Gesellschaftliche und politische Innovation dagegen sind etwas für Extremisten und Utopisten. Der status quo und die maximale Entfaltung von Kapital zur Belebung wirtschaftlichen und technologischen Wachstums sind mit den Worten Angela Merkels „alternativlos“.

Mehr Probleme geschaffen als gelöst?

Vergrößert der technologische Fortschritt nicht Ressourcenmangel und Umweltverschmutzung? Hat das Internet uns wirklich sozialer gemacht oder nicht eher zu Menschen, die ihre Umwelt kaum noch wahrnehmen, weil sie entweder zuhause auf den Bildschirm oder unterwegs auf ihr Smartphone starren? Konnten wir die Ungleichheit in unserer Gesellschaft verringern oder fordert unsere Konsumorientierung nicht den oft blutigen Zoll von Arbeitern in den Minen Afrikas, Textilarbeitern in Asien und Niedriglöhnern in den Versandlagern von Amazon?

Selbst wenn all diese Probleme nur Nebenwirkungen sein sollen, also das notwendige Übel für den Fortschritt, bleibt immernoch offen, warum wir ausgerechnet diese Art des Fortschritts wählen. Die Notwendigkeit von Fortschritt an sich steht mit Sicherheit außer Frage. Aber ob es wirtschaftliches Wachstum und technische Innovation sein müssen, wenn diese der Mehrheit aller Menschen und unseren Zukunftsaussichten mehr schadet als nützt?

Wir schimpfen oft auf Politik und Wirtschaft, dennoch spiegeln wir uns in deren Verhaltensmustern allzu oft selbst wieder. Denn statt aus verherrenden Kreisläufen auszubrechen, stehen dem modernen Menschen, der Wirtschaft und der Politik wahlweise Selbstausbeutung oder Auslagerung zur Verfügung, um Effizienz und Intensität zu erhöhen.

Werden wir immer mehr von uns selbst verlangen? Wieviel Selbstoptimierung, Individualimus und wieviele Gadgets können wir und die Gesellschaft noch zulegen, bevor wir gänzlich zerbrechen?

Können wir überhaupt stets über uns selbst hinauswachsen, wenn die Zeit endlich ist und wie soll es die Wirtschaft, wenn Ressourcen begrenzt sind? Es gibt kein natürliches Gesetz zum ewigen Wachsen. In der Natur folgt auf die Wachstumsphase der Zenit und dem folgt unweigerlich der Abbau.

Und wenn Krieg unsere bevorzugte Art und Weise ist, diesen Abbau zu betreiben, der den Fortschritt weiter möglich macht, wie es der Geschichtsprofessor Ian Morris in seinem Buch „Krieg: Wozu er gut ist.“ argumentiert - wäre es dann nicht an der Zeit, über einen anderen Fortschritt nachzudenken?

01:06 08.01.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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